Herr Gerber, die 2023 gegründete MUKA Käserei AG ist die erste Schweizer Käserei, welche auf muttergebundener Kälberaufzucht (MuKa) basiert. Wie läuft das Geschäft bis anhin?

Stefan Gerber: Bis Ende 2024 waren wir in einer Aufbauphase. Ab 2025 konnten wir schliesslich mit der ersten Produktionsphase in der ehemaligen Käserei Wäseli in Vechigen starten. Unseren ersten Käse – Mutschlis und Halbhartkäse – verkaufen wir im Frühling. Im Sommer konnten wir die Produktion weiter steigern. Während dieser Pilotphase haben wir sehr viel gelernt, es gab aber auch einige Hürden zu überwinden. Dazu zählte schon nur der Umbau der Käserei: Früher wurde in der Anlage Emmentaler produziert – punkto Produktion und Pflege ist das nicht dasselbe wie ein geschmierter Käse, wie wir ihn herstellen.

Welche Produkte gibt es aktuell von der MUKA Käserei AG zu kaufen?

Momentan bieten wir in der Käserei Mutschli und Raclettekäse an.

Unterscheiden sich die MuKa-Produkte geschmacklich von konventionellen Milchprodukten?

Rein geschmacklich merkt man nichts. Die Milch unterscheidet sich minim punkto Fettgehalt: Derjenige der MuKa-Milch ist tiefer. Doch ich behaupte: Die Geschichte hinter MuKa-Produkten gibt einen guten Nachgeschmack.

MUKA Käserei AG Die MUKA Käserei AG wurde 2023 gegründet und verarbeitet seit 2025 in Vechigen (BE) Milch von Produzenten, deren Kühe ihre eigenen Kälber während mehreren Monaten säugen und aufziehen dürfen.

Sie sind nicht nur Verwaltungsrat bei der Käserei, sondern auch Milchproduzent. 2022 haben Sie die Milchproduktion auf Ihrem Biohof Bachgut in Trub (BE) auf MuKa umgestellt. Was hat Sie dazu bewogen?

Meine Frau und ich hatten schon länger darüber diskutiert, ob es nicht möglich wäre, das Kälberaufzucht-System zu verbessern. Früher hatten wir Tränker verkauft – also Kälber, die mit fünf Wochen den Hof verlassen haben. Die Trennung von den Mutterkühen hatte uns jedoch immer gestört. So entstand der Wunsch, die Kälber so lange wie möglich bei ihren Müttern zu lassen. Irgendwann stiessen wir auf den Verein Cowpassion. Dann haben wir in Trub einen anderen Hof besucht, der nach dem MuKa-System des Vereins produziert. Das hat uns überzeugt. Letztendlich war es für uns eine Herzenssache.

Wie viel Ihrer Milch geht an die Kälber, wie viel an die Käserei?

Die MuKa-Fachstelle hatte die Daten bei den bestehenden MuKa-Betrieben erhoben: Die abgelieferte Milch reduzierte sich um einen Drittel. Im Durchschnitt trinken die Kälber zwischen 2500 bis 3000 Liter. Diese Milch gönnen wir ihnen gerne. Der Drittel, den sie trinken, zeigt sich stark in der Milchabrechnung. Die Umstellung tat schon weh: Jedes Kalb, das Milch trank, reduzierte das Milchgeld. Natürlich spürten wir diese fehlende Liquidität. Doch mit der MUKA Käserei AG haben wir die Hoffnung, dass wir das auch wieder umkehren und diese Lücke schliessen können.

Der Verein Cowpassion betont, das MuKa-Konzept bringe Vorteile für die Gesundheit der Kälber. Inwiefern?

