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«Im Klimabereich gibt es keine Musterschüler»

Felix Wertli legt Wert darauf, privat der Umwelt wenig zu schaden. Noch wichtiger scheint ihm, nach globalen Lösungen zu suchen. Als Schweizer Umweltbotschafter agiert er auf internationalem Parkett. Warum der globale Austausch wichtig ist, erklärt er im Interview.

Herr Wertli, was sind die Aufgaben eines nationalen Umweltbotschafters?

Ich leite die Abteilung Internationales im Bundesamt für Umwelt. Dadurch vertrete ich die internationale Umweltpolitik der Schweiz gegen aussen und leite die Schweizer Delegationen in internationalen Umweltverhandlungen. Gemeinsam mit meinem ganzen Team koordiniere, erarbeite und vertrete ich die Schweizer Position auf dem internationalen Parket. Das Verhandlungsmandat erhalte ich vom Bundesrat. Probleme, wie die Umweltverschmutzung oder der Klimawandel, machen nicht an einer Landesgrenze halt, deshalb ist es wichtig, dass wir global im Austausch sind und nach gemeinschaftlichen Lösungen suchen.

Sie sind nun ein halbes Jahr im Amt. Welches waren für Sie die wichtigsten Ereignisse neben der Klimakonferenz in Dubai?

Die Klimakonferenz der Vereinten Nationen ist wegen ihrer Grösse und wegen des Themas ein bedeutendes Ereignis. Sehr wichtig ist auch die internationale Plastikkonvention, welche die Staaten momentan erarbeiten. Darin wird festgehalten, wie mit der Plastikverschmutzung umgegangen werden soll. Diese ist weltweit ein enormes Problem und es ist absehbar, dass die Produktion und der Konsum von Plastik um ein Vielfaches zunehmen werden, wenn wir nicht dagegen vorgehen. Plastikmüll wandert im Wasser, Partikel davon werden über die Luft transportiert. Mit der Konvention wollen wir erreichen, dass weniger Plastik produziert wird, dass er noch besser recycelt wird und Alternativen dazu hergestellt werden. Es ist zehn Jahre her, dass die letzte internationale Konvention aufgegleist wurde, deshalb finde ich es spannend, hier mitwirken zu können.

«Im Klimabereich gibt es keine Musterschüler»
Der Umgang mit Plastikabfall gehört zu den drängendsten Umweltproblemen.

Der Klimaerwärmung und der Plastikverschmutzung Einhalt zu gebieten, ist eine zentrale Zielsetzung. Welche anderen globalen Umweltanliegen priorisieren Sie sonst hoch?

Neben dem Klimawandel und der Umweltverschmutzung, auch durch Chemikalien oder Abfall, ist natürlich die Biodiversität ein wichtiges internationales Verhandlungsthema. Bei allen diesen Themen geht es darum, dank wissenschaftlichen Erkenntnissen Lösungen aufzuzeigen und bei der Produktion und dem Konsum anzusetzen, um diese Probleme in den Griff zu bekommen.

Dazu setzen Sie auf diplomatisches Vermitteln. Was halten Sie von offensiveren Methoden?

Alarmismus allein bringt keine Lösung. Natürlich muss auf Umweltprobleme aufmerksam gemacht werden, dazu sollen aber auch Lösungsoptionen aufgezeigt werden. Nur dieses Vorgehen ist hilfreich und bringt Handlungsspielraum. Sie müssen sich vorstellen, an einer internationalen Konferenz arbeiten wir mit bis zu 200 Ländern zusammen. Zwischen all diesen Parteien einen Konsens zu finden, ist nicht einfach. Dazu braucht es viel Geduld und manchmal auch Kompromisse.

Ihr Vorgänger Franz Perez galt als hartnäckiger und zuweilen unorthodoxer Verhandlungspartner. Wie gehen Sie Diskussionen an?

