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So geht artgerechte Haltung für ein Maultier

In der Armee und der Landwirtschaft waren Maultiere einst wichtige Helfer. Heute sind die Hybriden vorwiegend Freizeitpartner. Doch obwohl sie als genügsam gelten, ist bei ihrer Haltung einiges zu beachten, wie die Expertin Josefine Jacksch aus eigener Erfahrung weiss.

Bereits aus grosser Entfernung ist Zorro unübersehbar. Entspannt lässt er sich auf einem Reitplatz die Sonne auf seinen Pelz scheinen. Erst bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass es sich bei dem braunen Vierbeiner nicht um ein Pferd, sondern mit seinen längeren Ohren und kleineren Hufen um ein Maultier handelt. «Es ist amüsant: Kinder halten Zorro meist für einen Esel, während er für die Eltern ein Pferd ist. Ich gebe dann beiden recht», sagt Josefine Jacksch und lächelt. Sie hält den 32-jährigen Muli auf ihrem idyllischen Hof im zürcherischen Hütten. Die Adresse «Frohe Aussicht» passt dabei perfekt zur malerischen hügeligen Landschaft hoch über dem Zürichsee. Dort teilt sich Zorro sein Zuhause mit seinem Artgenossen, dem 18-jährigen, deutlich kleineren Juanito, der gerade im Stall weilt, sowie zwei Pferden, einer Trakehner-Stute und einem Irländer-Wallach. «Die vier sind gut befreundet», erzählt Jacksch und fügt mit einem Augenzwinkern an, dass diese Freundschaft höchstens einmal ruhe, wenn es ums Fressen gehe. Gerade verspürt Zorro jedoch keinen Hunger. Viel lieber lässt er sich von seiner Besitzerin ausgiebig kraulen. Auch bei seinem Besucher hat der Muli keinerlei Berührungsängste und nimmt ebenfalls genüsslich Streicheleinheiten entgegen.

Trotz seines stolzen Alters wirkt Zorro keineswegs wie ein betagter Rentner. Und der optische Eindruck täuscht nicht. Er unternimmt mit Josefine Jacksch immer noch regelmässig Ausritte und ist topfit. Maultiere können ohne weiteres 40 Jahre alt werden, also rund zehn Jahre älter als Pferde, erklärt Jacksch. Sie kennt sich in der Schweiz wie kaum eine Zweite mit Mulis aus. Dabei war nicht abzusehen, dass sie den Hybriden, deren Väter Esel sind und Mütter Pferde, einst so verfallen würde. Die 63-Jährige, die 1958 fast gleichzeitig mit Michael Jackson geboren wurde, wie sie beiläufig mit einem Schmunzeln erwähnt, hat sich früher ausschliesslich den Pferden verschrieben. Dann schenkte ihr ein Pfleger aus dem Zoo Zürich ein Pony, für das sie einen Partner suchte und mit einem Esel über ein Inserat in der «TierWelt» auch fand. «Mir hat das Wesen des Esels sofort gefallen. Nur leider war er für Wanderritte zu klein». Da es in der Schweiz gar nicht so einfach sei, grosse Esel zu bekommen, entschied sie sich 1993 für das Maultier Zorro, dessen Mutter eine Freiberger Stute ist und der Vater einZecchino, ein Ragusana-Esel. «Er wurde im Puschlav gezüchtet und war ursprünglich für die Armee vorgesehen, kam dann aber zu mir», erinnert sich Jacksch. Bis heute ist das nicht nur für die Biologin, die seit 2006 im Institut für Systematische und Evolutionäre Botanik in Zürich arbeitet, ein absoluter Glücksfall.

Auch wenn Zorro und Juanito nicht sprechen können, spürt man schnell, dass das auch auf sie zutrifft. Sie finden wie die beiden Pferde bei Josefine Jacksch Bedingungen vor, von denen manch anderes Maultier nur träumen kann. Denn häufig werden Mulis, von denen es in der Schweiz 300 bis 500 gibt, nicht artgerecht gehalten, weshalb sich der Schweizer Tierschutz STS in diesem Jahr verstärkt dem Thema widmet (siehe Box). Die Gründe liegen nicht immer am mangelnden Willen, sondern vor allem am Unwissen der Besitzerinnen und Besitzer. «Häufig schaffen sich Reiterinnen und Reiter Mulis an, weil sie nicht am Turniersport interessiert sind und weniger Aufwand als bei Pferden erwarten», sagt Jacksch. Doch das sei definitiv ein Trugschluss. Denn Maultiere benötigen viel Abwechslung und Beschäftigung. «Am besten täglich, sonst können sie schnell einmal unflätig werden», warnt die Expertin. Dabei reiche es oft schon, wenn man kurz und dafür intensiv trainiere, zum Beispiel mit Cavaletti, also kleinen Hindernissen zum Drüberüberspringen.

