Welche Pflanzen in einem Garten gedeihen, scheint zunächst vor allem eine Frage des Standorts zu sein: Wie ist der Boden beschaffen, wie viel Sonne fällt auf die Fläche, wie warm und trocken ist es? Doch zumindest in Städten greift diese Vorstellung zu kurz. «Je stärker ein urbaner Grünraum von Menschen bewirtschaftet und gepflegt wird, desto mehr hängen seine Pflanzenvielfalt und -zusammensetzung von menschlichen Entscheidungen ab», erklärt das Forschungsteam des Projekts PAPPUS («Plants and People in Urban Green Space»).
Derzeit nehmen die Forschenden 180 Grünflächen in Zürich, Genf und Lugano unter die Lupe – von Privat- und Familiengärten über Parks und Wohnanlagen bis hin zu Ruderalflächen. Das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) im Rahmen des Sinergia-Programms finanzierte Projekt vereint Forschende der WSL, der Eawag und der Universität Potsdam. In vier Arbeitspaketen zu Gesellschaft, Artenvielfalt, Mikroklima und integrierten Szenarien untersuchen sie, wie menschliche Entscheidungen und Umweltbedingungen zusammenspielen – und was dies für Biodiversität, Stadtklima und Menschen bedeutet.
Der Einfluss der Gärtnerinnen und Gärtner ist dabei grösser als landläufig angenommen. So waren Familiengärten in Lugano stärker auf den Anbau von Lebensmitteln ausgerichtet, während in Zürich die Renaturierung auch in privaten Grünräumen eine vergleichsweise starke Tradition hat. Gleichzeitig setzt das Klima seinen Rahmen: In Lugano können beispielsweise Arten gedeihen, die weiter nördlich seltener vorkommen; zugleich war dort der Anteil nicht einheimischer Pflanzen am höchsten. Daraus lässt sich zwar kein typischer «Zürcher» oder «Tessiner Garten» ableiten. Die Forschenden sehen jedoch eine klare Botschaft: Den einen Schweizer Garten gibt es nicht. Selbst auf engem Raum entstehen aus dem Zusammenspiel von Klima, lokalen Gartentraditionen und den Entscheidungen der Menschen ganz unterschiedliche Pflanzengemeinschaften.
Nicht möglichst viele, sondern möglichst unterschiedliche Pflanzen
Artenvielfalt bedeutet dabei nicht einfach, möglichst viele verschiedene Pflanzen unterzubringen. Wichtig ist auch, wie unterschiedlich ihre Eigenschaften sind – etwa Wuchsform, Blüten und Blätter, Ansprüche an Boden und Klima oder die Fähigkeit, mit Hitze und Trockenheit zurechtzukommen. «Je grösser die Vielfalt der Eigenschaften unter den Pflanzen eines Gartens ist, desto besser können sie gemeinsam mit unterschiedlichen Umweltbedingungen und Organismen zurechtkommen», erklärt das PAPPUS-Team.
Das macht einen Garten zugleich toleranter gegenüber Umweltveränderungen. Setzt beispielsweise Trockenheit einer Art stark zu, kommt eine andere womöglich besser damit zurecht. Erfüllen zudem mehrere Arten ähnliche ökologische Funktionen, entsteht eine Art Sicherheitsnetz: «Geht eine Art verloren, kann eine andere möglicherweise eine ähnliche Rolle übernehmen und so dazu beitragen, dass das Ökosystem weiterhin funktioniert.»
Was Insekten wirklich brauchen
Auch für Insekten zählt deshalb nicht nur, wie viele Pflanzenarten vorhanden sind, sondern was diese zu bieten haben. Bei Blüten spielen etwa Farbe, Form und Duft sowie Nektar und Pollen eine Rolle, bei Blättern Grösse, Härte und Nährstoffgehalt. Selbst abgestorbene Blätter bleiben wertvoll: Sie dienen wirbellosen Bodenbewohnern als Nahrung.
Nicht jeder Garten muss alles können. Aber jeder Garten kann etwas dazu beitragen.
Hinzu kommt eine für uns unsichtbare Ebene. «Pflanzen sind nicht nur Nahrungsquelle und Unterschlupf für viele Organismen, sondern aktive Teilnehmer an komplexen ökologischen Beziehungen», betonen die Forschenden. Chemische Stoffe in Blättern können Pflanzenfresser abschrecken oder deren natürliche Feinde anlocken. Auch Blütendüfte beeinflussen, welche Insekten zu Besuch kommen. Für ein Insekt ist eine Pflanze eben weit mehr als eine hübsche Blüte. Welche Pflanzen wir anbauen und welche wir aus unserer Umgebung verdrängen, beeinflusst damit auch dieses unsichtbare Netzwerk von Signalen und Beziehungen – und wirkt weit über die einzelne Pflanze hinaus.
Einheimisch oder exotisch?
Einheimische Pflanzen gelten als erste Wahl für einen naturnahen Garten. Ganz so schwarz-weiss ist die Sache jedoch nicht. «Einheimische Pflanzen sind als Grundlage für die Biodiversität besonders wichtig, aber unsere Forschung zeigt, dass das Bild differenzierter ist als ‹einheimisch ist gut, nicht einheimisch ist schlecht›.» In Zürich besuchten Bestäuber sowohl einheimische als auch nicht einheimische Blütenpflanzen. Entscheidend war vor allem, wie vielfältig und reichlich Blüten zur Verfügung standen.
