Ziervogellexikon
Grauköpfchen: Siegeszug durch Madagaskar
Grauköpfchen gehören zu den Agaporniden, deren Geschlechter äusserlich gut unterschieden werden können. Da ihre Heimat, die Insel Madagaskar, grossflächig entwaldet wurde, entstanden viele Savannenlandschaften. Grauköpfchen kommen aber gut damit klar.
Steckbrief
Wissenschaftliche Bezeichnung: Agapornis canus
Unterarten: Bangs Grauköpfchen (Agapornis canus ablectaneus). In Menschenobhut werden keine Unterarten unterschieden.
Herkunft: Madagaskar, in einem breiten Gürtel rund um die Insel, nicht im Hochland
Grösse: 13 bis 14 cm
Wildfarbe: grün, grauer Kopf
Mutationen: keine
Geschlechtsunterschiede: Männchen mit grauem Kopf, Weibchen vornehmlich grün
Ringgrösse: 3,8 mm
Lebenserwartung: ca. 8 bis 10 Jahre
Platzansprüche: ideal ist eine Zimmervoliere, jedoch ist auch ein Käfig oder eine Boxe von ca. 150 x 50 x 80 cm geeignet
Ausstattung: viele frische Äste zum Nagen, Sand und Steine am Boden, Badeschale
Stimme: zwitschernde, tschilpende Rufe
Haltung: paarweise oder schwarmweise in grösseren Volieren
Herkunft und Geschichte
Der Wald läuft in der gelben Savanne aus, die Sonne brennt. Ein typisches Bild für Madagaskar. 80 Prozent der ursprünglichen Wälder wurden zerstört, dies aufgrund der Überbevölkerung. Zurück bleibt eine Trockensavanne mit vereinzelten Bäumen. Nur die Naturschutzgebiete und Reservate bilden noch Waldinseln. Das ist bei Zombitse der Fall, ein Schutzgebiet im Südwesten Madagaskars im Innern der Insel. Doch da, wo das Schutzgebiet endet, erstreckt sich endlose Savanne. Praktisch alle Bäume wurden abgeholzt, nur noch Grasarten können sich halten. Helle, zwitschernde Rufe, ein Pulk von kleinen Vögeln fliegt in Windeseile davon, sobald sich die Konturen von Menschen aus dem Waldsaum schälen: Grauköpfchen, die im hohen Savannengras an Samenrispen hangelten und die trockenen Samen herausklaubten. Trotzdem die Insel Madagaskar so grundlegend durch den Menschen verändert wurde, hat das Grauköpfchen nicht darunter gelitten. Im Gegenteil! Es scheint, dass der kleine Agapornide von den Entwaldungen gar profitiert. Er ist zum Kulturfolger geworden, da Grauköpfchen nun schwarmweise auch über Getreide- und Reisfelder herfallen. Das führt dazu, dass sie als Schädlinge verfolgt werden. Darum sind sie auch ausserordentlich scheu. Es ist fast nicht möglich, sie richtig beobachten zu können. Darum flitzt der ganze Schwarm am Waldrand von Zombitse auf und davon. Nahrung ist ausreichend vorhanden, besonders in Form von Grassamen, den Grasland ist nach der Entwaldung die dominierende Vegetationsform auf der grossen Insel im Indischen Ozean. Natürlicherweise kommen Grauköpfchen auch in Trockenwäldern vor, die sich bis heute im Süden und Westen der Insel ausbreiten.
1860 wurden die ersten Grauköpfchen im Zoo von London gehalten. Dem Deutschen Dr. Karl Russ gelang 1872 die Welterstzucht. Er war Begründer der Zeitschrift «Gefiederte Welt» und verfasste zahlreiche Bücher zur Vogelhaltung, die zu Standardwerken wurden. 1972 gelang Paul Henzirohs die schweizerische Erstzucht der Exotis, des Verbandes für die Haltung und Zucht von Vögeln. Bis heute sind Grauköpfchen seltene Pfleglinge geblieben. Sie sind scheuer und lassen sich weniger gut züchten als afrikanische Agaporniden-Arten.
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Eignung als Heimtier
Grauköpfchen sollten von erfahrenen Vogelpflegern gehalten werden. Sie eignen sich gut zur Haltung im Wohnbereich, da sie nicht so laut sind. Paare fühlen sich in Kistenkäfigen mit geschlossenen Seiten und geschlossener Rückwand wohl. Das entspricht ihrem Sicherheitsbedürfnis. Grauköpfchen sollten gezüchtet werden, damit ihr Bestand unter Menschenobhut nicht erlischt.
