Kurz vor Jahresende stellt sich die Frage: Wie sichtbar ist dieses meist unsichtbare Tier im Jahr 2024 geworden? Nathalie Rutz, Medienverantwortliche bei Pro Natura, ist mehr als zufrieden. Sie führt genaustens Statistik: «In den letzten Jahren hat es jeweils über 250 Medienberichte zum Tier des Jahres gegeben. Das diesjährige Tier des Jahres – der Iltis – scheint besonders beliebt zu sein und hat diesen Wert deutlich übertroffen.»
Bestnoten also für den Iltis bzw. seinen Job als Botschafter für bedrohte Lebensräume. Er steht exemplarisch dafür, womit viele einheimische Tier- und Pflanzenarten zu kämpfen haben: Seine natürliche Lebensgrundlage ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dahingeschwunden wie heute die Gletscher in den Alpen. Die Hecken, Bäche und Stauden, in denen der Iltis jagt, isst und schläft, sind laut Pro Natura rar geworden. Für den grossflächigen Maschineneinsatz in der Landwirtschaft mussten die Verstecke und Wanderkorridore des dämmerungs- und nachtaktiven Einzelgängers weichen und auch die wenig zimperliche Trockenlegung von Feuchtgebieten ist am Iltis nicht spurlos vorbeigegangen.
Natürliche Lebensräume bewahren
Die Zahlen sprechen für sich: Laut Pro Natura sind 90 Prozent aller Feuchtgebiete in der Schweiz in den letzten 150 Jahren trockengelegt worden. Mit dramatischen Konsequenzen für sämtliche Amphibien – die Leibspeise des Iltisses. Wo es früher vor Fröschen und Kröten wimmelte, sind heute nur noch kleine Populationen unterwegs. Und weil er seine Stimme nicht selbst erheben kann, tut dies Pro Natura deutsch und deutlich: Mehr Weiher, Tümpel, Hecken, Wassergräben, natürliche Bäche und wilde Ecken mit Ast- und Steinhaufen braucht das Land, lautet der eindringliche Appell der Naturschutzorganisation. Denn nur in solch strukturreichen Zonen kann sich das scheue Raubtier mit seinem schlanken, langgestreckten Körper verstecken, vor Feinden schützen oder nach Nahrung suchen.
Der Iltis kämpft täglich ums nackte Überleben: Einen hohen Blutzoll fordert der Strassenverkehr. Aber auch Adler, Uhus, Füchse, Katzen und Hunde sind hinter dem Nomaden ohne fixes Revier her. Gegen seine Feinde fährt er olfaktorisch starkes Geschütz auf: Das übelriechende Sekret, das er bei einem Angriff mittels Analdrüsen absondert, verdirbt selbst den hungrigsten Kreaturen den Appetit. Was wir heute auch wissen: Der Iltis mag festen Boden unter den Füssen, zum Klettern eignet sich sein spezieller Körper weniger. Er ist ein passabler Schwimmer, der auch das Tauchen beherrscht, sich aber nur selten nass macht.
Gefrässiger Heimlichtuer
So richtig im Element ist der Iltis, der sich im Wald, auf Feldern, Wiesen oder in der Nähe von Feuchtgebieten heimisch fühlt, im Frühling. Wenn Grasfrösche und Erdkröten zu ihren Laichgewässern wandern, beginnt für den flinken Karnivoren der Schlaraffenland-Modus: Er schlemmt Froschschenkel um Froschschenkel und legt auch welche beiseite. Und auch wenn wir Menschen ihn kaum je zu Gesicht bekommen, deuten diese morbiden Spuren von aufgetürmten toten Amphibien auf seine Anwesenheit und seinen unbändigen Appetit hin.
Einer, der Iltisse wie kein Zweiter kennt, ist Darius Weber. Er hat seine Dissertation über diese Tiere geschrieben, die etwas kleiner und kompakter als Marder und an der weissen Zeichnung um die Nase und entlang der Ohrränder zu erkennen sind und bis zu acht Jahren alt werden. Der Wildtierbiologe hat für seine mehrjährige Forschung Ende der 1980er-Jahre mehrere Iltisse eingefangen, besendert und wieder freigelassen. Dank der Radiotelemetrie und einem Gehege mit halbzahmen Iltissen lüftete er viele Geheimnisse um diese Tiere, die die meisten nur von Fotos oder aus dem Tierpark Goldau kennen, wo sie während der Fütterung ihre Verstecke kurz verlassen.
«Der Iltis verfügt über ein unglaublich gutes Ortsgedächtnis.»
Darius Weber Wildtierbiologe
Im Rahmen seiner Dissertation konnte Darius Weber die Iltisse mithilfe der Sender auf ihren weitläufigen Streifzügen begleiten und sich ein immer genaueres Bild von ihrem Verhalten machen. Was ihn besonders fasziniert hat: «Der Iltis verfügt über ein unglaublich gutes Ortsgedächtnis. Seine Verstecke findet er auch Monate oder Jahre später wieder.» Was Webers Beobachtungen auch zeigten: «Die Iltisse sind nicht wirklich begnadete Jäger, sondern eher gut im Suchen; ihre Beute spüren sie dank ihres ausgeprägten Geruchs- und Tastsinns auf.»
Leben und überleben
Über den aktuellen Bestand der Iltisse in der Schweiz kann nur gemutmasst werden. Seit zwei Jahren ist er auf der roten Liste der bedrohten Arten. Und mit ihm fast sämtliche Amphibien der Schweiz. Seine Perspektiven sind nicht rosig: Der Rückgang geeigneter Lebensräume und die dramatische Abnahme der Amphibienbestände werden ihm auch in Zukunft – wenn er medial nicht mehr im Rampenlicht steht – das Leben schwer machen.
Doch das nächste Tier des Jahres wird seine Mission fortführen; der Kampf um Lebensräume für Wildtiere ist noch lange nicht zu Ende. Bei Pro Natura hält man die Spezies des Nachfolgers bis Anfang Januar streng unter Verschluss. Mediensprecherin Nathalie Rutz verrät einzig: «Das Tier des Jahres selbst muss nicht vom Aussterben bedroht sein, sondern stellvertretend für einen gefährdeten Lebensraum stehen. Wir bemühen uns um einen ausgewogenen Mix zwischen herzigen, bekannten, faszinierenden und eher unbekannten Tieren.»


