Biblisch alte Rasse
Jakobschafe: Die Schafe der vielen Hörner
Die Schweizer Herdenbuchführerin Eva Stössel erzählt im Interview von ihren Erfahrungen und Herausforderungen mit der einzigartigen Rasse.
Frau Stössel, wie kamen Sie auf die Idee, Jakobschafe zu halten?
Als ich vor rund 20 Jahren ein Bauernhaus mit einer grossen Hofstatt mit alten Hochstammbäumen und viel Umschwung erwerben konnte, bot es sich geradezu an, das darauf wachsende Gras durch Schafe «mähen» zu lassen. Es sollte ein nicht zu grosses, nicht zu schweres, gefälliges Schaf sein, eine besondere Rasse, etwas Spezielles. In der TierWelt hatte ich ein paar Mal Inserate gelesen, in denen Jakobschafe zu verkaufen waren oder ein Jakobschaf-Bock gesucht wurde. So zogen bald einmal die ersten zwei Auen dieser Rasse bei mir ein. Mit ihren imposanten Hörnern und dem gefleckten Fell waren sie genau das, was ich gesucht hatte. Wie sich später herausstellte, gab es zu jener Zeit nur sehr wenige, vielleicht um die hundert, mehr oder weniger reinrassige Jakobschafe in der Schweiz. Heute, fast 20 Jahre später, sind es um die 1'000, davon leben 6 Zuchtauen, 10 Lämmer und 8 Jungauen bei mir auf dem Hof.
Für welche Art der Schafhaltung eignen sich Jakobschafe besonders gut?
Jakobschafe sind widerstandsfähig, anspruchslos und anpassungsfähig an unterschiedliche Landschaftsformen. Sie eignen sich aufgrund ihrer Eigenschaften hervorragend für die Beweidung extensiver Flächen und werden auch für die Landschaftspflege eingesetzt. Sie vereinen die Fresseigenschaften von Schafen und Ziegen gleichermassen und verbeissen mit Vorliebe Gehölze, lieben Dornengebüsch wie Brombeere, fressen auch Rinde und Laub und helfen so mit, der Verbuschung der Weiden entgegenzuwirken. Mit Hilfe ihrer Hörner schaffen sie es, grössere Gehölze durch «fegen» der Rinde nachhaltig zu schädigen, so dass diese absterben. Beim Einsatz in Streuobstwiesen sollten deshalb die Bäume vorgängig gesichert werden. Durch selektives Fressen schonen sie die Weide und begünstigen so ein vielfältiges und artenreiches Pflanzenwachstum. Als alte Nutztierrasse verfügen sie über eine gute Geländegängigkeit und können auch auf steilen, schwer zugänglichen Flächen eingesetzt werden. Darüber hinaus haben Jakobschafe eine hohe kulturhistorische Bedeutung, da sie zu den ältesten bekannten Schafrassen zählen. Ihr Einsatz trägt somit nicht nur zum Naturschutz, sondern auch zur Bewahrung historischer Nutztierhaltung bei.
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Nehmen Sie einen Trend wahr in Bezug auf die Haltung von Jakobschafen in der Schweiz und im nahen Ausland?
Allgemein werden immer weniger Schafe gehalten, nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Das zeigt sich leider auch bei den Jakobschafen. Ist die Anzahl Tiere und Züchter bis vor wenigen Jahren immer leicht angestiegen, stellen wir heute eine Stagnation oder sogar eine leichte Abnahme fest. Es wird immer schwieriger, motivierte Züchter zu finden, die reinrassig züchten und dem Verein beitreten wollen. Auf der anderen Seite geben langjährige Züchter die Schafhaltung altershalber auf. Auch werden Robustrassen wie das Jakobschaf vermehrt in der Kreuzungszucht eingesetzt um die Vorteile der einen Rasse (robust, leichtlammig) mit den Vorteilen einer anderen Rasse (Fleischigkeit, schnellerer Zuwachs) zu vereinen. Ohne Reinzucht gibt es aber leider auch kein langfristiges Überleben von Schafrassen mit kleinen Beständen.
Können Sie Fleisch und Wolle verkaufen?
