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Auf dem Simplonpass

Der Simplon ist ein seit Alters her genutzter Übergang in den Süden. Wer sich Zeit nimmt, die Alpenwelt auf dem Pass zu erkunden, entdeckt ein Naturparadies. Auf historischen Spuren und Beobachtungstour am Rande der Schweiz.

Das schmatzende Geräusch kommt immer näher. Es stammt von einem schwarz-weissen Vogel auf dem Simplonpass. Er ist in grosser Aufregung. Nun flattert auch das Weibchen auf einen nahen Zaunpfosten, wippt mit dem Schwanz, im Schnabel ein Insekt, vermutlich eine Maulwurfsgrille. Dass sich ein Wanderer gar auf das Mäuerchen setzt, bringt das Paar vollends in Rage. Offenbar haben die Vögel ihr Napfnest in den Ritzen einer alten Steinmauer am Rand des Wanderwegs versteckt.

Reisende fahren per Bahn durch den Simplontunnel, oder per Auto über die gut ausgebaute Passstrasse. Nur schnell Richtung Domodossola und weiter. Das ist ein grosser Fehler! Auf dem 2005 Meter über Meer liegenden Simplonpass entfaltet sich abseits der Bergstrasse eine herrliche Bergwelt – mit der Möglichkeit zu ungeahnten Tierbeobachtungen. Der Simplon ist ganz in Schweizer Hand, denn auch wenn das auf 1476 Meter an der südlichen Flanke des Passes liegende DorfSimplon aussieht wie eine italienische Siedlung, so zieht sich das Schweizer Staatsgebiet doch noch weiterhinunter bis zum Grenzort Gondo.

Der Steinschmätzer ist ein Langstreckenzieher und brütet auf dem Simplon in Ritzen von Steinmauern.
Der Steinschmätzer ist ein Langstreckenzieher und brütet auf dem Simplon in Ritzen von Steinmauern.

Dem Wanderer auf der Passhöhe wird es bald zu bunt ob dem Gezeter. Er bummelt weiter. Kurz darauf beruhigt sich das Steinschmätzerpaar. Die Vögel fliegen wieder zu ihrem Nest in der alten Steinmauerritze. Rund herum wachsen Wiesengräser, Bergblumenblühen.

Der Simplon weist nicht nur einen Sattel auf, sondern in Richtung Süden auch ausgedehnte Weiden. Dort posieren auf Zaunpfählen und zuoberst auf Sträuchern Braunkehlchen und halten Ausschau. Dieser Wiesenbrüter hat hoch oben in den Matten des Simplons noch sein Refugium. Im Mittelland werden die Felder zu früh gemäht. Das am Boden brütende Braunkehlchen hat dort keine Chance mehr, seine Brut aufzuziehen. Deshalb ist es selten geworden. Gleich verhält es sich mit der Lerche, die am Simplonpass hoch am Himmeljubiliert. Beide Arten brüten in den bunten Bergweiden mit blühenden Schwefel-Anemonen, Enzianen,Flocken- und Glockenblumen. Polsternelken wuchern über Granitgestein, Steinbrech hält sich in Felsritzen, Wollgras wächst im Sumpf, die Trollblume leuchtet gelb in der Feuchtwiese, dazwischen immer wiederKnabenkräuter. Alpenrosen bilden Horste in Felsansammlungen. Vor einer dieser wuchernden Azaleen hält ein Murmeltier im Fellwechsel Ausschau.

Ein Vogel, der nie weg fliegt, ist der neun Meter hohe Steinadler auf der Passhöhe. Er wurde 1945 von der Simplonbrigade gebaut und soll Wachsamkeit symbolisieren. «Du stolzer Adler nach Süden blickst, du hast mir aus dem Sold gepickt», sollen die Soldaten gesagt haben, denn sie mussten einen Teil ihrer Entschädigung hergeben, damit dieses Wahrzeichen gebaut werden konnte. Die Armee sieht den Simplon bis heute alsstrategisches Verteidigungsgebiet und zeigt Präsenz, trotz Schutzgebieten von kantonaler und nationaler Bedeutung. Die vielfältigen Wanderwege folgen zueinem grossen Teil alten Armeepfaden.

Sonnentau gedeiht in den Mooren auf dem Simplon.
Sonnentau gedeiht in den Mooren auf dem Simplon.

Von Söldnern und Salz

Die Geschichte des Simplons reicht viel weiter zurück als bis zum Armeeeinsatz im Zweiten Weltkrieg. Eine erste menschliche Präsenz wird aufgrund von Funden auf 7000 bis 6500 vor Christus zurückdatiert. Die Römer transportierten Handelsgüter über den Pass. Kaspar Stockalper (1609–1691) aus Brig machte er reich – und diente ihm schliesslich als Fluchtweg, um ins italienische Exil nach Domodossola zu gelangen. Er war es, der nach einem Zerfall des Wegs nach schwierigen Jahren wieder eine Route über den Pass bauen liess. Heute ist der Stockalper-Weg eine beliebte Wanderroute, die in mehreren Etappen von Brig bis Domodossola führt. Über diesen historischen Weg wurden einst nicht nur Waren auf Saumtieren transportiert, sondern auch Salz, auf welchem Stockalper das Monopol hatte. Zudem zogen Schweizer Söldner über den Pass in den Krieg – und ins Verderben. An deren Vermittlungverdiente Stockalper mit.

