Ziervogellexikon
Orangeköpfchen: die Knacknuss unter den Agaporniden
Im Titel geht es nicht etwa um Ernährungsweisen des Orangeköpfchens. Er sagt aus, dass unter allen Unzertrennlichen in Menschenhand das Orangeköpfchen Züchterinnen und Züchter noch immer vor grosse Herausforderungen stellt.
Steckbrief
Wissenschaftliche Bezeichnung: Agapornis pullarius
Unterarten: Agapornis pullarius ugandae. Es ist nicht klar, warum diese 1908 begründete Unterart bis heute aufrecht erhalten wird, denn es gibt kaum äusserliche Unterscheidungsmerkmale.
Herkunft: Zentralafrika von Ghana im Westen bis zur nördlichen Demokratischen Republik Kongo im Süden und bis in den Südsudan im Osten. Isolierte Verbreitungsgebiete in Sierra Leone und in Angola. Die Unterart stammt aus Uganda, Ruanda und Burundi sowie aus Nordwest-Tansania. Das Verbreitungsgebiet überlappt vermutlich mit dem Verbreitungsgebiet der Nominatform. Von allen Agaporniden haben die Orangeköpfchen das grösste Verbreitungsgebiet in Afrika.
Grösse: 15 cm
Wildfarbe: hellgrünes Federkleid, orange Gesichtsmaske und ebensolcher Schnabel, sehr attraktive äussere Schwanzfedern, die eine Mischung aus Orange, Gelb und Grün aufweisen
Mutationen: keine
Geschlechtsunterschiede: Weibchen haben eine viel fahlere Gesichtsmaske und sind darum einfach zu unterscheiden
Ringgrösse: 4 mm
Lebenserwartung: ca. 10 Jahre
Platzansprüche: Zimmervoliere oder Boxe mit den ungefähren Massen von 1,50 x 0,80 x 1
Ausstattung: Viele natürliche Äste, beispielsweise Weide, Sandboden, Wasserbassin
Stimme: leises Zwitschern
Haltung: paarweise oder im Schwarm
Herkunft und Geschichte
In der Ferne schäumen Wellen auf dem offenen, dunkelblauen Golf von Guinea. Von Santana aus fällt der Blick weit nach unten auf die schwarzen Felsen an der Küste, wo Gischt der Wellen aufspritzt, wenn sie über die Steine schäumen. Zerstreut liegt oberhalb am Anhang die Siedlung, zu der auch kleine Hotels gehören. Aus der Baumkrone im Ort direkt an der Strasse zwitschert es verhalten. Bei genauem Hinsehen bewegen sich nicht nur die Blätter im Wind. Hellgrüne Orangeköpfchen hüpfen und flattern auf den Ästen zwischen den Blättern. Sie verhalten sich wie kleine Waldgeister. Nie kann man auch nur eines richtig sitzen sehen. Immer wieder flattern sie herum. Hätte nicht ein Einheimischer darauf aufmerksam gemacht, man hätte sie nicht wahrgenommen. Der Beobachtungsort liegt ausserhalb der Hauptstadt São Tomé auf der gleichnamigen Insel. Auch dort, auf dieser abgeschiedenen Insel weit draussen im Meer kommt nämlich das Erdbeerköpfchen vor. Es lebt meistens im Schwarm von zehn bis zwanzig Vögeln oder paarweise. São Tomé ist eine tropische Insel, die zu einem grossen Teil mit Regenwald bedeckt ist. Das ist aber nicht der typische Lebensraum. Normalerweise leben Erdbeerköpfchen in buschartigen Savannen mit wenig Bäumen, an Waldrändern und auf Lichtungen. Sie scheuen sich auch nicht, in die Nähe von Feldern und Dörfern zu fliegen. Aufgrund der geringen Grösse, der unscheinbaren Gefiederfarbe und den verhaltenen Lautäusserungen werden sie kaum wahrgenommen. Nur selten halten sich Orangeköpfchen in Höhenlagen von 2000 Meter über dem Meeresspiegel auf.
