Löwen, Eisbären und Gorillas kennt jeder, denn Fotos von diesen Tieren sind allgegenwärtig. Wer aber weiss, was eine Saiga-Antilope, ein Philippinenadler oder eine Grosstrappe ist und wie der Lebensraum dieser Tiere aussieht? Der deutsche Naturfotograf Klaus Nigge interessiert sich speziell für diese Tiere aus der zweiten Reihe und reist in die entlegensten Orte der Welt, damit er ihnen auf die Spur kommt. Um die seltenen Wildtiere vor die Linse zubekommen, muss er sich oft monatelang gedulden. Belohnt wird er mit faszinierenden Einblicken nicht nur in deren Lebenswelt, sondern auch in die oft ebenfalls bedrohten Lebensräume. So gelingt es ihm, auf die fundamentale Bedeutung der Tiere für die Ökosysteme, in denen sieleben, aufmerksam zu machen. Der mit internationalen Preisen ausgezeichnete Fotograf gibt Einblicke in seine Arbeitsbedingungen und lässt uns wissen, was ihn antreibt.
Herr Nigge, Sie nehmen nicht die bekannten Wildtiere vor die Linse, sondern eher spezielle Arten, die bedroht sind. Was motiviert Sie dazu?
Für die Antwort möchte ich es grad von der anderen Seite herum angehen und erklären, warum ich eben nicht die Tiere aus der ersten Reihe wie Tiger, Elefanten oder Eisbären fotografiere. Von diesen Tieren existieren bereits so viele gute Bilder, die einerseits nur schwer zu toppen sind und andererseits dafür sorgen, dass diese Themen bereits durchgenudelt sind. Doch die bedrohten Tierarten aus der zweiten Reihe führen mich auf unbekannte Wege und bescheren mir tolle Naturerlebnisse. So profitiere ich gleich doppelt: Mit diesen unüblichen Tierfotos habe ich weniger Konkurrenz und das Privileg, ganz aussergewöhnliche Tiere und Lebensräume zu entdecken.
Arbeiten Sie mit Wissenschaftlern oder Fachleuten zusammen, um Ihre Fotoprojekte zu planen und zu realisieren? Können Sie uns einen Einblick in die Vorbereitung eines Projektes geben?
Oft sind meine Fotoprojekte gar nicht ohne die Hilfe von Fachleuten wie Wildhütern oder Wissenschaftlern realisierbar, die mich zu den Aufenthaltsorten dieser seltenen Tiere führen oder mir deren Verhalten erklären. Der Kontakt mit diesen Leuten knüpft sich oft aus vorhergehenden Projekten. So ergibt sich das eine Thema aus dem anderen. Beispielsweise war ich in Nordamerika und Kanada unterwegs, um Nashornpelikane zu fotografieren. Im Wood-Buffalo-Nationalpark in Kanada erfuhr ich, dass sich hier einer der seltenen Brutplätze von Amerikanischen Schreikranichen befindet. So ergab sich die Fotostory über diese Kraniche für das National Geographic Magazin. Wenn ich ein neues Thema angehe und mir sage «Mensch, das möchte ich machen», dann recherchiere ich gewöhnlicherweise erst, welche Fotos dazu bereits vorhanden sind, und dann kontaktiere ich mein kleines, aber feines Netzwerk von Wissenschaftlern, die mir dabei helfen, an die entsprechenden Fachleute zugelangen.

Die Saiga-Antilope ist in der kasachischen Steppe heimisch und wirkt mit ihrer grossen Nase etwas merkwürdig. Was fasziniert Sie so an diesem Tier, dass Sie ihm ein Fotoprojekt gewidmet haben?
