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«Bei Ratten ist nichts so, wie es scheint»

Ratten und Menschen haben ein ambivalentes Verhältnis. Die Nager dienen als Labortiere, sind geliebte Heimtiere, aber auch gefürchtete Krankheitsüberträger. Die Biologin Dr. Irene Weinberger hat ein Buch über Ratten verfasst.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über Ratten zu schreiben, Frau Weinberger?

Während eines Projekts des Naturmuseums Solothurn zu Mäusearten in der Schweiz untersuchte ich die Fänge von Katzen. Dabei waren nur sehr wenige Wanderratten und nur eine Hausratte. Ich versuchte, mehr zur Hausratte herauszufinden und merkte, dass eigentlich nichts über sie bekannt ist. Sie geniesst in der Schweiz den gleichen Schutzstatus wie der Luchs. Auch über die wilden Wanderratten bei uns weiss man sehr wenig. Das bewog mich dazu, ein Buchprojekt zu beiden Arten in Angriff zu nehmen. Bei Ratten ist nichts so, wie es scheint.

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Was sagen Sie Leuten, die Ratten verabscheuen?

Ich zwinge niemandem etwas auf. So wie wir heute leben, ist die Chance klein, dass wir einer Ratte in der Küche begegnen.

Wie steht es um die Ratten-Bestände in Schweizer Städten?

Die Wanderratten leben in der Kanalisation. Wie viele es sind, ist unbekannt. Ratten kommen nicht flächendeckend vor. Sie bilden Kolonien, die sich abgrenzen.

Wo sind Ratten heute noch ein Problem als Nahrungsschädlinge und Krankheitsüberträger?

Ratten können da zum Problem werden, wo sie in die unmittelbare Nähe des Menschen kommen oder in Lebensmittellager eindringen.

Müssen Ratten in der Schweiz bekämpft werden?

Es gibt temporäre Bestandeszunahmen dort, wo sich Futter ansammelt. Sie werden mit Gift bekämpft, was ich nicht in Ordnung finde. Schlagfallen sind besser. Gift ist sehr bedenklich für die Umwelt, und der Tod durch Gift ist für das Tier schrecklich. Er zieht sich über Stunden und Tage hin. Als Labortier dient uns die Ratte, aber wir behandeln sie, als würde sie kein Empfinden haben.

Ratten folgen dem Menschen in dessen Windschatten. Sie scheinen allerdings weitaus robuster. Sind sie auch cleverer, das heisst, langfristig überlebensfähiger?

Ja, auf jeden Fall, und zwar die Hausratte wie die Wanderratte. Die Hausratte ist weltweit genauso verbreitet, nur bei uns ist sie selten. Sie sind sehr flexibel punkto Ansprüche und Nahrung. Ratten beider Arten leben vom Wald bis in die Stadt, von der Küste bis zu Berggebieten. Zudem haben sie eine hohe soziale Kompetenz.

Sie schreiben, dass die gemeinsame Geschichte von Mensch und Ratte wohl noch lange nicht zu Ende ist. Wie könnte sie weitergehen?

Die Ausbreitung der Ratten ist noch nicht abgeschlossen. Teile Afrikas sind weder von Wander- noch von Hausratten besiedelt. Ratten sind Krankheitsüberträger. Der Mensch dringt in unberührte Wälder vor. Im Schlepptau ist immer die Ratte.

Verschwindet die Hausratte nach und nach, weil sie durch die Wanderratten verdrängt wird oder hat die Hausratte noch ihre Nischen?

Die Hausratte ist ein wärmeliebendes Tier. Das heisst, dass sie auf der Alpennordseite ausreichend warme Orte braucht, also Häuser. Die Häuser sind aber grossteils kaum noch so gebaut, dass die Hausratte da Unterschlupf findet. Sie hat ihre Nische fast verloren. Die beiden Arten begegnen sich kaum.

Warum stammen die zahmen Farbratten von Wander- und nicht von Hausratten ab?

Es gibt alte Bilder, die meines Erachtens weisse Hausratten zeigen, die als Heimtiere gehalten wurden. Die Hausratte war lange vor der Wanderratte in Europa. England wurde schliesslich aber überschwemmt von Wanderratten. Dort entstand die Zucht von Farbratten. Weil die Wanderratte dann weitaus häufiger war, wurde einfach sie als Heimtier herausgezüchtet. Es hätte aber auch gut andersherum sein können.

Finden Sie Ratten geeignete Heimtiere?

Ja, durchaus. Sie sind spannend, da sie sehr zutraulich und lernfähig sind. Man kann ihnen sogar Tricks beibringen, und sie können verschmust sein. Sie dürfen nicht allein gehalten werden, und man muss damit leben können, dass sie ihre Markierungen grosszügig hinterlassen.

Schmöckerecke

Irene Weinberger: «Ratten - Clevere Wildtiere in unserer Nähe», 232 Seiten, Haupt Verlag

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