In einer Walliser Samengärtnerei werden alte Sorten für die Zukunft bewahrt

Die fleischige Tomate im Burger, das knackige Radieschen im Salat, die bunte Blume in der Vase: Am Anfang ihres grossen Auftritts stand ein Samen. In diesem auf den ersten Blick unspektakulären Winzling prallen Tradition, Passion und Innovation aufeinander. Zu Besuch bei einem Samenproduzenten im Wallis.

Die fleischige Tomate im Burger, das knackige Radieschen im Salat, die bunte Blume in der Vase: Am Anfang ihres grossen Auftritts stand ein Samen. In diesem auf den ersten Blick unspektakulären Winzling prallen Tradition, Passion und Innovation aufeinander. Zu Besuch bei einem Samenproduzenten im Wallis. Text: Tanja Aebli

Meine Lieblingssorte?» Tulipan Zollinger braucht keine Bedenkzeit: «Die Babuschka-Tomate!», ruft er mit sichtlicher Begeisterung. Der Geschmack sei ausserordentlich. Aber auch wegen ihrer Form und Grösse steche sie unter den 40 Tomaten im Zollinger-Sortiment heraus. Die vielseitig verwendbare Fleischtomate ist ein wahres Schwergewicht: Eine einzelne Frucht bringt schnell einmal ein Kilogramm auf die Waage. Tulipan Zollinger hat das Babuschka-Samentütchen nun im langen Gestell mit hunderten von versandbereiten Gemüse-, Kräuter- und Blumentütchen detektiert und streckt die Hülle mit dem Sortennamen und dem Zusatz «Selektion Z» in die Höhe. Ein Hinweis darauf, dass sein Favorit die Handschrift seiner Familie trägt. «Wir haben dieser Sorte ein Update verpasst», sagt der ausgebildete Pflanzenzüchter und Genetiker, der einige Jahre in der Pharmaindustrie zugebracht hat, bevor er vor zehn Jahren zusammen mit seinen Brüdern Tizian und Til die elterliche Samengärtnerei übernahm.

Schon greift er nach dem nächsten Tütchen im Gestell: Auch der Poschiavo-Salat steht für Veränderung – für den Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne. Das heutige Saatgut dieser alten Sorte aus dem Graubünden mit dunkelroten Spitzen und knackigen Blattrippen unterscheidet sich deutlich von jenem, das Zollinger Bio in den 80-er Jahren im Angebot hatte. Weil er bei Hitze zu schnell ausschoss, zäh und bitter wurde, brauchte auch er eine Generalüberholung, um den heutigen Anforderungen zu genügen. Der Transfer in die Gegenwart ist gelungen: Der zweifarbige Eichblattsalat verliert heute selbst bei Rekordtemperaturen, wie sie das Jahr 2026 prägten, nicht die Fassung.

«Wir verstehen uns als Hüter von traditionellen Kulturpflanzen», fährt Tulipan Zollinger nun fort. Die über 450 Sorten, die derzeit auf dem 25 Hektar grossen Landgut in Les Evouettes (VS) gehegt und gepflegt werden, sind ein kulturelles Erbe aus Kloster- und Bauerngärten. Dieses Saatgut reichten Familien von Generation zu Generation weiter; mit ihm gingen auch Wissen, Erfahrung, Bräuche und Rezepte an Kinder und Kindeskinder über. Ein Grossteil hat überdies einen lokalen Bezug, wovon Namen zeugen wie der Kopfsalat «Tägerwiler», die Tomate «Rose de Berne, Selektion Z» oder der «Frisé de Changins» – ein robuster Wintersalat aus dem Kanton Waadt.

Sortenvielfalt erhalten

Den Grundstein für die breite Sortenvielfalt, wie sie heute bei Zollinger Bio zu finden ist, haben Christine und Robert Zollinger in den 80-er Jahren gelegt. Mit ihrem Engagement für lokales Saatgut galten sie damals als Exoten. Die beiden Agroingenieure wollten traditionelle, alte sowie vergessene Pflanzen- und Gemüsesorten vor dem Aussterben bewahren und der sinkenden Vielfalt an Kulturpflanzen entgegenwirken – zuerst im Thurgau, später in der Westschweiz. Sie träumten von einer professionellen, biologischen Saatgutzucht, wie sie in der Schweiz damals noch nicht existierte. Bereits drei Jahre nach der Gründung publizierten sie den ersten Samenkatalog mit gerade einmal zwölf Sorten. Schon bald richteten sie mit grösserer Kelle an und verlegten ihren Standort ins Unterwallis. Hier fanden sie ein geeignetes Stück Land und ein Klima, das sich als optimal für den Samenbau erwies, begünstigen doch die milden Temperaturen unweit des Genfersees eine lange Vegetationsperiode.

