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Harter Panzer, sensibler Kern

Andreas Fux ist seit zwanzig Jahren begeisterter Halter von Breitrand- und Griechischen Landschildkröten. Er hat seinen Tieren ein artgerechtes Freilandgehege gebaut, in das er uns für einen Rundgang mitnimmt und dabei alles Wichtige über die Landschildkrötenhaltung verrät.

Betonieren Sie hier etwa einen Sarg ein?» Unter anderem mit solchen Fragen sahen sich Andreas Fux und seine Ehefrau Caroline konfrontiert, als sie mit dem Bau des Schildkrötengeheges loslegten. Die meisten Vereinsmitglieder der Kleintieranlage bei Thalwil ZH hielten Hühner oder Kaninchen. Mit mediterranen Landschildkröten und deren artgerechter Haltung war jedoch noch kaum jemand in Berührung gekommen.

Erst als sich Fuxes mit ihren zehn gepanzerten Vierbeinern hier einmieteten, änderte sich dies. Bis das vierzig Quadratmeter grosse Freilandgehege allerdings bezogen werden konnte, gab es einiges zu tun. «Zum Glück stand uns mein Bruder, der Landschaftsgärtner ist, mit Rat und Tat zur Seite. Denn die Erstellung einer solchen Anlage ist schon fast ein Projekt für Landschaftsarchitekten», erklärt der 32-Jährige.

Bei der Konstruktion eines Freilandgeheges für Landschildkröten gilt es als Erstes, den idealen Standort herauszufinden. Europäische Landschildkröten benötigen Sonnenlicht, damit ihr Stoffwechsel funk-tioniert. Folglich ist ein Platz ideal, der von frühmorgens bis zum Abend besonnt ist. Die Haltung von Landschildkröten in einem Innenterrarium kannniemals artgerecht sein, appelliert der Fachmann.

Das definierte Gelände muss nun mit einer ausreichend hohen und blickdichten Umrandung abgesichertwerden. Schildkröten sind nämlich nicht nur imGraben, sondern – man würde es kaum glauben – auch im Klettern ganz schön flink. Gut eignen sich Betonplatten, die etwa zwanzig Zentimeter tief in den Boden eingelassen werden und vierzig Zentimeter aus der Erde ragen. Durchsichtig sollte die Einfassung deshalb nicht sein, da die Tiere diese nicht als Grenze erkennen und unablässig versuchen würden, sie zu überwinden.

«Ein Freilandgehege für Landschildkröten ist fast ein Architektur-Projekt.»

Ist dafür gesorgt, dass die Schildkröten die Umrisse ihres neuen Zuhauses kennen, sollte dieses möglichst so gestaltet werden, wie die Tiere es von ihrem Herkunftsgebiet im kargen Mittelmeerraum her kennen. Eine Grasfläche, die bei Regen leicht matschig wird, ist mit Bestimmtheit nicht der ideale Boden. Vielmehr entspricht ein steiniger, kalkhaltiger Untergrund den Bedürfnissen dieser Tiere. Erst habe er die obersteErdschicht etwa fünfzehn Zentimeter tief abgetragen und dann mit gebrochenem Jurakalk aufgefüllt, erklärt Andreas Fux. Der Aushub kann dafür genutzt werden, einen Hügel zu modellieren.

Die Tiere mögen nämlich ein abwechslungsreiches Gelände. Für eine möglichst vielfältige Lebenswelt mit genügend Versteckmöglichkeiten sorgen zudem Steinbrocken, Wurzeln, dicke Äste und natürlich die Bepflanzung. Bei der Auswahl der Pflanzen gilt es darauf zu achten, dass diese für Schildkröten nicht giftig sind. Gute Schattenspender sollten sie sein und das Gelände schön strukturieren. Denn neben der Sonne ist auch für die wechselwarmenReptilien der Schatten wichtig. Auch hier kann man sich wieder an der Vegetation des mediterranen Herkunftsgebietes orientieren. Kräuter wie Lavendel,Thymian oder Salbei passen optimal und verströmen zugleich einen angenehmen Duft.

