Es rattert und stäubt in der Mühle Schwanden. Das rund 200 Jahre alte Gebäude ist vollbepackt mit Maschinen aus der Nachkriegszeit, die bis heute zuverlässig mahlen, sieben, stampfen und mischen. In jedem der fünf Stockwerke ist die Geräuschkulisse eine andere: Hier wird der Weizen durch ein Rohr geblasen, da durch die Siebe geschüttelt, während draussen gerade eine Ladung Einkorn in die Grube gekippt wird.
Für Tierfutter bleibt heute keine Zeit. Denn am Morgen flatterten dringendere Aufträge auf den Tisch. Leichtfüssig bewegt sich der junge Praktikant durch die enge Mühle, flitzt zum Etikettendrucker und wieder zurück, um die bestellten Mehlsäcke abzufüllen und zu beschriften. Im Sommer beginnt er eine Lehre als Müller. «Bevor er hierherkam, war er noch sehr unentschlossen, was seine Berufswahl betraf. Das hat sich geändert», erzählt Simon Baumann nicht ohne Stolz.
Der Geschäftsführer und Inhaber der Mühle Schwanden weiss nur zu gut, wie klein die Jahrgänge in diesem einst so angesehenen und weit verbreiteten Beruf geworden sind. Doch seine eigene Faszination für das Handwerk scheint auf den Teenager übergeschwappt zu sein. Die Lehre wollte der 16-Jährige unbedingt in einer ähnlich alten Mühle machen. Zumal sich die Arbeit mit 50 bis 100 Jahre alten Maschinen stark von jener in modernen Grossmühlen unterscheidet. «Dort packen sie keine Säcke von Hand ab», sagt Baumann lächelnd. Mit den Mengen an Getreide, die industrielle Mühlen verarbeiten, kann er nicht im Ansatz mithalten. Doch das ist auch nicht seine Absicht.

Als der frühere Besitzer der Mühle Schwanden mit über 70 Jahren abtreten wollte, drohte mangels Nachfolgelösung der Stillstand. Obwohl Simon Baumann bis anhin nichts mit Mühlen am Hut hatte, war er gewillt, den Betrieb nach und nach zu übernehmen. «Das Handwerkliche hat mich schon immer fasziniert», schwärmt der gelernte Schreiner. Auch die Vielseitigkeit des Müllerberufs zog ihn rasch in den Bann. Zudem könne er hier eine Nische abdecken, die sehr geschätzt werde in der Region. Obwohl im Emmental im Vergleich zu anderen Regionen der Schweiz noch verhältnismässig viele Mühlen in Betrieb sind, sei kein Konkurrenzkampf zu spüren. Im Gegenteil: «Man hilft einander und ich konnte immer fragen, wenn ich etwas noch nicht wusste», erzählt der Quereinsteiger. «Wir haben einen tollen Austausch untereinander.»
Auch hier, wo es um Längen mehr Bauernhöfe als Wohnblöcke gibt, sind die Sammelstellen für Getreide rar geworden. «Die Bauern müssen immer weiter fahren, um ihre Ernte abzugeben und dann manchmal stundenlang anstehen», erklärt Baumann. «Ich habe schon von einigen gehört, dass sie nur mit Getreide weitermachen, solange unsere Mühle noch läuft.»

Die meisten der 150 Landwirtschaftsbetriebe, die ihre Ernte in der Mühle Schwanden abgeben, liegen in der nächsten Umgebung. Nur wenige Bauern fahren durch die halbe Schweiz, da sie ihren Buchweizen sonst nirgends abgeben können. «Wir sind die einzige Mühle, die Buchweizen schälen kann», erklärt Baumann. «Das sind immerhin 20 bis 25 Tonnen pro Jahr, was für uns kein kleiner Posten ist.» Gesamthaft werden pro Jahr etwa 350 Tonnen Getreide, Hülsenfrüchte und Ölsaaten angeliefert.
Tierfutter für die Region
Auch die Tierfutterproduktion ist nicht unbedeutend für den Betrieb. «So können wir die Mühle auslasten», meint Simon Baumann. «Je mehr Maschinen laufen, desto besser.» Viel mehr als die laufenden Kosten decken, würde das Tierfutter jedoch nicht. Gerade in diesem Bereich geht es Baumann aber mehr um die Wertschöpfung der Region als um Rendite. Die 15 Betriebe, welche Getreide als Futter für die eigenen Tiere anbauen, liegen alle im Umkreis von fünf Kilometern von der Mühle Schwanden. Das Gewicht an Hafer, Weizen oder Gerste, das sie abgeben, haben sie in Form fixfertiger Futtermischungen wieder zugute.
Je nach Tierart werden in der Mühle unterschiedliche Zusätze hinzugemischt, damit die Nutztiere Tag für Tag ihre Leistungen erbringen können. Hauptsächlich sind das Proteine in Form von Sojaschrot, Leinsamen oder Eiweisskonzentraten wie zum Beispiel Rapskuchen, was Simon Baumann zukauft. «All das Ölige und Klebrige will ich nicht in der Anlage haben», erklärt der Müller. In bereits mehlig verarbeiteter Form kommen die Importe also direkt in den Mischer, wo sie mit dem lokalen Getreide vermengt werden. «Das Milchvieh- und Schweinefutter stammt zu 80 bis 90 Prozent aus der Region», erklärt er. «Beim Schaffutter sind es etwa 70 Prozent und beim Hühnerfutter fast ebenso viel.» Darin inbegriffen sind Nebenprodukte aus der übrigen Mehlproduktion wie Kleie. «Auch die Spreu gibt man gerne Kühen ins Futter, wenn sie Durchfall haben», erklärt Baumann. «Hauptsächlich wird diese aber als Einstreu oder für Kissenfüllungen verwendet.»

Überhaupt scheint in der Mühle Schwanden vieles dem Kreislaufgedanken untergeordnet. Die alten Maschinen durch neue zu ersetzen, bevor ihr Lebensende erreicht ist, kommt Simon Baumann nicht in den Sinn. «Dass die Maschinen mechanisch funktionieren, hat den Vorteil, dass sie weniger anfällig für Störungen sind», ist er überzeugt. Und wenn es mal etwas zu flicken gibt, ist dies für ihn als begeisterten Handwerker keine mühselige Arbeit. Mit seinen zerschlissenen Hosen und der staubigen Brille passt er so perfekt in die einfach ausgestattete Mühle, als wäre er nie woanders gewesen. «Ich bin von der Generation analog», sagt er grinsend. «Wir haben einen Computer und einen Etikettendrucker, damit hat es sich aber schon.» Eine Rechnung, die für alle Beteiligten aufzugehen scheint.
Schweizer Mühlentag
Am 16. Mai 2026 feiern Mühlen in der ganzen Schweiz ihr Gewerbe, machen Führungen, erklären die Abläufe und präsentieren ihre Produkte. Auch die Mühle Schwanden öffnet an diesem Tag ihre Türen von 10 bis 15 Uhr.

