So langsam werden die Temperaturen im Freien angenehmer – die Abenddämmerung bricht an. Am Horizont senkt sich die Sonne und der Himmel erstrahlt in rötlich-gelblichen Schattierungen. Ein Abendspaziergang mit dem Hund zwischen Wiese und Wald, begleitet durch ein vertrautes Hörspiel, das uns jedes Jahr im Sommer auf ein Neues um die Ohren schallt. Es ist wohl die atmosphärischste Zeit des Jahres – die gesamte Tierwelt ist jetzt so richtig aktiv. Für uns ist dies nicht nur sichtbar, sondern vor allem hörbar!
Ein vermeintlich nicht enden wollendes Konzert, ohne Unterbruch und ohne Verschnaufpause – beschert durch die Kleinen der Natur. «Die Gesänge, die wir bei einem solchen Spaziergang hören, sind stets Werbegesänge männlicher Insekten», verrät Oliver Hawlitschek. Den Dozenten für Biodiversität wirbelloser Tiere an der Universität Zürich faszinieren nun schon seit vielen Jahren jene Gesänge. Für diese sind Singzikaden und Heuschrecken verantwortlich, die auf Partnerfindung sind. «Zu den Heuschrecken gehören auch Grillen und Heupferde, die typischerweise mit Geräuschen auf sich aufmerksam machen.» Insgesamt leben in der Schweiz etwa 115 Heuschreckenarten. «Von Zikaden gibt es sogar über 500 Arten, doch nur zehn erzeugen hör-bare Gesänge, und die auffälligen kommen bisher auch nur in den wärmeren Lagen der Schweiz vor», so Hawlitschek. Am häufigsten höre man daher das Gezirpe von Heuschrecken: «Gerade in Siedlungen sind es häufig der Gemeine Grashüpfer, der Nachtigall-Grashüpfer und das Grüne Heupferd.» Doch nicht nur in Siedlungen und Wiesen, sondern auch im Wald, am Fluss oder hoch oben im Gebirge können Heuschrecken die Geräuschkulisse prägen.
Heuschrecken singen vor allem an besonders warmen und trockenen Tagen im Sommer sowie im Frühherbst. Es sind wechselwarme Tiere – sie benötigen also die Wärme der Sonne, um sich bewegen zu können. «Die meisten Grashüpfer singen daher tagsüber – je stärker die Sonne scheint, umso mehr», erklärt der Biologe. Doch es gibt auch einige Arten, die sich nicht an die Nachtruhe ab 22 Uhr halten – aufgewärmt vom Tag musizieren sie noch bis spät in die Nacht. «Viele Grillenarten und auch das Heupferd singen verstärkt nachts», entlarvt Hawlitschek die nächtlichen Unruhestifter.
Reib- und reizvolle Musik
Um zum Liebeslied oder zum Abstecken des Reviers einzustimmen, wird fleissig in die Flügel gerieben. «Grashüpfer erzeugen die Gesänge, indem sie die Hinterbeine an den Flügeln reiben, während Grillen und Heupferde zwei Flügel aneinander reiben», beschreibt Oliver Hawlitschek den Vorgang. Dafür besitzen die involvierten Körperteile spezielle anatomische Strukturen zur Lauterzeugung. So befinden sich an den Leisten der Beine oder Flügel spezielle Schrillzäpfchen oder Rillen. Bei Langfühlerschrecken beispielsweise, zu denen Heupferde und Grillen zählen, liegen die Rillen an der Unterseite der Vorderflügel. Indem sie letztere anheben und aneinander reiben, entsteht das Geräusch – vergleichbar mit jenem beim Durchfahren eines Kammes mit dem Fingernagel.
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Auch wenn viele Arten die Geräusche auf dieselbe Art und Weise produzieren, unterscheidet sich stets die Melodie untereinander. Um die Gesänge überhaupt wahrzunehmen, besitzen singende Insekten Hörorgane. «Weibchen können damit feststellen, wo sich ein Männchen ihrer Art befindet», erklärt der Biologe. Während sich bei Grillen und Heupferden die Hörorgane an den Vorderbeinen befinden, sind sie bei Grashüpfern und Zikaden am Hinterleib zu finden. Sie sind auch imstande, Artgenossen zu hören, die wir mit unserem Gehör nur schwer wahrnehmen können. Die Eichenschrecke etwa trommelt mit ihren Hinterbeinen auf Blättern, oder einige Feldheuschrecken locken das andere Geschlecht mit knirschenden Kiefern an. «Manche Arten, die vor allem in den Tropen vorkommen, singen zudem im Ultraschall und sind für Menschen ohne technische Hilfsmittel gar nicht hörbar», ergänzt Hawlitschek.
