Behutsam zieht Mauro Isler eine Wabe nach der anderen heraus. Die Bienen lassen es mit sich geschehen. Mehr noch: Sie scheinen kaum etwas davon mitzubekommen und gehen unbeirrt ihrem geschäftigen Treiben nach. Die einen kümmern sich um die schlüpfende Brut, andere lecken ein bisschen Honig oder versiegeln die vollen Waben mit einer Wachsschicht. «Sie interessieren sich nicht für uns, so macht das Imkern Spass», schwärmt Isler. Der 37-jährige Zürcher hat vor gut einem Jahr mit dem Imkern begonnen und lernt noch ständig Neues dazu. Besonders grosse Mühe bereiten ihm momentan zwei seiner Völker, die weniger Geduld mit ihm haben. «Gestern war ich schon ein paar Meter weg vom Häuschen, als mich noch eine Biene in die Hand gestochen hat», erzählt er. Das Problem sieht er in den Königinnen. «Ist eine Königin aggressiv, gibt sie das durch ihre DNA ans ganze Volk weiter», erklärt Isler. Deshalb werde er bald neue Königinnen für diese zwei Problemvölker bestellen. «Bis dahin mache ich nichts mehr bei ihnen, wenn es sich vermeiden lässt.»
Das Volk aber, deren Behausung er gerade auseinandernimmt, ist vollkommen entspannt. Isler arbeitet im Zeitlupentempo, um keine Biene versehentlich zu zerquetschen oder aufzuscheuchen. Nur wenige fliegen auf, schwirren aber friedlich umher, ohne den Kontakt zu suchen. «Genau so ruhig sollte ein Volk sein», sagt der Imker glücklich. Auch der Ton stimme. «Man hört es sofort, wenn sie genervt sind.» Und tatsächlich: Nach etwa 15 Minuten ist auf einmal ein warnendes Gesumme zu hören, das zu einem kollektiven Rauschen anwächst. Isler jedoch, der bereits damit begonnen hat, die Waben wieder zurückzustellen, bleibt ruhig. «Das ist noch im Rahmen», meint er. Selbst wenn ein Volk angriffig wird, kann er nicht immer alles stehen- und liegenlassen. «Manchmal muss ich eben die Dinge noch fertigmachen.»
Elf Stiche habe er sich im letzten halben Jahr geholt, erzählt Mauro Isler. Auch wenn ihm diese nicht besonders zu schaffen machen, sind solche Vorfälle immer wieder ein Ärgernis. Seiner Freude am neuen Hobby tut dies aber keinen Abbruch. Im Gegenteil: Isler hat sich hohe Ziele gesteckt und will das Imkern zum Beruf machen. Um dies zu erreichen, muss er fortlaufend neue Völker und Bienenkisten dazukaufen. Und das kostet eine Menge Geld. Erst ab etwa 100 Völkern wirft das Imkern genug ab, um davon leben zu können, so die Faustregel.
Schwierige Zeiten für neue Imker
Bis dato besitzt Mauro Isler 17 Honigbienenvölker an drei Standorten. Das Häuschen in Glattbrugg sei ein Glücksfall gewesen, da er hier das ganze Inventar übernehmen konnte. Im Kanton Aargau baute er zwei neue Bienenstandorte komplett neu auf. Bald kommt noch ein weiterer hinzu – ebenfalls im Aargau. «In Zürich ist es nicht einfach, neue Standorte zu bekommen», so Isler. Das habe vor allem mit der Stadt zu tun, die keine weiteren Bienenstände auf ihren Grundstücken erlaubt. Hintergrund davon ist der Imker-Trend der vergangenen Jahre, der besonders im urbanen Raum grassiert. Eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL von 2022 kam zum Schluss, dass das Blütenangebot für die wachsende Honigbienenpopulation in vielen Städten gar nicht ausreicht. Deshalb sehen Forschende im übermässigen Imkern eine Bedrohung für Wildbienenarten, von denen viele ohnehin schon in Bedrängnis sind.