Orangeköpfchen sind die einzigen Agaporniden, die ihre Nester in Termitenbauten anlegen. In den Savannen ragen die rötlichen Säulen dieser erstaunlichen Insekten wie Kamine in den Himmel. Orangeköpfchen bauen mit Vorliebe ihre Nisthöhlen in diese Bauten. Sie benützen zudem auch Bauten der baumbewohnenden Termitenarten. Temperaturschwankungen in diesen Termitenbauwerken sind wesentlich geringer als in Baumhöhlen. Im Termitenbau liegt die Temperatur konstant bei 30 °C.
Orangeköpfchen sind seit jeher in der Haltung und Zucht selten, doch interessanterweise wurden sie wohl als erste Agapornis-Art entdeckt. Die Autoren Eckhard Lietzow sowie Jörg und Renate Ehlenbröker erwähnen in ihrem Buch über Agaporniden und Sperlingspapageien, dass die Art 1605 von Carolus Clusius erwähnt wurde. Der flämisch-niederländische Arzt und Botaniker wird auch Charles de l’Ecluse genannt. Er lebte von 1526 bis 1609. Ebenfalls schreibt das Autorenteam, dass es im Landesmuseum von Mainz ein Gemälde von 1620 von Peter Binoit entdeckte, auf dem mit einem Blumenstrauss ein Paar Orangeköpfchen dargestellt wurden, die von einem Granatapfel fressen. Schon 1700 soll die Ersteinfuhr stattgefunden haben. E. Spille in Deutschland soll um 1900 eine Zucht gelungen sein, 1975 beschrieb sie Emil Zürcher als erster Schweizer in der Zeitschrift der Exotis, dem «Gefiederter Freund».
In der Schweiz können Halter und Züchter des Orangeköpfchens an einer Hand abgezählt werden. Im Gegensatz zu den anderen Agapornidenarten, die seit Jahrzehnten in Menschenhand etabliert sind, stellt das Orangeköpfchen bis heute besondere Ansprüche. Die Zucht ist schwierig. Manche pröbeln viele Jahre, bis es klappt. Das Orangeköpfchen ist darum seit jeher selten in Züchterhand. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass es schon früh beschrieben wurde und sogar schon 1620 auf einem Gemälde zu finden ist.
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Eignung als Heimtier
Das Orangeköpfchen gehört in die Hände von erfahrenen Halterinnen und Haltern, die den Aufwand nicht scheuen, Extraleistungen zu erbringen, damit die Zucht gelingt. Es ist wichtig, dass die Art in Menschenobhut erhalten bleibt. Da braucht es Zuchtbemühungen mit allen zur Verfügung stehenden Paaren. Das heisst aber nicht, dass die Zucht nicht auch in der Wohnung gelingen kann. Dem schweizerischen Erstzüchter Emil Zürcher aus Ostermundigen bei Bern beispielsweise gelang die Zucht in Vitrinen im Wohnbereich, manchmal sogar im Wohnzimmer. Die Orangeköpfchen waren zutraulich, nahmen am Leben der Menschen Anteil und zogen da ihre Jungen auf. Sie waren entspannt, und vielleicht war es eben auch gerade diese Nähe und Harmonie, die zum Erfolg führte.
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Erwerb
Orangeköpfchen können in der Schweiz nur bei einigen wenigen Züchtern erworben werden. Ein enger Kontakt und Austausch untereinander sind wichtig, da man als alleiniger Züchter mit der Art sonst nicht weit käme.
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Ernährung und Pflege
Orangeköpfchen sind spezielle Vögel, was ihre Futtervorlieben betrifft. Je nach Individuum haben sie unterschiedliche Präferenzen. Manche ernähren sich sehr einseitig, das heisst von Kolbenhirse, Äpfeln und Feigen. Eine Körnermischung für Agaporniden sowie Grassamen, wie sie für Prachtfinken verwendet werden, sollten ihnen zur Verfügung gestellt werden. Weiter nehmen sie Birnen, Rüebli, Zuckermais, Banane, Trauben und anderes Obst. Sehr gerne fressen sie von kleinkörnigen Saaten aus der Natur. Wenn sie frisch geerntet in Milchreife gereicht werden, ist das für die Orangeköpfchen ein besonderes Vergnügen. Gerne picken sie beispielsweise die Samen der Sauerampfer, um ein Beispiel zu nennen. Oft spielt die Darreichungsform des Futters eine Rolle. Wenn es an einen Ast oder ans Frontgitter geklammert wird, wird es plötzlich begeistert angenommen, während es vorher, in einer Schale, ignoriert wurde. Die Vorliebe der Vögel kann sich auch rasch ändern. Dies verlangt vom Halter Flexibilität und eine gute Beobachtungsgabe, um das Ernährungssystem laufend den Vorlieben der Vögel anzupassen. Sicher ist, dass die Orangeköpfchen eine Vorliebe für kleine Sämereien haben. Kalzium und Mineralien müssen immer zur Verfügung stehen. Auch durch das Benagen von Ästen, wie etwa Weide und Hasel, nehmen Orangeköpfchen Spurenelemente und Vitamine auf.
