Schnauben, das Geräusch von Gras, das abgerissen wird, Silhouetten langsam vorwärts-ziehender, mächtiger Körper im zaghaften Licht des zunehmenden Mondes. Kühe in der Sommernacht auf der Weide beim Grasen, irgendwo im Mittelland. Oder glockenhelles Bimmeln auf einer Alp. Jungrinder oder Gusti trotten los von ihrem Schattenplatz unter einer Fichte, in Einerkolonne einem Weglein am steilen Abhang entlang. Erlebnisse mit Kühen prägen sich ein. Kaum jemand, der sie nicht macht – als Kind und später als Erwachsener. Und wer die Stadt nie verlässt, begegnet täglich Milch, Joghurt, Schokolade, Fleisch. Produkte, die ohne sie nicht denkbar wären. Die Kuh ist präsent in der Schweiz. Wer aber weiss, wie sie kommuniziert, was sie schätzt und was sie scheut? Bäuerinnen und Bauern setzen sich mit den Bedürfnissen dieses Schweizer Symbols täglich auseinander, besonders auch dann, wenn ein Stall erneuert werden soll.

An einer Tagung zu den Ansprüchen der Kuh Ende letzten Jahres im Inforama Rütti bei Bern, einem landwirtschaftlichen Ausbildungszentrum, zeigen die Wortmeldungen der Teilnehmenden, wo der Schuh drückt: «Mein Sohn hat die landwirtschaftliche Lehre absolviert. Die nächste Generation steht vor der Tür. Jetzt überlegen wir uns, den Anbinde- in einen Laufstall umzubauen.» «Mir schwebt eine Liege- und Fresshalle mit Heuraum und Melkerei für 30 Kühe vor.» «Bis vor einem Jahr hatten wir 17 Anbindeplätze, Vater molk die Kühe. Ich übernahm den Betrieb, stellte auf Mutterkühe um und bin nun hier, um Ideen abzuholen, wie die Haltung verbessert werden kann.» Die Referentin Martina Schmid proklamiert: «Neu bauen für und mit der Kuh.» Sie benennt Probleme aus der Praxis, zeigt, wie Ställe ohne grosse Umbauten für die Kuh und die Landwirte optimiert werden können, und berät bei Neubauten. Martina Schmid weiss, wovon sie spricht.

«Die Kuh will Luft, Licht, Ruhe, ausreichend Platz, Futter und Wasser.»

Martina Schmid, Landwirtin und Agronomin

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Die 33-Jährige wuchs auf einem Landwirtschaftsbetrieb auf. Die Pflegefachfrau, diplomierte Landwirtin und studierte Agronomin hat sich auf dem elterlichen Hof im Kanton Zug sowie während Ausbildungen in den Niederlanden intensiv mit dem Verhalten vonKühen beschäftigt. Ihre Abschlussarbeit verfasste sie über die Kuhsignal-Lehre des Niederländers Jan Hulsen. Heute arbeitet sie in einem Teilpensum beim Landwirtschaftsamt des Kantons Zug und ist selbständige Kuhsignale- und Stallbauberaterin. «Vielleicht runzelt nun der eine oder andere Kursteilnehmer die Stirn, der mit Administrativem zu kämpfen hat», sagt die Kuhexpertin mit einem Lächeln. «Ich bin dank dieser Stelle aber unabhängig», fügt sie an. Damit meint sie: Sie ist nicht im Auftrag eines Stallbauers unterwegs, muss nichts verkaufen. Sie gehört zu den wenigen in der Schweiz, welche einzig die Kuh, ihre Bedürfnisse und diejenigen des Landwirts oder der Landwirtin im Fokus haben.

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Eine liegende Kuh produziert mehr Milch

