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«Für den Wolf gibt es noch Hoffnung»: Filmemacher Mario Theus über die Jagd und die Welt

Mario Theus ist Jäger und Filmemacher. Er hat mit seinem Kinofilm «Wild – Jäger und Sammler» eine Doku gedreht, welche die Jagd aus einer anderen Perspektive zeigt und die Gesellschaft kritisch hinterfragt. Im Interview erzählt er, was ihn an unserer Gesellschaft stört, warum er jagt und was er über den Wolf denkt.

Herr Theus, Sie sind sehr gesellschaftskritisch in Ihren Filmen. Sie zeigen mit dem Finger auf Littering und unseren Fleischkonsum: Was stört Sie am meisten an unserer Gesellschaft?

Mario Theus: Die Ignoranz.

Inwiefern?

Ich sage das nicht als Schimpfwort, sondern meine es als Unwissenheit. Ich finde es schade, dass die grosse Mehrheit der Menschen sich nie im Leben bewusst wird, dass sie ignorant ist. Ich bin auch ignorant, aber ich weiss, dass ich nicht alles weiss. Heute haben alle eine Meinung und der Wolf ist ein gutes Beispiel dafür. Ich wünschte mir, dass jeder seine Unwissenheit erkennt und sich darum bemüht, mehr zu erfahren und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Das ist der zweite Punkt. Wir wollen als Gesellschaft immer mehr Verantwortung abgeben. Dabei ist das Einzige, was man ändern kann, sich selbst. Hier faszinieren mich Wildtiere besonders. Sie trotzen allen Herausforderungen des Lebens und können niemandem dafür die Schuld geben.

Sie sind mitten in der Natur aufgewachsen und nach einiger Zeit in der Stadt hat es Sie wieder dorthin zurückgezogen. Was hat Sie dazu getrieben?

Ich bin mit einem Wald hinter dem Haus aufgewachsen und habe als Kind viel Zeit darin verbracht. Zudem erzählte mein Vater immer wieder Geschichten von der Jagd, und als Kind baut man sich damit eine fantastische Welt. Ein Stadtkind hat nicht dieselben Möglichkeiten und wenn man als Kind nie die Ruhe im Wald erlebt, wird das vielleicht auch nie fehlen. Das ist der Grund, warum ich mich nie lange in einer Stadt wohlfühle. Im Wald aber fühle ich mich als Mensch – als Säugetier, das dahin gehört – und finde Zufriedenheit.

Welche Rolle spielt die Jagd dabei für Sie? Man kann die Natur ja auch geniessen, ohne Tiere zu töten.

99 Prozent der Zeit, während der man auf der Jagd ist, macht man genau das, was andere unter «nicht jagen» verstehen. Ich bin dann im Wald und beobachte, suche, warte, überlege und erkunde alles um mich herum – all das, was auch jemand ohne Beuteabsichten machen würde. Und nur in einem Prozent dieser Zeit mache ich das, was die meisten unter Jagen verstehen.

Wie meinen Sie das genau?

Diese 99 Prozent gehören genauso zur Jagd wie das letzte eine Prozent, in dem ich das Tier erlege. Bei der Jagd geht es nicht nur darum, das Tier zu töten. Aber dieses Ziel hat einen grossen Einfluss darauf, wie man die restliche Zeit im Wald verbringt. Als Jäger ist man wie ein Raubtier in seinem Revier unterwegs, will alles darin kennen, jeden Weg, jeden Bach, jede Höhle, jedes Tier, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Um das zu erreichen, braucht es Jahrzehnte, und die Motivation dazu liefert die Jagd. Beim Wandern aber habe ich diese Motivation nicht und man verpasst 95 Prozent von dem, was der Jäger wahrnimmt. Die wahren Naturerlebnisse sind für mich nicht auf den Wanderwegen zu finden.

Wer ist Mario Theus?

Mario Theus ist Jäger, Filmemacher und Forstingenieur. Dank seiner umfangreichen Wildkenntnisse war er auch schon als Bärenexperte beim Bundesamt für Umwelt tätig, bevor er als Redaktor und Tierfilmer für die Sendung «Netz Natur» beim SRF arbeitete. Vor einigen Jahren jedoch entschied sich der heute 44-jährige Rätoromane, das Leben und die Arbeit in der Stadt zu verlassen, und zog sich ins abgelegene Calancatal zurück, wo er als selbstständiger Filmemacher aktiv ist. 2021 veröffentlichte er seinen ersten Kinofilm «Wild – Jäger und Sammler». Aktuell arbeitet er zusammen mit dem jungen Tierfotografen Levi Fitze an einem Dokumentarfilm über Raufusshühner.

