Gibt es etwas zu sehen, steht innert kürzester Zeit die ganze Herde am Zaun. Dann wird alles und jeder mit dem Schnabel inspiziert. Überall wittern Strausse potenzielle Futterquellen – besonders bei Schmuck. «Sie lieben alles, was glänzt», erklärt Bauer Herbert Jung. «Vermutlich sieht das für sie aus wie ein Getreidekorn oder sowas Äähnliches.» Auch er trug früher einen Ohrring. Doch als er mit seiner Frau Rita vor rund 20 Jahren die ersten Strausse ins luzernische Müswangen holte, wurde ihm die ständige Pickerei zu mühsam.
Gestartet hatten die beiden mit fünfzehn jungen Weibchen von einem Basler Züchter. Damals wie heute gab es in der Schweiz nur wenige andere Straussenhöfe. «Es werden eher wieder weniger», meint Herbert Jung. «Viele gehen in Pension und die Jungen machen nicht weiter, andere hören schon nach zwei, drei Jahren wieder auf.» Auch er und seine Frau hätten zu Beginn viel Lehrgeld zahlen müssen. «Da muss man etwas durchbeissen.»

Besonders herausfordernd bei der Straussenhaltung sei die Nachzucht. Während sich Hühnerküken selbst aus dem Ei kämpfen, sind viele Strausse auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen. «In der Natur wurden schon Hähne beobachtet, die Eier an einen Stein kicken, damit das Küken besser schlüpfen kann», sagt Jung. In einer Zucht übernimmt der Mensch diese Starthilfe. Denn im Brutkasten ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass alle Jungen gedeihen. Dafür braucht es allerdings viel Fingerspitzengefühl. Wenn die Jungtiere bereit sind für die Welt ausserhalb der schützenden Kalkschale, müssen sie sich innerhalb von 24 Stunden aus dem Ei kämpfen. Zeichnet sich ab, dass ein Küken den Schlupf nicht alleine schafft, greift Rita Jung ein. Hilft sie zu früh, besteht die Gefahr, dass das Kleine verblutet. Um einzuschätzen, wie weit das Küken entwickelt ist, durchleuchtet die Bäuerin die Eier mit einer Taschenlampe.
Leben im Harem
In der Natur wie auch auf dem Bio-Hof in Müswangen leben Strausse in kleinen Harems. Diese bestehen aus einem dominanten Hahn, einer Haupthenne und mehreren jüngeren Nebenhennen. Im Spätfrühling beginnt die Brutzeit der Wildvögel. «Die Haupthenne legt ihre Eier in die Mitte der Grube und reiht die anderen aussen herum hin», erklärt Herbert Jung. Da sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Eier der Nebenhennen zu wenig Wärme erwischen. Einmal im Jahr lässt der Bauer seine Strausse dennoch auf natürliche Weise brüten. Er befürchtet, dass die Tiere diesen natürlichen Trieb ansonsten verlieren könnten. «Sie legen so viele Eier, bis das Gelege komplett ist», erklärt er. Auch in der Wildnis kann das den ganzen Sommer dauern, da es verschiedene Tiere wie Hyänen oder Geier auf die nahrhaften Eier abgesehen haben. Auf dem Hof übernimmt gewissermassen der Mensch die Rolle des Eierdiebes: Er entnimmt dem Nest die Eier, die etwa 25-mal so gross sind wie jene eines Huhns.
Manche legt die Familie Jung sofort in den Kühlraum, um sie für den Direktkonsum verkaufen zu können. Die meisten aber kommen in den künstlichen Brutkasten, wo die Temperatur auf einen Zehntelgrad genau eingestellt ist. «All das mussten wir zuerst herausfinden», so Herbert Jung. Ohnehin kämen nur Bastler, die gerne ausprobieren, mit einer solch seltenen Nutztierrasse zurecht. «Einen Stallbauer für Strausse gibt es nicht, da haben wir selbst improvisiert», erzählt er. Für ihn und seine Frau sei aber schon früh klar gewesen, dass sie etwas Aaussergewöhnliches machen wollen. «Für einen normalen Betrieb wäre der Hof ohnehin zu klein», meint Jung. Ebenso reizte das Ehepaar die Unabhängigkeit von Grosskonzernen und deren Preisdiktat.