Martina Schmid kann nicht nur Kühe lesen, sie kennt auch den Bauernalltag. «Die Kuh steht zwischen dem Menschen und dem Finanziellen. Es soll ihr gut gehen», betont sie und fügt an: «Geht es der Kuh gut, wirkt sich das positiv auf den Betrieb aus.» Alles unter einen Hut zu bringen, ist aber gar nicht so einfach. Sie zeigt den Spagat auf, den Landwirtinnen und Landwirte machen müssen zwischen dem Wohlbefinden des Tiers, den Finanzen und dem eigenen Ergehen. Es bringe nichts, wenn alles rationalisiert werde, die Bedürfnisse der Kuh aber nicht gedeckt seien und so ihr Potenzial nicht ausgeschöpft werden könne. «Wenn aber den Kühen zuliebe alles so kompliziert eingerichtet ist, dass der Bauer jeden Tag viel zusätzliche Arbeit hat, geht es ihm mit der Zeit nicht mehr gut.» Explodierende Kosten seien ein weiteres Problem. Was will denn die Kuh? Martina Schmid bringt die wichtigsten Bedürfnisse kurz auf den Punkt: «Luft, Licht, ausreichend Platz, Ruhe, Futter und Wasser.» Sie führt keine Gespräche mit den Kühen. Aber sie liest die Signale, die sie aussenden. Die Kuh kommuniziert mit ihren Ohren, dem Blick, ihrem Gang, der Haltung des Halses und Kopfs und mit ihrem Fell.

Martina Schmid stellt klar: «Die Weide ist für die Kuh ideal, dort geht es ihr am besten. Die Luftqualität ist gut, sie hat Platz, Ruhe, Licht, Futter und Wasser.» All das sei auch im Stall wichtig. Genau dort stehtMartina Schmid jetzt. Während sie die Liegeplätze begutachtet, nähert sich ihr eine Kuh und schnuppert an ihrem Arm. Etwas weiter entfernt liegen Tiere auf mit Stroh eingestreuten Plätzen. Martina Schmid sagt: «Wenn die Kuh sich wohl fühlt, liegt sie. Sie muss als Wiederkäuer optimalerweise 14 Stunden pro Tag liegen können, ansonsten baut sie Stress auf.» Wenn Kühe herumstünden, wirke sich das negativ auf ihre Gesundheit aus. «Nur bei einer Kuh, die maximal liegt, kann das Milchpotenzial ausgeschöpft werden.»

Im Laufstall des Pachtbetriebs auf dem Gelände des Inforama Rütti liegen die Kühe in den mittig angeordneten Liegeboxen. Das sei richtig so, meint Martina Schmid. «Eine Kuh braucht Luft und will nicht zu nahe mit dem Kopf zu einer stickigen Wand hin liegen», stellt die Agronomin klar. Der Bauchraum in der Liegebox solle frei sein, damit sich das Tier gut hinlegen und problemlos wieder aufstehen könne. Eine Kuh brauche Platz vor dem Kopf, denn beim Aufstehen mache sie einen Schwung nach vorne. «Wenn eine Kuh krumm wie eine Banane in der Boxe liegt, fehlt ihr der Platz vorne zum Aufstehen. Das führt eher zu verschmutzten Liegeboxen», sagt Martina Schmid.

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Unterschied von Mutter- und MilchkuhhaltungMutterkühe verbringen einen grossen Teil ihres Lebens auf der Weide, im Winter sind sie meistens in einem Laufstall mit Laufhof im Freien. Sie werden nicht gemolken, die Kälber bleiben in der Herde, zu der meist auch ein Stier gehört und werden von den Kühen aufgezogen. Wenn die Kälber ein Gewicht von 120 bis 160 Kilo (je nach Rasse) erreicht haben, werden sie geschlachtet. Milchkühe werden gemolken, in der Schweiz meist im Stall. Sie werden während der warmen Jahreszeit auf die Weide gelassen, im Winter haben sie einen Stall mit Laufhof im Freien.

Achtung vor der Hitze

Der optimale Tagesablauf einer Kuh sieht wie folgt aus: 60 Prozent liegen, 20 Prozent fressen, 10 Prozent melken, 10 Prozent Sozialkontakte. Die Kühe im Laufstall Rütti liegen in ihren Boxen und käuen wieder, manche zupfen an der Futtermischung in der Krippe. Eine hat sich unter eine automatische Bürste gestellt und lässt sich die Flanke massieren, zwei liebkosen sich, indem sie sich gegenseitig lecken. «In einem optimalen Stall hat jede Kuh ihren Fressplatz», streicht Martina Schmid heraus. Der ideale Stall weise weder Sackgassen noch Ecken und Kanten auf.