Ein Gesang aus der Schweiz
Auf die Frage, welche Heuschreckenart Oliver Hawlitschek am meisten fasziniere, zögert der Biologe mit seiner Antwort keine Sekunde: «Da nenne ich immer gerne als erstes die Schweizer Goldschrecke.» Kein Wunder, immerhin handelt es sich dabei um eine endemische Heuschreckenart, die sonst nirgends auf der Welt vorkommt. Sie wurde erst in den 1980er Jahren wissenschaftlich erfasst. Nach gängiger Ansicht handle es sich bei der Schweizer Goldschrecke um ein Eiszeitrelikt: «Sie und ihre Verwandten waren wahrscheinlich zu früheren Zeiten in der Erdgeschichte weiter im Alpenraum verbreitet.» Heute kommt die Art nur noch an wenigen isolierten Standorten in der Schweiz vor – genauer verortet im Kanton St. Gallen auf dem Gamser- und Chäserrugg sowie einigen weiteren Gipfeln der Churfirsten in Höhen von 1500 bis 2250 Metern. Dies begründet Hawlitschek wie folgt: «Da die Schweizer Goldschrecke flugunfähig und auf Höhenlagen beschränkt ist, stellen die Täler praktisch unüberwindbare Barrieren für sie dar.» So könne sie sich auch nicht ausbreiten. Bei den Gesängen der Schweizer Goldschrecke handelt es sich somit um Privatkonzerte für hiesige Hörlustige – von Ende Juni bis Oktober können die ausgewachsenen Tiere tagsüber auf der Suche nach Weibchen in den Zwergstrauchheiden belauscht werden. Laut der Heuschrecken-Onlineplattform Orthoptera handelt es sich um einen mässig lauten Gesang. Er besteht aus regelmässig wiederholten Versen im Abstand von zwei bis vier Sekunden. Je nach Temperatur dauern die einzelnen Verse zwischen einer halben und drei Sekunden und umfassen fünf bis fünfzehn Silben. Doch das Wetter spielt eine Rolle: Ist es bewölkt, wird die Gesangsbühne nur bei hohen Temperaturen bestiegen und zum Gezirpe angesetzt.
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Lauscher auf
Zur Bestimmung von Artzugehörigkeit und Abschätzung der Häufigkeit der singenden Insekten vertraut Oliver Hawlitschek auf sein Gehör – ein geübtes Ohr sei in den meisten Fällen bestens geeignet, meint er. «Ähnlich wie bei Vögeln und anderen singenden Tieren lohnt es sich, sich Eselsbrücken zu bauen, um den Gesang wiederzuerkennen.» In den Niederlanden tragen daher einige Heuschreckenarten aufgrund ihrer Gesänge besonders anschauliche Namen: Der Feldgrashüpfer wird dort «Locomotiefje», zu Deutsch «kleine Lokomotive», genannt. Sein Gesang erinnert nämlich an das Tuckern einer alten Dampflok. Der Bunte Grashüpfer wiederum heisst «Wekkertje», also «Weckerchen», weil sein Zirpen an einen klingelnden Wecker erinnert.
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«Für tiefergehende Untersuchungen, etwa zur Evolution der Gesänge, ist die Aufnahme mit geeigneten Recordern und die digitale Analyse von Frequenz, Amplitude und charakteristischen Gesangselementen nötig», betont Hawlitschek. So geht auch der Singzikadenforscher Thomas Hertach bei der Suche nach leiseren Arten vor. Ausgestattet mit einem zweckentfremdeten Fledermausdetektor untersuchte er Bergzikaden. «Das Mikrofon wandelt die hohen Töne in tiefere um, die so für mich besser erkennbar sind», erklärt Hertach. Das detaillierte Wissen rund um Singzikaden sei noch relativ jung, meint er. «Während man im Fall der Bergzikaden früher dachte, dass es sich immer um eine Art handle, die hier und da etwas anders aussieht, wissen wir seit 1999, dass es sich tatsächlich um verschiedene Arten handelte.» Diese Erkenntnis verdanke man den verschiedenen Gesangsmustern, die mit der technischen Hilfe oder guten Ohren auffielen.
In ganz Europa werden heute 17 Bergzikadenarten unterschieden. Sie ähneln sich zwar optisch stark, erzeugen jedoch jeweils ganz eigene rhythmische Gesangsmuster. «Akustisch sind sie also deutlich einfacher zu unterscheiden, als wenn man sie nur rein morphologisch betrachtet.» So beschrieb Hertach 2015 als erster die Italienische Bergzikade, die nun eine von vier Schweizer Bergzikaden darstellt. Sie kommt im Tessin und im Misox vor.
