Ein Multitalent mit grossem Potenzial

Steinpilze, Pfifferlinge, Hallimasche: Jetzt im Herbst brechen Pilzliebhaber Richtung Wald auf. Doch Pilze begeistern längst nicht nur auf dem Teller. Forschende auf der ganzen Welt tüfteln an neuen Anwendungsmöglichkeiten dieser faszinierenden Lebewesen.

Wie viele Pilze auf unserem Planeten spriessen, wissen wir nicht genau. Viele sind von blossem Auge nicht erkennbar, weil sie keine Fruchtkörper ausbilden, wie dies Steinpilze oder Champignons tun. Schätzungen zufolge existieren dreieinhalb bis sechs Millionen Fungi, wissenschaftlich beschrieben sind aktuell lediglich 150'000. Und auch das Potenzial dieser Lebewesen, die weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren gehören, ist noch nicht annähernd ausgeschöpft.

Längst versuchen Forschungsteams auf der ganzen Welt, dies zu ändern. Zum Beispiel das Zürcher Start-up Mycori, das ein Pilzleder entwickelt und damit eine Alternative zu klassischem Leder geschaffen hat: «Die Lederproduktion ist für Umwelt, Tiere und Menschen problematisch», gibt Geschäftsführer Ben Weinberg zu bedenken. Das Gerben mit hochgiftigen Chemikalien wie Chlor schade der Umwelt und verbrauche viele Ressourcen wie Agrarland, Wasser und Energie. Anders Pilzleder: «Unser Rohstoff besteht grösstenteils aus Nebenströmen der heimischen Pilzzucht», sagt Weinberg. Um das spezielle Leder herzustellen, werden aus den Pilzfruchtkörpern Fasern extrahiert. Das patentierte Verfahren kommt ohne die Zugabe von Plastik, ohne die Produktion von umweltschädlichen Stoffen und mit moderatem Wasser- und Energieverbrauch aus. «Das Pilzleder von Mycori besteht zu hundert Prozent aus natürlichen Bestandteilen und ist kompostierbar», so der Firmengründer.

Vielseitig verwendbar

Das robuste, wasserabweisende Material eignet sich für sämtliche Anwendungen, die bisher aus Tierleder fabriziert wurden: Kleidung, Accessoires, Schuhe, Möbel oder Uhrenbänder. Doch auch im medizinischen Bereich, wo das Material direkt auf der Haut eingesetzt wird, sieht Ben Weinberg Einsatzmöglichkeiten: «Pilzleder sorgt für ein angenehmes Hautklima, weil es den Schweiss absorbiert und atmungsaktiv ist.» Auch von Herstellern von Luftfiltern ist Mycori bereits kontaktiert worden, weil sie sich für die antimikrobiellen Eigenschaften des porösen Materials interessieren. Die Nachfrage nach diesem nachhaltigen Rohstoff ist seit Jahren steigend: «Wir erhalten laufend Anfragen von Firmen und Privaten», hält Weinberg fest.

Verdrängt Pilzleder schon bald das klassische Leder? Noch steht die Antwort aus. Derzeit ist Mycori darum bemüht, die Eigenschaften des Werkstoffs weiter zu optimieren, insbesondere was die Reiss- und Abriebfestigkeit anbelangt. Eine weitere Herausforderung: Um sich auf dem Markt zu etablieren, muss die Qualität immer gleich sein. Bei einem natürlichen Material ist das laut dem Geschäftsführer nur mit einem standardisierten Verfahren möglich. Doch auch der Preis wird letzten Endes darüber entscheiden, wo und wie oft wir im Alltag auf Pilzleder stossen.

Lebendiges Kleid

Pilzfasern lassen sich auch zu Stofffasern weiterverarbeiten, ähnlich wie Baumwolle. Ein Forschungsteam aus China hat unlängst ein lebendiges Kleid kreiert, wie aus einem im Fachmagazin «Science Advances» publizierten Beitrag hervorgeht. Entstanden ist es nicht etwa nach klassischer Manier mit Schere, Nadel und Faden. Die Forschenden liessen den Pilz vielmehr in eine Form hineinwachsen. Das chinesische Team setzte dabei auf lebendiges Myzel. Dieses hat einen entscheidenden Vorteil: Das Textilstück kann sich nicht nur selbst reinigen, sondern auch regenerieren. Ein Loch im Kleid lässt sich stopfen, indem der Stoff «gefüttert» wird, womit sich subito neue Pilzfäden bilden. Indem die Forschenden Hefen in die Struktur integrierten, konnten sie überdies farbige Muster im Gewebe erzeugen. Die Zugabe einer zweiten Pilzart, die von Natur aus Melanin bildet, verlieh diesem aussergewöhnlichen Textil sogar noch einen UV-Schutz. Doch das Eigenleben des Textils dürfte nicht jedermanns Geschmack sein: Bei hoher Luftfeuchtigkeit und ausreichender Nährstoffversorgung baut sich der Stoff biologisch von selbst ab. Reservekleider in der Tasche könnten besonders bei Regen sinnvoll sein. 

Auch in der Schweiz arbeiten mehrere Forschungsteams daran, Pilzmyzel als lebendigen Werkstoff zu nutzen. Ein vielversprechendes Projekt kommt von der Empa in Dübendorf (ZH): Im Labor «Cellulose and Wood Materials» entwickelten Forschende zusammen mit der ETH Zürich sogenannte Living Fiber Dispersions aus dem Gemeinen Spaltblättling. So entstehen Folien, die sich selbst verstärken und Materialien, die am Lebensende andere Stoffe abbauen. Einen etwas anderen Ansatz verfolgt die Complex-Materials-Gruppe der ETH Zürich: Sie drucken Myzel-Hydrogele mit dem Glänzenden Lackporling zu lebendigen Strukturen, die sich selbst reparieren.

Klimaresiliente Ackerböden

Mykorrhizapilze rücken in der Schweiz auch zunehmend ins Zentrum der Klimaforschung. Diese unterirdischen Lebensgemeinschaften aus Pilzgeflecht und Pflanzenwurzeln helfen Bäumen und Kulturpflanzen, Wasser und Nährstoffe zu erschliessen. Ein Freilandversuch des Forschungsinstituts für biologischen Landbau zeigte: Mykorrhizapilze halten Trockenperioden erstaunlich gut stand. Zu einem ähnlichen Befund gelangte die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL bei Untersuchungen im Pfynwald im Wallis: Ektomykorrhizapilze, die mit den Baumwurzeln in Symbiose leben, können die Wasser- und Nährstoffaufnahme der Bäume steigern und so deren Widerstandskraft stärken.

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