Kontroverse um Glyphosat – krebserregend oder nicht?

Die Kontroverse um das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist um ein weiteres Kapitel reicher: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit attestierte Glyphosat, wahrscheinlich nicht krebserregend zu sein.

Noch vor einigen Monaten hatte die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend beim Menschen» eingestuft. Bei Tierversuchen gebe es ausreichende Belege für einen solchen Effekt. Nun folgte die gegenteilige Einschätzung durch die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Ein Expertengremium sei zum Schluss gekommen, dass der Stoff vermutlich keine krebserregende Bedrohung für den Menschen darstelle, hiess es in dem am Donnerstag veröffentlichten Gutachten. Auch sei die Substanz «wahrscheinlich nicht genotoxisch», schade also wahrscheinlich nicht der DNA, die die Erbinformationen enthält.

Die Zulassung des Mittels in der Europäischen Union war bis Mitte 2016 verlängert worden. Die EU-Kommission entscheidet jetzt auf der Basis des EFSA-Gutachtens über eine Neuzulassung. Die EFSA-Fachleute schlagen vor, einen neuen Grenzwert für die akute Aufnahme von Glyphosat, zum Beispiel während einer einzigen Mahlzeit, von 0,3 auf 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht festzulegen. Die Efsa begründet dies damit, dass sich die Rechtsgrundlage verändert habe. Bisher habe die tägliche Aufnahme keinerlei Effekt im Körper bewirken dürfen, weder negativ noch positiv. Neuerdings dürfe die Aufnahme lediglich keinen gesundheitsschädlichen Effekt bewirken.

Greenpeace will Glyphosatverbot
Die EFSA erklärte, sie habe den Bericht der WHO-Krebsforschungsagentur in ihre Bewertung einbezogen. Die EU-Behörde sei aber zu einer anderen Schlussfolgerung gelangt, auch weil sie eine Reihe anderer Studien miteinbezogen habe. «Was die Kanzerogenität betrifft, so ist es unwahrscheinlich, dass dieser Stoff krebserregend ist», sagte José Tarazona, Leiter des Referats für Pestizide der EFSA.

Glyphosat ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln. Umweltschutzorganisationen warnen schon seit einiger Zeit vor einer Neuzulassung des Mittels. Die EFSA-Empfehlung löste denn auch harsche Kritik aus. Greenpeace Schweiz sprach von einem «Kniefall vor der Pestizidindustrie». Der Entscheid sei unverständlich und die Unabhängigkeit der EU-Behörde müsse angezweifelt werden, hiess es in einem Communiqué. Weitere Bewilligungen glyphosathaltiger Produkte seien ein «unverantwortliches Experiment an Umwelt, Mensch und Tier». Glyphosat müsse europaweit, auch in der Schweiz, verboten werden, forderte die Umweltorganisation.

Bundesrat soll Untersuchung durchführen
Die Wissenschaftskommission (WBK) des Nationalrats möchte die Verbreitung von Glyphosat in der Schweiz klären («Tierwelt online» hat berichtet). Sie hat am vergangenen Freitag ein Postulat beschlossen, das den Bundesrat mit einer Untersuchung beauftragt, unter anderem zu Glyphosatrückständen in Lebensmitteln, im Tierfutter und im Gewebe von Nutztieren. Auch die Bevölkerung soll getestet werden. Die WBK will den Bundesrat zudem mit einem Überblick über den Glyphosateinsatz in der Schweiz und der Ausarbeitung von Alternativen beauftragen.

In der Schweiz werden jährlich schätzungsweise 300 Tonnen Glyphosat eingesetzt. Der Wirkstoff findet sich in rund 70 zugelassenen Produkten, darunter im bekannten Herbizid Roundup. Glyphosat kann auch von Privaten eingesetzt werden. Coop und Migros hatten im vergangenen Mai aufgrund der Ergebnisse der WHO-Studie glyphosathaltige Produkte aus dem Sortiment genommen.

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