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Am Fluss und Bach

Im Gebirgsland Schweiz sprudeln zahlreiche Flüsse und Bäche, nicht nur in den Alpen. Auch wenn sie für die Wasserkraft genutzt werden, garantieren Ausflüge faszinierende Naturerlebnisse. Eine Auswahl von einigen spannenden Flussläufen.

Ein gerader Flusslauf, ab und zu Bäume und Büsche beidseits des Ufers, Wasser, das über Schwellen sprudelt, ein Kiesweg, der sich schnurgerade entlang des Gewässers zieht. Dieses Bild ist so sehr verinnerlicht, dass wir glauben, so fliesse ein Fluss. «Die Schweiz gehört zu den Ländern, die am meisten Flüsse verbaut haben», sagt Edy Monaco. Der 60-Jährige steht bei der Schwarzwasserbrücke im Kanton Bern und ist gerade im Begriff, in das pure Gegenteil eines begradigten Flusses abzutauchen.

Der Fussweg führt steil bergab durch einen Wald. Von den Sandsteinwänden tropft Wasser, Moos leuchtet von hellgrün bis gelblich und bildet Terrassen, die mit den Jahrhunderten verkalken. Tropfen glitzern auf Farnwedel. «Hier lag vor 30 Millionen Jahren ein tropisches Meer. Die Gesteinsschicht wird als Molasse bezeichnet», erklärt der ETH-Architekt und Naturkundler. Schon lange ist er als Freiwilliger für die Naturschutzorganisation WWF tätig. Er hat sogar sein berufliches Engagement zurückgeschraubt, um sich mehr für die Natur einsetzen zu können. Als der in La Chaux-de-Fonds Geborene von Wabern bei Bern nach Flamatt (FR) an der Sense zog, lernte er den Fluss richtig kennen und begann damit, ihn zu erkunden.

Feuersalamander mögen klare Fliessgewässer mit Kolken und Teichen. Die Larven wachsen darin heran.
Feuersalamander mögen klare Fliessgewässer mit Kolken und Teichen. Die Larven wachsen darin heran.

Er blickt in klares, fliessendes Wasser, das aus dem Hang drückt, am Wegrand sprudelt und sich in Kolken voller Buchenlaub auf dem Grund sammelt. «Hier hat es Larven des Feuersalamanders», murmelt er, während durch den Wald die Rufe von Kolkraben hallen. Der Feuersalamander möge solche Bedingungen.

«Die Schweiz gehört zu den Ländern, die am meisten Flüsse verbaut haben.»

Edy Monaco, Freiwilliger, WWF Bern

Unten, im Flusstal angelangt, erklärt der Naturschützer, wie es zu diesem eindrücklichen Einschnitt kam: «Als die Eiszeit endete, frassen sich Schmelzwasserströme durch die Molasse.» Edy Monaco steht jetzt am Zusammenfluss des Schwarzwassers, welches im nördlichen Gantrischgebiet im Kanton Bern entspringt, und der Sense. Hoch oben rattert die Bahn von Bern in Richtung Schwarzenburg über die alte Metallbrücke. Bahnreisende erhaschen da einen kurzen Blick auf die beiden Flussschluchten. Sie wirken geheimnisvoll und wild. Der Szenenwechsel ist nämlich frappant. Weiden, Höfe und Kuhherden dominierten vorher das Bild. Edy Monaco ist nun aber unten im Reich des Wassers, der Felsen, Steine, Sandbänke, Sträucher, Büsche und des Waldes. Vogelgezwitscher hallt durch die Zweige.

edy monaco
edy monaco

Das kleinere Schwarzwasser sprudelt der Sense zu, dort, wo das rechte Ufer eine Sandsteinfluh säumt.Irgendwo hoch oben zeugen Ruinen von der Riedburg, die im 14. Jahrhundert errichtet wurde. Edy Monaco kommt oft an diesen friedvollen Ort inmitten der Natur. Er erklärt, wo die Sense ihren Ursprung hat: «Sie besteht aus zwei Flüssen. Die Kalte Sense entspringt dem Gantrischgebiet im Kanton Bern auf einer Höhe von rund 1580 Metern, die Warme Sense entfliesst dem Schwarzsee im Kanton Fribourg auf einer Höhe von etwa 1046 Metern.» Kalte und Warme Sense fliessen unterhalb der Brücke bei Zollhaus (FR) zusammen.