Grünfutter statt Tomaten

Landschildkröten knabbern gerne die verschiedenen Pflanzen im Gehege an, benötigen ergänzend aber noch anderes Grünzeug. Wichtig ist es, abwechslungsreiches Grünfutter anzubieten, wie etwa Löwenzahn, Klee, Breitwegerich, Spitzwegerich oder wilde Malve. Obst und Gemüse sollte diesen Tieren hingegen nicht vorgesetzt werden. Weit verbreitet ist auch das Füttern von Tomaten und Salaten. «Auch hier gilt es, die ursprüngliche Lebenswelt als Vorbild zu nehmen. So leuchtet ein, dass dieses Frischfutter für die Ernährung von Europäischen Landschildkröten nicht geeignet ist», mahnt Andreas Fux.

Als Zusatzfutter sollten ausschliesslich Kalkspender wie etwa Sepia- oder Eierschalen ins Gehege gelangen, weitere Futterzusätze sind unnötig. Wichtig ist, täglich frisches Wasser in einer flachen Schale anzubieten. Die Wasserschale kann man durch Austrocknen an der Sonne desinfizieren lassen. Natürliches Sonnenlicht ist für die Schildkröten sowieso von grosser Wichtigkeit, nicht nur für den Wärmehaushalt, sondern auch für die Verwertung des aufgenommenen Kalziums.

Neben der Bepflanzung ist der wichtigste Bestandteil jedes Freilandgeheges das, was als Sarg gedeutet wurde, sich in Wirklichkeit aber als Fundament für ein Frühbeet oder Gewächshaus entpuppt. Damit die wärmebedürftigen Schildkröten auch bei wenig Sonneneinstrahlung sowie bei Niederschlag und in den Übergangszeiten einen warmen und trockenen Rückzugsort haben, sollte das Gewächshaus zusätzlich mit einer Wärmelampe ausgestattet sein.

Eine Geröllschicht in den untersten dreissig Zentimetern sorgt dafür, dass keine unerwünschten Tiere eindringen können und gleichzeitig das Wasser gut abfliesst. Das einen Meter tiefe Fundament wurde mit einem Erde-Sand-Gemisch aufgefüllt. «Als zusätzlichen Schutz vor Eindringlingen habe ich den Eingang zum Gehäuse, das die Schildkröten als Schlafplatz nutzen, mit einem Lamellenvorhang bestückt», erklärt der Schildkrötenhalter.

Im durchsichtigen Kasten verbringen die Tiere nicht nur die Nachtruhe, sondern auch die Winterstarre. Mediterrane Landschildkröten jeden Alters fallenzwischen Mitte Oktober bis Mitte März in eine Winterstarre. Eine Überwinterung im Gewächshaus oder Frühbeetkasten stellt die geeignetste Lösung dar. Hier können die Tiere selbständig die Dauer bestimmen und sind vor grossen Temperaturschwankungen sowie, dank einer Verriegelung des Einganges, vor Mäusen oder Ratten in Sicherheit. Diese Methode sollte einer Freilandüberwinterung oder der Winterruhe im Kühlschrank vorgezogen werden.

Damit die Schildkröten nicht nur vor Fressfeinden am Boden, sondern auch aus der Luft geschützt sind, hat Andreas Fux über sein Gehege ein Netz gespannt. Es dient zur Abwehr der Milane und anderen grossen Greifvögel.