Nicht weit vom brütenden Steinschmätzerpaar entfernt thront der Alte Spittel, ein 1666 vollendeter Bau, welcher Stockalper gehörte und den er als Sommersitz und Zwischenstation auf dem Weg nach Italien nutzte. Heute gehört das turmartige Gebäude der Armee. Viel neueren Datums, von 1902, aber am Zerfallen, ist das in der Nähe liegende Barralhaus, ein enorm langes, aus Simplongestein errichtetes Gebäude, das einst als Sommerresidenz der Immenseer Mission diente.

Auch Napoleon hat seine Spuren hinterlassen. Er war es, der eine Strasse über den Pass bauen liess, «pour passer les canons». Die Grundmauern des Hospizes liess er ab 1801 erbauen. Es war nicht das Ende für den Bau, als er gestürzt wurde, denn die Augustiner-Chorherren konstruierten ihn weiter. Sie bewohnen den Steinbau, der auch kalten Winterwinden trotzt, noch heute und gewähren Reisenden Gastfreundschaft und Einkehr.

Auf dem Simplonpass
Der Steinschmätzer wartet, bis die Wanderer sich von der Steinmauer entfernt haben, so dass er wieder zu seinem in den Mauerritzen verborgenen Nest zurückkehren kann.

Einzigartige Moorlandschaft

Heute ist es einfach, auf den Pass zu gelangen. Direkt vor dem Bahnhof Brig fährt das Postauto 631 im Sommer meist stündlich in etwa 45 Minuten auf die Passhöhe. Dort lohnt sich nicht nur ein Blick zum Steinadler, sondern auch eine Wanderung, beispielsweise zum Hopschusee.

Während der Fahrt auf den Pass prägen dunkleWälder und Steilhänge das Bild. Dies ändert sich auf der Passhöhe. Überwältigend wirkt das sich fastmajestätisch ausbreitende Plateau. Und dann erst die Vegetation! Rund um den See haben Hochmoorpflanzen ihre Refugien. Die Landschaft erhielt während der letzten Eiszeit ihre Prägung, als die Gletscher aus der Rhoneebene über den Pass in Richtung Italien flossen. Sie schliffen aus den zwei Gesteinsmassen der Monte Leone- und der Bernhard-Decke die Ebene heraus.Heute blitzen weisse Gletscher nur noch weit obenzwischen den Berggipfeln, so beispielsweise der Chaltwassergletscher.

Auf dem Simplonpass
Idyllische Landschaft auf dem Simplonpass mit blühenden Alpenrosen.

Dass sich gerade auf dem Simplon so viele Hochmoore bilden und halten können, ist nicht nur derTopographie, sondern auch den vielen Niederschlägen und dem kühlen Klima zu verdanken. Während es im Tal heiss ist, schleichen Wolken über die Passhöhe, regnen aus, um nachher wieder kurz die Sonne durchscheinen zu lassen.

Moore sind extreme Lebensräume, stetig nass,sauer, nährstoffarm und starken Temperaturschwankungen ausgesetzt. Sie weisen eine einmalige Tier- und Pflanzengemeinschaft auf wie etwa den Purpur-Enzian, die Weisszunge, den Sonnentau, verschiedene Libellenarten und die Sibirische Keulenschrecke, die sich im Sommer lautstark mitteilt.

Auf dem Simplonpass
Im Juni stehen Alpenrosen auf dem Simplon in voller Blüte.

Die Passhöhe ist das Reich gedrungener Vegetation. Auf dem abfallenden Wanderweg in Richtung Simplon Dorf aber dominiert der besondere, etwa 800-jährige Lärchenwald am Chastlerberg, einem ehemaligen Felssturzgebiet. Im lichten Lärchenwald streift das Birkhuhn umher, im Herbst reifen Heidelbeeren. Auf der gegenüberliegenden Flanke liegt der Hittuwald. Eine Wanderung entlang der Suone Chrummbacheri istbesonders im Herbst empfehlenswert, wenn dieLärchen goldgelb leuchten.

In Simplon Dorf, welches 1267 erstmals urkundlich als Pfarrei erwähnt wird, wirkt der Bäcker Amadeo Arnold in fünfter Generation. Sein Ururgrossvaterbegann 1887, am heutigen Standort Walliser Roggenbrot zu backen. Amadeo Arnold backt es noch heute – mit einem gut 120 Jahre alten Sauerteig.

Dieser Beitrag wurde von Brig Simplon Tourismus unterstützt.

Auf dem Simplonpass
Sicht auf das lang gestreckte Barralhaus und auf den durch Kaspar Stockalper erbauten Alten Spittel, dessen Bau die Arbeiter 1666 vollendeten.

Via Stockalper

Die historische Via Stockalper führt in sieben Tagen von Brig im Wallis nach Domodossola in Italien. Der Pfad wurde vor mehr als 300 Jahren gebaut. Für Informationen und Angebote: stockalperweg.ch

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