Die Spur stammt von letzter Nacht», sagt Mesada Ntumba Mutango und deutet mit dem Finger auf den Prankenabdruck im Sand. Deutlich zeichnet sich die Fährte eines Leoparden ab. «Er muss hier im Mondlicht unterwegs gewesen sein.» Es ist ein stiller Morgen. Die Savanne schweigt. Lautlos geht der kleine Mann über eine kleine Lichtung im Buschland und blickt in Richtung der Stelle, wo sich die Spur im Dickicht verliert. In der letzten Nacht, fast zeitgleich mit dem Leoparden, so deutet es der Fährtenleser, waren hier Zebras, Elenantilopen und Schakale unterwegs. Der sandige Boden unweit einer Schwemmebene hat ihre Spuren allesamt aufgezeichnet. Mesada weiss nicht nur, welche Tiere sie hinterlassen haben. Er kann auch sagen, ob sie um Mitternacht oder erst vor Kurzem hier unterwegs waren.

Mesada gehört der indigenen Minderheit der San an, die in Angola wohl weniger als 10'000 der annähernd 40 Millionen Bewohner des südwestafrikanischen Landes ausmachen. Sie sind eines der ältesten Völker Afrikas, das über Jahrhunderte von Bantu-Stämmen und den Europäern verdrängt und vielerorts vernichtet wurde. Fast alle haben heute ihr traditionelles Nomadentum aufgegeben und leben nun meist als Viehhirten und Farmarbeiter. Auch Mesadas Familie ist seit Langem sesshaft. Seine Heimat liegt nun unweit des Flusses Cuatir im Süden Angolas. Hier arbeitet er seit Kurzem als Fährtenleser und führt Touristen auf Buschwanderungen durch das neue Reservat. Seine Gäste wähnen sich in einem vergessenen Garten Eden. Die Schwemmebene um den Zufluss des Okavangos zieht in der Trockenzeit grosse Herden von Pferdeantilopen und Impalas an. Bisweilen tauchen auch unverhofft Kudus, Riedböcke und die scheuen Sita-tunga-Sumpfantilopen auf.
Als der Krieg die Tiere frass
Weder für Mesada noch für jeden anderen Angolaner sind die Tierherden im Cuatir-Naturreservat ein vertrauter Anblick. Von 1975 bis 2002 zerstörte der Bürgerkrieg das Land. Massenvertreibungen, Hungersnöte und Epidemien waren die Folge. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge kamen dabei zwischen 500'000 und einer Million Menschen ums Leben. Auch für die Tierwelt in dem ökologisch äusserst vielfältigen Land zwischen dem Kongobecken und der Namibwüste war der Krieg eine Katastrophe. Die illegale Jagd wurde für viele Menschen überlebenswichtig. Auch die Kampfeinheiten, die sich in entlegenem Buschland und den ehemaligen Schutzgebieten verschanzten, erlegten fast sämtliches Grosswild. Etliche Tierarten brachte dies an den Rand der Ausrottung. Doch an einigen Orten kehren sie nun zurück.

Mesada hat am Rand der Schwemmebene neue Spuren entdeckt. Sie sind grösser als die des Leoparden. «Elefanten», flüstert er. Die kleine Hand des Fährtenlesers verliert sich fast in einem frischen Abdruck. «Sie können nicht weit von hier sein.» Lautlos folgt er der kleinen Herde durch den Busch. Während des Bürgerkriegs wurden viele Elefanten von Guerilla-Kämpfern gewildert, die sich in den Busch zurückgezogen hatten. Andere wurden durch Landminen verletzt oder getötet. Am Ende waren fast alle Elefanten ausgerottet oder fanden in Namibia und Botswana Zuflucht. Mesada verfolgt die Tiere weiter durch das raschelnde Laub auf dem Savannenboden. Irgendwann stehen sie tatsächlich in unmittelbarer Nähe zu einer Elefantenfamilie, die am Rand der Schwemmebene ihrem Mittagsmahl nachgeht. Mesada hat die Tiere lange vor seinen Begleitern entdeckt. Aufmerksam beobachtet er sie aus sicherer Entfernung.

