Ein Freibad am Bodensee. Es ist Sommer, die Sonne scheint, die Liegefläche ist dicht belegt mit bunten Badetüchern. Plötzlich erklingt ein greller Schrei aus dem Wasser: Ein Mädchen zuckt zusammen und zieht die Füsse hoch. Sie wollte sich auf einen grösseren Stein im Wasser stellen und hat sich dabei verletzt. Ein sauberer, dünner Schnitt am grossen Zeh, zugefügt von einer Wandermuschel.
Wer heutzutage im Bodensee schwimmen geht, muss mit kleinen Verletzungen an den Füssen rechnen. Das Binnengewässer an der Landesgrenze ist nämlich voll von Muscheln. Die Quaggamuschel (Dreissena rostriformis bugensis) hat sich an fast jedem Stein, an fast jeder Mauer und in fast jeder Ritze festgesetzt. Am unteren, flachen Teil ihrer dreieckigen Form saugen sich die Weichtiere an den Oberflächen fest, der Rest ihrer Schale steht ab. Wer darauf tritt, bekommt unweigerlich ihre scharfen Kanten zu spüren. Ein wahres Ärgernis für Badegäste, und doch bergen die Muscheln ein noch weitaus grösseres Risiko für den See.
Ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum stammend, hat sich die Art heute in grossen Teilen Europas und Nordamerikas ausgebreitet. Anfänglich konkurrierte sie dabei mit einer anderen invasiven Art, der Zebramuschel (Dreissena polymorpha), die den Bodensee in den 1960er-Jahren erreichte. Innerhalb eines Jahrzehnts breitete sich die gestreifte Muschel im ganzen Uferbereich aus. Die Quaggamuschel hingegen fand man erstmals 2016 bei einem Tauchgang im See. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Muschel dort schon mehrere Jahre lebte und sich schon flächendeckend ausgebreitet hatte. Inzwischen hat die Quagga- die Zebramuschel nicht nur im Bodensee, sondern auch in vielen anderen Gewässern komplett verdrängt.
«Sind die Muscheln erst einmal in einem See angekommen, wird man sie nicht mehr wieder los», betont Dr. Piet Spaak. DerPrivatdozent für Aquatische Ökologie ist Mitarbeiter der Eawag, eines Wasserforschungsinstituts des ETH-Bereichs, und Leiter des Projekts SeeWandel. Letzteres beschäftigt sich mit den vielen verschiedenen Veränderungen im Bodensee, hervorgerufen durch den Klimawandel, den Nährstoffrückgang, die Interaktion von Fauna und Flora – und eben auch die invasiven Muscheln. Eines von 13 Teilprojekten beschäftigte sich mit der Quaggamuschel, deren Verbreitung und Lebensweise. «Die Quaggamuschel hat mittlerweile den ganzen Bodensee für sich erobert», weiss Spaak, «man findet die Muscheln sowohl im Uferbereich als auch an den tiefsten Stellen.»
Hartnäckig und schnell verbreitend
Quaggamuscheln sind Überlebenskünstler. Sie kommen sowohl mit hartem als auch weichem Wasser klar und benötigen weder eine spezifische Temperatur noch einen bestimmten Untergrund. Egal, ob warmes Wasser an Betonwänden oder eiskalte Steine in bis zu hundert Metern Tiefe: Die Muscheln finden einen Ort, um sich mit ihren sogenannten Byssusfäden festzuklammern.
Hinzu kommt eine rasche Reproduktion. Während Zebramuscheln sich lediglich zwischen Mai und September fortpflanzen, vermehren sich Quaggamuscheln das ganze Jahr über, weshalb sie auch die grössere Bedrohung darstellen. Sie benötigen dazu eine Temperatur von nur etwa fünf Grad. Die weiblichen Exemplare geben ihre Eier ins Wasser ab, die männlichen ihren Samen. Aus den befruchteten Eizellen entstehen sogenannte Veliger-Larven: Sie schweben als Plankton eine ganze Weile im Wasser, bevor sie sich irgendwo festsetzen. Und diese winzigen Larven wiederum können sich passiv über die Strömung verbreiten – oder aber aktiv, durch menschliches Zutun.
Kann man die Muscheln essen?
Theoretisch, ja. Die Zebra- und die Quaggamuschel gehören zu den Dreikantmuscheln (Dreissenidae) und sind, wie die meisten Krabben und Muscheln, nicht giftig. Immerhin gibt es etliche Enten und Fische, welche sich an den beiden Arten genüsslich tun. Über Geschmack lässt sich aber bekanntlich streiten. Gerade weil die Muscheln das Wasser so effektiv nach Nährstoffen filtern, nehmen sie auch etliche Schadstoffe mit auf. Das schlägt sich scheinbar negativ im Gout nieder. Hinzu kommt, dass sich das Ernten der Muscheln auf Grund ihrer geringen Grösse sehr aufwendig gestaltet. Die Schale der Quaggamuschel misst nur bis zu 30, jene der Zebramuschel nur bis zu 20 Millimeter. Kein Wunder also, stehen die beiden invasiven Muscheln auf kaum einer Speisekarte.
