Stefanie Wiesinger hält eine Taschenlampe in die Höhe und erklärt, weshalb sie rot leuchtet: «Die meisten einheimischen Tiere nehmen das Licht nicht wahr, weil sie kein Rot sehen können.» Noch ist das nicht wichtig, denn über dem Tierpark Goldau scheint die Sonne. Aber die Umweltingenieurin, die seit vier Jahren hier in der Umweltbildung arbeitet, nimmt eine 15-köpfige Gruppe zur Dämmerungstour mit. An ihrem Ende werden die Personen in fast völliger Dunkelheit auf verschlungenen Pfaden durch das Gelände zurück zum Eingang gehen.
Wenn die Angestellten des Parks Feierabend machen und die Besucherströme versiegt sind, kehrt Ruhe ein. Das Rauschen der Blätter im Wind ist zu hören, ab und zu ertönt ein Schrei aus dem Wald. Und das Empfangskomitee ist eine Mönchsgrasmücke, die eine Arie in den Himmel schmettert. Unbeirrt davon liegen die Luchse faul weit oben in den Bäumen. «Eigentlich sind sie um diese Uhrzeit recht aktiv. Dann gehen die Einzelgänger auf Jagd», erklärt Wiesinger. Doch die Untätigkeit der Katzen lässt der jungen Frau Zeit, viel Interessantes über die Tiere zu erzählen.
«Was ist das Spezielle am Luchs?», fragt sie als erstes in die Runde. «Die Pinselohren.» Ein etwa zehnjähriger Bub weiss Bescheid. Eine Theorie besage, ergänztWiesinger, dass Luchse dank der aufstehenden Haare an den Ohren gut spüren, wo der Wind herkommt. Aber wissenschaftlich nachgewiesen sei dies nicht. Ebenso wenig ist bekannt, warum Luchse im Gegensatz zu anderen Katzen einen so auffällig kurzen Schwanz haben. Gut zu sehen ist auch ihr gepunktetes Tarnmuster.
Der Auftritt der Luchsin
Das fünfjährige Weibchen sei sehr hell und habe fast keine Punkte, während das 15-jährige Männchen stark gepunktet sei, beschreibt Wiesinger die Goldau-Luchse. «Diese Fellunterschiede sind praktisch für die Zählung in der Schweiz.» Die grosse Wildkatze war der erste Beutegreifer, der nach seiner Ausrottung über Frankreich zurück in die Schweiz kam. Im Jura habe man dann Luchse eingefangen und im Nordosten ausgesetzt. Mittlerweile leben gemäss der Stiftung «Kora» für Raubtierökologie und Wildtiermanagement gut 250 Tiere in der Schweiz.
Aber es gebe wenig Konfliktpotenzial, betont Wiesinger: Luchse jagen ein Reh oder eine Gämse pro Woche und fressen peu à peu davon. «Heimliche Tiere» nennt Wiesinger sie. Selbst in der Stadt Zürich huschten sie herum, aber man sehe sie nie. Wie aufs Stichwort tut sich etwas in der Goldauer Luchsanlage. Kinder wie Erwachsene schauen gebannt zu, wie die Luchsin sich aufrichtet, majestätisch getragenen Schrittes auf dem Ast entlang marschiert und sich fotogen präsentiert.
Schlürfgeräusche durchbrechen diese andächtige Stille. Ein Sikahirsch löscht seinen Durst an einem Brunnen. Neugierig bis vorsichtig linst er zu den Menschen, lässt sich von ihnen aber nicht beirren. Die aus dem Fernen Osten stammenden kleinen Hirsche leben in der Freilaufzone. Sie sind Besucherinnen gewohnt. So auch die Mufflons. Eine Junggesellengang der Wildschafe rauscht später an uns vorbei.