«Als Mesada die ersten Elefanten sah, hatte er grosse Angst vor ihnen», sagt Stefan van Wyk. Erst 2024 liess van Wyk 26 Elefanten aus einem Schutzgebiet in Namibia nach Cuatir bringen. Es waren die ersten Elefanten, die seit Ende des Bürgerkriegs in einem angolanischen Reservat wiederangesiedelt wurden. Mittlerweile ist ihre Zahl auf 33 Tiere angewachsen. Zuvor hatte Van Wyk bereits sechs Giraffen, Steppenzebras und Kudus in das Reservat eingeführt. «Als ich das erste Mal in Cuatir war, haben wir hier kaum Tierspuren gesehen», sagt der in Namibia geborene Van Wyk. Sein Vater betrieb vor der Unabhängigkeit Angolas eine Schaffarm im Süden des Landes. «Als ich auf die Spuren von Pferdeantilopen stiess, war ich begeistert.» Geht es nach dem 55-jährigen, war die Wiederansiedlung der Antilopen, Giraffen und Elefanten erst der Anfang.

Die Vision aus der Luft
Van Wyk war als Buschpilot 2012 erstmals mit einer Cessna Caravan über den Cuatir geflogen und war erstaunt, in der gesamten Region keine Spuren menschlicher Besiedlung zu finden. Mit Unterstützung der angolanischen Regierung entwickelte er für die Gegend die Idee eines privaten Reservats nach Vorbild namibischer und südafrikanischer Schutzgebiete. Es soll ein Rückzugsort für bedrohte Tiere werden und irgendwann durch den Safari-Tourismus auch Einnahmequellen für die angrenzenden Dorfgemeinschaften schaffen – in Angola eine Neuheit. Zudem soll es verhindern, dass die Gegend wie viele andere in Angola in die Hände von Erdöl- und Bergbau-Konzernen sowie dem illegalen Holzhandel in die Hände fällt. «Cuatir ist der einzige Ort in der Gegend, wo man noch immer uralte Bäume findet», sagt Van Wyk. Überall im Land seien sie vor allem den Chinesen zum Opfer gefallen, die in zahlreichen Strassenbau-Projekten federführend sind.
Das Cuatir-Naturreservat umfasst heute 40'000 Hektar. Das entspricht den Flächen von Deutschlands Nationalparks Bayerischer Wald, Hainich und Kellerwald-Edersee zusammengenommen. Doch Stefan van Wyk hat noch ehrgeizigere Pläne. Inzwischen verhandelt er mit der Regierung über eine Erweiterung des Schutzgebiets auf 2000 Quadratkilometer. Das wäre das grösste private Schutzgebiet in ganz Afrika. Mittlerweile finden die ersten Safari-Touristen ihren Weg nach Cuatir. Erst seit wenigen Jahren entdecken vor allem Weitgereiste das siebtgrösste Land Afrikas. Angola ist in etwa dreieinhalbmal so gross wie Deutschland. Mit seiner enormen landschaftlichen und kulturellen Vielfalt ist es ein äusserst reizvolles, aber herausforderndes Reiseziel. Die Dschungel und Miombo-Waldsavannen im Norden, das zentrale Hochland sowie Trockensavannen und Wüsten im Süden ziehen mit ihrer enormen Biodiversität vor allem Touristen an, die bereits öfter in Afrika unterwegs waren. Einige von Angolas Nationalparks und Naturreisezielen sind landschaftlich mindestens genauso spektakulär wie die seiner Nachbarländer, wenn auch Tierbeobachtungen meist mühsamer sind als dort, jedenfalls noch. Das Gebirge im Landesinneren, das mit dem Morro de Môco auf 2620 Meter ansteigt, bietet atemberaubende Aussichtspunkte und Wandermöglichkeiten. Die Kalandula-Wasserfälle im Norden sind nach den Victoria-Fällen das zweitgrösste Naturschauspiel dieser Art in Afrika. Selbst dort hat man das Spektakel als Tourist oftmals ganz für sich allein.

