Sie sind grösser, kräftiger und äusserst anpassungsfähig: Das aus Nordamerika stammende Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) zählt zu den problematischsten invasiven Säugetieren Europas. In Grossbritannien hat es das einheimische Eichhörnchen in weiten Teilen des Landes bereits verdrängt. Auch in Norditalien leben seit Jahrzehnten stabile Bestände – und damit rückt die Art geografisch immer näher an die Schweiz heran.
Die grösste Gefahr geht jedoch nicht allein von der Konkurrenz um Nahrung aus. Grauhörnchen fressen dieselben Samen, Nüsse und Knospen wie unsere Eichhörnchen, sind dabei aber robuster und können sich in vielen Lebensräumen erfolgreicher durchsetzen. Noch schwerwiegender ist, dass sie Träger des sogenannten Eichhörnchen-Pockenvirus (Parapoxvirus) sind. Während Grauhörnchen gegen den Erreger weitgehend immun sind, verläuft eine Infektion bei unseren Eichhörnchen meist tödlich. Diese Kombination aus Konkurrenz und Krankheit führte in England zu einem dramatischen Rückgang der heimischen Populationen.
Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?
Die gute Nachricht: Bis heute gibt es keine bestätigten wildlebenden Grauhörnchen in der Schweiz – auch nicht im Tessin. Zwar wurde lange befürchtet, dass sich die Tiere von Norditalien aus über die Alpen ausbreiten könnten. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass sich die italienischen Populationen ausserhalb von Parks deutlich langsamer ausbreiten als ursprünglich angenommen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sie dort auf natürliche Feinde wie Baummarder und Greifvögel treffen.
Immer wieder sorgen vermeintliche Sichtungen zwar für Aufsehen. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um dunkle oder fast schwarze Farbvarianten unseres heimischen Eichhörnchens. Diese Fellfarbe ist völlig natürlich und kein Hinweis auf ein Grauhörnchen. Tatsächlich unterscheiden sich Grauhörnchen nicht nur durch ihre graue Färbung, sondern auch durch ihren kräftigeren Körperbau, den buschigen Schwanz mit weissen Haarspitzen und die fehlenden Ohrpinsel im Winter.
Fachleute beobachten die Entwicklung in Norditalien dennoch aufmerksam. Sollte das Grauhörnchen eines Tages die Schweizer Grenze überschreiten, wäre ein rasches Eingreifen wichtig. Solange die invasive Art jedoch nicht in der Schweiz vorkommt, gehören alle roten, braunen oder schwarzen Eichhörnchen, die wir in unseren Wäldern und Gärten beobachten, zu derselben einheimischen Art – und verdienen unseren besonderen Schutz.

