Herr Leiber, nicht selten wird mit dem Finger auf die Rinderhaltung gezeigt, wenn es sich um Emissionen dreht, die den Klimawandel beschleunigen. Hängt es wirklich mit dem «Pupsen» der Kuh zusammen?
Dr. Florian Leiber: Es hängt mit dem Methan zusammen, das aber nicht beim «Pupsen» austritt, sondern aus dem Maul der Kuh entweicht. Während wir Menschen kein Gras verdauen können, können Kühe mithilfe von Mikroorganismen, die in ihrem grossen Vormagen leben, die Fasern spalten. Dadurch werden der Kuh die Nährstoffe aus dem Gras zugänglich, doch entsteht dabei auch das Methan.
Und was hat Methan mit dem Klimawandel zu tun?
Methan hat grosse Auswirkungen auf das Klima. Da es in der Atmosphäre Wärme zurück auf die Erde reflektiert, entsteht ein Erwärmungseffekt. Und dieser Effekt ist wesentlich grösser als bei CO2 – pro Molekül und Masse hat es etwa die 30-fache Wirkung von CO2. Allerdings zerfällt das Methan mit einer Halbwertszeit von zwölf Jahren in der Atmosphäre wieder recht schnell. Das heisst von dem heute emittierten Methan wird in 100 Jahren gar nichts mehr da sein. Im Gegensatz zu CO2 akkumuliert es sich in der Atmosphäre nicht und wird deshalb nicht mehr, wenn die Rinderhaltung konstant bleibt. Das ist der grosse Unterschied zu CO2 aus der fossilen Verbrennung, welches die Atmosphäre nicht mehr verlässt. Dadurch, dass sich CO2 akkumuliert, wird die CO2-Konzentration in der Atmosphäre jedes Jahr höher.
Würde eine Reduktion der Rinderhaltung dem Klimawandel entgegenwirken?
Wenn wir die Rinderzahl reduzieren, hätte das grundsätzlich einen klimaschonenden Effekt. Global nimmt der Bestand nämlich zu, in der Schweiz ist er jedoch rückläufig. Würden wir ihn hier noch weiter senken wollen, stellen sich zwei Fragen: Was gewinnen wir dadurch – und was passiert mit den Graslandflächen, die rund 70 Prozent der Schweizer Fläche ausmachen? Erstens geht es um die Ernährungssicherheit. Gras ist eine Ressource, die wir Menschen nicht direkt nutzen können, Wiederkäuer jedoch in Milch und Fleisch umwandeln. Da Schweizer Kühe grösstenteils mit Gras statt mit Getreide gefüttert werden, besteht kaum Konkurrenz zur menschlichen Ernährung. Zweitens betrifft es den Erhalt der Graslandflächen. Ohne Beweidung verschwinden sie langfristig. Damit gingen wertvolle Flächen für künftige Generationen verloren, ebenso Lebensräume mit hoher Biodiversität – bei einem sukzessiven Wald würde sie massiv einbrechen. Zudem speichern Weiden beträchtliche Mengen Kohlenstoff und sind damit klimarelevant. Wägt man all diese Aspekte ab, ergibt sich für mich eine klare Schlussfolgerung: Das Schweizer Grasland muss genutzt und erhalten werden.
Gibt es denn Unterschiede zwischen konventioneller und ökologischer Rinderhaltung hinsichtlich Klimaeffekt?
Die gibt es, vorrangig wegen der intensiveren Fütterung der Kühe in der konventionellen Rinderhaltung mit mehr Getreide-, Soja- und Maisanteil – vor allem im Ausland ist sie sehr intensiv. Zwar sind die Methanemissionen pro Liter Milch dadurch tiefer, doch gleichzeitig fallen andere Emissionen an – etwa CO2 aus Futteranbau, Transport und der Herstellung von mineralischem Stickstoffdünger. Hinzu kommt, dass für den weltweit steigenden Sojaanbau nach wie vor Regenwald gerodet wird. Die treibende Kraft dafür ist die intensive Fütterung von landwirtschaftlichen Nutztieren. Diese globalen Effekte auf die Landnutzung bestehen bei der Bio-Kuh deutlich weniger und bieten somit einen nicht zu unterschätzenden Klimaschutzaspekt. Wenn ich in der Schweiz biologische Milchprodukte oder Fleisch kaufe, dann weiss ich auch, dass nur ein Minimum an Kraftfutter verfüttert wurde. Doch es gibt auch sehr viele konventionelle Betriebe in der Schweiz, die eine sehr gute graslandbasierte Produktion praktizieren. Allgemein gesehen hätte diese aber noch Luft nach oben und könnte konsequenter gestaltet werden.