«Für den Wolf gibt es noch Hoffnung»: Filmemacher Mario Theus über die Jagd und die Welt
Im Film «Wild – Jäger und Sammler» ist Mario Theus unterwegs mit einem Jäger auf der Alp Dossen in Nidwalden.

Als Filmemacher jagen Sie auch Momente mit der Kamera. Wie ist es, wenn Sie mit der Kamera statt mit der Flinte unterwegs sind?

Die Kamera kann die Jagd imitieren, aber nicht zu 100 Prozent. Vor zehn Jahren habe ich versucht, ein Jahr lang auf das Jagen zu verzichten und nur mit der Kamera rauszugehen. Dann ist mein Geist komplett beim Filmhandwerk, und das braucht viel Konzentration, was zum Nachteil werden kann. Wenn beispielsweise eine Rehgeiss mit ihrem Kitz 20 Meter von mir entfernt stehenbleibt, bin ich damit beschäftigt, das bildlich festzuhalten, und verpasse den magischen Moment. Das habe ich mit dem Gewehr nicht. Bei der Jagd schaue ich nur zu und sauge jedes Detail auf.

Man könnte behaupten, dass die Jagd nur der persönlichen Bereicherung dient – das spielt den Kritikern in die Hände. Was gibt Ihrer Meinung nach heute noch der Jagd als Hobby eine Berechtigung?

Ganz grundsätzlich gibt es in der Schweiz das demokratische Recht auf die Jagd. Das kann man aber ändern, wenn man ein Problem damit hat. Wenn man aber nach der moralischen Berechtigung sucht, wie sich ein Mensch anmassen kann, ein Lebewesen zu töten, ist es schwierig, das als Nichtjäger zu verstehen. Es braucht den Willen, in diese Welt einzutauchen und das Reich der Wildtiere kennenzulernen. Dann wird man es vielleicht irgendwann nachvollziehen können. Andererseits hat diese Frage auch wieder mit der eigenen Ignoranz zu tun. Bevor man sie jemand anderem stellt, muss man sie sich selbst stellen: Wie kann ich ein Leben führen, das vom Leben und Sterben andererLebewesen abhängig ist?

Sie meinen, wenn ich Fleisch aus dem Supermarkt kaufe, lasse ich einfach andere Menschen für mich töten – meine Hände und mein Gewissen bleiben rein.

Genau. Kein Lebewesen hat in einer Massenhaltung ein schönes Leben. Die Würde und Wertschätzung fehlen komplett. Das ist bei einem anständigen Jäger nicht der Fall: Er bewundert den Hirsch, solange er lebt, und ehrt ihn, nachdem er ihn geschossen hat, indem er ihn als Ganzes verwertet – und nicht nur das beste Stück.

Mit Ihrem Film «Wild – Jäger und Sammler» haben Sie versucht, den Zuschauerinnen und Zuschauern die Welt der Jagd näherzubringen.

Der Film war ein Versuch, das Erlebnis der Jagd zu imitieren. Das Kino hat die Kraft, den Zuschauer für zwei Stunden in eine andere Welt zu entführen und dasGefühl eines einzigartigen Erlebnisses zu generieren. Man kann so viel nachempfinden wie nirgends sonst.

Und wie kam das bei den Leuten an?

Es hat den Nichtjägern fast besser gefallen als den Jägern.

Wissen Sie warum?

Ich glaube, dass der Film für Nichtjäger ein neues Erlebnis war. Sie liessen ihn auf sich wirken und tauchten als Gast in eine neue Welt ein. Die Jäger, die Mühe damit hatten, schauten den Film oft mit der Erwartungshaltung: «Dieser Film zeigt jetzt endlich, dass wir die Guten sind». Das macht er aber nicht. Er will zeigen, wie es ist, ohne zu werten.

Und warum könnte man als Jäger ein Problem damit haben?

