Selma und Till haben es sich direkt neben einem Rollstuhl gemütlich gemacht und dösen entspannt vor sich hin. Währenddessen wuseln die elf weiteren Mitglieder der Ouessant-Schafherde zwischen den Stühlen und unter den Tischen umher, geniessen Streicheleinheiten oder grasen. Die kleinen, von der französischen Atlantikinsel Ouessant stammenden Schafe mit den filigranen Beinchen sind nicht die einzigen Tiere, die sich an diesem Sommernachmittag im Garten der Stiftung Hofmatt tummeln. Die Stiftung Hofmatt in Münchenstein BL ist ein Kompetenzzentrum für das Alter und setzt bei der Aktivierung und Alltagsgestaltung ihrer Bewohner auf Interventionen mit Tieren.
Die Tiere suchen die Nähe der Bewohner
Auch Gockel Peppino mit seiner Hühnertruppe ist unterwegs. Aufmerksam staksen die Hühner zwischen den Bewohnerinnen umher, die sich heute in der Gartenanlage eingefunden haben. «Es ist schön zu beobachten, wie die Tiere die Nähe zu unseren Bewohnern suchen, obwohl sie im grossen Garten ja viele Ausweichmöglichkeiten hätten», bemerkt Gaby Zbinden, die Leiterin des tier- und naturgestützten Angebotes, und klingelt mit einer Glocke. Augenblicklich kommt die gesamte Hühnertruppe zum Gartentisch gerannt, um die von Frau B. ausgeworfenen Körner ausfindig zu machen.

Interessiert beobachten einige Bewohner, wie sich die Hühner den Weg zwischen ihren Füssen, Rollatoren und den Stuhlbeinen hindurchbahnen. Andere sind mutig und strecken Ella und Maja einen Maiskolben hin, an dem sofort eifrig gepickt wird. «Das sind die schönsten Hühner der ganzen Welt», ruft eine zierliche Dame im Rollstuhl entzückt in die Runde. Der Bezug zu jedem einzelnen Huhn ist auch deshalb so stark, weil jede Wohngruppe die Patenschaft eines Tieres übernommen hat und dessen Name aussuchen konnte.
«Die Szenerie zeigt wunderschön, was tiergestützte Therapie oder Aktivierung leisten können», sagt Gaby Zbinden. Das Zusammensein mit den Tieren weckt Emotionen und ermöglicht Sinnes- und Naturerlebnisse, wie sie sonst in einem Heimalltag weniger vorkommen. Ressourcen können über die Beschäftigung mit den Schweinchen, Hühnern und Schafen erhalten und gefördert werden. Bei vielen Heimbewohnern werden Erinnerungen an früher wach, die sie dann ihren Mitmenschen erzählen. So fördert die Anwesenheit der Tiere den Austausch und vertieft die Beziehungen – ein lebendiges Milieu entsteht ohne grosse Animationsbemühungen.
Tiere öffnen Türen
«Tiere sind grossartige Motivatoren und Brückenbauer», weiss Karin Hediger. Sie hat Psychologie studiert und sich auf tiergestützte Interventionen spezialisiert. Momentan hat Hediger eine Assistenzprofessur am Institut für klinische Psychologie und tiergestützte Interventionen der Universität Basel inne. Zudem ist sie Präsidentin der Gesellschaft für Tiergestützte Therapie und Aktivitäten sowie des Instituts für Interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung.
Wann spricht man von tiergestützter Therapie, Intervention oder gar Aktivität? Die Wissenschaftlerin klärt auf: Unter dem Überbegriff tiergestützte Interventionen finden sich verschiedene Teilgebiete. Bei der tiergestützten Therapie geht es um die Verbesserung psychischer, kognitiver, verhaltens-bezogener oder emotionaler Funktionen. Die tiergestützte Pädagogik hat akademische Ziele, wobei auch an sozialen und kognitiven Aspekten gearbeitet wird. Das tiergestützte Coaching hilft Klienten, an ihrem inneren Wachstum zu arbeiten. Dann gibt es noch die tiergestützten Aktivitäten, darunter fallen Spaziergänge mit Tieren oder Besuche auf einer Krankenhausstation. Wichtig ist Hediger zu erwähnen, dass der Einsatz von Tieren nicht die klassischen therapeutischen, pädagogischen oder beratenden Methoden ersetzt, sondern ergänzt.