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Zucht
Wenn auch die meisten Papageien nicht anspruchsvoll sind, was ihre Nisthöhle betrifft, so brüten die Orangeköpfchen nur, wenn sie sich ihre Brutröhre und Nestkammer selber erarbeiten können. Einen leeren Nistkasten nehmen sie nicht an. Manchmal tragen Paare noch Nistmaterial ein. Dies wird auch aus der Natur so beschrieben. Oft nagen sie aber auch einfach die Röhre und die Kammer in den Kork, ohne noch ein Nest zu bauen. Darum sollte der Nistkasten mit Korkplatten gefüllt werden. Kork ist weich und lässt sich durch die Vögel gut benagen. Sie können im Kork eine Röhre und eine Nistkammer nagen. Die Grösse des Nistkastens ist nicht so entscheidend. Es kann sich beispielsweise um einen gewöhnlichen Wellensittich-Nistkasten handeln. Das Orangeköpfchen-Weibchen legt im zweitätigen Abstand drei bis fünf Eier. Sie werden während 22 Tagen bebrütet. Junge Orangeköpfchen haben fast keine Dunen. Ab dem Alter von 15 Tagen brechen die ersten grünen Federchen aus den Kielen, mit etwa fünf Wochen sind die Jungen voll befiedert. Sie fliegen ab dem 40 Tag in der Nisthöhle aus und werden noch weiter von den Eltern gefüttert. Gleichzeitig nesteln sie aber auch selbst am Futter.
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Lustig
Der britische Papageienzüchter Colin O’Hara bezeichnet die Orangeköpfchen als heikle Futterverwerter. Sobald er auch nur ein Vitaminpulver über das Futter streute, rührten sie es nicht mehr an. Er ging schliesslich dazu über, Vitamine flüssig zu verabreichen. Da die Orangeköpfchen empfindlich bezüglich kalter Temperatur sind, werden sie meist im Innenbereich gehalten. O’Hara befürchtete darum, dass ihnen Vitamine fehlten, da sie keinen Kontakt mit dem Sonnenlicht hatten und wollte ihnen Vitaminen in Pulverform zuführen. Bei den meisten Vögeln klappt das problemlos, nicht so aber bei den Orangeköpfchen. Dies ist ein weiteres Beispiel, das darauf hinweist, wie anspruchsvoll sie auch punkto Ernährung sind.
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Namensgebung
Das Orangeköpfchen wurde 1758 durch den schwedischen Botaniker Carl von Linné wissenschaftlich beschrieben. Die Gattung Agapornis wurde 1836 durch den englischen Ornithologen John Selby Prideaux begründet.
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Besonderheit
Der Nistkasten muss mit Kork ausgekleidet werden. Der Züchter Renzo Kunz aus Kriens LU reiste deswegen extra in mediterrane Gestade und brachte reichlich Kork zurück. Er füllte seine Nistkästen damit, und prompt nagten sich die Orangeköpfchen durch den Kork, zuerst schräg aufwärts, dann bis zur Kastenwand, wo sie eine Kammer nagten. Manchmal knicken die Orangeköpfchen beim Bau des Kanals schräg ab und fügen dann die Nistkammer an. Viele Züchter benützen Heizplatten im Nistkasten, um das gleichmässige, warme Klima in einem Termitenhügel zu simulieren. Der Züchter Renzo Kunz stellte aber zwei Nistkästen zur Verfügung, und sein Paar wählte denjenigen ohne Heizung. Es zog darin im Sommer, wo es vermutlich auch sonst warm genug war, erfolgreich Junge gross.
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