Safari-Pionierland statt Massenziel
Aufgrund seiner fehlenden touristischen Infrastruktur wird es jedoch wohl noch lange dauern, bis Angola sich neben Ländern wie Namibia, Südafrika, Botswana, Tansania und Kenia als klassisches Safari-Ziel etabliert. Vor allem unter Afrikakennern macht aber gerade der Pioniergeist, den sie hier atmen, den besonderen Reiz des Landes aus. Manche Schutzgebiete locken mit Tier- und Pflanzenarten, die sich nirgendwo sonst in der Welt beobachten lassen. Mehr als 1000 Vogelarten, darunter etliche endemische, sind in Angola zuhause. Der Cangandala-Nationalpark beispielsweise ist berühmt für seine Riesen-Rappenantilopen, das Wappentier Angolas, das in keinem anderen Land Afrikas zuhause ist. Sie galten während des Bürgerkriegs als verschollen. 2004 fanden Zoologen erste Spuren überlebender Tiere. Strenge Schutzbemühungen haben die kleine Population inzwischen anwachsen lassen. Mittlerweile stehen die Chancen gut, sie auch als Tourist auf einer Pirschfahrt zu Gesicht zu bekommen.
Auch im Iona-Nationalpark an der südlichen Grenze zwischen Angola und Namibia sollen wiedereingeführte Arten den Safari-Tourismus ankurbeln. «Als ich ein Kind war, wusste ich nichts über Giraffen», sagt Serafina Pascoal. Mit ihrem Mobiltelefon fotografiert die 19-Jährige eine Gruppe Angola-Giraffen, welche neugierig ihre Hälse nach dem Geländewagen der eben in einer Staubwolke angekommenen Rangerinnen recken. «Wir sind sechs junge Frauen, die die Tiere täglich beobachten und Aufzeichnungen über ihr Verhalten machen», erklärt Pascoal. Erst seit 2023 leben wieder Angola-Giraffen im Nationalpark. Sie wurden aus Namibia gebracht, um langsam die Landschaften wieder zu besiedeln, die sie bereits vor Jahrzehnten als Lebensraum verloren hatten. «In meinem Heimatort sind die Leute stolz auf mich, dass ich nun auf die Tiere aufpasse», sagt Pascoal.

Mit seinen dramatischen Bergkulissen und gewaltigen Dünen, die direkt in den Atlantik abfallen, steht der Iona-Nationalpark den weit bekannteren Schutzgebieten im benachbarten Namibia an Dramatik in nichts nach. «Angola hat noch weitere Schutzgebiete wie Chimalavera, Quiçama und den Bicuar-Nationalpark, die als Lebensraum für Giraffen in Fragekommen», sagt Julian Fennessy. Der Zoologe ist Mitgründer der Giraffe Conservation Foundation und forscht seit langem über die vier Giraffenarten Afrikas. Er hat die Umsiedlung der Angola-Giraffen, einer Unterart der Süd-Giraffe, in den Iona-Nationalpark in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation African Parks vorbereitet und seither aufmerksam verfolgt. «Für die Angolaner ist die Rückkehr der Giraffe sehr symbolisch», erklärt der Australier, der seit vielen Jahren in Afrika lebt und forscht. «Wir sehen dadurch auch ein langsam zunehmendes Bewusstsein für den Artenschutz. Nun haben wir bereits weitere Wiederansiedlungen im Auge». Fennessy hofft, dass das Land in Zukunft dem Naturschutz noch mehr Bedeutung einräumt. «Angola ist rau und ungezähmt», sagt er. Für Safari-Touristen sei es gerade deshalb ein aussergewöhnliches Reiseziel. «Es ist ein Land mit sehr viel Potenzial und ich glaube, genau jetzt ist der richtige Moment, es zu entdecken.»

