Wer den Ruf des Haselhuhns hört, denkt eher an einen Singvogel als an ein Huhn. Um das Tier auch noch zu entdecken, braucht es nicht nur Wissen um die Wildhühner, sondern auch ein gutes Auge. Denn Haselhühner tragen die perfekten Tarnfarben fürs Unterholz, wo sie sich gerne zwischen Zweigen und Blättern verstecken. Mit einem Gewicht von weniger als 400 Gramm sind die kleinen Hühner leichte Beute für Raubtiere wie Füchse, Marder oder Habichte. Im Gehölz finden Haselhühner aber nicht nur etwas Sicherheit, sondern im Idealfall auch Futter. Gerade im Winter stellen Vogelbeeren und Kätzchen von Weiden, Erlen oder Haselsträuchern eine überlebenswichtige Nahrungsgrundlage dar. In den Sommermonaten lassen sich die Hühner regelmässig Blätter, Kräuter oder Gräser schmecken. Spinnen und Insekten picken sie fast nur in den ersten Lebenswochen.
Was ist ein Waldhuhn?
Hühnervögel haben kräftige Beine und eher kurze Flügel, die sich nicht für weite Distanzen eignen. Ihr Leben verbringen sie deshalb mehrheitlich am Boden oder auf tiefstehenden Ästen. In der Schweiz gibt es diverse wilde Hühnerarten wie das Rebhuhn, den Jagdfasan und das Alpenschneehuhn. Die meisten davon haben das Kulturland oder den Bereich oberhalb der Baumgrenze zu ihrem bevorzugten Lebensraum gewählt. Nicht so das Birkhuhn, das Auerhuhn und das Haselhuhn, die bis heute perfekt an Wälder angepasst sind. Deshalb gelten die drei als die typischen Waldhuhnarten der Schweiz.
In ihren Fressgewohnheiten unterscheiden sie sich damit kaum von anderen hiesigen Waldhuhnarten. Auch ausgewachsene Auerhühner und Birkhühner sind hauptsächlich Vegetarier. Alle drei brauchen immergrüne Nadelbäume, um sich auch im Winter vor Fressfeinden schützen zu können. Für das Auerhuhn stellen die Nadeln zusätzlich eine wichtige Futterquelle dar, die es durch den Winter bringt.
Artenschutz nicht überall möglich
Zersiedelung, Abholzung und der Trend für Outdoor-Sportarten haben mitunter dazu geführt, dass die schreckhaften Auerhühner in der Schweiz auf einen dramatisch kleinen Bestand geschrumpft sind. Für den Schutz des stark gefährdeten Huhns führten manche Kantone schon vor Jahren Wildruhezonen ein. Eine weitere Massnahme, die auch den anderen Waldhuhnarten zugutekommt: Die Schaffung von kleinen Lichtungen in Wäldern, wo die für sie überlebenswichtigen Sträucher gedeihen. Denn stehen die Bäume zu dicht, haben Weiden und Hasel keine Chance.
Doch die Massnahme funktioniert nicht überall gleich gut, wie Pierre Mollet von der Schweizerischen Vogelwarte weiss. «Ab einer gewissen Höhe wachsen überall automatisch Vogelbeeren und Sträucher, die Kätzchen tragen, wenn man Löcher in die Wälder macht», so der Biologe. «Im Jura gibt es aber schon grosse Flächen, wo nur noch Buchen wachsen, wenn solche Lichtungen geschlagen werden.» Und mit dem fortschreitenden Klimawandel beschleunigt sich diese Entwicklung weiter.

So reagiert der Experte nicht nur optimistisch auf die Frage, ob es Waldhühner in 50 Jahren noch in der Schweiz gebe. «In den Alpen wird es kein Problem sein», beruhigt Mollet. «Im Jura aber werden Nadelbäume immer mehr von Laubbäumen verdrängt.» Nur auf den höchsten Flächen des Waadtländer Juras gebe es noch Bestände von Auerhühnern. «Es kann gut sein, dass sie in 50 Jahren noch hier sind, aber da bin ich etwas skeptischer als in den Alpen.»
Auch die Population von Haselhühnern zeige im östlichen Jura bereits einen negativen Trend, so der Experte. Präzise Zählungen dieser kleinen, heimlichen Waldbewohner seien jedoch unmöglich. «Man weiss einfach, dass die Art in den Alpen sehr verbreitet ist und vermutlich an viel mehr Orten vorkommt, als man es generell annimmt.» Bis dato gelten sie deshalb – wie auch Birkhühner – nur als potenziell gefährdet.

«Beim Birkhuhn haben wir viel bessere Zahlen, da man die Hähne beim Balzen gut zählen kann», so der Vogelkenner. Und die Daten zeigen, dass es der Art, die nur in den Alpen vorkommt, alles andere als schlecht geht. In den Kantonen Graubünden, Wallis und Tessin wird das Birkhuhn sogar bejagt. «Die Jagd ist rückläufig und kein Problem für den Bestand», erklärt der Biologe. «Die Entwicklung der Population zeigt eher nach oben.»
Sind Waldbeweidungen die Lösung?
Schon vor 20 bis 30 Jahren zeigten Untersuchungen, dass Waldbeweidung im Tessin für Birkhühner einen sehr positiven Effekt haben kann. Die Aufgabe vieler Alpbetriebe hatte hingegen eine negative Entwicklung zur Folge. «Ich kenne mehrere Flächen, wo beweidet wird und sich dies positiv auf Waldhühner auswirkte», so Pierre Mollet. «Es ist aber eine sehr schwer steuerbare Massnahme, weil es darauf ankommt, wie viel Vieh wie lange weidet.» Auch sei das Fällen von Bäumen breiter akzeptiert in der Bevölkerung. Solche Einsätze kommen vor allem in unproduktiven Waldreservaten vor, wo finanzielle Mittel dafür zur Verfügung stehen.
Die Zukunft der Waldhühner im Jura ist dennoch ungewiss. Wer auf eines trifft, darf sich also glücklich schätzen – und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Haselhühner seien trotz ihrer heimlichen Lebensweise wenig empfindlich auf Störungen, so der Experte. «Sie ducken sich eher mal und bewegen sich einfach nicht mehr.» Werden hingegen Auerhühner aufgescheucht, fliehen sie Hals über Kopf. «Die empfindlichste Zeit ist vom Winter bis nach der Aufzucht der Jungen», präzisiert Pierre Mollet. Danach seien einzelne Begegnungen in der Regel kein Problem mehr. «Sie werden erst zum Problem, wenn sie ständig vorkommen. Werden Auerhühner täglich von Menschen aufgeschreckt, kann das zu viel werden.»