Früher mussten Familienväter noch jagen gehen, damit überhaupt etwas Fleisch auf den Teller kommt. Aber dieses Bild zeichnet der Film nicht – heute müssen wir nicht mehr jagen, um zu überleben. Es ist folglich aus demselben Grund, weshalb die meisten Menschen Mühe damit haben, zu zeigen, wie etwas wirklich ist. Die Dinge, die wir beschönigen möchten, um unser Bild nach aussen zu verbessern, kommen ans Licht. Unsere inneren Konflikte und die Widersprüche, die wir leben, werden sichtbar.

Dann sind wir wieder beim Thema Ignoranz und Selbstwahrnehmung. Wenn es um Raubtiere geht, haben ja auch immer alle eine Meinung, besonders zu den aktuellen Wolfsabschüssen. Wie stehen Sie als Bündner und Jäger zur Regulierung von Raubtieren?

Ich bin meistens weder dafür noch dagegen, denn weder das eine noch das andere Extrem wird die richtige Lösung sein. Grundsätzlich aber habe ich kein Problem damit, wenn ein Wolf oder ein Rudel abgeschossen wird, wenn die Tiere Probleme machen – das ist natürlich immer auch eine Frage der Perspektive. Was aber jetzt passiert, ist schildbürgerisch und ignorant, weil man sich so verhält wie vor 200 Jahren. Nur das Märchen, das man erzählt, ist ein anderes.

Was meinen Sie damit?

Schon damals hat sich der Mensch seine eigene Welt geschaffen, Lebensräume verdrängt, fast alle Schalenwildarten ausgerottet und die Alpentäler mit Schafen bestockt. Das Märchen damals war: «Der Wolf bedroht unsere Existenz und ist böse.» Obwohl das einzige Problem der Mensch und seine Gier waren. Heute passiert dasselbe, nur ist das Märchen ein anderes: «Unsere Alpwirtschaften und der Tourismus sind wegen des Wolfs bedroht.» Aus meiner Sicht aber schieben wir die Verantwortung für alles, was wir selbst angestellt haben, einfach auf den Wolf, erklären ihn zum Problem und seinen Tod zur Lösung. Ich nenne das Selbstignoranz. Vielleicht sind wir das Problem und der Konflikt mit dem Wolf ist das Symptom. Was wir tun, ist folglich Symptombehandlung.

Und inwiefern sind die aktuellen Abschüsse schildbürgerisch?

Die Art und Weise, wie im aktuellen Fall entschieden wurde und wie es der Bevölkerung verkauft wird, ist unglaubwürdig. Es spricht gegen jegliche Erkenntnisse, die besagen, dass der gewählte Ansatz nicht zur Lösung führen wird. Wenn man nämlich in ein Rudel hineinschiesst und nicht alle Wölfe erwischt, werden die überlebenden zu Wanderwölfen. Die sind dann auf Gelegenheitsbeuten aus und reissen eher einmal ein Schaf, weil das die einfachste Möglichkeit ist. Das machen Wölfe im Rudel mit einem festen Revier seltener. So kann ein Wolf allein mehr Schaden anrichten als ein ganzes Rudel. Ausserdem jagt der Wolf beispielsweise qualitativ besser als ein Jäger, erbeutet meist das schwächste Tier und hält das Wild gesund, im Schach und verteilt es besser im Lebensraum. Erst wenn man beginnt, diese Abhängigkeiten zwischen den Ökosystemen zu verstehen, weiss man, dass es mit dem Wolf funktionieren könnte. Aber den Mut und die Geduld, dies herauszufinden, haben die Bevölkerung und die Politik nicht.

Ist für Sie also alle Hoffnung schon verloren?

Im Hinblick auf die Menschen, ja (er lacht). Aber für den Wolf gibt es noch Hoffnung. Irgendwann in naher Zukunft vielleicht wird man die abgelegenen Alpentäler aus wirtschaftlichen Gründen verlassen müssen – der Prozess ist schon im Gang. Die Täler werden wieder der Natur überlassen. Und vielleicht wird man irgendwann realisieren, dass der Mensch auch in einer wilden, ungenutzten Landschaft, Erholung findet, und kann diese Täler anders nutzen. Sanfter Tourismus und Wildtiere können dann parallel existieren. Das istmeine Hoffnung.

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