Wenig später im Bachbett. Die Sense mäandert, hat Flussbänke geschaffen, die von Pionierpflanzen wie etwa der Deutschen Tamariske, von Huflattich und von Weiden besiedelt werden. «Hier, die farbigen Steine sind der Beweis», sagt Edy Monaco unvermittelt und bückt sich nach einem roten, rundlichen. Daneben wird ein grüner vom Wasser umspült. «Viele Steine wurden während der Eiszeit durch Gletscher aus anderen Regionen wie dem Wallis oder aus dem Aaretal hier abgelagert.»

Der Biber renaturiert kostenlos

Im Sensegraben zeige sich die Dynamik des Flusses. Edy Monaco schildert: «Wasser fliesst an einigen Stellen schnell, reisst Steine mit, dann plätschert es wieder langsam und lagert sie ab. Viele Tier- und Pflanzenarten brauchen die Veränderung des Flusslaufs.» Der Eisvogel beispielsweise könne seine Höhlen im neu entstandenen Flussufer graben, in teilüberschwemmten Gebieten würden Auenwälder mit Erlen, Eschen und Weidenentstehen.

Biber helfen bei der Bildung von Auenwäldern, indem sie mit ihren Dämmen das Wasser stauen.
Biber helfen bei der Bildung von Auenwäldern, indem sie mit ihren Dämmen das Wasser stauen.

Das weiche Holz von Weiden mag der Biber besonders gerne – auch an der Sense. Frische Raffelspuren weisen auf seine Präsenz hin. «Ich bin ein grosser Freund dieses Nagers», sagt Edy Monaco. Er schaffe durch seine Dammbautätigkeit naturnahe Auenlandschaften. «Wenn man ihn lässt», fügt Edy Monaco an. Der Biber macht das alles kostenlos, im Gegensatz zu aufwändigen behördlichen Renaturierungsmassnahmen. Die Sense führt regelmässig reissendes Hochwasser, das auch Biberdämme zerstört. «Der Biber benützt deshalb den Sensegraben hauptsächlich als Wegstrecke, um schliesslich einmündende Bäche hochzumarschieren», sagt Edy Monaco, der sich vom WWF zum Riverwatcher ausbilden liess. In dieser Funktion beobachtet er auch Biber. Nun zieht der Naturverbundene aus seinem Rucksack ein Gebiss dieses in der Schweiz einst praktisch ausgestorbenen Nagers. Er hat es von einem ehemaligen Tierpfleger des Tierparks Bern erhalten und erklärt: «Vorne sind Biberzähne rostrot. Das sind Eiseneinlagerungen. Darum kann der Biber damit auch dicke Stämme durchraffeln.» Die Sense offenbart zahlreiche Geheimnisse. Deshalb hält sich Edy Monaco noch immer beim Zusammenfluss von Sense und Schwarzwasser auf.

Biber gelangen vom grossen Fluss in kleine Zuflüsse.
Biber gelangen vom grossen Fluss in kleine Zuflüsse.

Probleme von Schweizer Fliessgewässern

In der Schweiz werden rund 55 Prozent des Stroms mit Wasserkraft erzeugt. Fast jeder Fluss wird zur Stromproduktion genutzt. Dies hat zur Folge, dass Flussläufe verbaut werden und Fische nicht mehr ihr natürliches Zugverhalten ausleben können. Früher schwammen Aale und Lachse durch Flussläufe vom Meer bis in die Schweiz. Weitere Arten, die wandern, sind die Nase, die Barbe und die Seeforelle. Auch die Wasserqualität ist oft ein Problem. Sie wird durch unsichtbare Plastikrückstände, Chemikalien, Pestizide und Düngereinträge aus Haushaltungen und durch die Landwirtschaft negativ beeinflusst. Durch die sehr dichte Besiedlung in der Schweiz, die auch enorme Freizeitaktivitäten nach sich zieht, dringen Menschen auch in bisher unberührte Flussabschnitte vor und stören Tiere und Pflanzen. Zudem sind Bäche und Flüsse zu einem grossen Teil zur Landgewinnung begradigt worden.

