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Ein Geduldspiel: Wie Giraffe Irma Motivation für ihre Klauenpflege findet

Frisst ein Zootier nicht, ist das meistens ein Fall für Zootierärztin Maya Kummrow. Ob Verletzungen oder andere gesundheitliche Probleme: Bei über 8000 Tieren im Zoo Zürich gibt es für sie immer etwas zu tun.

Der Weg zu den Giraffen führt an den Stallungen der Nashörner vorbei. Eine gelbe Linie am Boden zeigt den Sicherheitsabstand an, den es zu den Gitterstäben einzuhalten gilt. «Sie sehen gefährlich aus, stimmts?», scherzt Tierpfleger Marco Brunner. Tatsächlich liegen die Dickhäuter noch ganz verschlafen herum und nehmen den Besuch kaum wahr. Ganz anders die Giraffendame Irma: Neugierig kommt sie ans Gitter und beschnuppert Tierärztin Maya Kummrow. Obwohl Irma wegen ihres Klauenproblems regelmässig in Behandlung ist, scheint sie die Tierärztin mit keinerlei schlechten Erlebnissen zu verbinden. «Sie freut sich schon darauf», weiss Kummrow. Doch die Vorfreude gelte nicht etwa dem Schleifen der Klaue, sondern den dazugehörenden Leckereien. Diese hält Veterinärassistentin Gabriela Hürlimann einen Stock höher bereit, auf Augenhöhe mit der Giraffe. «Target», ruft Hürlimann und die Giraffe läuft in eine Box mit ausklappbaren Wänden für jegliche Art von Untersuchungen.

Bei Irma geht es heute erneut um das Ausschleifen der linken Vorderklaue, welche eine eigenartige Einbuchtung hat. «Machen wir das nicht, bleiben Steine oder Dreck darin hängen und die Klaue kann sich entzünden», erklärt Maya Kummrow. Gemeinsam mit Marco Brunner kniet sie vor die Luke und wartet auf die Giraffendame. Sobald diese in der Box steht, übernimmt Tierpfleger Brunner das Kommando. «Irma, Touch!», sagt er und fasst der Giraffe ans Bein. Wenn sie das akzeptiert, gibt er mit seiner Pfeife ein Zeichen an Gabriela Hürlimann, die daraufhin einen neuen Snack in den Eimer fallen lässt. «Irma, Lift!», lautet das nächste Kommando des Tierpflegers. Die Giraffe hebt ihr Bein und ein weiterer Snack plumpst in ihren Futtereimer.

Die Klauenpflege bei Giraffendame Irma kostet Tierpfleger Marco Brunner und Tierärztin Maja Kummrow etwas Geduld. (Bild: )

Brunner führt die Problem-Klaue auf ein Taburett. Er putzt sie kurz, damit die Tierärztin eine Bestandsaufnahme machen kann. Jedes Mal, wenn sich während des Untersuchs etwas verändert und Irma stoisch in ihrer Position verharrt, gibt er Gabriela Hürlimann das Zeichen, dass sich die Giraffe einen Leckerbissen verdient hat. Als Maya Kummrow jedoch zu Schleifen beginnt, zieht das Fluchttier bald ein erstes Mal sein Bein weg. «Das ist immer so», verrät die Tierärztin. Also nochmals alles von vorne. Nach einer Weile entscheidet sich Irma aber doch für die Klauenpflege und die Leckerlis.

Nach einigen Anläufen ist die Behandlung geschafft. Doch danach herrscht kurz Verwirrung: Denn Irma bleibt noch eine ganze Weile wie angewurzelt stehen. «Wir sagen immer, dass es bei Giraffen etwas länger dauert, bis die Signale durch den langen Hals gelangen», scherzt Kummrow. Tatsächlich gehören Giraffen zu den Arten, die bei der Behandlung am meisten Geduld in Anspruch nehmen. «Wenn du etwas erzwingen willst, bewirkst du das Gegenteil», erklärt die Tierärztin. Deshalb hält sich das Pflege-Team bei Kummrows Untersuchungen strikt an die Abläufe, welche es regelmässig mit den Giraffen übt. Dieses sogenannte Medical Training macht der Zoo bei möglichst allen Tieren, wie Kummrow erklärt. Für die Tiere ist es die stressfreiste und schonendste Form für eine Behandlung. Es gibt aber Ausnahmen: Raubtiere zum Beispiel bräuchten für eine solche Behandlung immer eine Narkose.