Der Charakter des Tiers ist entscheidend
An diesem Nachmittag im Garten will Gaby Zbinden nur minimal ins Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier eingreifen. Vieles lässt sie einfach passieren. Würde sie die Anwesenden ständig dazu animieren, das Schaf zu streicheln oder das Huhn zu füttern, könnte dies zu einer Reizüberflutung führen. Damit sie den Interaktionen freien Lauf lassen kann, muss das Setting stimmen: Eine gute Planung und Vorbereitung sind erforderlich. «Meine Aufgabe ist es, wertvolle Mensch-Tier-Begegnungen zu ermöglichen und für das Wohl von Tier und Mensch zu sorgen.» Damit eine entspannte Stimmung entstehen kann, muss es allen menschlichen und tierischen Beteiligten wohl sein.
Grundsätzlich eignen sich sämtliche domestizierten Tierarten für tiergestützte Interventionen. Wildtiere, wie Delfine in eine solche Situation zu bringen, sei jedoch ethisch nicht vertretbar, so Karin Hediger. Nicht die Art oder Rasse des domestizierten Tieres geben darüber Auskunft, ob es an eine solche Aufgabe herangeführt werden kann, sondern sein individueller Charakter. «Ein Tier muss Spass daran haben, auf Menschen zuzugehen und freudig mit ihnen in Kontakt zu treten», sagt Karin Hediger. Wenn diese Eigenschaft gegeben sei und den Tieren eine Rückzugsmöglichkeit zur Verfügung stünde, bedeute die Intervention zwar Anstrengung, jedoch keinen Stress.
So gemütlich wie an diesem Dienstagnachmittag, dem wöchentlichen Besuchstag der Schafherde von Gaby Zbinden, geht es nicht immer zu und her. Denn die vielen Tiere müssen täglich versorgt werden, da helfen die Bewohnerinnen mit – etwa beim Misten des Säulistalls. Jeder hilft nach seinen Möglichkeiten: beim Hochbeet giessen oder Gemüse rüsten für die Mittagsfütterung. Während die einen mit Vorliebe und grosser Akribie das Gehege der Mini-Pigs fegen, machen sich andere beim Einstreuen des Stalles nützlich. «Für Menschen mit Demenz sind altvertraute Tätigkeiten oft noch abrufbar. Gemeinsam beispielsweise die Heuraufe zu befüllen, hilft, in die Tätigkeit miteinzusteigen», erklärt Gaby Zbinden.
Die Aufgaben rund um die Betreuung und Versorgung der Tiere vermitteln den älteren Leuten das Gefühl, gebraucht zu werden und Teil von etwas zu sein. Eine Tätigkeit im Freien, macht die Leute zufriedener und ausgeglichener, ist sich die Therapeutin sicher. Dass sich auch die Schweinchen sauwohl fühlen in ihrem abwechslungsreich und artgerecht gestalteten Gehege, ist auf den ersten Blick erkennbar. Doch nicht nur an die Bedürfnisse der Tiere, sondern auch an die der Menschen muss das Gehege im Innenhof der Stiftung Hofmatt angepasst sein. Mit dem Rollator oder dem Rollstuhl ist die Anlage bequem zugänglich.
Tiere werten nicht
So schön es ist, die Bewohner in die Tierbetreuung miteinzubeziehen, der positive Effekt kann sich auch in eine belastende Situation wandeln. Herr R., der sich mit Hingabe um die Hühner kümmerte, sah sich plötzlich wie früher in der alleinigen Verantwortung, diese abends zeitig ins Hühnerhaus zu bringen. Von Abend zu Abend verursachte die Sorge um das Einholen der Hühner mehr Stress und nachts zeigte sich der Bewohner unruhig vor lauter Sorge, ob die Hühner in ihrem Häuschen sicher eingeschlossen sind. Hier war es sinnvoll, den Mann aus den tierischen Aktivitäten etwas auszuklinken, damit er wieder zur Ruhe kam.