Plankton des Flusses

Er kniet jetzt am Ufer und wendet sachte einen Stein. Darunter kommen Steinfliegenlarven zum Vorschein. Der Mann, der mit der Natur zu verschmelzen scheint, lächelt und sagt: «Sie leben dort, wo es Strömung hat. Wo sie vorkommen, ist die Wasserqualität gut.» Die Steinfliegenlarve wird dereinst das Wasser verlassen, an der wärmenden Sonne auf einem Stein eine Metamorphose durchleben – und als Insekt flussaufwärts fliegen, um dort Eier zu legen.

Auch Eintagsfliegenlarven leben in der Sense, ebenso wie die Bachflohkrebse. «Letztere bauen Blätter in sauerstoffreichen Fliessgewässern ab», erklärt Edy Monaco. Er wendet sich jetzt einem Tümpel am Rand des Bachbetts zu. Die gallertartige Masse von Grasfroschlaich treibt darin. Der Naturfreund findet hier auch Köcherfliegenlarven. «Dieser Fluss-Plankton ist die Ernährungsbasis für viele Fische», fasst Edy Monaco seine Funde zusammen. Wasseramseln an der Sense zeugen davon, dass auch sie im Wasser die Larven finden, denn sie tauchen nach ihnen. Wenn sie wie Korken aus dem Wasser schiessen, perlt das Wasser am Gefieder ab.

Am Fluss und Bach
Die Wasseramsel sucht im natürlichen Flussbett ihre Nahrung: Wasserinsekten wie Köcherfliegenlarven.

Die Lidmückenlarve und der Graue Strudelwurm sind weitere Indikatoren gesunder Gewässer. «Wasserwert-Messungen müssen mit dem Vorkommen dieser Tiere kombiniert werden», stellt Edy Monaco klar und erklärt weshalb: «Bei Überschwemmungen gelangt beispielsweise verschmutztes Wasser in den Fluss, so dass die Wasserinsekten sterben. Wird nachher nur die Wasserqualität getestet, erscheint alles wieder gut, da frisches Wasser nachgeflossen ist. Die sensiblen Wasserinsekten aber sind weg.» Edy Monaco schleicht jetzt am Sandsteinfelsen entlang und wandert über einen Pfad am rechten Ufer der Sense. Ein Zilpzalp ruft unermüdlich aus dem Gewirr von verholzten Kletterpflanzen wie der Gemeinen Waldrebe rechterhand, die sich zwischen dem Pfad und der Sandsteinböschung windet.

Der Naturkenner verweilt lange bei Kleingewässern auf dieser Seite, die sich wie Perlen einer Kette aneinanderreihen. Spriessende Sumpfpflanzen wie der Gemeine Froschlöffel, morsche Äste, Schlick, die April-Sonne, die sich im Wasser spiegelt, ansonsten nichts – meint, wer nur kurz hineinblick. Plötzlich sieht es nämlich aus, als würden sich Steine bewegen! «Gelbbauchunken», wispert Edy Monaco. Tatsächlich zeigen sich immer mehr dieser von oben wie Erde aussehenden kleinen Amphibien. Bei einer blinkt die leuchtend gelbe Unterseite auf, da sie den Kopf vorwitzig aus dem Wasser reckt. «Es ist immer so, man muss still sein, einfach lange an einem Ort verweilen, mit der Natur eins werden, dann zeigt sich das Leben», raunt Edy Monaco.