«Die Kühe haben untereinander eine Rangordnung. Tiere von derselben Familie kennen sich häufig einLeben lang», sagt Martina Schmid. Ihr idealer Stall? «Die Kühe können ungehindert liegen und fressen, ich kann von einem Ort aus alle sehen. Die Luftqualität ist überall perfekt, die Sonne scheint im Winter auf die Liegeplätze, und im Sommer bleibt die Hitze draussen», antwortet sie spontan.

Der Pachtstall für die gut 60 Milchkühe beim Inforama ist dort, wo sich Spaltenboden befindet, nach oben offen. Die Liege- und Fressplätze sind gedeckt. Spätherbstliche Sonnenstrahlen erreichen die Tiere auf den Liegeplätzen. «Kühe lieben die Sonne, sobald die Temperatur unter 15 °C fällt. Ultraviolette Strahlen töten Pilze und reduzieren Haarlinge», sagt Martina Schmid. Weitere positive Faktoren der Wintersonne im Stall seien mehr Ruhe, eine höhere Milchproduktion und eine bessere Klauengesundheit. «Wenn die Kuh liegt, trocknen die Klauen ab», stellt die Expertin klar. Weiter sagt sie: «Der Pansen einer Kuh produziert viel Eigenwärme, vergleichbar mit mehreren Heissluftföhns. Darum meidet sie im Sommer die Hitze.» Kühe richten sich nach der Sonne und dem Wind. Deshalb fordert die Kuhexpertin: «Jeder Stallbauplaner muss den Sonnenstand auf dem Plan einzeichnen.»

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Trittsicherheit, viel sauberes Wasser

In der Ferne zeichnet sich die Silhouette der Stadt Bern ab, dahinter ragt weit entfernt die Alpenkette auf. Ein sanfter Luftzug weht an diesem schönen Nachmittag im Spätherbst in den Kuhstall beim Inforama Rütti. «Die Kuh will frische Luft», sagt Martina Schmid. Nur eine offene Front im Stall ist deshalb ungenügend. Luftschlitze im Dach sorgen für Abhilfe. Entscheidend sei nicht die Stallhöhe, sondern der Luftaustausch und die Dämmung des Dachs.

Eine Kuh will zudem Trittsicherheit, denn einrutschiger Boden führt zu Unfällen und Klauenproblemen. Martina Schmid: «Ob Betonrillen, Gummimatten, Spaltenböden oder Gussasphalt, jeder Boden hat seine Tücken und Vorzüge. Wenn Kühe auf drei Beinen stehen und sich unter dem Euterschenkel lecken, zeigt dies, dass der Boden rutschfest ist», stellt sie klar.

Die Kuhspezialistin geht zur Tränke und erklärt: «Eine Kuh will frisches, gutes Wasser. Wenn sie zu wenig trinkt, frisst sie weniger und gibt weniger Milch.» Eine Kuh, die gemolken werde, habe Durst. Darum sei es wichtig, pro zehn Kühe eine Tränke im Stall zu haben. «Eine Kuh braucht zwischen 80 bis 180 Liter pro Tag, je nach Milchmenge, die sie produziert, und sie will auf einem Niveau von 60 Zentimeter trinken.»

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Vom Ur-Rind zu den Rassen

Dort, wo die Kuh in der Sommernacht frisst, Rinder über den Bergkamm ziehen oder die Tiere im Kuhstall Rütti liegen, streiften vielleicht vor 10'500 Jahren ihre Vorfahren, die Auerochsen, umher. Die zottigen Waldbewohner zupften Blätter von Bäumen, trotteten über Lichtungen, um Gras und Kräuter zu naschen. ImWinter nagten sie vermutlich Moose von Stämmen oder kratzten mit den Vorderbeinen den Schnee weg, um an Grünes zu gelangen.

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Das Rind zieht nicht nur heute Aufmerksamkeit auf sich. Bereits vor 30'000 Jahren beeindruckten seine Vorfahren die Steinzeitmenschen. In der Grotte Chauvet im Ardèche-Gebiet im Süden Frankreichs malten sie neben anderen Tieren Auerochsen und Wisente an die Höhlenwände. Bis sich der Mensch den Auerochsen zum Nutztier machte, vergingen nochmals knapp 20'000 Jahre.

