Die Sonne brennt vom Himmel, der Boden ist rissig, und im Unterholz knistert es verdächtig. Ein Funke genügt, und aus trockenem Gras wird ein loderndes Inferno. Waldbrände gehören längst nicht mehr nur zu Kalifornien oder Südeuropa – auch in der Schweiz steigt die Gefahr, besonders im Tessin und im Wallis. Während die Feuerwehr mit Löschflugzeugen und Hightech-Schläuchen bereitsteht, setzt man andernorts auf eine ungewöhnliche Hilfe: Schafe und Ziegen.
Sie sind die leisesten Feuerwehrleute der Welt. Keine Sirenen, kein Blaulicht, nur kauendes Mahlen und zufriedenes Blöken. Wo sie durchziehen, verschwindet das, was Flammen am liebsten fressen: trockenes Gras, Sträucher, Dornenbüsche. Schritt für Schritt entsteht eine natürliche Brandschneise. Im Prinzip ist die Idee uralt. Früher war es selbstverständlich, dass Weidetiere die Landschaft pflegten. Sie hielten Hänge offen, verhinderten, dass Wald und Gestrüpp alles überwucherten. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft verschwanden viele Herden – und mit ihnen die natürlichen «Rasenmäher». Heute, im Zeitalter der Klimakrise, entdeckt man diesen Effekt neu. Denn Schafe und Ziegen sind nicht nur Nahrungsproduzenten, sondern auch Landschaftsarchitekten. Schafe stutzen Gräser und Kräuter kurz, als hätten sie eine Schere im Maul. Ziegen dagegen sind wahre Busch-Spezialisten: Sie knabbern an Brombeeren, verbeißen Dornen und selbst junge Bäume. Zusammen verwandeln sie eine potenzielle Feuerhölle in ein harmlos abgefressenes Stück Land.
Brandschutz mit Biss
Besonders eindrücklich sind die Beispiele aus Südeuropa. In Katalonien schließen Gemeinden Verträge mit Hirten, damit ihre Herden gezielt durch gefährdete Wälder ziehen. Für die Schäfer bedeutet das ein gesichertes Einkommen, für die Region eine Art Versicherung gegen Flammenmeere. In Portugal gilt Weidewirtschaft inzwischen sogar als offizieller Teil der nationalen Waldbrandstrategie. Und in Kalifornien haben sich «Goat Grazing Services» etabliert: Gemeinden oder Privatbesitzer engagieren ganze Herden, die Hänge abgrasen und Häuser vor Flammen schützen. Ein einziger Tag Ziegenarbeit kostet dort weniger als ein kurzer Helikoptereinsatz – und wird nebenbei zu einer kleinen Attraktion, wenn Spaziergänger die meckernde Feuerwehr fotografieren.
In der Schweiz gibt es bisher nur wenige gezielte Projekte, doch die Voraussetzungen sind eigentlich ideal. Rund 330 000 Schafe und 80 000 Ziegen leben hierzulande, viele davon in steilen Lagen, wo keine Maschine hinkommt. Indirekt leisten sie schon jetzt einen Beitrag: Im Wallis halten Herden die Böschungen offen, im Tessin fressen Ziegen die steilen Hänge frei. Forstämter und Fachleute beobachten aufmerksam, wie Südeuropa und Kalifornien die Methode systematisch einsetzen, denn klar ist: Auch hierzulande wird die Gefahr mit zunehmender Trockenheit wachsen. Die Vorteile sind offensichtlich. Tiere arbeiten nachhaltig und klimafreundlich, hinterlassen keine Abgase und schonen den Boden. Sie schaffen offene Flächen, die nicht nur die Brandlast senken, sondern auch neuen Lebensraum für Kräuter, Insekten und Vögel bieten. Dazu kommt, dass ein Hirte mit Herde kostengünstiger ist als jede Löschaktion. Und der Anblick von Ziegen am Waldrand sorgt bei Einheimischen und Touristen eher für ein Schmunzeln als für Beschwerden.
Natürlich ist Beweidung kein Allheilmittel. Eine Herde schafft keine tausend Hektar, die Organisation ist aufwendig, und zu starkes Abweiden kann empfindliche Vegetation schädigen. Es braucht Koordination zwischen Gemeinden, Forstämtern und Landwirtschaft, damit Tiere gezielt dort eingesetzt werden, wo es sinnvoll ist. Doch das Prinzip ist einfach und überzeugend.
Tierische Waldbrandprävention
Bestände in der Schweiz
ca. 330 000 Schafe
ca. 80 000 Ziegen
(Stand: Bundesamt für Statistik, 2024)
Einsatz im Ausland
Spanien/Katalonien: Verträge mit Schäfern, die Herden gezielt durch Waldbrandzonen führen
Portugal: Weidetiere offiziell Teil der nationalen Waldbrandstrategie
Kalifornien: «Goat Grazing Services» – Gemeinden buchen Ziegenherden als Feuerprävention
Kostenvergleich
1 Helikoptereinsatz zur Brandbekämpfung: mehrere 10 000 CHF pro Stunde
1 Tag Arbeit einer Ziegenherde (ca. 200 Tiere): unter 2 000 CHF
Wirkung
Schafe: halten Grasflächen kurz
Ziegen: verbeißen Büsche und Sträucher
Ergebnis: natürliche Brandschneisen,
weniger Brandlast, mehr Biodiversität

