Ziervogellexikon
Felsensittich, Koloniebrüter in Felsenhöhlen
Felsensittiche stammen aus trockenen Regionen Chiles und Argentiniens. Sie brüten kolonieweise in Felsenhöhlen. In Argentinien brüten die Sittiche sogar zu Hunderten direkt an der Atlantikküste, wie Meeresvögel.
Steckbrief
Wissenschaftliche Bezeichnung: Cyanoliseus patagonus
Unterarten: Kleiner Felsensittich (Cyanoliseus patagonus patagonus), Anden-Felsensittich (Cyanoliseus patagonus andinus), Chilenischer Felsensittich (Cyanoliseus patagonus bloxami)
Herkunft: Chile (Unterart bloxami) und Argentinien
Grösse: 45 bis 50 cm
Wildfarbe: braun-gelbliches Gefieder mit rotem Unterbauch. Die Unterart bloxami aus Chile zeichnet sich durch einen ausgeprägten weissen Latz aus.
Mutationen: keine
Geschlechtsunterschiede: keine
Ringgrösse: 9,5 mm
Lebenserwartung: keine genauen Details bekannt, ungefähr um die 25 Jahre
Platzansprüche: Voliere von ca. 4 x 1,50 x 2 Meter.
Ausstattung: Äste, Felsen
Stimme: laut und durchdringend
Haltung: kolonieweise oder paarweise
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Herkunft und Geschichte
Felsensittiche leben in kargen Landschaften Argentiniens und Chiles. In Argentinien, südlich der Einflussstelle des Flusses Rio Negro in den Atlantik, liegt das Dorf El Cóndor. Dort leben tausende von Felsensittichen. Kurz nach 7 Uhr taucht die Sonne die Felsklippen in Goldgelb, am stahlblauen Himmel fliegen grosse Schwärme der lärmenden Sittiche, die mit ihren hübschen, braun, gelblichen Farben in der Felswand verschwinden, wenn sie sich daran festkrallen. Es wurden dank sektorenartig angelegten Fotos rund 37’000 aktive Nisthöhlen gezählt, der Sittichbestand wird auf 70‘000 Individuen geschätzt.
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Paare halten fest zusammen, ein Leben lang. Auf den Felsklippen sitzend tauschen immer wieder je zwei Sittiche Zärtlichkeiten aus, einer verschwindet in die Felshöhle, während der andere davor wacht. Die Sittiche graben mit ihren Schnäbeln Höhlen in den Sandstein. Ein Paar benützt die gleiche Höhle jedes Jahr und erweitert sie. Spuren von Krallen und Schnäbeln finden sich zahlreich an abgebrochenen Quadern. Die Höhlen führen oft nicht waagrecht nach hinten, sondern zweigen ab und können gut einen Meter tief sein. Eine Höhle wird nur von einem Paar benützt. Die Felsensittiche legen im Oktober zwei bis fünf Eier. Ihr Lebensraum befindet sich südlich des Äquators. Nach einer Aufzuchtzeit von 60 Tagen fliegen die Jungen aus.
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Erst kürzlich wurde festgestellt, dass Felsensittiche alle einen Parasiten in der Nase und im Schnabel haben, der nur bei ihnen vorkommt. Es scheint, dass sie damit leben können. Der argentinische Biologe Mauricio Failla findet einen jungen, toten Sittich direkt unterhalb der Steilküste. Er macht die Probe aufs Exempel und klaubt mit einem dünnen Zweiglein aus dem Nasenloch des verendeten Jungsittichs ein winziges Insekt. Er beobachtete, dass junge, ausgeflogene Felsensittiche anderen Paaren, die noch nicht so weit sind, bei der Aufzucht ihrer Jungen helfen.