Individuelle Erlebnisse im Natur- und Tierpark Goldau
Die nächsten Dämmerungstouren finden am 3. September,7. Oktober und als Vollmondführung am 8. November statt. Der Natur- und Tierpark Goldau hat aber auch ein breites Angebot an individuellen Führungen für Paare, Familien und kleine Gruppen zu bestimmten Themen. Eine der eineinhalbstündigen Touren heisst «Liebesleben im Tierreich», bei anderen geht es um dieGemeinschaftsanlage von Bär und Wolf oder führen Tierpark-Ranger in die Aufgaben und Pläne des Tierparks Goldau ein. Bei «Backstage» schauen die Teilnehmenden hinter die Kulissen und den Tierpflegern über die Schultern. Im Angebot stehen ausserdem Führungen für blinde undsehbeeinträchtigte Menschen, die verschiedene Felle ertasten, den Klängen der Tiere lauschen und die Gerüche im Park erforschen können. Wer schliesslich noch länger im Tierpark verweilen will, kann dort übernachten. Alle Angebote unter: tierpark.ch/fuehrungen-events
Wild- und Hauskatzen sind nicht verwandt
Vorerst geht es aber zu den Wildkatzen – wobei von wild an diesem Abend keine Rede sein kann. Selig schlummert eine Katze eingerollt auf einem hölzernen Vorsprung an einer Astgabel. Ob es das Weibchen ist oder das Männchen, das den Spitzenamen «Grumpy» trägt, ist von Weitem nicht zu erkennen. Mit seinem braungrauen Fell und den schwarzen Streifen amzuckenden Schwanz sieht das schlafende Büsi einem Stubentiger zum Verwechseln ähnlich.
«Wildkatzen sind aber nicht die Stammform unserer Hauskatzen, die von Katzen aus dem Nahen Ostenabstammen», antwortet Stefanie Wiesinger auf eine Frage nach der Verwandtschaft. Deshalb sei es auch nicht gut, wenn sich Wild- und Hauskatzen kreuzen: «Wildkatzen verlieren wichtige Gene, um in der freien Natur überleben zu können.» Sie würden immer mehr wie Hauskatzen.
«Die Fellunterschiede bei den Luchsensind praktischfür die Zählungin der Schweiz.»
Gut 1100 Wildkatzen gibt es gemäss Kora in der Schweiz. Die Einzelgänger kommen in erster Linie im Jura vor, haben ihre Reviere von dort aus mittlerweile etwas ausgebreitet. Nachdem alle über das samtene Wildkatzenfell, das die Guide herumreichen lässt,streicheln und sich die Hoffnungen nach Action im Gehege zerschlagen, geht es weiter – vorbei am Teich, in dem Kolbenenten einander lautstark anmeckern und Gänse im Wasser schnatternd ihre Runden drehen.
Der nächste Stopp ist bei den Rothirschen. Sie futtern genüsslich, während Wiesinger über deren Geweih erzählt. «Je vitaler ein Hirsch, desto grösser ist das Geweih.» Und doch wirft der Rothirschbock seinen Kopfschmuck jedes Jahr ab. Ganz im Gegensatz zu Hornträgern. Wiesinger zeigt das Horn eines Wisents und erklärt, dass es aus ähnlichem Material bestehe wie unsere Fingernägel und konstant weiterwachse.
Weit unten dösen vier Wisentkühe. «Die sehen aus wie Bisons», murmelt ein Besucher. Wisente seien die europäischen Bisons, bestätigt Wiesinger, aber sieseien viel schmaler als ihre nordamerikanischenPendants, kämen besser zwischen Bäume hindurch und seien sehr wendig. Bis ins 11. Jahrhundert auch in Schweizer Wäldern heimisch, war der Wisent auf dem Kontinent vor hundert Jahren in freier Wildbahnausgerottet. Einige der zwei Meter grossen Rinder überlebten jedoch in menschlicher Obhut.
Beitrag zum Erhalt der Wisente
Auf ihnen basierend starteten Zoos ein Erhaltungszuchtprogramm, an dem auch der Tierpark Goldau beteiligt ist. «Deshalb müssen unsere Tiere Namen mit «Tj» tragen», erklärt Wiesinger. So heissen die zwei jüngsten in Goldau geborenen Wisente Tjara und Tjore. Immer wieder werden auch Goldauer Wisente inOsteuropa ausgewildert. Heute leben über 6000 Tiere in Freiheit, die meisten in kleinen, weit voneinander entfernten Revieren in Polen und Weissrussland.
Wichtig war der Beitrag der Zoos auch zur Rückkehr des Bartgeiers. Der mit einer Flügelspannweite von drei Metern grösste Brutvogel in der Schweiz zog früher überall in den Alpen seine Kreise. Im 19. Jahrhundert machten Schauergeschichten über den Aas- und Knochenfresser die Runde. Er raube Lämmer und töte Kinder, hiess es. «Lämmergeier» habe man ihn deshalb genannt, erzählt Wiesinger, «und dass er im Blut seiner Opfer bade». Den Kindern in der Gruppe schauert’s sichtlich. Die Erklärung für die roten Federn, so die Umweltingenieurin, sei einfach: Sie baden in eisenoxid-haltigem Wasser, was die weissen Federn färbe. «Sie gehen sich schminken», nennt das Wiesinger lachend, «doch dies trug nicht zu ihrer Beliebtheit bei.»
