Migrantinnen und Migranten gibt es nicht nur unter Menschen: Auch Tiere nehmen oft weite Strecken auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in Kauf. Die bekannteste Tierwanderung ist der Vogelzug im Herbst und Frühling, doch auch Vierbeiner gehören zu den migrierenden Arten. Gnus wandern durch die Serengeti auf der Suche nach frischem Gras, Rentiere legen in der Arktis jedes Jahr Tausende Kilometer zwischen Sommer- und Winterweiden zurück, und Gämsen begeben sich im Winter in tiefere Lagen auf die Suche nach Nahrung.

Das letzte Beispiel zeigt, dass Tierwanderungen keinesfalls auf ferne, weitläufige Länder beschränkt sind, sondern auch in der Schweiz stattfinden. So kennt wohl jeder Autofahrer die Amphibienwanderung, bei der sich im Frühjahr Tausende Kröten und Frösche zu Laichgewässern aufmachen und dabei auch die eine oder andere Strasse überqueren. Hier fallen nicht wenige dem Verkehr zum Opfer. Doch auch für grössere Tiere endet das Überqueren von Strassen oft tödlich. So ereignen sich laut Bundesamt für Statistik jährlich rund 20'000 Wildunfälle in der Schweiz. Menschliche Einflüsse sind das Hauptproblem, mit dem migrierende Tierarten zu kämpfen haben. So gehen laut einem aktuellen UN-Bericht die Bestände der Hälfte der migrierenden Wildtiere zurück, während jede fünfte wandernde Art weltweit bereits vom Aussterben bedroht ist.

Problem auch in der Schweiz

In der Schweiz sind es vor allem die Verkehrswege wie Autobahnen, Kantonsstrassen und Schienen, welche die Migrationswege von Tieren stören. Eine Bestandes aufnahme des Bundesamts für Umwelt (BAFU) kam 2001 zum Schluss, dass 16 Prozent der 303 überregionalen Wildtierkorridore so weit unterbrochen sind, dass sie von den Tieren nicht genutzt werden können. Über die Hälfte der Korridore ist stark beeinträchtigt. Lediglich 28 Prozent wurden als intakt eingestuft. Zusammen mit dem ASTRA – dem Bundesamt für Strassen – beschloss das BAFU die Sanierung von 41 überregionalen, von Nationalstrassen zerschnittenen Wildtierkorridoren. Im Juli 2025 waren 54 Prozent der Wildtierkorridore saniert oder in Realisierung, 44 Prozent befanden sich in der Projektierungsphase und bei zwei Prozent hatte die Projektierung noch nicht begonnen.

Ein Weg untendurch

Bei der Planung von Wildtierquerungen sei das Finden eines geeigneten Standorts die grösste Herausforderung. «Dieser muss logischerweise innerhalb des Wildkorridors liegen und sich an den natürlichen Lebensraum der Tiere anschliessen», so Lukas Studer vom ASTRA. «Es sollten sich zudem möglichst keine Wanderwege oder andere von Menschen genutzte Pfade im Einzugsgebiet befinden.» Wo zu viel Publikumsverkehr herrscht, nutzen Wildtiere eine Über- oder Unterquerung nur ungern. Welche Variante davon gebaut wird, hängt primär von der Topografie ab. «Eine Unterführung bietet sich dann als beste Lösung an, wenn die Autobahn auf einem Damm verläuft», erklärt Studer. Dann könne man diesen vereinfacht gesagt durchbohren.

Verläuft die Autobahn allerdings in einer Senke oder ebenerdig, bietet sich eine Überführung an. «Grundsätzlich wird eine Überführung auch deswegen öfter gebaut, weil die Grabung unter einer Autobahn kostspieliger ist und Wildtiere dunkle Unterführungen weniger gerne nutzen als Überführungen unter freiem Himmel», so Studer. Eine der wenigen bisher realisierten Unterführungen befindet sich unter der Autobahn A6 bei Kiesen (BE) zwischen Bern und Thun. Hier verläuft die Autobahn auf einem Damm, weswegen sich eine Unterführung anbot. «Eine Unterführung sollte mindestens fünf Meter hoch sein, damit sie auch von grösseren Tieren genutzt wird», sagt Lukas Studer. So musste auch bei Kiesen in die Tiefe gegraben werden, um die entsprechende Höhe zu erreichen. Dies hat zur Folge, dass sich je nach Grundwasserspiegel in der Unterführung temporäre Seen bilden. «Für grössere Tiere ist das kein Problem, sie schwimmen auch durch die dahinterliegende Aare», so Studer. «Für kleinere Tiere haben wir noch einen leicht erhöhten Weg in der Unterführung erstellt.»

Ob eine Über- oder Unterführung genutzt wird, wird während den ersten fünf Jahren nach dem Bau durch ein Monitoring kontrolliert. Dabei werden Tierquerungen einerseits direkt beobachtet, andererseits auch durch Wildtierkameras festgehalten. «Dabei stellte sich die Bildung von Seen in der Unterführung bei Kiesen als Glücksfall heraus», berichtet Lukas Studer. «Sie ziehen Insekten an und als Folge massenweise Fledermäuse.» Um den Tieren eine ungestörte Querung zu ermöglichen, musste allerdings der quer zur Unterführung verlaufende Fuss- und Radweg umgeleitet werden. «Zudem wurde zwischen dem Weg und der Wildtierunterführung ein Damm aufgeschüttet und mit stacheligen Pflanzen bepflanzt», so Studer. Die Kombination dient dadurch nicht nur als Sichtschutz für die scheuen Wildtiere, sondern soll auch Menschen davon abhalten, die Unterführung zu betreten.

Dank Wildtierüber- und -unterführungen wie jener bei Kiesen können nicht nur Frösche ungestört zu ihren Laichgewässern gelangen und Füchse grössere Jagdgebiete erschliessen, sondern auch Hirsche und Rehe sich ungehindert von einer Seite des Aaretals zur anderen bewegen – und dies meist völlig unbemerkt von den Autofahrern über oder unter ihnen.