Die Haustierwerdung des Wildrindes vor mehr als 10'000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Iran war ein grosses Ereignis in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Sie ermöglichte den Schritt hin zu hochentwickelten Ackerbaukulturen. Rinder werden bis heute weltweit nicht nur wegen ihrer Fleisch- und Milchleistung gehalten, sondern auch als Arbeitstiere und Düngerlieferanten. Neuere Forschungen anKnochenfunden legen nahe, dass vermutlich im nördlichen China schon einige tausend Jahre zuvor Rinder domestiziert wurden. Dies lässt den Schluss zu, dass die Domestikation an verschiedenen Orten gelang. Mit der Völkerwanderung gelangten Rinder in das Gebiet der heutigen Schweiz. Vielleicht wurden auch hierAuerochsen domestiziert – die Stammform aller Hausrinder und Zebus.

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Der Auerochse lebt allerdings nur noch in den domestizierten Rindern weiter. Durch die Ausbreitung des Menschen, die Entwaldung und die Jagd starb 1627 das letzte Tier in der Gegend des heutigen Polen aus.

Milch- und FleischlieferantDie Organisation Mutterkuh Schweiz führt 39 verschiedene Fleischrassen. Darunter sind bekannte wie die schottischen Galloways, oder auch Exoten wie Zebus, die indische Wurzeln haben. Manche als Fleischrasse geführte Kuh kann auch der Milchgewinnung dienen. Das meiste in der Schweiz konsumierte Rindfleisch stammt aus Schweizer Produktion. Beim Kalbfleisch sind es 97 Prozent, beim Fleisch älterer Tiere handelt es sich etwa um 85 Prozent. Bei den Milchrassen führt die Branchenorganisation Swissmilk sieben Rinderrassen auf. Dazu gibt es noch die Wasserbüffel, die meistens für die Mozzarellaproduktion gemolken werden. Fast 20'000 Milchbäuerinnen und -bauern halten rund 560'000 Kühe.

Die Domestizierung verlief in langsamen Schritten. Philippe Ammann, stellvertretender Geschäftsführer und Bereichsleiter Tiere bei Pro Specie Rara, der Stiftung für kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren, sagt: «Rassezucht ist noch nicht lange bekannt.» Er habe in Archiven nach Erwähnungen von Grauvieh gesucht. «Vor 1880 sprach man nicht von Rassen, sondern von Stück Vieh. Man brauchte und vermehrte einfach die Tiere, die in den entsprechenden Klimazonen gut zurechtkamen.» Erste Viehzuchtgenossenschaften mit klaren Rassezuchtzielen seien um 1880 und 1890 gegründet worden.

Entsprechend den topografischen und klimatischen Gegebenheiten wurden Kuhrassen gezüchtet, die beides lieferten: Milch und Fleisch. Zudem seien Kühe auch zum Ziehen von Wagen und Ackergeräten eingesetzt worden, berichtet Philippe Ammann. Erst ab 1950 habe die Zuchtspezialisierung auf Tiere mit hoher Milchleistung begonnen. Holsteiner sind klassische Milchkühe. Philippe Ammann sagt: «In gewissen Produktionssystemen macht diese Rasse Sinn.» Der Spezialist fügt aber an: «Es gibt in der Schweiz auch viele Situationen, wo es Spitzenkühe nicht bringen, beispielsweise in steilen Gebieten, auf Betrieben, die mit eigenem Hoffutter arbeiten und die Direktvermarktung ihrerProdukte betreiben. Hochleistungskühe erbringen eine Mega-Leistung, brauchen aber auch viel Input und sind wenig geländegängig.»

Weiter weist er auf die verarmte Genetik hin und erklärt: «Millionenbestände gehen aufgrund von künstlicher Besamung auf wenige 100 Tiere zurück.» Das könne positiv sein. «Da immer die besten Stiere eingesetzt wurden, ist die Genetik vereinheitlicht. Sollte sich aber eine Krankheit breit machen, würde es problematisch.» Das ist ein Grund, warum sich Pro Specie Rara um seltene Rassen kümmert wie die Evolèner, das Rätische Grauvieh und die Hinterwälder Rinder.Philippe Ammann betont: «In der Vielfalt der Rassen liegt eine höhere Sicherheit, so dass man für kommende Herausforderungen gewappnet ist.»