Jakobschafe sind bekannt für ihre hervorragende Fleischqualität. Sie haben mageres, sehr schmackhaftes Fleisch, das dem Wildbret ähnlich ist. Durch die natürliche Weidehaltung und ohne Zufütterung von Kraftfutter «wächst» das Fleisch langsamer, das heisst, die Lämmer sind erst im Alter von fünf bis acht Monaten schlachtreif und nicht wie Lämmer der Fleischrassen bereits mit drei bis vier Monaten. Das Fleisch ist vorab für den Eigenverbrauch bestimmt oder wird selbstvermarktet. Die feine bis mittelfeine Wolle ist leicht, weich und elastisch, mit minimalem Lanolinanteil (dem natürlichen Wollwachs) und bei Handspinner*innen sehr beliebt. Daraus lassen sich wunderschöne Garne in den Naturfarben von fast weiss, verschiedenen Brauntönen, über hell- bis dunkelgrau, anthrazit bis hin zu fast schwarz spinnen. Aber auch zum Filzen eignet sich die Jakobswolle sehr gut. Weiter lassen sich aus den Vliesen von frisch geschorenen Schafen wunderschöne Sitzkissen und «vegetarische» Felle filzen (das heisst, für das gefilzte Fell muss kein Tier sterben) oder Teppiche weben. Die Restwolle (von Kopf/Bauch/Schwanz/Beinen und verdreckte Wolle) dient als natürlicher Langzeitdünger im Garten. Und dann sind da natürlich noch die kuscheligen Naturfelle, jedes ein Unikat, die sich gut verkaufen lassen.
Ist das Melken kein Thema bei Jakobschafen?
Im Prinzip könnte man Jakobschafe schon melken, der Ertrag wäre aber eher gering, da das Jakobschaf ein Landschaf und kein Milchschaf ist. Die Milch, die die Muttertiere produzieren, dient also ausschliesslich der natürlichen Aufzucht der eigenen Lämmer, die mindestens bis zum Alter von drei bis vier Monaten bei den Müttern bleiben.
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Was unterscheidet Jakobschafe von anderen extensiven Schafrassen?
Der auffälligste Unterschied ist natürlich das Äussere, aber auch die Wollqualität. Das Jakobschaf hat mit einer Stapellänge von 75-180 mm (Jahreswolle) eine lange Wolle. Aber auch in Bezug auf Grösse und Gewicht unterscheidet sich das Jakobschaf von anderen Rassen. Oder in Bezug auf die Fruchtbarkeit. Das Jakobschaf ist wie zum Beispiel die Heidschnucke saisonal. Das heisst, die Paarungszeit ist im Herbst und die Ablammungen erfolgen im Frühjahr. Während andere Rassen wie Spiegelschafe, Walliser Landschafe, Engadinerschafe und Bündner Oberländerschafe asaisonal sind. Das bedeutet, dass die Paarungszeit an keine Jahreszeit gebunden ist und die Mütter kurz nach der Geburt bereits wieder aufnehmen können.
Was macht den Charakter der Jakobschafe einzigartig?
Das Jakobschaf ist von Natur aus ein aufmerksames, neugieriges, lebhaftes und eher scheues Schaf. Je nachdem wie man mit den Tieren umgeht, wie man sie betreut und wieviel Zeit man mit ihnen verbringt, können sie von verschmust, zurückhaltend, frech bis stur alles sein. Jakobschafe sind ausgezeichnete Mütter. Wenn’s ums Fressen geht, zeigen Jakobschafe nicht selten ein ziegenhaftes Verhalten. Müssen Lämmer mit dem Schoppen aufgezogen werden, weil die Mutter zum Beispiel Drillinge und nicht genügend Milch für alle hat, bleiben sie ihr Leben lang sehr anhänglich.
Wie schwierig ist das Handling wegen der Mehrhörnigkeit?
Vierhorntiere sind im Handling eigentlich nicht viel anders als Zweihorntiere. Es kommt immer drauf an wie die Hörner gewachsen sind. Sind die seitlichen sehr ausladend und die oberen senkrecht nach oben gewachsen, kann es, wenn man nicht aufpasst, schon mal passieren, dass man unabsichtlich aber unsanft von den Hörnern gestreift wird, wenn das Tier den Kopf hebt oder senkt, und das kann dann schon mal zu einer «Bläuele» führen. Zugekaufte Tiere zeigen manchmal eine anfängliche Scheu gegenüber der neuen Umgebung und den neuen Besitzern, verlieren diese Scheu aber meist sehr schnell, wenn man etwas Zeit mit ihnen verbringt und vor allem ruhig mit ihnen umgeht. Ab und zu ein Leckerli, zum Beispiel ein Stück hartes Brot, kann da wahre Wunder bewirken und aus einem «wilden» Jakobschaf ein lammfrommes, handzahmes Schäfchen machen. Allerdings sollte man davon absehen Böcke aus der Hand fressen zu lassen, da diese aggressiv reagieren können, wenn man mal kein Leckerli dabeihat.
Wie oft kommen Erbprobleme wie gespaltene Augenlider vor?