Erwerb
Grauköpfchen werden nur ganz selten auf Vogelbörsen angeboten. Idealerweise findet man über die Züchterverbände Exotis und Ziervögel Schweiz Kontakte. Die Exotis publiziert eine Bestandesliste, die Kontaktmöglichkeiten zu Haltern der Art ermöglicht.
Ernährung und Pflege
In der Natur ernähren sich die kleinen Agaporniden von Grassamen, die sie in der Savanne finden, von Samen der Affenbrotbäume und Madagaskarpalmen, einer Pachypodienart, die im Trockenwald gedeiht. Für Grauköpfchen ist darum eine Grassamenmischung, wie sie für Prachtfinken verwendet wird, ideal. Zusätzlich sollten sie kleine Hirsearten und Glanz erhalten. Die Körner in einer gewöhnlichen Agapornidenmischung sind meist zu gross, als dass sie von den Grauköpfchen gefressen würden. Auch Kolbenhirse mögen die Grauköpfchen. Weiter sind Sämereien von Gräsern aus der Natur hoch willkommen, besonders auch, wenn sie in Milchreife stehen. Löwenzahnblätter, Beeren, Apfel, Gurke, Rüebli und Fenchel sind weitere Gaben, die von den Grauköpfchen geschätzt werden. Mineralgrit und Kalk sollten zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen. Sepiaschalen werden auch benagt. Eine Schale mit Wasser sollte immer zur Verfügung stehen.
Zucht
Die Zucht gelingt bei manchen Züchtern schwarmweise in grossen Volieren. Hauptsächlich werden die Paare aber in Zuchtboxen abgesondert. Das scheint dem Sicherheitsbedürfnis der Grauköpfchen entgegen zu kommen, denn in solchen Boxen gelingt die Aufzucht recht gut. Unter Menschenobhut werden bis zu sechs Eier gelegt, manchmal gar sieben. Das ist in der Natur nicht der Fall. Dort sind die Gelege wesentlich kleiner. Hauptsächlich das Weibchen brütet vom zweiten Ei an, die Jungen schlüpfen nach einer Brutzeit von 21 bis 22 Tagen. Sie sind sehr klein und tragen ein weisses, dichtes Dunenkleid. Es kommt vor, dass junge Paare die erste Brut nicht aufziehen. Die Vögel müssen Erfahrungen sammeln. Plötzlich klappt es aber dann. Wichtig ist, dass in der Phase der Jungenaufzucht nebst Früchten und Gemüse auch ein Aufzuchtfutter gereicht wird. Ebenso sollten gekeimte Samen gefüttert werden. Schon im Alter von drei Wochen kann normalerweise das Geschlecht bei den Jungen festgestellt werden. Im Alter von ungefähr 40 Tagen fliegen die Jungen zum Nest raus, gehen zum Schlafen aber wieder zurück. Nach drei bis vier Wochen sind sie selbständig.
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Lustig
Weibchen tragen Nestmaterial in die Nisthöhle ein. Dabei schneiden sie mit ihrem Schnabel beispielsweise die Blätter von Kirschlorbeer und Rhododendron in sichelartige Streifen, welche sie sich dann in das Rücken- und Bürzelgefieder stecken. Damit fliegen sie zum Nistkasten. Die Vögel transportieren so unermüdlich Material zur Nisthöhle. Sie bauen ein Nest, das nicht überdacht ist. Andere Agaporniden schaffen Zweige in die Nisthöhle und bauen darin ein Kugelnest.
Namensgebung
Das Grauköpfchen wurde 1788 durch Johann Friedrich Gmelin wissenschaftlich in der von ihm bearbeiteten 13. Auflage von Linnés «Systema Naturae» beschrieben. Die Artbezeichnugn «canus» heisst im Lateinischen so viel wie altersgrau oder grau. Die Gattungsbezeichnung Agapornis stammt vom englischen Ornithologen, Botaniker und Illustrator Prideaux John Selby. Er hat ihn 1836 begründet.
Besonderheit
Grauköpfchen können auch in der Schweiz fast wie in der Natur beobachtet werden und zwar im Zoo Zürich in der Masoalahalle. Dort fliegt ein ganzer Schwarm, und bereits dort ist es nicht einfach, die kleinen grünen Vögel in der Vegetation auszumachen. Oft ist es aber möglich, sie vom Turm aus zu beobachten. Sie sitzen nämlich gerne auf den Metallverstrebungen der Halle und machen sich durch ihr Tschilpen und Zwitschern bemerkbar.
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