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Beziehung Mensch und Kuh

Was ist übrig geblieben vom Ur-Rind in all den heutigen Kuhrassen? Kühe sind nach wie vor Herdentiere mit einem vielfältigen Sozialleben. Auerochsen streiften in Kleingruppen von einem Dutzend bis zu 30 Tieren durch den Wald – und auch Kühe leben gerne in Herden. Vermissen sie die Wälder, durch die ihre Vorfahren zogen, ihre Bewegungsfreiheit? Wie ist es mit der zunehmenden Technisierung im Stall, die den Menschen ersetzt? Hat der Bauer doch im Verlauf der Domestikationsgeschichte einen wichtigen Stellenwert im Leben der Kuh eingenommen – und ist nun im Begriff, sich zurückzuziehen.

Dr. Anet Spengler Neff vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick (AG) beschäftigt sich intensiv mit Kühen. Sie sagt: «Das Rind ist ein ausgesprochener Grasfresser.» Auch Ur-Rinder hätten sich von Gras ernährt und Laub von Ästen gezupft. «Ideal ist, wenn Hecken Weiden umranden und Kühe an den Ästen fressen können. Sie enthalten viele Mineralstoffe. Wenn Kühe an einer Hecke entlang trotten, wollen sie sofort Blätter abreissen», betont die Rindviehspezialistin, Hobbybäuerin und Agronomin.

«Die Zahmheit des Rindes ist etwas Besonderes.»

Dr. Anet Spengler Neff, FiBL, Hobbybäuerin und Agronomin

 

Die Kuh als Wiederkäuer verbringe natürlicherweise viel Zeit mit Liegen und Kauen. Anet Spengler ist deshalb nicht grundsätzlich gegen Anbindeställe. Sie sagt: «Wenn die Tiere mit dem ganzen Körper auf dem Läger liegen können, gut eingestreut ist und sie täglich nach draussen dürfen, geht es ihnen gut.» Es sei früher normal gewesen, die Kühe zweimal am Tag loszubinden, um sie an den Brunnen zu lassen, damit sie trinken konnten. «Dort haben die Kühe auch ihre sozialenInteraktionen ausleben können, der Bauer sah, wenn eine stierig war.» Ein Laufstall sei für rangniedereTiere ein Problem, wenn er nicht richtig konzipiert sei. «Liegeboxen mit vorderem Ausgang für jedes Tier und eine Fixierung beim Fressen sind wichtig», betont Anet Spengler und streicht heraus: «Junge, zum ersten Mal trächtige Kühe, die schon Milch geben, sind am anspruchsvollsten betreffend Ernährung, aber sie haben innerhalb der Herde einen niederen Rang. Auf sie muss besonders geachtet werden.»

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Eine gute Beziehung zwischen Mensch und Kuh sei für die Tiere ein Gewinn. «Die Zahmheit des Rindes ist etwas Besonderes, das sich nicht einfach so in derNatur entwickelt.» Habe ein Landwirt jedoch keine Lust auf eine nahe Beziehung zu seinen Rindern, dann sei es besonders wichtig, dass die Technik gut und komplett verlässlich sei. «Der Kuh fehlt zwar die nahe Beziehung zum Menschen, aber sie hat alles, was sie braucht zum Leben, und sie hat Artgenossen.» Wenn ein Mensch eine gute Beziehung mit den Tieren einübe, könne ihm dies auch im Umgang mit anderen Menschen helfen. «Auch beim menschlichen Gegenüber gilt es, seelische Befindlichkeiten zu verstehen und den Zugang zu finden. Man merkt den Kühen an, dass sie es mögen, wenn ein Mensch an ihnen interessiert ist.»

Eine gute Technik schliesse nicht aus, dass der Landwirt zugleich eine gute Beziehung zu seinen Kühen habe. «Am FiBL-Hof in Frick haben wir beispielsweise einen Roboter-Melkstand. Der Pächter hat aber eine ausgezeichnete Beziehung zu jeder einzelnen der30 Kühe.» Sie kenne auch Landwirte, die 60 bis100 Kühe hielten und eine intensive Beziehung zu den Individuen unterhielten. «Sie setzen viel Zeit dafür ein.» Eine gute Technik sei nie ein Fehler. Wenn ein Landwirt jedoch keine Freude an digitaler Elektronik habe, funktioniere es zum Beispiel mit dem Roboter nicht.

