Den Finger am Abzug
Immer mehr Frauen werden Jägerinnen
Immer mehr junge Frauen werden in der Schweiz Jägerinnen. Was steckt dahinter? Auf Reportage mit Jungjägerin Ariane Hitz im Aargau.
Es ist ein kühler Frühlingstag. Die Frühabendsonne hüllt den Hügel hoch über Lengnau (AG) in honigfarbenes Licht. Ariane Hitz (39) bereitet sich vor der urchigen Hütte des Jagdvereins Himmelrich auf die Jagd vor. Gemeinsam mit ihrem Jagdgötti Christian Müller (59) geht die Jungjägerin in Ausbildung gleich auf Wildschweinjagd. «Aber vorher stärken wir uns noch mit frischem Buurebot, Reh- und Wildschweinwurst», sagt sie lächelnd und beginnt, die mitgebrachten regionalen Spezialitäten mit einem scharfen Messer zu schneiden, «so ein Abend im Hochsitz kann sich nämlich ganz schön ziehen. Ohne Hunger macht das viel mehr Freude».
Während die beiden sich ihr Zvieri schmecken lassen, lassen sie die vergangenen Wochen Revue passieren: «Am Schiessstand werde ich immer besser», sagt Ariane und lächelt, «mit meiner Waffe fühle ich mich immer wohler. Es war die richtige Entscheidung, eine zu kaufen, statt auf eine Leihwaffe zurückzugreifen.» Christian nickt und klopft ihr auf die Schulter, sagt: «Die Prüfung packst du schon. Du bist mit so viel Leidenschaft dabei!» Seit knapp zwei Jahren ist Ariane Hitz an der Jagdschule Zurzibiet in Ausbildung. Im Juni steht ihre letzte Prüfung an. Erst dann darf die Jungjägerin alleine in den Wald.
Als Jagdgötti betreut Chregi, wie er von allen herzlich genannt wird, die Ausbildung, steht Ariane Hitz bei allen Fragen zur Seite, nimmt sie regelmässig mit ins Revier: Fährten lesen, Baumarten und Vegetationsräume kennlernen, einen kaputten Hochsitz reparieren, bei Verkehrsunfällen verendete Wildtiere bergen – all das lernt sie dabei kennen und noch viel mehr. Der hauptberufliche Landschaftsgärtner und Ur-Lengnauer ist hier einer von sechs Jagdpächtern und ein echter Naturliebhaber: «Ich selbst habe vor fast 40 Jahren meine Jagdprüfung abgelegt. Da war die Jagd noch eine reine Männerdomäne», sagt er, «als Vater von zwei Töchtern finde ich es aber toll, dass wir uns heute mehr und mehr öffnen – und so viele junge Frauen Jägerinnen werden möchten. Bei so viel Engagement ist die Zukunft der Jägerschaft gesichert!»
Seit 2015 Jägerinnen mehr als verdoppelt
Während in anderen Ehrenämtern nämlich vielerorts händeringend um Nachwuchs geworben wird, müssen Jagdschulen Anwärter aus Platzgründen sogar abweisen. Ein Trend, der auch die Schweiz ergriffen hat: «Immer mehr Frauen entschliessen sich dazu, die Jagdausbildung zu absolvieren», sagt Ronja Stöckli, Kommunikationsverantwortliche von JagdSchweiz. Seit 2014 werden Geschlechter in der Schweizer Jagdstatistik separat erfasst. Und während sich die Gesamtzahl der Jägerinnen und Jäger seit 2015 in der Schweiz in etwa stabil bei rund 29'500 hält, hat sich der Anteil der Frauen seither mehr als verdoppelt: von 534 Jägerinnen (etwa 2 Prozent) im Jahr 2015 auf 1311 (etwa 4 Prozent) im 2024. Rund 12 Prozent der Jagenden in Ausbildung waren 2024 schweizweit weiblich!
Die Büroangestellte Ariane Hitz aus Baden hat die Leidenschaft von ihrem Vater geerbt: «Er ist Treiberchef, behält auf den klassischen Bewegungsjagden in der Hauptsaison im Herbst den Überblick und ich begleite ihn schon seit über zehn Jahren», sagt sie. Die Jagdprüfung selbst anzugehen, hätte sie sich lange nicht zugetraut: «Ich war unsicher, ob ich ein Tier töten kann», gibt sie zu und schluckt, «aber ich weiss heute, dass das Schiessen und Töten den kleinsten Teil des Jägertums ausmacht und jeder Abschuss dem Wohl des Waldes und der Artenvielfalt dient. Jägerin zu sein, bedeutet für mich, Naturschützerin zu sein!» Sie selbst esse seit jeher bewusst wenig Fleisch. «Aber jeder der auch nur ab und zu Fleisch essen möchte, darf vor dem Töten und Sterben die Augen nicht verschliessen», sagt Ariane, «die Tatsache, dass Rehe, Wildsäue und Co. ein freies, glückliches Leben hatten, macht es leichter für mich – und der Bestand muss reguliert werden, um den Wald zu schützen.»