Ohrenbetäubender Lärm
Während die vier Bergzikadenarten sowie die sehr seltene Silbrige Zikade zu den kleineren und leisesten Singzikaden zählen, können die anderen fünf Singzikadenarten der Schweiz so richtig laut werden. «Die fünf grösseren gehören sogar zu den lautesten in ganz Europa», betont Thomas Hertach. So etwa die Grosse Singzikade, die eine Lautstärke von 82 Dezibel erreicht. «Und dabei handelt es sich um ein einziges Tier, wohlgemerkt.» Sie kommt jedoch äusserst selten in der Schweiz vor – man kennt lediglich vier Populationen. Häufiger kommt die Mannazikade vor, die mit 75 Dezibel auch noch ziemlich laut wird. «Sie ist im Mittelmeerraum der Spatz unter den Singzikaden. So sucht sie die Nähe zu Siedlungen, Parks und kann auch in Gärten vorkommen», erklärt Hertach. Wie bei den anderen auffällig lauten Singzikaden, beschränkt sich jedoch auch ihr Vorkommen auf die wärmeren Regionen der Schweiz – wie dem Walliser Rhonetal und Tessin. «In diesen Regionen können sie akustisch so dominant sein, dass sie die Heuschrecken in den Hintergrund verdrängen.»
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Anders als Heuschrecken erzeugen die Singzikaden ihren Gesang mit einem sogenannten Trommelorgan. «Man kann es sich wie eine Blech- oder Getränkedose vorstellen, die eingedellt wird und dadurch Geräusche erzeugt.» Kräftige Muskeln verformen dabei die Membranen des Trommelorgans blitzschnell nach innen und aussen, wodurch die charakteristischen Laute entstehen. «Das machen sie bis zu 250-mal in der Sekunde», zeigt sich Thomas Hertach begeistert.
Den Gesang der Mannazikade beschreibt er als eine schnelle Abfolge von Einzeltönen, die hölzern sowie monoton klingen. Besonders am idyllischen Uferweg des Luganersees zwischen Castagnola und Gandria könne man den Konzerten der Mannazikade sowie der seltenen Grossen Singzikade einfach zuhören, wie Hertach verrät.

Scheue Rockstars
Während man die grossen Singzikaden zwar dank ihrer ausgeprägten Lautstärke hören und verorten kann, sind sie meist enorm schwierig zu erspähen. «Es ist oft faszinierend, wie sie über ihre Tarnung und ihr Verhalten unerkannt bleiben», betont Thomas Hertach. Er würde gar so weit gehen und ihnen eine gewisse Intelligenz zuschreiben, um dem Menschen auszuweichen. Nähert man sich etwa einer singenden Zikade, verstummt sie meist sofort. Erst nach einigen Minuten beginnt sie wieder zu singen, sodass man sich schrittweise weiter annähern kann. Doch selbst wenn man überzeugt ist, ihren genauen Sitzplatz auf einem Ast gefunden zu haben, bleibt sie dank ihrer Tarnung oft unsichtbar – und fliegt häufig genau in dem Moment davon, in dem man sie endlich entdeckt. «Darum ist es auch für mich als Singzikadenforscher häufig eine enorme Herausforderung, ein Tier zu sehen oder eines zu fangen.»
Sollte man eine Singzikade doch plötzlich vor sich haben, brauche man laut Hertach keine Angst zu haben: «Sie können weder stechen, noch beissen – es sind völlig harmlose Tiere.» Sie sind zwar nicht so farbenprächtig wie etwa Schmetterlinge, doch auch in der Schweiz gibt es Arten wie den Weinzwirner, die der Singzikadenforscher sehr schön findet: «Es ist eine ganz seltene Art im Kanton Genf, die wunderschöne rote Adern besitzt.» Eine imposante Erscheinung sind Singzikaden allemal, besitzen sie gut und gerne eine Flügelspannweite von acht bis neun Zentimetern. «Ich kann jedoch nachvollziehen, wenn man ihre Larven vom Aussehen her etwas gespenstisch findet», gesteht Hertach und lacht. Mit ihren kräftigen Grabbeinen und den grossen Augen erinnern sie tatsächlich an kleine Urzeitwesen. Nach mehreren Jahren im Boden klettern sie zur letzten Häutung an einen Baum oder Strauch. Aus ihrer Hülle schlüpft die ausgewachsene flugfähige Singzikade – bereit, mit ihrem Gesang um ein Weibchen zu werben.