Nicht einheimische Arten können das Angebot ergänzen, etwa wenn sie zu Zeiten blühen, in denen andere Nahrungsquellen knapp werden. Die Empfehlung lautet dennoch nicht: möglichst viele Exoten. Vielmehr raten die Forschenden zu einer vielfältigen Pflanzengemeinschaft mit einer starken Basis einheimischer Arten und einem Blütenangebot über die gesamte Saison. Ergänzende, nicht einheimische Arten sollten sorgfältig ausgewählt werden, nicht invasiv sein und auch der einheimischen Fauna etwas bieten.
Was zählt bei der Pflanzenwahl?
Bei der Pflanzenwahl zählt nicht nur die Optik. Besonders wichtig waren den Befragten innerhalb des PAPPUS-Projektes:
- mehrjährig und standortgerecht
- frost- und krankheitsresistent
- ungiftig für Menschen
- wertvoll als Tiernahrung
- einheimisch
Fazit: Schön und ökologisch wertvoll schliessen einander nicht aus.
Der Garten als natürliche Klimaanlage
Pflanzen schaffen nicht nur Lebensraum für Tiere, sondern helfen auch gegen sommerliche Hitze. Sie spenden Schatten und kühlen durch Evapotranspiration, bei welcher Wasser an die Luft abgegeben und der Umgebung Wärme entzogen wird. «Bäume sind das wirksamste einzelne Element, um Gärten zu kühlen», sagt das PAPPUS-Team. Wo genügend Platz vorhanden sei, sollten sie deshalb die erste Wahl sein. Doch zählt auch, was darunter wächst: «Kurze, lückige Rasenflächen können zwar zur Kühlung beitragen, ihre Kühlwirkung hängt jedoch stark von der verfügbaren Wassermenge ab. Dichtere und höher wachsende Pflanzungen können unter geeigneten Bedingungen stärker kühlen – entscheidend ist dabei, wie viel Wasser die Pflanzen über die Verdunstung an die Umgebung abgeben können.» Ideal ist eine Kombination aus Bäumen und dichter, strukturreicher Vegetation. Davon profitieren auch bodenlebende Tiere, die empfindlich auf hohe Oberflächentemperaturen reagieren.
Pflanzen ist nur die halbe Arbeit
Was wir pflanzen, schafft allerdings nur die Grundlage. Was wir danach damit machen, entscheidet mit darüber, wie viel davon bei den Tieren ankommt. Häufiges Mähen, intensiver Rückschnitt, das Entfernen von Falllaub und abgestorbenen Stängeln oder der Einsatz von Pestiziden verringern Nahrung und Lebensräume. Weniger intensiv gepflegte Bereiche und abgestorbenes Pflanzenmaterial schaffen dagegen zusätzliche Mikrohabitate.
Doch Zurückhaltung bei der Pflege allein reicht nicht. «Ein Garten kann nicht durch Pflege besonders artenreich werden, wenn er nur wenige Pflanzenarten enthält, die kaum Ressourcen bieten.» Umgekehrt kann ein vielfältig bepflanzter Garten viel von seinem Wert für Wildtiere verlieren, wenn er zu intensiv gepflegt wird. Pflanzenwahl und Pflege müssen also zusammenspielen.
Der perfekte Garten muss nicht perfekt sein
Schön, pflegeleicht, artenreich, hitzeresistent und gleichzeitig ein angenehmer Aufenthaltsort – muss wirklich jeder Garten alles leisten? Nein, sagt das PAPPUS-Team. Vielmehr gehe es darum, diese Ziele «gemeinsam, als Gemeinschaft, als Quartier und über die gesamte Stadt hinweg» zu erreichen. Denn: «Das urbane Grün ist ein unglaubliches Mosaik von Lebensräumen.» Der eine Garten bietet besonders viele Blüten, im nächsten steht ein grosser schattenspendender Baum, andernorts gibt es Gemüsebeete, alte Sträucher oder eine wenig gestörte Ecke.
Wie wertvoll gerade diese Unterschiede sind, zeigen die PAPPUS-Daten. Auf den 180 untersuchten Flächen wurden mehr als 1000 Pflanzenarten erfasst. Die Unterschiede zwischen einzelnen Standorten waren dabei häufig grösser als zwischen den verschiedenen Grünraumtypen. Viele unterschiedlich gestaltete und gepflegte Flächen können deshalb gemeinsam mehr Arten beherbergen als viele ähnliche.
Weitere Informationen zum Projekt: www.wsl.ch/pappus_de
Drei Dinge, die jeder Gartenbesitzer tun kann
- Vielfältige Lebensräume schaffen: unterschiedliche Vegetationshöhen und Bodenbedingungen, wilde Ecken, Totholz, Äste, Steine oder Trockenmauern.
- Vielfältig pflanzen: verschiedene Wuchsformen und Blütezeiten kombinieren und einheimische Arten bevorzugen.
- Weniger einheitlich und intensiv pflegen: nicht alles gleich häufig mähen oder zurückschneiden und synthetische Mittel möglichst vermeiden.

