Er ist laut, auffällig und kaum zu übersehen. Wenn ein Eichelhäher mit seinem krächzenden Ruf durch den Wald fliegt, wissen oft auch Rehe, Eichhörnchen und andere Waldbewohner: Hier stimmt etwas nicht. Doch der farbenfrohe Rabenvogel ist weit mehr als ein lärmender Wächter. Mit seinem erstaunlichen Gedächtnis, seiner Intelligenz und seiner Vorliebe für Eicheln spielt er eine Schlüsselrolle für unsere Wälder. Kein Wunder, wird er oft als «Förster des Waldes» bezeichnet.
Im Herbst ist Hochsaison für den Eichelhäher. Während andere Tiere gemütlich den Sommer ausklingen lassen, beginnt für ihn die arbeitsreichste Zeit des Jahres. Mit seinem kräftigen Schnabel sammelt er
Eicheln, Haselnüsse, Bucheckern oder Kastanien und versteckt sie einzeln im Waldboden. Dabei transportiert er erstaunliche Mengen. In seinem Kehlsack und Schnabel kann er mehrere Eicheln gleichzeitig tragen. An guten Tagen legt ein einzelner
Vogel Hunderte Vorräte an. Über den gesamten Herbst verteilt können es mehrere Tausend Verstecke sein.
Der Eichelhäher gehört zur Familie der Rabenvögel – und damit zu den intelligentesten Vögeln überhaupt. Hat ein Eichelhäher bemerkt, dass ein anderer Vogel sein Versteck beobachtet, gräbt er seine Vorräte später häufig wieder aus und versteckt sie an einem neuen Ort. Offenbar kann er einschätzen, dass ein Artgenosse ihn bestehlen könnte.
Vergesslichkeit mit grosser Wirkung
So beeindruckend sein Gedächtnis auch ist – perfekt ist es nicht. Einen Teil seiner Vorräte findet der Eichelhäher nie wieder. Genau das macht ihn zu einem der wichtigsten Baumpflanzer Europas.
Die vergessenen Eicheln keimen im Frühjahr und wachsen zu jungen Bäumen heran. Forschende gehen davon aus, dass Eichelhäher wesentlich zur natürlichen Ausbreitung von Eichen beitragen. Weil sie ihre Vorräte oft mehrere hundert Meter vom ursprünglichen Baum entfernt verstecken, wachsen neue Eichen auch an neuen Standorten. So können sich Wälder besser ausbreiten und sich langfristig an veränderte Klimabedingungen anpassen. Trotz seines Namens frisst der Eichelhäher längst nicht nur Eicheln. Auf seinem Speiseplan stehen auch Bucheckern, Haselnüsse, Beeren, Insekten, Würmer, Schnecken und Pilze. Im Frühjahr ergänzt er seine Nahrung gelegentlich mit Eiern oder Jungvögeln anderer Arten.
Der Wächter des Waldes
Kaum ein Tier schlägt zuverlässiger Alarm. Entdeckt ein Eichelhäher einen Fuchs, Marder, Uhu oder Menschen im Wald, lässt er sofort seinen weithin hörbaren Warnruf erklingen. Viele andere Tiere reagieren darauf und verschwinden in Deckung. Deshalb gilt der Eichelhäher als einer der wichtigsten «Wächter» des Waldes. Jäger und Naturbeobachter nutzen seinen Warnruf oft als Hinweis darauf, dass sich irgendwo ein grösseres Tier bewegt.
Wer glaubt, der Eichelhäher könne nur krächzen, unterschätzt ihn gewaltig. Wie viele Rabenvögel besitzt er ein erstaun-
liches Talent zum Nachahmen. Er kann Rufe anderer Vogelarten imitieren und sogar Greifvögel täuschend echt nachmachen. Manchmal erschreckt er damit andere Tiere, die fluchtartig das Weite suchen. In Parks und Siedlungen wurden sogar Eichelhäher beobachtet, die Geräusche von Menschen oder Maschinen extrem gut kopierten.