Ihr Erwachsenenleben dauert oft nur wenige Wochen, manchmal sogar nur wenige Tage. «Das Männchen hat dann nur eine Aufgabe – singen, singen und wieder singen.» Und dies, ohne den Gesang seiner Eltern je gehört zu haben. Während Singvögel ihren Gesang erst von Artgenossen erlernen müssen, verbringen Singzikaden ihre gesamte Jugend als Larven im Boden und hören bis zu ihrem ersten Auftritt nie eine andere Zikade singen. Dennoch treffen sie von Anfang an die richtige Tonhöhe und Rhythmik für ihre Art, wie Hertach erklärt: «Bei Singzikaden ist der Gesang komplett vererbt.»
Bedrohte Stimmen
Acht der zehn hiesigen Singzikadenarten sind auf der Roten Liste des Bundesamtes für Umwelt als gefährdet eingestuft. Federführend war Thomas Hertach, der sich auch heute noch für den Schutz der Tiere einsetzt. Er konnte einige Kantone dazu bewegen, Schutzmassnahmen wie etwa die Entbuschung oder Lichtung dichter Wälder voranzutreiben: «Diese waren zum Teil so erfolgreich, dass ich derzeitig auch bei keiner Art einen schweizweiten Rückgang feststellen kann.» Obwohl nicht selten die intensive Land- oder Forstwirtschaft als Auslöser für Rückgänge bestimmter Tierarten herangezogen wird, ist bei Singzikaden aktuell eher das Gegenteil ein Problem. «Mit dem Rückzug der Landwirtschaft aus unrentablen Gebieten nimmt für Arten von trockenen, mageren Standorten früher oder später die Qualität der Lebensräume durch Verbuschung und Verwaldung ab», warnt Hertach.
Wenn Thomas Hertach jedoch an die heutige Geräuschkulisse der Schweizer Wiesen denkt, überkommt ihn ein Schauer: «Es gibt so viele Wiesen, die einfach komplett stumm sind. Wo nichts, aber wirklich gar nichts mehr darin singt!» Ein Umstand, der ihn beunruhigt. «Das hat man vor zwanzig oder dreissig Jahren so noch nicht gehabt. Selbst in Wiesen, die damals schon intensiv genutzt wurden, hat es wenigstens noch ein oder zwei Heuschreckenarten gegeben», betont Hertach. Die Ursache sieht Oliver Hawlitschek in der Intensivierung der Landwirtschaft mit umfangreichem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln: «Diese Stoffe sind auch ausserhalb landwirtschaftlicher Nutzflächen bereits so stark vertreten, dass Insekten auch in scheinbar intakten Lebensräumen zurückgehen.»
Thomas Hertach sieht zudem in der modernen Mähtechnik ein Problem: «Heute existieren dermassen schnelle Maschinen, die so radikal das ganze Mähgut aufbereiten und aufnehmen können, dass die Insekten schlicht geschnetzelt werden.» Doch sei auch der Anteil an Kunstwiesen stark gestiegen, wie Hertach meint. Dabei handle es sich um Wiesen, die wie Äcker umgebrochen und dann lediglich mit ein paar Arten eingesät werden. Für Heuschrecken ist dies ein Todesurteil: «Das Umbrechen ist für Heuschrecken fatal.» Auch wenn man heute eine Wiese vor sich hat, ähnle diese laut Hertach in vielen Fällen vom System her eher einem Acker.
Zumindest zählen wärmeliebende Insekten, darunter viele Heuschrecken- und Singzikadenarten, zu den Profiteuren des Klimawandels. Doch dies könnte nach vielen Jahrzehnten wieder zur Rückkehr von Wanderheuschrecken führen, wie Oliver Hawlitschek warnt: «Mit der Klimaerwärmung ist nicht auszuschliessen, dass solche Heuschreckenplagen wiederkommen.» Durch die globale Erwärmung und ihre Auswirkungen auf den Nutzpflanzenanbau verbessern sich die Bedingungen für solche Arten in Mitteleuropa, und Massenvermehrungen könnten wieder vorkommen. «Grosse Schwärme können hunderte Kilometer weit wandern und so etwa aus Italien oder dem Balkan theoretisch auch in die Schweiz vordringen.» Dann würde es wieder so richtig laut werden.
Wer singt denn da?
Mit der Orthoptera-App lassen sich Heuschrecken in der Schweiz einfach und zuverlässig bestimmen. Besonders praktisch: Neben Fotos und Bestimmungsmerkmalen enthält die App auch die Gesänge der einzelnen Arten. Da viele Heuschrecken häufiger zu hören als zu sehen sind, ist das Erkennen ihrer Rufe oft der schnellste Weg zur richtigen Bestimmung. Derzeit wird an Zürcher Hochschulen eine weitere App namens Chirpscan entwickelt, die die Gesänge der Heuschrecken und Zikaden durch KI automatisch bestimmt. Die App soll 2027 erscheinen.