Von Kies, Sand und dem Wasserrhythmus

Solche Standgewässer ausserhalb des Bachbetts seien ausserordentlich wichtig für Amphibien. «Es sind geschlossene Systeme, frei von Fischen. Das Wasser erwärmt sich schnell, beste Bedingungen für Amphibienlaich», sagt der Botschafter für natürliche Fliessgewässer. Edy Monaco war viele Jahre Mitglied der Aktionsgruppe Gewässerperle Sense im Namen des WWF. In dieser Funktion besuchte er Gemeindeverantwortliche und Schulen entlang des Senselaufs und sensibilisierte sie für den Fluss mit natürlichem Lauf. «Dieses Konzept hat der WWF später auf andere Flüsse übertragen», sagt der Naturvermittler.

Auf einer Bank sitzend und aufs Wasser blickend sinniert Edy Monaco über den Tagesrhythmus desFlusses. «Abends um 21 Uhr führt die Sense mehr und wärmeres Wasser als am Morgen.» Dies wegen der im Frühling einsetzenden Schneeschmelze und der Einstrahlung der Sonne. Bei Hochwasser steige der Wasserspiegel manchmal um zwei Meter an. «Ab einer Fliessgeschwindigkeit ab 30 Kubik-Meter (30'000 Liter) pro Sekunde beginnen sich die Steine im Flussbett zu lösen.» Das sei wichtig für die regelmässige Lockerung des Bodens. Nach einer Flussbiegung bilde sich stets eine Ansammlung kleinkörnigen Kieses, manchmal auch von Sand. Tatsächlich weist die Sense mit ihrem steinigen Bachbett immer auch wieder kleine Sandstrände auf. «Da wo es am wenigsten Strömung hat, lagern sich feinkörniges Gestein und Sand ab.» In Plasselb (FR), am Oberlauf der Sense, seien die Steine eckiger und grösser als in Thörishaus (BE), am Unterlauf. «Sie werden mit dem Wasser mitgerissen und wetzen sich nach und nach ab.»

Im Gegensatz zur Sense habe die Saane, in welche die Sense nach etwa 35 Kilometer bei Laupen (BE) münde, einen Zwölfstunden-Rhythmus. Dies, weil die Saane vielfach zur Stromgewinnung gestaut wird, im Gegensatz zur Sense erstmals schon bald nach ihrem Ursprung am Sanetschpass in den Berner Alpen. «Strom wird besonders morgens und abends gebraucht. Somit wird zu diesen Zeiten mehr Wasser über die Turbinen getrieben und abgelassen.»

Dass so viele Flüsse in der Schweiz verbaut sind, hat mit der Stromerzeugung durch Wasserkraft zu tun. «In Italien und Frankreich sind die Flussläufe meist viel natürlicher», sagt Edy Monaco. In diesen Ländern wird Wasserkraft nicht in dem Masse genutzt, wie in der Schweiz. Sobald Wasser künstlich zurückgehalten wird, hat der Fluss nicht mehr die natürliche Dynamik. Ein weiterer Grund, warum es nur noch wenige natürliche Fluss- und Bachläufe in der Schweiz gibt, ist die Landgewinnung. Ein natürlicher Fluss weist ein weitverzweigtes System auf und kann sich zu einem halben Kilometer oder mehr ausweiten. Durch Kanalisation wurde an vielen Orten Überschwemmungs- zu Agrarland. So wurde beispielsweise die Aare im Kanton Bern zwischen Bern und Thun zu einem 50 Meter breiten Kanal eingeengt. Das Resultat: Viel mehr landwirtschaftlich bebaubares Land, ein enormer Artenverlust und Überschwemmungen flussabwärts.

Fluvialsysteme der Schweiz

Die Schweiz hat als Wasserschloss Europas Anteil an fünf Gewässersystemen. Von hier aus fliesst der Inn in die Donau und damit in das Schwarze Meer. Der Rhein ergiesst sich in die Nordsee, die Rhone in das Mittelmeer und der Ticino in den Po und in die Adria. Wenig bekannt ist, dass im Graubünden der Rambach, der unterhalb des Ofenpasses bei Tschierv (GR) entspringt, in die Etsch fliesst und somit sein Wasser am Ende auch in die Adria sprudelt. Die Schweiz weist ein weit verästeltes System von Flüssen und Bächen mit einer Gesamtlänge von ungefähr 65'000 Kilometern auf.