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Das Leben in der Kolonie hat Vorteile. So wird nicht nur der Feinddruck verringert, sondern Paare profitieren von Helfern. Felsensittiche sind sehr sozial. Die Höhleneingänge liegen teilweise nur rund 40 cm auseinander. Manchmal sieht man, wie sie sich im Flug kurz streiten, oder ist es eher ein Spiel? Es ist ungewöhnlich für eine Papageienart, direkt an der Meeresküste zu leben. Das ist sonst das typische Refugium von Meeresvögeln wie Kormoranen und Scharben. Felsensittiche leben aber auch im Landesinnern. Zum Beispiel an einer Ausfallstrasse der Stadt Bahia Blanca im Süden der Provinz Buenos Aires am Atlantik. Dort vermischen sich ihre Rufe mit dem Rattern von Lastwagen. Seitlich einer Strasse brüten sie in Felshöhlen, die sie offensichtlich selbst in das lockere Gestein gegraben haben. Als die Strasse mit Baggern gebaut wurde, ist wohl dieser Abhang entstanden, da Erdreich abgetragen wurde. Eine kleine Kolonie Felsensittiche hat diesen Ort als Brutstätte auserkoren. Ein Paar sitzt auf einer Strassenlampe und schäkert.
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Wenn an diesen Schauplätzen in Argentinien auch der Eindruck entstehen könnte, dass Felsensittiche häufig sind, so gilt die Art doch als gefährdet. Die Kolonien sind nämlich nicht geschützt. Es ist noch nicht so lange her, dass die Sittiche von El Cóndor von Bauern als Schädlinge vergiftet wurden.
Unter Menschenobhut werden Felsensittiche seit jeher in Europa selten gehalten. Erstmalig wurde die Art 1868 im Zoo London gezeigt. Lange Zeit hielt der Zoo Zürich eine Kolonie im Exotarium, gab die Haltung aber auf. Derzeit werden sie noch im Tierpark des Pfegeheims Jeuss (BE), in der Voliere Mon-Repos in Lausanne (VD) und im Vogelpark Ambigua in Zeihen (AG) gehalten. Auch in Züchterhand sind sie noch vertreten.
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Eignung als Heimtier
Wer Felsensittiche hält, muss tolerante Nachbarn haben. Sie halten stetig mit ihren Lautäusserungen Kontakt zueinander, dies vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Als Heimtiere sind sie nicht geeignet. Wer aber entsprechend abgelegen wohnt, kann sie im Schwarm pflegen. Es ist besonders interessant, das Sozialverhalten der Individuen zu beobachten.
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Erwerb
Felsensittiche können über Mitglieder der Züchterverbände Exotis und Ziervögel Schweiz erworben werden. Die Exotis führt eine Bestandesliste. Zudem besteht die Möglichkeit, mit Bewilligungen Felsensittiche aus Zuchten im benachbarten Ausland, beispielsweise aus Deutschland, zu importieren.
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Ernährung und Pflege
In der Natur suchen Felsensittiche ihre Nahrung in der niederen Buschvegetation Patagoniens. Sie besteht aus Samen, Beeren und Früchten, aber auch aus Getreide und Mais, da sie über Felder herfallen. Unter Menschenobhut ist ein Körnergemisch für südamerikanische Sittiche ideal, das vom Frühling bis in den Sommer auch gekeimt gereicht werden kann. Es besteht zu einem grossen Teil aus schwarzen, gestreiften und weissen Sonnenblumenkernen, aus Kardi, Dari, Buchweizen, Hanf, Paddy-Reis, Adzuki-Bohnen, Katjang, Hafer, Weizen, Glanz, Hirse, Mariendistel, Wicken, Baumsaaten und verschiedenen Melonenkernen. Hinzu kommen täglich Früchte und Gemüse. Kalksteine und Sepiaschalen müssen stetig verfügbar sein. Felsensittiche benützen meist keine Badegelegenheit, weil sie auch in der Natur fehlt. Sie sollte aber dennoch angeboten werden.