Bei den Verhandlungen sind strategisches Geschick und kreative Lösungsansätze gefragt. Mut zur Hartnäckigkeit und eine gewisse Widerborstigkeit sind sicher notwendig. Nur beliebt sein zu wollen, bringt nichts. Das sehe ich auch so. Es ist auch wichtig, auf Gesprächspartner einzugehen und ihnen in entscheidenden Momenten entgegenzukommen. Dabei möchte ich meinem Gegenüber nicht nur zuhören, sondern sein Anliegen auch verstehen. Mein Ziel besteht darin, eine Brücke zwischen den verschiedenen Parteien zu schlagen. Diese kann helfen, die Verhandlungspartner auf unsere Seite zu bringen. Manchmal trifft man sich trotzdem in der Mitte und ab und an ist es auch notwendig, dass ich über die Brücke schreite. Damit können wir unter Umständen der Schweizer Verhandlungsposition dienen, wenn wir im Gegenzug Zugeständnisse erhalten.

Setzt sich die Schweiz denn auf internationaler Ebene überhaupt genügend stark für den Umweltschutz ein?

Die Schweiz als kleines Land hat ein Interesse an gut funktionierenden internationalen Umweltregeln. Deswegen setzen wir uns für deren Stärkung ein. Beispielsweise haben wir den Entscheid zur Schaffung einer Plastikkonvention aktiv vorangetrieben. Die Schweiz ist ein verlässlicher und sehr engagierter Verhandlungspartner. Wir halten unsere Versprechen und leisten einen fairen Beitrag. Im Klimabereich gibt es keine Musterschüler, alle Nationen müssen noch einen Prozess durchlaufen.

Ihr Vorgesetzter, Bundesrat Albert Rösti, ist dafür bekannt, Umweltfragen nicht sehr hoch zu priorisieren, gibt es manchmal Differenzen?

Die Positionen der Schweiz für die internationalen Umweltverhandlungen werden vom Gesamtbundesrat festgelegt. In der Vorbereitung dieser Mandate arbeiten wir gut mit Bundesrat Rösti zusammen.

«Im Klimabereich gibt es keine Musterschüler»
Die momentanen globalen Spannungen erleichtern die Umwelt-Verhandlungen nicht.

Auf anderer, internationaler Ebene ist momentan allerdings durchaus Konfliktpotenzial vorhanden. Laufen, salopp gesagt, die Konflikte in der Ukraine und in Nahost den Klimaproblemen den Rang ab?

Natürlich bemerken wir die geopolitische Realität. Diese Spannungen erleichtern die Verhandlungen nicht. Global gesehen haben aber alle Staaten den Klimaschutz hoch priorisiert und so schaffen wir es dennoch gut, gemeinsam an Lösungen weiterzuarbeiten.

Vom Globalen nun noch einen Abstecher ins Persönliche. Sie sind als Botschafter sehr viel unterwegs. Wie tragen Sie zum Umweltschutz bei?

Meine Delegation und ich reisen, wenn immer möglich, im Zug. Falls die Reise über zwölf Stunden dauert, fliegen wir, jedoch mit einer möglichst kleinen Delegation. Der Flug wird dann mit dem Klimapaket des Bundes kompensiert. Natürlich setzen wir auch auf virtuelle Plattformen. Eine internationale Klimakonferenz beispielsweise kann aber nicht online abgehalten werden. Privat nutze ich ebenfalls sehr rege die öffentlichen Verkehrsmittel, denn ich besitze kein Auto. Der persönliche Beitrag, den jeder und jede von uns leistet, ist natürlich wichtig. Im Grossen gesehen sind jedoch globale Regelungen, bei denen die grossen Player mitziehen, ausschlaggebend.

Zur Person

Nach dem Abschluss eines Geografiestudiums und einem Nachdiplomstudium in Entwicklungszusammenarbeit begann Felix Wertli als Programmverantwortlicher für die NGO Fastenaktion zu arbeiten. Ab 2012 war er Botschaftsrat an der Mission der Schweiz bei der WTO und der EFTA in Genf, wo er das Thema Handel und Entwicklung betreute. 2016 wechselte er ins Bafu, wo er die Leitung der Sektion Globales der Abteilung Internationales übernahm. Seit Juli 2023 hat er die Leitung der Abteilung Internationales im Bafu inne.

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