Eine gute Beziehung zu Rindern können auchSpazierende pflegen – und sich daran freuen, wenn ihr Interesse auf Gegenliebe stösst. Die Tiere auf derWeide heben die Köpfe, schauen, manche trotten vorsichtig zum Zaun und schnauben. Warum nicht kurz innehalten und sie ansprechen? Ihnen zuzuhören, lohnt sich: Die Symboltiere der Schweiz haben Respektverdient.

Mehr zum Wohlbefinden von Kühen: kuh-signale.ch

 

Rinder in KürzeKleingruppen: natürliches Lebensumfeld von Wildrindern
Bullen bei Wildrindern: schliessen sich Gruppen an, stehen bei geschlechtsreifen Kühen oder leben in Gruppen unter sich
Mimik: wenig ausgebildet, Rinder kommunizieren mit der Haltung des Halses, Kopfs, der Ohren und der Hörner
Interaktion: gegenseitiges Belecken an Schultern und der Wamme, aber auch Kampfhandlungen, gegenseitigesVertreiben
Trächtigkeitszeit: je nach Rasse zwischen 280 und 290 Tagen
Mutter-Kalb-Beziehung: Die Mutter bleibt in den ersten Tagen beim Kalb, später schliesst sich das Kalb Gleichaltrigen an
Saugzeit: zum Beispiel bei Schottischen Hochlandrindern bis zehn Monate
Wiederkäuer-Magen: Meistens sind die Vormägen im Alter von 16 Wochen bereit dazu, als Wiederkäuer-Mägen zu arbeiten. Ganz ausgebildet sind sie im Alter von einem Jahr.
Milchkuh: Eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie trächtig war und ein Kalb auf die Welt gebracht hat. Damit sie die Milchleistung erbringt, wird sie jedes Jahr besamt, oft künstlich. Das Kalb wird auf den meisten Milchwirtschaftsbetrieben kurze Zeit nach der Geburt von der Mutter getrennt.
Kalb, Rind, Kuh: Das Kalb wird zum Jungrind oder Gusti, das mit zwei bis drei Jahren zum ersten Mal kalbt und zur Kuh wird
Lebenserwartung: Eine Milchkuh hat eine natürliche Lebens-erwartung von bis zu 25 Jahren. In der Schweiz werden Milch-kühe heute manchmal aus gesundheitlichen, manchmal aus wirtschaftlichen Gründen im Alter zwischen fünf und sechs Jahren geschlachtet. Zuchtbullen werden durchschnittlich nach drei Jahren geschlachtet, Mastrinder nach zwei Jahren, Intensivmaststiere nach einem Jahr, Kälber nach fünf oder sechs (bio) Monaten, Mutterkühe werden bis zu neun Jahre alt, bis sie geschlachtet werden.
Futter: Raufutteranteil (Gras, Heu, Silage) zwischen 75 und87 %, Rest Maissilage, Kraftfutter und anderes wie Rüben

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Häufige Rinderrassen in der Schweiz

In der Schweiz werden über 40 verschiedene Rinderrassen gehalten. Hinzu kommen vereinzelt sogar Exoten wie Wasserbüffel oder Buckelrinder. Manche sind Zweinutzungsrassen, dienen also der Flsich- und der Milchgewinnung. Eine Auswahl häufiger Rassen. 

Lars Lepperhoff

Swiss Fleckvieh

Swiss Fleckvieh eignet sich sowohl als Milch- wie auch als Fleischrasse, wobei die Betonung auf der Milch liegt. Die Rasse entstand durch Einkreuzungen von Red Holstein Stieren mit Simmentaler Kühen. Etwa 65 Prozent der Blut-anteile heute stammen von Holsteinern und 35 Prozent von Simmentalern. Die Kombination der wirtschaftlichen Vorteile der beiden Ursprungsrassen ist die Stärke des Swiss Fleckvieh. Vor allem im Kanton Bern ist die Rasse mit dunkelroter Grundfarbe und weissem Kopf verbreitet, weiter auch in der Nordschweiz.

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Simmentaler

Diese Rasse trägt ihren Ursprungsort im Namen. Sie ist berggängig und zum Melken ebenso geeignet wie als Fleischrasse. Diese Kuh ist eng mit der SchweizerGeschichte verbunden. Das Alemannenrind gilt als Ausgangsrasse für die Simmentaler. Freiherr Berchtold von Waediswil, Vorsteher der Hofhaltung des Klosters Einsiedeln, siedelte nach der Heirat 1224 mit Ita von Unspunnen mit Besitz und Tieren des Klosters Einsiedeln ins Berner Oberland um. Dieser Schritt gilt als Beginn der Simmentaler-Rasse, die später zum Exportschlager wurde.