Isler selbst sieht die Lage entspannter. «Es gibt verschiedene Meinungen dazu», sagt er. «Manche sagen, dass Wildbienen ein ganz anderes Nahrungsspektrum haben und deshalb Honigbienen keine Konkurrenz sind.» Er konzentriert sich aber vor allem auf ländliche Standorte, wo die Dichte an Bienenstöcken geringer ist als in Städten. «Ich habe bestimmt 15 bis 20 Bio-Höfe angefragt», verrät der ehrgeizige Imker. Sich seine neue Leidenschaft verderben zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage. Letztlich tragen auch Honigbienen zur so wichtigen Bestäubungsleistung bei. Und genau das ist einer Gründe, weshalb ihn die Insekten derart faszinieren. «Es ist aber auch der Verbund, in dem sie leben», so Isler. «Wenn eine Biene verletzt ist, gehen andere hin und schauen, was passiert ist.» Manchmal sitze er einfach da und staune über das Treiben der fleissigen Tierchen. «Das Flugloch zu beobachten, hat für mich etwas sehr Beruhigendes», erzählt der Winterthurer. «Schau, die putzt sich gerade!», sagt er verzückt. Manchmal sehe man sogar den Rüssel. «Und diese da hat eine Pollenhose!»
Heimische Biene im Aufwind
Mauro Islers Begeisterung für Honigbienen geht über die heutige Standardrasse – die Krainer Biene – hinaus. Diese stammt ursprünglich aus dem Balkan, gilt als besonders fleissige Pollensammlerin und wurde dadurch weltweit beliebt. Auch in der Schweiz arbeiten die meisten Imkerinnen und Imker hauptsächlich mit dieser Unterart, die sie auch «Carnica» nennen. Derweil ist die ursprünglich in der Schweiz heimische Dunkle Honigbiene eine seltene Nutztierrasse geworden. «Sie braucht weniger Honig im Winter», nennt Isler einen ihrer Vorzüge und betrachtet seine Völker liebevoll. «Ich finde aber auch die Carnica sehr hübsch», deshalb halte ich beide, um sie ausprobieren zu können.»
Im Sommer will Isler einen Züchterkurs machen. Währenddessen schliesst er den Grundkurs der Zürcher Bienenfreunde ab. Dieser sei zwar nicht ganz günstig, habe ihm aber besonders im ersten Jahr sehr geholfen. «Du bekommst einen Bienengötti, an den du dich bei Fragen wenden kannst», erklärt Isler. Und solche hatte er zur Genüge. «Ich hatte immer wieder Sorgen, ob ich etwas vergessen hätte», erzählt er. «Dieses Jahr bin ich schon routinierter.» Dennoch habe man in der Imkerei kaum je ausgelernt. «Erfahrene Leute erzählten mir, dass sie auch nach zehn, fünfzehn Jahren immer wieder neue Situationen antreffen», so Isler. Diese Komplexität des Imkerns ist ein weiterer Aspekt, der ihn fasziniert. «Man muss das Wetter, das Blütenangebot und Krankheiten im Auge behalten und die ganzen Zusammenhänge verstehen», sagt er. Dennoch sollte man sich nicht zu viele Sorgen machen und sich auch einmal zurücknehmen können. «Du musst dir bewusst sein, dass du zwar der Käpt›n bist, du aber einen Organismus leitest, der in sich bereits wunderbar allein funktioniert.»
Nahrhafte Stadt-Blumen
In urbanen Räumen finden Bienen dank der grossen Blütenvielfalt vom Frühjahr bis in den Herbst ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Das merken Imkerinnen und Imker auch am Ertrag. Im ländlichen Gebiet hingegen bieten intensiv bewirtschaftete Wiesen und Äcker oft nur kurzzeitig genügend Nahrung – und diese oft von wenig abwechslungsreichen oder mit Pestiziden belasteten Pflanzen. Dies ist einer der Gründe, weshalb so viele Bienenstände in Städten stehen.