Dank ihrem Fachwissen ist es für Gaby Zbinden kein Problem, für solche Situationen eine passende Lösung zu finden. Bereits in ihrer Tätigkeit als Physiotherapeutin war sie begeistert davon, Tiere, damals vor allem Pferde, in die Therapie miteinzubeziehen. Auch die eigenen Kinder zeigten ihr auf, was der Bezug und Umgang mit Tieren für positive Effekte auf die Entwicklung haben kann. Also begann Gaby Zbinden, mit ihrem Grossesel und zwei Ziegen ein tiergestütztes Kinderangebot aufzubauen. Ihr Herz schlägt aber nicht nur für die jungen Menschen, sondern auch für die ältere Generation. Es war Gaby Zbinden ein Anliegen, auch ihnen Kontakt mit Tieren zu ermöglichen. «Denn Tiere werten nicht, sie reagieren hauptsächlich auf die Herzensenergie eines Menschen, egal, ob zum Beispiel jemand den Pullover richtig oder verkehrt herum angezogen hat», ist sie sich sicher.
«Tiere sind grossartige Motivatoren und Brückenbauer.»
Also reichte sie ein Blindkonzept zu Besuchstagen mit ihrer Schafherde in der Stiftung Hofmatt ein. Mit Erfolg, im Mai 2016 machte sich Gaby Zbinden mit ihrer wolligen Truppe erstmals auf ins Alterszentrum. Etwas mehr als ein Jahr später kamen die Hühner und dann die Schweinchen dazu. Heimleitung und -bewohner waren so begeistert von der tiergestützten Aktivierung, dass 2019 die Ausrichtung des Heims auf das Green-Care-Konzept erfolgte, bei dem Interventionen mit Tieren und im Garten im Fokus stehen.
Seit dann ist Gaby Zbinden, die mittlerweile einen Abschluss zur tiergestützten Therapeutin erworben hat, als Leiterin Tier- und Naturgestützte Angebote fest bei der Stiftung Hofmatt angestellt. Im Team mit Mitarbeiterinnen der Aktivierung, der Pflege, des Technischen Dienstes und vielen Freiwilligenwerden weitere innovative Projekte umgesetzt. In einem Aerarium kann beobachtet werden, wie sich die Raupe zum Schmetterling verwandet, und aus selbst angebautem Hopfen und Malz wird hauseigenes Bier gebraut. Ideen wären noch viele vorhanden, die Personalressourcen aber sind nicht unendlich.
Viel Aufwand im Hintergrund
Gaby Zbinden: «Was wir hier als Institution an naturnaher Betreuung aufgebaut haben, ist bereits viel, nun gilt es, die Qualität zu halten.» Im Vordergrund sichtbar ist nur ein kleiner Teil, viel Aufwand wird im Hintergrund geleistet. Die Tiere müssen jeden Tag, auch an Ostern und beim grössten Gewittersturm, versorgt werden. Mit der Grundversorgung alleine ist es allerdings nicht getan, die Beziehungspflege mit jedem einzelnen Schaf, Huhn und Schwein ist eine Voraussetzung und die Tiere müssen sorgfältig und individuell auf ihre Aufgabe vorbereitet werden.
Tierhaltung in einem Alterszentrum ist intensiv, braucht Flexibilität und muss vom ganzen Haus mitgetragen werden. Lukrativ sei tiergestützte Therapie nie, zu viele Arbeitsstunden steckten darin. Überfordern darf man die Tiere nicht, ihre Einsatzzeiten müssen limitiert sein, damit sie nicht zur Belastung werden, erklärt die Fachfrau. Die Tiere müssen optimal gehalten und versorgt werden. Wichtig ist Gaby Zbinden auch, dass sich die Hühner, Schweinchen und Schafe im Kontakt mit Heimbewohnerinnen immer frei bewegen und bei Bedarf auch zurückziehen können. Sinnvoll findet es die Fachfrau, für Therapiezwecke eine Gruppe von Tieren einzusetzen. Jedes Herdenmitglied kann so eine bestimmte Aufgabe übernehmen, die seinem Wesen entspricht, und die Gruppe bietet den einzelnen Mitgliedern Stabilität.
Hammel Till hat sein Mittagsschläfchen mittlerweile beendet und möchte von Herrn B. im Rollstuhl Streicheleinheiten bekommen. Auch Selma ist nun aufgestanden, sie bahnt sich vorsichtig den Weg zwischen den Stühlen und Tischen hindurch und stupst dabei an so manchen Fuss. So bieten beide auf ihre Art den Bewohnerinnen der Hofmatt neue Sinneserlebnisse, Abwechslung und eine grosse Portion Freude.



