Bodensee: Velo, Vogel, Vollbremsung

Ein See, eine Umrundung: Der 260 Kilometer lange Veloweg rund um den Bodensee traversiert drei Länder, lebendige Hafenstädte und spektakuläre Naturschutzgebiete. Nicht minder angenehm: Die Strecke ist flach wie eine Flunder.

Ob gemietet oder gekauft, ob mit Rennrad, Mountain- oder E-Bike: Für die Umrundung des Bodensees sind pralle Reifen, wasserfeste Velotaschen, ein weicher Sattel und für Vogelliebhaber ein Feldstecher ebenso essenziell wie das Wasser für die Fische im drittgrössten See Mitteleuropas. Über 30 Arten sind es angeblich: Bodenseefelchen, Eglis, aber auch grosse Welse gleiten durch den weitläufigen See. Im vergangenen Februar hat ein Berufsfischer im Rheindelta einen 2,6 Meter langen, 109 Kilogramm schweren Wels aus dem Wasser gezogen.

Doch die über 200'000 Personen, die von April bis Oktober jährlich um den See radeln, kommen in der Regel nicht der Fische wegen hierher, sondern des Veloweges. Er quert gleich drei Länder; der mit 170 Kilometer grösste Teil führt durch Deutschland, rund ein Viertel durch die Schweiz und zirka zehn Prozent durch Österreich. Spätestens bei den Veloschildern fällt auf, dass man soeben die Grenze passiert hat. Rot leuchten sie in der Schweiz auf der nationalen Route 96, weiss oder gelb in Deutschland, und in Österreich ist Grün für den richtungsweisenden Pfeil Standard. Doch nicht nur die Signalisation ändert sich auf dieser abwechslungsreichen Route, auch auf dem Teller, beim Dialekt und in der Architektur schimmern die landesspezifischen Eigenheiten durch.

Naturjuwelen hüben und drüben

Wie lange die Umrundung des Sees mit dem Velo dauert, hängt vom Tempo, Equipment und Fitnesslevel ab: Drei bis vier Tage reichen für sportlich Ambitionierte oder Motorisierte. Wer die vielen Attraktionen entlang des Weges genauer ansehen oder hin und wieder die müden Beine im Wasser baumeln lassen will, plant fünf bis acht Tage ein. Praktisch auch: Zieht ein Gewitter auf oder lassen die Kräfte nach, lässt sich das Velo kurzum in den Zug oder auf die Fähre verladen. Wer sich von Wetterkapriolen und Kilometern nicht abschrecken lässt, wird jedoch reich belohnt – der Uferweg hält viele Überraschungen bereit. Auch die Inseln Mainau und Reichenau oder die Pfahlbauten in Unteruhldingen sind einen Umweg wert.

Die Seeumrundung eignet sich bestens für Familien, ist der Weg doch meist eben und verkehrsarm. Einzig im Schweizer Teil oder am Untersee erfordern einige Hügel etwas mehr Muskelarbeit. Für Naturliebhaber empfiehlt sich zur Fortbewegung ein langsamer Modus, zwitschert, pfeift und trompetet es doch allenthalben. Die gut ausgeschilderte Route führt grösstenteils direkt am Ufer entlang und durch mehrere namhafte Naturschutzgebiete. Spätestens im Wollmatinger oder Eriskircher Ried am nördlichen Ufer und im Rheindelta im Vorarlberg ist es Zeit, den Feldstecher zur Hand zu nehmen. Allein auf diesem Delta leben über 300 Vogelarten. Seeschwalben segeln elegant übers Wasser, Schwarzkopfmöwen brüten mit ihrem markanten schwarzen Kopf und weissen Flügeln in kleinen Gruppen an den Lagunen, der schillernde Eisvogel schiesst wie ein Pfeil über ruhigere Gewässerabschnitte. Im Herbst lassen sich hier reisende Watvögel wie der Alpenstrandläufer und Grünschenkel beobachten, die im Schlick am Ufer nach Nahrung suchen. Auch Pfeif- und Bergenten rasten auf den Wiesen oder im Flachwasser.

Liebe ist…

Häufiger und am ganzen See zu sehen sind Kolben-, Reiherenten und Haubentaucher. Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort bremst, wird Zeuge ihres spektakulären Balztanzes, bei dem sich die beiden Vögel abwechselnd verbeugen und der Zwischenraum der Hälse die Form eines Herzens annimmt. Die schwankenden Wasserstände des Sees begünstigen auch eine einzigartige Flora. In den Auenwäldern, auf den Streuwiesen und Riedflächen rund um den See sorgt die Sibirische Schwertlilie im Frühsommer für ein blaues Blütenmeer. Wer Glück hat, bekommt das Bodensee-Vergissmeinnicht zu Gesicht – eine winzige, vom Aussterben bedrohte Art mit himmelblauen Blüten, die auf kiesigen Strandrasen wächst und weltweit fast nur noch am Bodensee vorkommt. Auch Biber sind in den naturbelassenen Uferbereichen und Flussmündungen heimisch, wovon ihre untrüglichen Spuren zeugen.
Wem der Bauch bei all dem Pedalen und Beobachten irgendwann knurrt, bleibt nicht auf der Strecke: Frische Früchte aus den weitläufigen Obstwiesen, die entlang des Velowegs angeboten werden, versüssen das Abenteuer auf dem Sattel auch in kulinarischer Hinsicht.
Routenvorschläge: bodensee-radweg.com

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