Merkwürdig ist noch sehr nett ausgedrückt. Einige Leute halten sie sogar für die hässlichste Antilopenart. Wenn sich die Saiga-Antilopen bewegen, dann bewegt sich ihre rüsselartige Nase gleich mit, das sieht dann unheimlich komisch aus. Die Saiga ist aber nicht nur vom Aussehen her, sondern auch von ihrem Verhalten ganz anders als die anderen Antilopenarten. Sie ist so scheu, dass man sie kaum sieht. Ich war fast fünf Monate in ihrem Lebensraum und habe sie während dieser Zeit nur ganz selten zu Gesicht bekommen. Die meisten Tage verbrachte ich mit Suchen und Warten, was oft ziemlich frustrierend war. Auch hier war es wieder so, dass ich durch ein anderes Projekt auf dieses eigenartige Tier aufmerksam wurde. Ich fotografierte Steppenadler, die in der kasachischen Steppe brüten, und wurde dabei von meinen Begleitern mit der Saiga vertraut gemacht.
Im polnischen Bialowieza-Urwald haben Sie Wisente fotografiert. Erst lief Ihnen nur eine müde Wisentkuh vor die Linse, doch dann konnten Sie einem Bullen folgen. Schildern Sie uns doch, was da geschah?
Erst muss ich gestehen, dass mich der Wisent als Tier kaum interessiert hat. Der Bialowieza-Urwald allerdings übte bereits als Kind eine grosse Faszination auf mich aus. Und wenn man sich diesem letzten europäischen Urwald widmet, kommt man nicht um die darin lebenden Wisente herum. Auch hier war ich auf die Hilfe von Fachleuten – in diesem Fall Jagdführer – angewiesen, um auf deren Spur zu kommen. Denn Wisente sind schwierig zu finden, da sie nicht regelmässig an dieselben Orte zurückkehren. Ein alter Wisentbulle fand eher mich als ich ihn. Er kam auf die Wiese des Bauernhofes, wo ich untergebracht war, und frass dort an den Heuballen, die auf dem Feld lagen. Ich nahm einen ganzen Tag seine Verfolgung auf und begleitete ihn auf 50 Meter Entfernung. So konnte ich beobachten und fotografieren, wie er frass, ruhte und sich fortbewegte. Ich fand es dabei ungeheuer eindrücklich, ein Tier zu erleben, das vor einem halben Jahrhundert beinahe nicht mehr auf unserem Planeten existiert hätte.
Auf der Yucatán-Halbinsel in Mexiko haben Sie den Karibischen Flamingo fotografiert. Dabei entstanden preisgekrönte Aufnahmen. Planen Sie, welche Sujets Sie ablichten möchten, oder lassen Sie die Begegnung mit den Tieren auf sich zukommen?
Ich arbeite als Fotojournalist und nicht als Studiofotograf, der seine Objekte so drapieren kann, wie es ihm gefällt. Ich suche danach, was die Welt mir als Motiv anbietet. Am liebsten nehme ich mir jeweils ein ganzes Jahr Zeit, um eine Tierart fotografisch zu begleiten. So kann ich alle Stadien von der Paarung, der Brut bis zur Aufzucht der Jungtiere miterleben und die Tiere in ihrer Lebenswelt richtig verstehen. Klar hat man schon Wünsche, was man gerne vor die Linse bekommen möchte. Das gelingt nicht immer. Im Gegenzug hält die Wirklichkeit aber oft viel mehr bereit als in den kühnsten Träumen.
Nicht nur Flamingos, auch Kraniche, Pelikane, Grosstrappen und Adler haben Sie bereits fotografiert. Grosse Vögel scheinen Sie in Ihren Bann gezogen zu haben.
Das stimmt, alles, was Federn hat, fasziniert mich. Die auffälligsten Vogelarten finde ich besonders spannend. Aber ich fotografiere auch mal die Rotkehlchen in meinem Garten. Schön finde ich, dass sich über die Vögel der Zugang zu ihrer gesamten Lebenswelt eröffnet.

Eine schöne Überleitung zur nächsten Frage. Es scheint, als wären nicht nur die Tiere, sondern auch ihr jeweiliger Lebensraum für Sie spannend und dokumentierenswert?