Mit dem Straussenfleisch fand die Familie Jung eine Nische, mit der sie den Sprung in die Direktvermarktung schafften. «Es ist gesundes, nachhaltiges Fleisch und damit genau das, was die Leute heute wollen», weiss Herbert Jung. Mit gesund meint er vor allem die fett- und cholesterinarmen Eigenschaften des Fleisches. Als nachhaltig gilt es, weil Strausse als typische Steppen- und Wüstentiere weniger Futter, Fläche und vor allem Wasser benötigen als viele andere Nutztiere. Zudem seien sie erstaunlich anpassungsfähig, erzählt Jung. «Viele meinen, weil sie aus Afrika kommen, halten sie nur heisse Temperaturen aus, dabei haben sie auch mit kalten Temperaturen keine Probleme.» Die Flügel der Strausse dienen zwar nicht mehr zum Fliegen, sind aufgeplustert aber wunderbare Wärmeisolatoren.
Früher lebten die Vögel nicht nur in Afrika, sondern auch in Regionen Asiens, wo Minustemperaturen keine Seltenheit waren. «Afrika ist nur der einzige Ort, wo sie noch Platz zum Leben haben», so Jung. Doch auch dort wurden die Vögel vielerorts bis zur Ausrottung bejagt. In erster Linie wegen ihres begehrten Fleischs, aber auch wegen der widerstandsfähigen Haut, aus der sich besonders gutes Leder machen lässt. Ab dem 19. Jahrhundert schossen die Preise für Straussenfedern in die Höhe, um die wachsende Nachfrage der Haute-Couture abzudecken zu können.

Auch die Familie Jung bemüht sich, möglichst viel des vielseitigen Vogels zu verwerten. Sehnen, Innereien und Knochen eignen sich gut als Hundefutter. Die Federn dienen als Staubwedel oder Dekoration. «Wir hatten auch schon eine Anfrage eines Erotikladens», sagt Rita Jung schmunzelnd. Vor Ostern steigt zudem die Nachfrage nach Eiern und Bruchresten zum Basteln. Ausgeblasene Eier werden immer wieder mal gekauft, um aus dem erstaunlich stabilen Material Lampenschirme zu basteln. Der wichtigste Betriebszweig ist aber der Verkauf des Straussenfleisches.
Heikle Mägen
Mit zwei Jahren sind die Jungtiere 90 bis 100 Kilo schwer und damit schlachtreif. Herbert Jung füttert die Strausse hauptsächlich mit gehäckseltem Gras, aber auch mit Getreide. Der Grund liegt in den fehlenden Zähnen der Vögel. Geraten zu lange Gräser in ihren Magen, können die Tiere daran sterben. «Sind sie auf der Weide, picken sie an den Grashalmen und erwischen nur kleine Stücke davon», erklärt Jung.
Das zusätzliche Futter baut die Familie Jung auf dem eigenen Betrieb an. Obwohl sie auch noch Truthähne mästet, reicht ihnen das Einkommen vom Hofladen nicht zum Leben. «Ich habe lange 100 Prozent auswärts gearbeitet, reduzierte aber auf 80 Prozent», erzählt Herbert Jung. Seine Frau Rita, die vor allem für die Aufzucht zuständig ist, arbeitet ebenfalls noch 50 Prozent. Trotz dieser Eingeständnisse hielten sie stets am Bauernhof fest, um ihren Kindern das Aufwachsen auf dem Land zu ermöglichen. «Wir sind beide auch auf einem Hof aufgewachsen und fanden es das Sschönste», erzählt Herbert Jung. Bis heute helfen die beiden Kinder tatkräftig mit und tragen dazu bei, die familiäre Leidenschaft weiterzuführen. Und auch wenn sie die Haltung der Strausse nach wie vor immer wieder herausfordert, bleibt die Familie Jung mit Herzblut dabei.