Was passiert, wenn Flüsse begradigt werden

Der Vormittag ist fortgeschritten, und auch Edy Monaco ist auf seiner Wanderung der Sense entlang in anderes Gebiet vorgestossen. Wo sich vorher das Gewässer in die Schlucht einfrass, sich im breiten Bett hin und her schlängelte, Bäume mitriss, Felseninseln schuf, über Wurzelstöcke strömte und sich in tiefen Tümpeln sammelte, weitet sich jetzt das Tal in Richtung Thörishaus. Viele Ausflügler tummeln sich hier am Wasser, waten durch das Bachbett, manche sammeln Holz, um zu «bräteln». Die Sense ist ein beliebtes Ausflugsgebiet. «Die Besucherinnen und Besucher wandern von der Schwarzwasserbrücke aus dem Pfad entlang», sagt Edy Monaco. Am Oberlauf hingegen sei dies anders. Das Bachbett sei kaum wegsam. «Das ist auch gut so, denn da brüten beispielsweise Flussregenpfeifer auf Kiesbänken.»

Hier nun aber, wo das Tal breiter wird, zeigt sich, wie die Entwicklung ihren Lauf nahm. «Sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt, wird das Land bebaut», kommentiert Edy Monaco die Szenerie. In der Ebene tauchen Bauernhäuser auf, rundherum Felder, Kühe weiden. Immer mal wieder führt ein begradigter Bach Wasser in die Sense, deren rechtes Ufer befestigt ist. Am Fluss entlang zieht sich der gerade Kiesweg.

«Ursprünglich mäanderte der Fluss in der ganzen Breite», erzählt Edy Monaco. Was verändert sich mit dem begradigten Lauf? «Der Wasserstand ist flacher, es bilden sich kaum noch tiefe Stellen. Dadurch erwärmt sich das Wasser im Sommer stärker, Fische finden keine tieferen Stellen mit kühlerem Wasser.» Der Fluss versucht trotz allem, die Landschaft umzugestalten. Er nagt am Land und reisst es mit sich. So musste der Wanderweg bereits ins Innere verlegt werden. Ein Kampf um Land in der kleinen Schweiz. In weniger besiedelten Ländern ist dies normal, niemand trotzt dort dem Fluss Land ab.

Wenn das Wasser sich nicht mehr durchs Flussbett winden kann, fliesst es bei Starkregen in grosser Geschwindigkeit dahin. «Es wird nicht gebremst durch Flussinseln voller Vegetation, Baumstämme und schlangenförmige Fliessrichtung.» Zudem könne die Natur entlang des Flusses kein Wasser mehr aufnehmen. Stattdessen schiesse es das Bachbett hinunter. «Die Quittung haben wir in den letzten Jahren vielfach erhalten», sagt Edy Monaco mit nachdenklichem Gesicht. Dabei denkt er an Überschwemmungen, wie sie sich in etlichen Kantonen häufen. «Die Rhone ist ein Paradebeispiel für einen begradigten Fluss, ein Negativbeispiel!». Sie sei praktisch im ganzen Wallis verbaut.

Korrigieren, was kaputt ist

Flussbegradigungen wurden früh vorgenommen. Die Sense etwa wurde ab Thörishaus bereits im 19. Jahrhundert vollständig begradigt. Nach der Autobahnbrücke beim Dorf Thörishaus wird sie nun wieder renaturiert.

Wenn Flüsse im flachen Land natürlich fliessen können, bilden sich Auen: zeitweise überschwemmter Wald mit Erlen, Pappeln und Weiden. Sie funktionieren wie Schwämme, nehmen übermässiges Wasser auf, das langsam verdunstet. In der Schweiz sind sie zugunsten von Landgewinnung grossteils verschwunden. Das soll nun korrigiert werden, auch am Unterlauf der begradigten Sense.