So ist es. Oft sind die Tiere der Leitstern oder Türöffner zu einem spannenden Universum. Auch die darin vorhandenen Pflanzen und andere Tiere fotografiere ich. Wichtig scheint mir, auch die Menschen, die dort leben, nie ausser Acht zu lassen. So kann ich auf Naturschutzproblematiken hinweisen oder auch Konkurrenzsituationen zwischen Menschen und Tieren aufdecken. Man kann sich ein solches Fotoprojekt wie eine Homestory über einen Prominenten vorstellen. Erst muss ich sein Vertrauen erwerben und feststellen, was wichtig und zentral für eine Person oder eben Tierart ist. Da spielt die Lebenswelt natürlich eine wichtige Rolle. Diese elementaren Botschaften muss ich dann auf einige aussagekräftige Fotos kondensieren können. Ich begebe mich dabei auch immer auf eine Abenteuer-reise, bei der ich nicht nur neue Tierarten, sondern ganze Ökosysteme kennenlerne.
Zur Person
Klaus Nigge stammt aus Lünen nahe Dortmund. Er studierte Philosophie, Kunst und Biologie und war danach einige Jahre als Biologe tätig. 1984 wandte er sich der Fotografie zu und ist seit Mitte der 1990er-Jahre als freischaffender Wildtierfotograf unterwegs. Seine Fotoreportagen, die bedrohte Arten in den Mittelpunkt stellen, erscheinen in renommierten Magazinen wie dem «National Geographic» und «Geo», zudem publizierte Niggemehrere Bücher.
Die Bezeichnung «Slow Food» ist vielen bekannt, Sie selber bezeichnen sich als einen «Slow Photographer», einen langsamen Fotografen. Was ist darunter zu verstehen?
Wie schon erwähnt, widme ich mich oft ein ganzes Jahr oder sogar länger einer einzelnen Tierart. Ich habe eigentlich wenige verschiedene Tierarten fotografiert und gehöre sicher nicht zu denen, die vom Nordpol direkt in den brasilianischen Urwald hetzen, um die spektakulärsten Bilder anzuhäufen. Ich fotografiere wenige verschiedene Themen, dafür umso intensiver. Meine Arbeit braucht eine grosse Portion Geduld und ist sehr kontemplativ – doch das entspricht genau meinem Charakter.
Haben Sie auch schon Fotoprojekte in Ihrer Heimat realisiert oder zieht es Sie zum Fotografieren immer ins Ausland?
Ich habe auch schon ein Projekt zu Eisvögeln gemacht, die ich in einem Umkreis von 30 Kilometern rund um mein Haus fotografiert habe. Da hatte ich das Glück, dass die Eisvogelkennerin par excellence grad in meiner Nähe lebt. Hinderlich ist, dass die Einschränkungen in Deutschland so gross sind; es müssen enorm viele Genehmigungen eingeholt werden, damit man in geschützten Gebieten fotografieren darf. Während der Covid-Zeit habe ich Eichhörnchen im Garten und ausgestopfte Vögel im Museum abgelichtet. Spektakuläre Arten sind überall auf der Welt verteilt. Das bietet mir die Möglichkeit, viele spannende Orte kennenzulernen. Ich habe eher wenige, dafür um so speziellere Orte entdeckt.

Sie leben in Lünen nahe Dortmund und haben dort ein mittlerweile etabliertes Natur-Fotofestival initiiert.
Als Präsident der Gesellschaft für Naturfotografie habe ich das Festival vor über 30 Jahren auf die Beine gestellt. Hier in Lünen boten sich optimale Bedingungen mit den idealen Räumlichkeiten. Erst war es nur ein kleines, internes Fotofestival. Mittlerweile ist es zwar nicht viel grösser geworden, vermag aber fachlich die internationalen Topleute anzuziehen.
Haben Sie noch einen Traum, welches Tier Sie vor der Linse haben möchten respektive an welchem Ort Sie fotografieren wollen?
Ich habe einige Projekte in der Pipeline, auf die ich mich sehr freue: In Brasilien fotografiere ich Aras, unter dem Projekttitel «Verhängnisvolle Schönheit». In Spanien will ich Geier ablichten, und mit dem Fokus auf Moore befindet sich ein wichtiges naturpolitisches Thema auf meiner Liste. Ein grosser Wunsch von mir besteht darin, ein weiteres spezielles Federtier vor die Linse zu bekommen – nämlich den Schuhschnabel.