In den 1880er-Jahren brüteten die letzten Bartgeier in der Schweiz, 20 Jahre später war der Greifvogel ausgerottet. Die Wende zu seiner Rückkehr läuteten die Tierparks in den 1980er-Jahren ein. Sie starteten mit der Nachzucht der Vögel mit dem Ziel, sie dereinst in Freiheit zu entlassen. Mit Erfolg: Über 230 junge Bartgeier haben die Zoos bereits im Alpenraum ausgesetzt, und 14 davon stammten aus Goldau. «Dies ist ein wichtiger Beitrag moderner Tierparks», ist Stefanie Wiesinger überzeugt.
Die Anwesenden nicken zustimmend und schauen fasziniert zum Felsvorsprung, wo immer wieder ein prägnanter Schnabel hervorschaut. Ob es jener des Männchens Hans ist oder des Weibchens Mascha, ist nicht zu erkennen. Und dann, zur Freude der Vogelfreunde unter den Gästen, zeigt sich das Tier in voller Pracht. Schön sei der Bartgeier ja nicht gerade, sagt eine Frau. «Aber beeindruckend», entgegnet ihr Mann.
Die Show der Eulen
Mittlerweile ist es schon ziemlich dunkel geworden in Goldau. Die Kolkraben begrüssen die Gruppe am Eingang der Eulenvoliere. «Sie sind so schlau», erklärt ein Teenagerbube etwas naseweis. «Wir verstecken ihr Futter und können beobachten, wie sie logisch denken, um daran zu kommen», ergänzt Wiesinger. Kolkraben sind regelrechte Flugkünstler, die auch die grossen Greifvögel in den Alpen zu ärgern wissen.
An diesem Abend spielen die Uhus und Habichtskauze eine Art «Eule ärgere dich nicht». Während die Gruppe in der Uhu-Voliere steht, mögen ihr die grössten Eulen keine Flugshows zeigen. Ganz im Gegensatz dazu die Habichtskauze, die beim Besuch auf und ab, hin und her düsen – und sich gerne an der Grenze zum Uhu-Abteil abhocken. Dies aber ruft die Uhus auf den Plan. Blitzschnell fliegen sie dorthin und verjagen die Kauze dezidiert. Was die Kauze nicht davon abhält, sich immer wieder von Neuem und zum Ärger der deutlich grösseren Uhus am selben Ort niederzulassen.
Die Eulen, sagt Wiesinger, seien die eigentlichen Stars des Abends, «weil wir sie so lange nicht zeigen konnten». Tatsächlich sind Uhu, Habichtskauz, Waldohreule und Co. erst im Februar in ihre neue Voliere eingezogen. Während ihrer Bauzeit waren sie zwei Jahre hinter den Kulissen untergebracht. Sieben Arten mit einem guten Dutzend Individuen hält der Tierpark Goldau, aber man sehe nie alle, sagt Wiesinger. «Viele verstecken sich und sind heimlich unterwegs. Man hört aber ihre Rufe.»
Die Anlage ist in vier Abteile getrennt, Kolkraben, Uhus und Habichtskauze haben ihre eigenen Volieren, während sich Bart- und Waldkauz sowie Waldohr- und Schleiereule eine teilen. «Für den Uhu wären kleine Eulen ein Mitternachtssnack», stellt Wiesinger trocken fest. Die lautlosen Jäger mit der beeindruckenden Flügelspannweite von 1,8 Metern stellen kleineren Vögeln, Spitzmäusen, Ratten, Hasen und Fröschen nach. Sie fressen aber auch Igel. «Mit den Stacheln?», fragt ein Mädchen ganz entgeistert. «Ja, auch mit den Stacheln», antwortet Wiesinger und holt einen Uhu-Fuss aus ihrer Tasche. Er hat vier lange schwarze Krallen, mit denen die grosse Eule erstens sehr gut zupacken kann und zweitens zusammen mit dem Schnabel einen eingerollten Igel öffnen und dann vom Bauch her fressen kann.
Nicht nur das Mädchen ist beeindruckt, auch die Erwachsenen sind es. Mit diesen letzten Fakten beendet die 23-jährige Stefanie Wiesinger ihre Tour, die auch dank des vielen Anschauungsmaterials lebendig,interessant und informativ war. Aber nun ist es dunkel und Zeit, dass die Tiere gänzlich unbeobachtet ihren nächtlichen Aktivitäten nachgehen können.