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Zucht
Felsensittiche gehören zu den wenigen Papageienarten, die in einer Kolonie gezüchtet werden können. Oft brütet dann aber nur das dominante Paar sowie zwei bis drei weitere Paare. Obwohl die Art in der Natur in Felshöhlen brütet, nimmt sie auch bereitwillig Nistkästen an, die mit Sägespänen als Unterlage gefüllt werden können. Der Innendurchmesser des Kastens kann etwa 23 Zentimeter betragen. Es werden zwei bis vier Eier gelegt. Nach 23 bis 24 Tagen schlüpfen die Jungen und werden etwa acht Wochen von den Eltern aufgezogen. Die Jungen sind am hellen, hornfarbenen Oberschnabel zu erkennen. Im Alter von etwa acht Monaten färbt er sich ins Schwarze um. Nach dem Ausfliegen werden die Jungen noch von den Eltern weiter gefüttert. Manchmal helfen sie gar bei der Betreuung anderer Jungen. Die Erstzucht gelang wohl im Jahr 1955 im Zoo Prag in Tschechien, 1977 gelang sie bei einem Schweizer namens Kaufmann, dies gemäss den Aufzeichnungen im Buch von Dr. Franz Robiller «Papageien – Südamerika» (Verlag Ulmer).
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Lustig
In The Tropical Bird Gardens in Rode in der Nähe der Stadt Bath in der britischen Grafschaft Somerset wurde die Art von Donald Risdon 1977 gezüchtet. Er war spezialisiert darauf, verschiedene Papageienarten im Freiflug zu halten und versuchte das auch bei den Felsensittichen. Er konzipierte eine Voliere, die es ermöglichte, jeweils einzelne Exemplare in den Freiflug zu lassen. Obwohl es lange gut ging, verflogen sich einzelne FElsensittiche und mussten zurückgeholt werden. Der heute nicht mehr existierende Vogelpark befand sich weitab einer Stadt auf dem Land.
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Wo aber nächtigen die Felsensittiche von El Cóndor, wo es keine hohe Bäume hat? Entlang der Küstenstrasse, die nach hinten zurückversetzt wurde wegen der steten Erosion der Küste, ziehen sich Stromkabel. Auf ihnen sitzen Felsensittiche aufgereiht wie Soldaten. Doch als die Sonne ganz verschwindet und sich die Nacht ausbreitet, fliegen auch sie weg. Wohin? Wenig später ist Mauricio Failla mitten in der Küstensiedlung El Cóndor. Laute Latinomusik plärrt aus Lautsprechern rund um die Busstation, Massen von Menschen tummeln sich in Hinterhöfen und auf der Strasse. Doch aus den Kronen der hohen Eukalyptusbäume kreischen und zetern hunderte, wenn nicht tausende von Felsensittiche. Sie sitzen im Licht der Strassenlampen auf Masten und Stromkabel. Unglaublich der Lärm, der die Musik übertönt und zeitweise untermalt!
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Namensgebung
Der Felsensittich wurde 1818 von dem französischen Ornithologen Louis Jean Pierre Vieillot als Psittacus patagonus erstmals wissenschaftlich beschrieben. Die heute gültige Gattungsbezeichnung Cyanoliseus wurde 1854 von Prinz Charles Lucien Bonaparte eingeführt. Die Gattungsbezeichnung weist auf die Farbe der Sittiche hin. «Cyan» bedeutet Türkis, also etwas zwischen Blau und Grün, «oliseus» heisst olivgrün. Es handelt sich um eine monotypische Gattung.
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Besonderheit
Schon Charles Darwin (1809 – 1882) hielt sich 1833 auf seiner Reise zu den Galapagos-Inseln in der Gegend von El Cóndor auf und hat vermutlich die Felsensittiche gesehen. Sein Kapitän Robert Fitzroy hatte scheinbar Probleme bei der Navigation der HMS Beagle wegen der Sandbänke im Delta des Rio Negro, wo seither viele Schiffe strandeten. Der Rio Negro bildet die letzte Süsswasserreserve vor endlosen, flachen Küstenstreifen bis Feuerland. Die Klippen erodieren rund einen Meter jährlich. Somit befand sich die Küste Patagoniens zu Darwins Zeiten viel weiter im Meer und war der Brandung wohl noch mehr ausgesetzt.
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