Ein echtes kleines Eichhörnchen!» Vor dem Schaufenster des Cabinet de curiosités in der Freiburger Altstadt steht ein Junge und drückt seine Nase platt. Im Innern des kleinen Ladens macht sich derweil eine Frau bei Raphaël Codourey kundig, wie teuer der ausgestopfte Kolkrabe wäre – ihre Schwester sei seit Längerem auf der Suche nach einem solchen Exemplar. Es sind genau diese Begegnungen, die der Geschäftsinhaber schätzt. «Ich stehe gerne im Kontakt mit Leuten und mag es, mich mit Interessierten auszutauschen.» Genau dies ist dem Tierpräparator in seinem kunterbunten Reich an der Rue de Lausanne möglich. Seit rund 50 Jahren ist er im Metier der Taxidermie, wie die Haltbarmachung von Tierkörpern auch genannt wird, zu Hause. Sein Vater begann 1936 damit, Vögel zu präparieren, arbeitete dann für das Naturhistorische Museum Freiburg und gründete 1977 sein eigenes Atelier. Nun erweckt Raphaël Codourey in Corminboeuf gemeinsam mit seinem Sohn und einem Lernenden Piranhas, Kugelfische, Gämsen, Spechte oder Warane wieder zum Leben. Eine spannende und nicht alltägliche Arbeit, die er liebt und nun auch einem breiteren Publikum zugänglich machen kann.

Zum Lokal mitten in der Altstadt kam der Fachmann ganz zufällig. «Ich machte Bekanntschaft mit Nilza Nydegger, deren Arbeit mit Edelsteinen ich sehr bewundere.» Als dann das Lokal im Erdgeschoss des Altstadthauses, das ihrer Familie gehört, frei wurde, kam von ihr der Vorschlag, dort gemeinsam ein Geschäft einzurichten. Vor sechs Jahren wagte Codourey das Abenteuer und war überrascht, wie viel Anklang sein Kuriositätenkabinett direkt fand.
Vorläufer der Museen
Mit diesem Ort, an dem verschiedenste Objekte aus dem Tierreich und der Natur in einem wilden Mix präsentiert sind, holte der Präparator eine Institution, die in der Renaissance ihre Anfänge hatte, in die Gegen-wart zurück. Ab Ende des 17. Jahrhunderts brachten Reisende und Entdecker allerlei bizarre Objekte von ihren Expeditionen mit nach Europa und stellten die Schädel, Federn, Insekten, Mineralien und Haifischzähne in einer sogenannten Wunderkammer aus. Mit dem Verkauf der exotischen Objekte konnten sich die Naturforscher und Abenteurer einen guten Teil ihrer Reisen finanzieren. «Diese zwischen Naturwissenschaft und Kultur oszillierenden Sammelsurien bildeten die Vorläufer der naturhistorischen Museen»,erklärt Raphaël Codourey.
Nach all den Plastikprodukten scheinen sich die Leute an den natürlichen Objekten zu erfreuen, so der Tierpräparator. Und tatsächlich, wirken die Schädel, Hörner, Skelette und ausgestopften Tiere auf den ersten Blick etwas befremdlich, beim näheren Hinsehen entfalten die ungewöhnlichen Formen und starken Farben einen ganz eigentümlichen Reiz, ja eine Faszination. Seine Klientschaft beschreibt der Geschäftsinhaber äusserst vielfältig. Zum einen kämen junge Leute auf der Suche nach einem Geschenk vorbei. Die in leuchtenden Blau-, Zitronengelb- und Grüntönen schimmernden Schmetterlinge hinter Glas erfreuen sich ebenso wie exotische Käfer grosser Beliebtheit. Die farbigen Schmetterlinge werden speziell zu diesen Zwecken in grossen Farmen gezüchtet, etwa im Amazonasgebiet. Als Dekorationsobjekte finden auch die von Nilza Nydegger mit Federn oder Steinen verzierten Schädel, Gehörne oder Fische grossen Anklang. Dann kämen natürlich auch spezialisierte Sammler auf der Suche nach bestimmten Objekten ins Geschäft. Und mit einer ihm bisher ziemlich unbekannten Kundengruppe hätte er seit Eröffnung des Ladens Bekanntschaft machen dürfen: Bei Leuten aus der Gotik- und Tattoo-Szene sind ausgestopfte Raben oder verschiedene Schädel sehr beliebt.

Filmmäuse und Zoolöwen
Oft leiht der Präparator seine Stücke auch an Filmsets, Theater oder zu Dekorationszwecken an Restaurants aus. «Vor Kurzem präparierte ich eine Maus für einen Spielfilm.» Das kleine Mädchen, das die Maus in den Händen halten sollte, weigerte sich, ein lebendes oder totes Tier anzufassen, dem Kompromiss, mit einem präparierten Tier zu interagieren, stimmte sie zu. Für ein grosses Fest, das unter dem Motto Natur stand, durfte Raphaël Codourey zahlreiche Objekte zur Verfügung stellen und in einer Parfümwerbung sind einige von ihm präparierte Vögelchen zu sehen. Anders als die meisten Cabinets de curiosités, wobei es in der Schweiz nur ganz wenige vergleichbare Geschäfte gibt, muss Codourey kaum etwas ankaufen. Die meisten tierischen Objekte präpariert er selbst. Es sind Wildhüter, die ihm in einem Verkehrsunfall getötete Luchse bringen. Diese präpariert er dann allerding für Museen oder Schulen. Jäger, die Wildschweinschädel präparieren lassen, Zoos, die verendete Löwen zur Verfügung stellen, oder Privatpersonen, die tot aufgefundene Eichhörnchen anliefern.

In der Schweiz dürfen Tiere, die bei einem Unfall umkamen, aus einem Zoo oder einer privaten Voliere stammen, mit einem entsprechenden Herkunftsnachweis präpariert werden. Momentan sei er dran, für das Naturhistorische Museum Freiburg ein Albinoreh zu präparieren, und ein junger Mann liess einen selber gefundenen Schädel mit Halbedelsteinen verzieren. «In meiner bisherigen beruflichen Laufbahn habe ich vom filigranen Froschskelett bis zum riesigen Nilpferdschädel schon so ziemlich alles bearbeiten dürfen.» Am stärksten in Erinnerung ist Raphael Codourey aber ein 4,6 Meter langes Krokodil geblieben.