Die invasiven Muscheln wieder loszuwerden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Umso wichtiger sei es, deren Verbreitung zu verhindern, betont Piet Spaak: «Strenggenommen dürfte man überhaupt kein Wasser von einem See in den anderen bringen.» Aktuell geht man davon aus, dass insbesondere das Versetzen von Booten die Verbreitung der Schalentiere vorantreibt: Die Schiffe werden vor dem Einwassern nur selten richtig geputzt und getrocknet, sodass die Muscheln entweder an der Hülle festkleben oder aber die Larven über das Bilgenwasser oder gar das Kühlwasser des Motors verbreitet werden können.
Doch nicht nur Besitzer von grossen Jachten und Segelbooten nimmt Spaak in die Verantwortung: «Auch wer mit dem Gummiboot am nächsten Tag im nächsten Gewässer unterwegs sein will, sollte dieses dazwischen gründlich reinigen!»

Die Biodiversität in Gefahr
Wie genau sich die massive Ausbreitung der Muscheln auf den Bodensee auswirkt, kann Piet Spaak noch nicht sagen. Dafür seien die Muscheln schlicht noch nicht genug lange in der Schweiz. Wie verheerend sie sein können, lässt jedoch ein Blick nach Nordamerika erahnen: «Der Lake Michigan – ein See, hundertmal grösser als der Bodensee – wurde innert zwanzig Jahren komplett von den Quaggamuscheln eingenommen. In ihm sind praktisch alle Nährstoffe verschwunden.»
Darin liegt das grösste Problem: Als hocheffiziente Filtrierer, also Arten, die Nährstoffe aus dem Wasser filtern, fressen die Muscheln fast alle Algen weg. Diese stehen dann dem Rest der Tiere, die sich ebenfalls von Plankton ernähren, nicht mehr zur Verfügung. Ihre Dichten verkleinern signifikant. So zeigten etwa Untersuchungen aus den grossen Seen Nordamerikas, dass die Fischbestände im Tiefenwasser massiv einbrachen, als die beiden Muschelarten auftauchten.
Und gerade Quaggamuscheln belagern alles: Nicht nur Schiffe, Gummiboote, Steine oder Mauern, auch Fischernetze und Rohre werden von ihnen überwuchert und verstopft. Das macht insbesondere den Schweizer Trinkwasserfassungen das Leben schwer. Die Vertreter der Seewasserwerke tauschen sich deshalb regelmässig untereinander aus. 2021 fanden gleich zwei virtuelle Austausche statt, um zu besprechen, wie man künftig gegen die invasive Art vorgehen könnte.
Ein gängiges Mittel zur Beseitigung der Weichtiere an den Seeleitungen, den Kammern und Filtern besteht in der manuellen Reinigung. Entweder werden die Teile dazu an die Oberfläche geholt oder aber es kommen Tauchroboter zum Einsatz, die den Muscheln mit Hochdruck und Schaber auf den Leib rücken. Ein anderes häufig erwähntes Mittel ist die sogenannte Chlorierung: Dem Wasser wird eine geringe Menge Chlor beigemischt, welches die Muscheln nach und nach abtötet und an der Fortpflanzung hindert. Die Dosierung ist dabei so gering, dass weder die Trinkwasserqualität noch die Umwelt darunter leiden.
Zurzeit gibt es auf dem Markt noch keine technische Möglichkeit, um das Problem endgültig zu lösen. Einige Wasserwerke setzen zwar auf spezielle Vor- oder Aktivkohlefilter, diese müssen jedoch eigens dafür erstellt werden – ein teures Unterfangen. Und im Kampf gegen die invasiven Muscheln wirkt auch dies nur wie Tropfen auf den heissen Stein.
Zebra- versus Quaggamuschel
Zebramuschel
Schale: dreikantige, kahnartige Form
Unterseite: flach-konkav, seitlicher Kiel
Farbe: braun-gelb mit dunklen Streifen, gerade Linie auf der Unterseite
Vorkommen: angewiesen auf Hartsubstrat, max. Tiefe von 40 Metern
Fortpflanzung: zwischen Mai und September
Quaggamuschel
Schale: rundlich-dreikantig, kahnartige Form
Unterseite: konvex, seitlich abgerundeter Kiel, kippt um beim Aufstellen
Farbe: sehr variabel, meist konzentrische Ringe, gebogene Linie auf der Unterseite
Vorkommen: besiedelt jedes Substrat, kommt bis in grossen Tiefen bis zu 240 Meter vor
Fortpflanzung: ganzjährig