Viele Tiere – wenig Wissen

Ein so gut gesichertes, weitläufiges, durchdacht geplantes und artgerechtes Zuhause bewohnten seine Schützlinge nicht von Anfang an, gibt Fux zu. Als leichtfertig darf die Anschaffung seiner zwei ersten Schildkröten jedoch keinesfalls abgetan werden. Im Alter von zwölf Jahren las sich der Junge eingehend in die Materie ein, bevor er den Schritt zu eigenen Tieren wagte. Er war sich bereits in diesem zarten Alter darüber im Klaren, dass er sich mit den gepanzerten Reptilien keine Streicheltiere in den Garten holte und dass diese ihn noch manches Jahr begleiten würden. Gut und gerne siebzig Jahre kann eine Landschildkröte alt werden.

Mit diesen Kenntnissen war der junge Tiernarr, der sogar seine Maturaarbeit über die Haltung von Landschildkröten verfasste, so manchen Schildkröten-besitzern um einiges voraus. Nach dem ZweitenWeltkrieg bis in die 1980er-Jahre wurden über zwei Millionen lebende Landschildkröten aus dem damaligen Jugoslawien in die Schweiz importiert. Bereits an der Art und Weise des Transportes, für den Hunderte Schildkröten wie eine Ware in Kisten gequetschtwurden, ist ersichtlich, wie wenig über den korrekten und artgerechten Umgang mit dieser Spezies bekannt war.

Die Migros lancierte im Jahr 1954 sogar die Aktion «Schildkröten statt Osterhasen», in der sie zur Osterzeit 5000 Landschildkröten für drei Franken pro Stück verhökerte. Oft sah man diese Tiere dann in den Gärten deponiert, angebunden an einem Seil, welches durch ein Loch im Panzer befestigt war. «Den Leuten war weder bewusst, wie die Tiere gehalten werden sollten, noch dass es sich um Wesen handelt, die durchaus über Gefühle und ein Schmerzempfinden, sogar im harten Panzer, verfügen», klagt Andreas Fux.

Schildkröteninfos

Wer sich über die Haltung von Schild-kröten informieren möchte, ist bei der SIGS an der richtigen Stelle. Hier gibt es detaillierte Merkblätter, Auskunft zu gesetzlichen Bestimmungen, eine Beratungshotline und Kontaktdaten von Auffangstationen, die Schildkröten vermitteln. sigs.ch

Beim Betreten des Geheges bemerkt man sofort, wie feinfühlig und gwundrig die Schildkröten sind und wie sie einen sofort wahrnehmen. In beachtlichem Tempo kommen sie schon fast angerannt. «Es sind tatsächlich neugierige Tiere, die sehr sensibel auf Veränderungen reagieren», weiss der Schildkrötenfreund. Auch zur Wettervorhersage erweisen ihm seine Tiere gute Dienste: Ist eine Regenfront im Anzug, verschwinden sie in ihr Gewächshaus, und sobald sich Sonnenschein ankündigt, kommen sie wieder raus.

Fux beobachtet seine Tiere genau. Auf die Anfrage, ob er seine zehn Schildkröten denn auseinander-halten könne, reagiert der Zürcher ziemlich verdutzt. Er nehme seine Tiere selbstverständlich als Individuen wahr. Sie aufgrund der Grösse, Farbe oder Panzerform auseinanderhalten zu können, sei keine Hexerei, meint er. Dass die Faszination für diese Tiere auch jetzt, wo er den Kinderschuhen längst entwachsen ist, kein bisschen nachgelassen hat, wird schnell ersichtlich.

«Ich geniesse es, die Tiere beobachten zu können, und finde es spannend, gemeinsam mit ihnen zu wachsen und ihre Anlage immer schöner auszugestalten», schwärmt Fux. Und einen Sarg benötigt er für seine Begleiter gewiss noch lange nicht. Eben erst sind ganz überraschend zwei fünflibergrosse Jungtiere geschlüpft. Bewusst vermehren sollte man Schildkröten jedoch nicht, die Auffangstationen quellen nämlich über. Denn nicht alle Halter wissen sich mit einem solchen Enthusiasmus und Fachwissen um die gepanzerten Vierbeiner zu kümmern.

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