Zwischen Routine und Notfällen

Die Biologie der über 300 Arten im Zoo Zürich ist so unterschiedlich, dass Maya Kummrow immer wieder viel Zeit mit dem Recherchieren von neuen medizinischen Erkenntnissen verbringt. Einige Behandlungen sind planbar und die Tierärztin kann sich entsprechend vorbereiten. Dabei profitiert sie auch immer wieder von ihrem weltweiten Netzwerk von Zootiermedizinern, die manchmal schon an ähnliche Fälle gerieten. Doch im Zooalltag kann jederzeit auch ein Notfall auftreten und dann muss die Tierärztin schnelle Entscheidungen treffen. «Vieles sind Erfahrungswerte», erklärt Maya Kummrow, die schon seit über 20 Jahren in der Zootiermedizin tätig ist. Am anspruchsvollsten sei für sie die Behandlung von kleinen Tieren wie Amphibien oder Fischen. «Am wenigsten wissen wir aber über Insekten», gibt sie zu bedenken. «Trotzdem versuchen wir auch bei ihnen alles, um ihnen zu helfen.»

Dass Maya Kummrow nichts unversucht lässt, damit es ihren Patienten besser geht, zeigt ihr nächster Fall. Es ist ein Roter Vari, der in der Masoala-Regenwald-Halle zuhause ist. Das 16-jährige Weibchen wurde mitten in der ersten Hitzewelle des Sommers auf einmal krampfartig am Boden gefunden. «Vielleicht war es ihr zu heiss, vielleicht hat sie auch einen Bandscheibenvorfall – wobei dieser durch einen Sturz entstanden sein kann», stellt die Tierärztin ihre Thesen vor. Schmerzmittel hatten die Lebensgeister des Lemuren rasch wieder geweckt. Trotzdem blieb das Weibchen seither in einer Voliere, in welcher es nicht weit hochklettern und damit auch nicht tief fallen konnte.

Tierpfleger Francesco Biondi hat die Genesung des Lemurenweibchens über Wochen beobachtet. (Bild: )

Nun sind drei Wochen vergangen und das Pflege-Team meldete der Tierärztin, dass der Lemur wieder zu seinen Artgenossen wolle. Um einschätzen zu können, ob dies vertretbar ist, hat sich Maya Kummrow Verstärkung von einer Neurologin aus dem Universitätsspital geholt. In der Voliere angekommen, regt sich jedoch zunächst nicht viel. Tierpfleger Francesco Biondi muss dem Lemurenweibchen mehr als ein Papaya-Stückchen vor die Nase halten, bis es aus seiner Ecke geklettert kommt. Die beiden Tierärztinnen beobachten die verhaltenen Bewegungen des Roten Varis genau und stellen eine Rechts-Schwäche fest. «Aus medizinischer Sicht würde ich sagen, sie braucht nochmals drei Wochen Ruhe», meint Maya Kummrow. Wenn man das mit einem Bandscheibenvorfall bei Menschen vergleiche, seien die bisherigen drei Wochen noch nichts. Andererseits wirke das Tier viel lethargischer als bei der letzten Untersuchung. «Zieht sie sich immer mehr zurück?», fragt die Tierärztin. Tierpfleger Biondi bejaht. «Wenn sie mental beginnt abzubauen und nur noch herumsitzt, kommt es auch nicht besser», meint die Medizinerin. Niemand erhebt Einwände. Der Rote Vari darf also zurück zu seinen Artgenossen – am ersten Tag allerdings noch unter Beobachtung. «Wenn es irgendeine Chance gibt, sie danach noch einmal einzufangen und ihr nochmals eine Pause zu geben, wäre das super», sagt Kummrow zu Francesco Biondi. 

Es sei wichtig, solch schwierige Entscheidungen gemeinsam zu treffen, erklärt die Tierärztin später. Denn es könne durchaus sein, dass der Lemur nochmals zu Boden stürze. Zum Beispiel, wenn er von Artgenossen gejagt wird.

Solche Fälle gehören zu den schwierigeren Aufgaben einer Zootierärztin. Deshalb ist Kummrow froh, zwischendurch auch mal Jungtiere chippen, Frösche auf Krankheiten testen und Ziegen entwurmen zu können. Doch die Sorge war umsonst. Eine Woche später wird klar, dass der Rote Vari die Reintegration mit seinen Artgenossen geschafft hat. Alles richtig gemacht also.

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