Flussregenpfeifer brüten auf Flussbänken, auch an der Sense. Wandernde und Badende sollten auf sie Rücksicht nehmen.
Flussregenpfeifer brüten auf Flussbänken, auch an der Sense. Wandernde und Badende sollten auf sie Rücksicht nehmen.

Edy Monaco erklärt das Vorgehen: «Als Anfangsimpuls wird das Wasser mit Felsen und Baumstämmen umgelenkt.» Das Bachbett ist auch hier vorgegeben, wird aber breiter angelegt, so dass der Fluss wieder etwas Spielraum haben wird. Die Waldstreifen sollen langfristig beidseitig wieder zum Auenwald werden. Edy Monaco gesteht: «Eine Renaturierung ist brutal. Das zeigt sich jeweils in bösen Leserbriefen.» Das Paradox: Vor Jahrzehnten wurden natürliche Flussläufe mit hohem finanziellem Aufwand und mithilfe von Maschinen in gerade Kanäle oder gar Tunnel gezwungen, heute wird dies teilweise rückgängig gemacht. Wiederum mit Baufirmen, aber es sind auch Organisationen und Umweltbüros involviert, und es kostet wieder viel.

Amphibien wie Grasfrösche laichen in Tümpeln im Nebenbereich von Flüssen, wie etwa im Auenwald.
Amphibien wie Grasfrösche laichen in Tümpeln im Nebenbereich von Flüssen, wie etwa im Auenwald.

Wie viel auch kleine kostengünstige Massnahmen bewirken, zeigt sich bald im angrenzenden Wald. Dort hat Edy Monaco, nach Absprache mit dem Landbesitzer, mit Schulklassen kleine, robuste Kunststoffwannen in den Boden eingearbeitet. Daraus entstanden Kleinbiotope, die sich so in der begradigten Sense nicht mehr bilden können und die eigentlich natürlicherweise in einem angrenzenden Auenwald entstehen würden. Edy Monaco sagt: «Das ist Umweltbildung durch Förderung der Biodiversität.» Er geht auch hier wieder in die Hocke wartet, wartet und wartet – bis sich plötzlich etwas auf dem Grund des Behälters bewegt. Mulm wirbelt auf, moderndes Laub schwebt im Wasser. Unvermittelt schlängelt eine junge Ringelnatter vom Grund an die Oberfläche!

Ringelnattern leben am Wasser und schwimmen auch in Kleinsttümpeln.
Ringelnattern leben am Wasser und schwimmen auch in Kleinsttümpeln.

Am Oberlauf der Sense braucht es hingegen niemanden. Der Fluss und seine natürlichen Bewohner machen alles selbst. «An der Sense zu sein ist für mich Erholung pur, ich bin in einer anderen Welt. Die Gedanken sind frei, das Wasser rauscht und lenkt ab», sagt Edy Monaco und blickt auf den glitzernden Fluss.

Wandervorschlag Sense

Die Naturschönheit der Sense, wie sie im Hauptbeitrag beschrieben ist, entfaltet sich allen, die von Bern per Zug (BLS) in Richtung Schwarzenburg (BE) bis zur Station Schwarzwasserbrücke fahren und dort gleich nach Überquerung der Strasse dem Wanderwegweiser folgen, der in die Schlucht Richtung Schwarzwasser zeigt. Unten angekommen, die Brücke überqueren und dem Wanderweg in Richtung Thörishaus (ca. 3 Stunden) und Flamatt folgen. Bald gelangt man zum Einfluss des Schwarzwassers in die Sense. Der Weg führt mit kaum merklichem Gefälle am rechten Ufer der Sense entlang und kann von Thörishaus bis Flamatt fortgesetzt werden. In Thörishaus wie in Flamatt Dorf gibt es eine Bahnhaltestelle mit regelmässigen Verbindungen zurück nach Bern.

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