Gespaltene Augenlider kommen nur bei Vierhorntieren vor. Bei Zweihorntieren gibt es dieses Problem nicht. Wichtig ist, dass Tiere mit sichtbarer Augenlidspalte konsequent ausgemerzt und auf keinen Fall in der Zucht eingesetzt werden. Zu Beginn hatten wir immer wieder Tiere mit dieser angeborenen Missbildung, da das nicht kontrolliert und diese Tiere in der Zucht eingesetzt wurden. Seitdem wir an der jährlichen Zuchtschau in Huttwil oder anlässlich von Hofbesuchen Exterieurbeurteilungen durchführen und dabei auch die Augen genau prüfen, haben wir nur noch selten Tiere mit dieser angeborenen Fehlbildung des Augenlids, die je nach Schweregrad bis zur Erblindung des Tieres führen kann. Die nächste Jakobschaf-Zuchtschau, an der jeweils auch Tiere zum Verkauf angeboten werden, findet übrigens am 12. September 2026 auf dem Areal der Spycher Handwerk AG in Huttwil BE statt.
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Was verspricht sich Ihr Verein mit der Zunahme von Jakobschafen in der Schweiz?
2008 wurde «Jakobschaf Schweiz» gegründet mit dem Ziel, das Jakobschaf in der Schweiz bekannter zu machen, reinrassig zu züchten und in einem Herdebuch zu führen. Dies vor allem auch um Inzucht zu vermeiden, was bei kleinen Populationen nicht einfach ist. Erfreulicherweise werden fast zwei Drittel der in der Schweiz lebenden Jakobschafe von Mitgliedern unseres Vereins gehalten und im Herdebuch geführt. Viele unserer Mitglieder besitzen kleine Herden, drei bis sechs Muttertiere, und die allermeisten halten auch einen eigenen Bock. Um eine genetische Verarmung und ein Anstieg von Inzucht zu vermeiden ist der Einsatz von möglichst vielen, nicht nah verwandten Böcken wichtig. Inzucht, also die Paarung von zwei nah verwandten Tieren, kann nicht nur gesundheitliche Nachteile für den Nachwuchs mit sich bringen, sondern ist auch hinsichtlich der genetischen Vielfalt (Variabilität und Unterschiedlichkeit der Erbanlagen) innerhalb der Rasse zu vermeiden, da eine möglichst breite genetische Vielfalt die Voraussetzung für den langfristigen Erhalt einer Rasse bildet. Je mehr Züchter/Tiere der Verein also hat und je mehr verschiedene Böcke eingesetzt werden können, desto einfacher kann die genetische Vielfalt innerhalb der Schweizer Jakobschafe hoch- und die Inzucht tief gehalten und so die Rasse langfristig und gesund erhalten werden. Alternativ könnte man versuchen alle paar Jahre neue Böcke aus dem Ausland zu importieren. Das wird aber mit all den Vorschriften, Krankheiten wie zum Beispiel Blauzunge, benötigten Impfungen und Tests, immer schwieriger und teurer. Zudem werden in Deutschland, Holland und Belgien weniger Herdebuchtiere gehalten als in der Schweiz und ein Import aus dem Ursprungsland, dem Vereinigten Königreich, ist seit dem Austritt Grossbritanniens aus der EU, praktisch unmöglich geworden.
Haben Sie Tipps für Einsteigerinnen und Einsteiger?
Wer sich Schafe anschaffen will sollte sich vorher unbedingt ausführlich über deren Bedürfnisse und Verhaltensweise informieren und vor allem nicht mit zu vielen Tieren beginnen. Sobald ein Bock dabei ist wächst die Herde sehr schnell. Jakobschafe, eine saisonale Rasse, haben meistens Zwillinge oder Drillinge, und auch Vierlinge kommen hin und wieder vor. Ausserdem ist zu beachten, dass die Schafhaltung in der Schweiz strengen Tierschutzbestimmungen unterliegt und für die www.jakobschaf.chHaltung von mehr als 10 Schafen ein Sachkundenachweis benötigt wird. Ausführliche Informationen über die Schafhaltung im Allgemeinen und das Jakobschaf im Speziellen finden Interessierte auf unserer Vereins-Webseite.
Haben Sie schon einmal sechs Hörner bei einem Tier gesehen?
Ja, letztes Jahr hatte ich von einer 4-Horn Mutter und einem 2-Horn Vater ein 6-Horn Lamm. Es hatte aber nicht sechs separate schöne Hörner. Nur die beiden oberen waren getrennt, auf beiden Seiten hatte es je zwei zusammengewachsene Hörner. Das kommt hin und wieder vor, ist aber nicht erwünscht und sieht auch nicht so schön aus. Es kann auch 3- oder 5-Horn geben. Erwünscht sind 2- oder 4-Horn Tiere und bei 4-Horn Böcken sollten die Hörner nicht zusammengewachsen sein. Der Grossteil der Vereinsmitglieder züchtet 2-Horn, einige halten gemischte Herden.
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