Da die Kälber so lange die Milch ihrer Mutter trinken können, haben sie Zeit, sich optimal zu entwickeln. Nach dem System des Vereins Cowpassion dauert diese Phase mindestens vier Monate. Das widerspiegelt sich nicht nur in ihrem Körperbau, sondern auch in ihrem Immunsystem: Gegenüber Kälbern, die getränkt werden, sind MuKa-Kälber viel robuster. Wer MuKa-Produkte konsumiert, hat die Gewissheit, dass die Kälber weniger krank sind und weniger Medikamente benötigen. Unsere Kälber haben keine Krankheiten wie Durchfall oder Atemwegserkrankungen mehr. Wir haben sehr robuste Tiere, und das schreibe ich klar dem MuKa-Prinzip zu. Bei unseren Mutterkühen zeigen sich ebenfalls positive Effekte: Ihre Eutergesundheit ist in drei Jahren MuKa besser geworden. Wir haben keine Kuh mehr, die während der Säugezeit einen Euterinfekt hat, denn die Kälber saugen angehende Infekte heraus. Auch das Gefüge in der Herde ist bei MuKa anders: Wenn Kälber dabei sind, verändert sich das Sozialverhalten der Kühe. Das ist sehr schön zu beobachten: Wenn ich die Fürsorge von Mutterkühen gegenüber ihren Kälbern sehe, geht mir das Herz auf.

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Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht, seit Sie in Ihrem Betrieb auf MuKa-Haltung umgestellt haben?

Wir erhielten positive Rückmeldungen von Menschen, die bei uns auf Kontrolle waren: Viele davon betonten, wie schön die Tiere sind. Das hat sich auch diesen Sommer bestätigt: Seit dem 1. Juli müssen alle Kälber gegen fieberhafte Atemwegserkrankungen geimpft werden, sofern sie den Geburtsbetrieb vor dem Alter von 57 Tagen verlassen. Die Branche hat sich für das Impfen ausgesprochen: Das fand ich schade, denn eigentlich wäre die Lösung mit der Natur ja da: Sowohl Stress als auch die Keimbelastung bei Umplatzierungen könnten durch das Abtränken vermieden werden. Doch das hat mir auch wieder gezeigt, dass wir mit MuKa auf dem richtigen Weg sind.

Oft liest man auch von mutter- und ammengebundener Kälberaufzucht. Welche Rolle spielen denn Ammenkühe in der MuKa-Philosophie?

Ammenkühe spielen keine Rolle. Die MuKa-Fachstelle und der Verein Cowpassion haben klar betont, dass nur die Mutterkühe ihre Kälber tränken sollen. Andere Systeme ziehen Ammenkühe bei. Wenn Ammen im Spiel sind, ist es aber nicht ganz ehrlich, diese Milch als MuKa zu deklarieren. Darum steht die Käserei auch hinter dem Cowpassion-System, denn dieses ist konsequent.

Zurück zur MUKA Käserei AG: Wie kommen die Produkte bisher bei der Kundschaft an?

Gut. Wir erhalten immer wieder Rückmeldungen und auch Rückfragen, wann es wieder Käse gibt. Die Kundschaft ist da, die Nachfrage ebenso. Die Challenge ist, dass sie in der ganzen Schweiz verteilt sind und erreicht werden muss – sei es über Direktversände oder über Läden. Das ist eine grosse Herausforderung.

Nur etwa jeder tausendste Milchbetrieb betreibt MuKa-Haltung. Glauben Sie, dass einmal mehr Betriebe in der Schweiz auf MuKa umstellen werden?

Beides. MuKa hat sicher eine Chance. Ich bin mit vielen Kolleginnen und Kollegen im Austausch, die von diesem System überzeugt sind. Die Hürde ist aber der Milchpreis. Wenige sind bereit, auf MuKa umzustellen, weil der durch die Kälber generierte Milchverlust finanzielle Einbussen bedeutet. Solange das so ist, wird man nicht in Massen umsteigen.

Welche Pläne hat die MUKA Käserei AG für das Jahr 2026?

Unser Ziel ist es, uns dauerhaft im Markt etablieren zu können. Wenn dies geschafft ist und wir die Produktion steigern können, ginge es auch darum, Höfe zu finden, die bereit sind, auf MuKa umzustellen. Doch ich glaube, das wäre die kleinste Hürde.

Zur Person Stefan Gerber ist gelernter Landwirt und bewirtschaftet mit seiner Familie den Biohof Bachgut in Trub (BE). Er ist Verwaltungsratsmitglied der MUKA Käserei AG.