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Wenn ein getroffenes Wildtier zu Boden fällt, rast das Herz. Das ist auch bei Jagdgötti Chregi nach vier Jahrzehnten noch so. «Das hat auch mit Respekt zu tun, dass das Schiessen niemals zur Routine wird», sagt er. Zwar hat Ariane selbst noch kein Tier erlegt. Sie war aber schon oft dabei. Und zur Ausbildung gehört auch die sogenannte «rote Arbeit», bei der das erlegte Wildtier aus hygienischen Gründen so zeitnah wie möglich aufgebrochen wird, um die Organe zu entfernen. «Fleisch und Blut sind noch warm, davor hatte ich riesigen Respekt», sagt Ariane Hitz, «aber es ist ein friedlicher, ruhiger Prozess, der viel Sorgfalt und Wissens bedarf.» Bei der Organbeschau wird nämlich auch analysiert, ob das Wildtier gesund war und zum Verzehr geeignet ist.
Ob die beiden heute eine Wildsau zu schiessen bekommen? Ariane und Chregi ziehen warme Jacken an, greifen ihre Ferngläser und pirschen mit ruhigen Schritten in den Wald. «Noch rund 45 Minuten, dann geht die Sonne unter. Vorher müssen wir den Hochsitz erreicht haben, um die Wildtiere nicht zu verschrecken», sagt Ariane. Auf dem knirschenden Waldweg hören wir eine Singdrossel über uns. Die grosse Wiese, an deren Rand der Hochsitz positioniert ist, ist an vielen Stellen aufgewühlt: «Das waren Wildsäue, die nach Engerlingen gewühlt haben, hier könnten wir Glück haben!» Behutsam auf den rund sechs Meter hohen Hochsitz geklettert, dann heisst es: abwarten. Wenn heute ein Schuss fallen sollte, dann aus dem Jagdgewehr von Götti Chregi. Mit einer Wärmebildkamera sucht er die Umgebung ab. Aber alles bleibt still. Die beiden sitzen stundenlang mit dem Blick über Wald und Wiesen nebeneinander. Vögel zwitschern, der Wind rauscht durch die Bäume und wird mit zunehmender Dämmerung eisiger. Hin und wieder flüstern sich die beiden Jäger etwas zu.
Kurz nachdem die Sonne hinter dem Hügel verschwunden ist, traut sich ein kleiner Fuchs aus dem Dickicht. Er schnüffelt hier und da – und verschwindet auf der anderen Seite der Lichtung wieder im dichten Laubwald. Erst als es beinahe komplett dunkel ist, jagen zwei Rehböcke über die Lichtung, die vermutlich in einen Revierkampf geraten sind. Wildsäue – die einzigen essbaren Wildtiere, die unter gewissen Bedingungen rund ums Jahr gejagt werden dürfen – lassen sich heute nicht blicken. Dafür aber der beissende Frühlingswind, der uns frösteln und kapitulieren lässt. Ein Misserfolg? «Manchmal ist es eben so, dass man auf dem Ansitz ist und man länger keinen Anblick hat. Aber es ist keineswegs ein Misserfolgs-Tag», sagt Ariane kopfschüttelnd, «für mich bedeutet jeder Ausflug in die Natur: die Theorie in der Praxis erleben. Wie verhält sich das Wild zu welcher Jahreszeit? Wie verhält es sich bei schlechten Wetterbedingungen? Ich lerne jedes Mal etwas dazu», sagt sie, «es ist doch schön, zu sehen, dass man die Natur nicht kontrollieren kann. Das zeigt, dass sie noch in Ordnung ist und alle Bemühungen der Wildhüter und Jagdgesellschaften Früchte tragen.»
Woher kommt der Jägerinnen-Trend?
Ronja Stöckli, Kommunikationsverantwortliche von JagdSchweiz, erklärt die Entwicklung:
- Nähe zur Natur: «Wir beobachten seit einigen Jahren einen starken Trend hin zu mehr Naturverbundenheit. Viele Menschen – darunter auch zahlreiche Frauen – suchen einen bewussteren Ausgleich zum urbanen und digitalisierten Alltag.» Und die Jagd und alle Tätigkeiten drumherum, wie die Waldpflege, würden eine sehr unmittelbare Auseinandersetzung mit Natur, Lebensräumen und ökologischen Zusammenhängen bieten.
- Bewusster Fleischkonsum: «Ein weiterer wichtiger Faktor ist das wachsende Interesse an nachhaltiger und regionaler Ernährung», so die Expertin. Immer mehr Menschen hinterfragen Herkunft, Produktionsbedingungen und Qualität von Lebensmitteln – «und Wildbret steht für ein natürliches, ressourcenschonend gewonnenes Lebensmittel.»
- Mediale Präsenz: Immer mehr Jägerinnen seien in klassischen und sozialen Medien präsent: «Sie sind heute sichtbarer, teilen ihre Erfahrungen, gewähren Einblicke in ihren Alltag und brechen damit auch mit traditionellen Bildern. Diese Sichtbarkeit schafft Identifikationsmöglichkeiten und senkt Hemmschwellen.»
- Zugang offener: «Vor einigen Jahrzehnten waren es vor allem traditionelle Rollenbilder und gewachsene Strukturen innerhalb der Jagdgesellschaften, die es Frauen erschwerten, Teil dieser Gemeinschaft zu sein», sagt die Mediensprecherin, «die Jagd war stark männerdominiert und entsprechende Netzwerke, Ausbildungswege und Reviere waren weniger zugänglich.»
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