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Montbéliarde

Montbéliard ist eine französische Stadt, wenige Kilometer vom Pruntruter Zipfel entfernt. Dort hat die Kuhrasse Montbéliarde ihren Ursprung. Sie entstand durch die Kreuzung von Simmentaler Kühen mit einer französischen Landrasse. Deshalb sind Montbéliarde dem Swiss Fleckvieh sehr ähnlich. Das Hauptzuchtgebiet dieser Zweinutzungsrasse liegt im Jura und in der Westschweiz. Typisch sind die Rot-Weiss-Scheckung, der kräftige Körperbau, der weisse Kopf und Bauch sowie die weissen Beine.

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Jersey

Jersey bilden eine Nischenrasse, gewinnen aber anBedeutung in der Milchwirtschaft. Die Milch zeichnet ein ausserordentlich hoher Fett- und Eiweissgehalt aus. Die Rasse wurde vor Jahrhunderten auf der Kanalinsel Jersey herausgezüchtet. Wegen der isolierten Lage und aufgrund von Vorschriften, die 1789 erlassen wurden, gelang die Zucht ohne Beeinflussung durch andere Rassen. Jersey sind gelblich bis hellbraun und klein. Die Kühe wiegen nur bis 400 Kilo. Im Vergleich: Simmentaler können bis850 Kilo wiegen.

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Holsteiner

Der Name steht für eine leistungsstarke Milchkuh. Sie ist eine der am weitesten verbreiteten Rassen in der Schweiz und weltweit. Holstein meint die schwarz-weisse Variante, Red Holstein, die rot-weisse. Ihre Ursprünge liegen in den USA. In den 1860er Jahren wurden Holstein-Friesische Tiere von Deutschland in die USA verschifft und weiter gezüchtet auf Grösse und Leistung. Daraus entstanden auch die Holsteins. Ab 1960 wurden in der Schweiz rote Holsteiner mit Simmentalern und schwarze Holsteiner mit Freiburger Schwarzfleckvieh eingekreuzt.

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Eringer

Eringer sind hauptsächlich in Walliser Seitentälern verbreitet. Es handelt sich um eine kleine Kuh und um eine alte Rasse, deren Zuchtstandard 1884 festgelegt wurde. Sie hat ihren Namen Hérens oder Eringer vom Walliser Val d’Hérens oder Eringertal. Dieses Rind ist hervorragend an bergiges Gelände angepasst. Meist ist das Fell schwarz, manchmal auch dunkelrot. Vorgänger der Eringer sollen bereits die Römer mit ins Wallis gebracht haben. Nicht nur der Stier, sondern auch die Kühe haben ein hohes Kampfpotenzial. Die Walliser Eringerkämpfe sind bekannt.

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Braunvieh

Das Braunvieh ist eine Schweizer Rasse. Die Zucht begann bereits im 15. Jahrhundert im Kloster Einsiedeln (SZ). Neben der klar ausgerichteten Zucht im Kloster entstanden besonders in der Ostschweiz Lokaltypen. Nach Förderung der Viehzucht durch den Schweizer Bundesstaat 1848 gibt es ab 1880 nur noch einen offiziellen Schlag des Braunviehs. Seit Mitte der 1960er Jahre wurden Einkreuzungen mit in den USA gezüchteten Brown-Swiss vorgenommen. Braunvieh ist berggängig und wird als Milch- undMutterkuhrasse gehalten.

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Angus

Die Rasse Angus ist beliebt in der Mutterkuhhaltung. Es handelt sich um einfarbig schwarze oder rote Tiere – eine typische Fleischrasse. Den Ursprung haben die genetisch hornlosen Angus im Nordosten Schottlands bei Aberdeen. Die Angus sind von Natur aus anpassungsfähig. Die Kühe haben einen ausgeprägten Mutterinstinkt. Deshalb behüten und führen sie ihre Kälber vorbildlich. Erste Einträge im Angusherdebuch sind von 1850 bekannt, in der Schweiz werden sie seit Ende der 1970er Jahre gezüchtet.

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