Artgerechte Haltung für Mulis und Esel

Laut dem Schweizer Tierschutz STS werden zu viele Esel und Mulis hierzulande nicht artgerecht gehalten. Der STS setzt sich deswegen das ganze Jahr über dafür ein, Wissen über die spezifischen Bedürfnisse von Eseln, Maultieren und Mauleseln zu verbreiten. Ziel ist es, Fachleute und Laien zu schulen, zu informieren und für die Besonderheiten von Eseln und ihre Bedürfnisse in Gefangenschaft zu sensibilisieren. Neben der Produktion einer speziellen Dokumentation werden das ganze Jahr über Informationstage und Konferenzen durchgeführt. Dem STS ist es zudem wichtig, eine Übersicht zu gewinnen, wer in der Schweiz Esel und/oder Mulis hält und wo diese Haltungen sind. Um ein entsprechendes Netzwerk aufbauen zu können, bittet der STS Esel- und Maultierhalter, sich mit Vornamen, Nachnamen, Adresse, Telefonnummer, Anzahl der Esel/Mulis und einer kurzen Beschreibung der Haltungsform per E-Mail an sts@tierschutz.com zu melden, Betreff: Eselprojekt. Mehr Infos: tierschutz.com/esel

Mehrraumlaufstall und Liegeplätze

Neben der ausreichenden Bewegung gibt es noch weitere grundlegende Maultier-Bedürfnisse, die Jacksch zusammen mit anderen Fachleuten in einem Leitfaden für das Schweizer Nationalgestüt von Agroscope schriftlich festgehalten hat. Dazu gehört der Sozialkontakt zu anderen Equiden, wobei Mulis immer mindestens zu zweit sein sollten. Ausserdem sollten die Tiere in der Gruppe entspannen und Ranghöheren ausweichen können. Ebenfalls elementar ist eine räumlich grosszügige Unterbringung. Jacksch selbst setzt auf einen Mehrraumlaufstall mit mehreren Liegeplätzen und einer permanent zugänglichen, befestigten Auslauffläche. Nicht zu unterschätzen ist zudem die richtige Fütterung. Als problematisch kann sich hier schnell eine permanente Weidehaltung im Sommer erweisen, da in unseren Breitengraden das Gras meist zu protein- und energiereich ist. «Wenn möglich sollten vorhandene Weideflächen in mehrere Parzellen eingeteilt werden, um einen Weideumtrieb und eineRestriktion des Futterangebotes zu ermöglichen», rät Jacksch. Kraftfutter verwendet sie praktisch nur während Wanderritten. Sonst steht fast ausschliesslich Raufutter auf dem Speiseplan.

Konzentration nötig

Wer über die Anschaffung eines Maultiers nachdenkt und die artgerechten Bedürfnisse befriedigen kann, sollte sich laut Josefine Jacksch klar vor Augen führen, dass Mulis nur bedingt mit Pferden zu vergleichen sind. Zwar könne man nicht pauschal sagen, was ein Maultier charakterisiert, da die individuellen Wesensunterschiede ähnlich wie bei Pferden gross seien, aber eines weiss die Equiden-Fachfrau aus ihrer langjährigen Erfahrung: «Man muss mehr geistige Energie als bei Pferden investieren und jeden Schritt spüren.» Gemeint ist damit besonders die Konzentration beim Reiten und Trainieren. Ein Muli brauche Führung, um nicht abzudriften. Ähnlich wie beim Esel könne es zum Beispiel vorkommen, dass es einfach vor einer Pfütze stehen bleibt. Das habe nichts mit Sturheit, sondern mit Eigenschutz und dem Überprüfen der Situation zu tun. «Es ist ähnlich wie bei Schülerinnen und Schülern. Diejenigen, die am meisten hinterfragen, sind am anstrengendsten», sagt die ehemalige Lehrerin, die 14 Jahre lang Schüler/innen von Unter- bis Oberstufe unterrichtet hat.

«Man muss mehr geistige Energie als bei Pferden investieren.»

Der Aufwand lohne sich aber allemal. Wenn man Maultiere gut behandelt, bekommt man nämlich einen genügsamen, treuen Freund fürs Leben. Nicht umsonst vergleichen viele Mulihalterinnen und -halter die Beziehung zu ihren Tieren mit jener zwischen Mensch und Hund. Das ist bei Josefine Jacksch nicht anders. Deshalb ärgert es sie, dass sich immer noch viele negative Klischees über Maultiere beharrlich halten. Um dem entgegenzuwirken, engagiert sich die Zürcherin im Vorstand der «Interessengemeinschaft für das Maultier» und für das «Maultier Museum Schweiz», das im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Ausserdem war Jacksch vor gut zehn Jahren massgeblich am damaligen Kinofilm «Muli» beteiligt, der immer noch auf DVD erhältlich ist und in dem Zorro sich von seiner besten Seite zeigt. Das Ziel des Projektes war es nicht, kommerziell erfolgreich zu sein. Vielmehr ging und geht es darum, Aufklärung zu betreiben und die Werbetrommel für ein oft unterschätztes, vielseitiges Tier zu rühren. Genau wie es Zorro während des Besuchs auf äusserst charmante und liebevolle Weise getan hat.

Die Schweizer Dokumentation «Muli – ein Film über Menschen, Maultiere und Maulesel in der Schweiz» zeigt auf, wie sich das Maultier in den letzten 50 Jahren vom unverzichtbaren Lasttier zum sympathischen Freizeitkameraden gewandelt hat. Mit beeindruckenden Landschaftsbildern und Tieraufnahmen sowie abwechslungsreichen Expertenaussagen werden wissenswerte Informationen über das Maultier vermittelt. Bestellbar ist die DVD von «Muli» für 30 Franken über die Regisseurin Ines Meyer Döring, Tel. 076 367 45 13, E-Mail: muli@inpix.ch. Mehr Infos: maultier-film.ch

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