«Viele Menschen denken beim Thema Biodiversität an Frösche, Insekten oder Vögel. Doch sie ist auch bei Nutzpflanzen von grosser Bedeutung», sagt Tulipan Zollinger. «Nur wenn es uns gelingt, die genetische Vielfalt der Sorten in unseren Gärten zu wahren, können wir auf Veränderungen wie den Klimawandel, neue Krankheiten oder Schädlinge reagieren», präzisiert er und bricht auf Richtung Versuchsfeld. Dort beugt sich gerade sein Bruder Tizian Zollinger, ausgebildeter Gemüsegärtner und Leiter der Züchtung, zusammen mit fünf Mitarbeitenden über mehrere Salbeistauden.

Er befühlt die elliptischen Blätter, riecht daran und prüft Farbe sowie Wuchs, bevor die Diskussion losgeht. Nur die schönsten, robustesten und ertragreichsten Pflanzen, die dem Vergleich mit Konkurrenzprodukten standhalten, kommen in die engere Auswahl. Stimmt die Qualität noch nicht, werden die Stauden weiter gezüchtet. Saison um Saison, Jahr um Jahr. «Bis eine Sorte vom Versuchsfeld ins Regal gelangt, dauert es bis zu fünf Jahre», sagt Tizian Zollinger.

Permanente Selektion

Oft bringen Kunden den Stein für eine Sortimentserweiterung ins Rollen: «Wir erhalten laufend Zusendungen von Sorten, die jemand als besonders schön, widerstandsfähig oder geschmacklich einzigartig beschreibt», führt der Pflanzenzüchter weiter aus. Diese werden im Versuchsfeld ausgesät, geprüft und weitergezüchtet. Nur die Besten der Besten, die dem strengen Blick der drei Saatgutprofis und ihren 25 Mitarbeitenden standhalten, schaffen es schliesslich ins Sortiment. Im Jahr 2026 gehörten das violette Radieschen und die Tomatensorte Galaxie mit ihren dunklen, marmorierten Früchten zu den insgesamt 13 Neuzugängen.

«Wir wollen alte, traditionelle Sorten fit für die Zukunft machen, damit in den hiesigen Gärten ertrags- und artenreiche Pflanzen spriessen», umreissen die Brüder ihre Beweggründe für ihr ressourcenintensives Handwerk. Die Sorten, die auf dem Unterwalliser Anwesen in der Rhoneebene heranwachsen, seien ans hiesige Klima und den lokalen Boden angepasst, biologisch und gentechnikfrei. Und anders als Hybriden gelten sie als «samenfest», wie es im Züchterjargon heisst. Für Gärtnerinnen und Gärtner bedeutet das: Aus den Samen einer Pflanze lassen sich Nachkommen mit den gleichen Eigenschaften und Merkmalen wie die Elternpflanze heranziehen.

Regionales Saatgut stammt von Pflanzen, die sich über Generationen hinweg an das lokale Klima und den Boden einer bestimmten Region angepasst haben. (Bild: Shutterstock)

Tulipan Zollinger öffnet nun eine Türe und betritt einen nüchternen Raum, in dem sich Maschine an Maschine und Sieb an Sieb reiht. Mit Luftstrom, Rütteltisch und Sortiermaschinen werden hier Samen von den Hülsen getrennt und von Schmutz, Sand und Staub befreit, aber auch viel Handarbeit ist im Spiel. Doch selbst, wenn das Saatgut diesen Raum verlässt, ist die Ernte noch längst nicht im Trockenen. Nächste Station ist die Keimprobe. Verläuft sie nicht zufriedenstellend, geht es erneut von vorne los: aussäen, beobachten, ernten, trocknen, reinigen, abfüllen. «Rund ein Drittel der 450 Sorten im Sortiment durchläuft jährlich diesen vielstufigen Prozess», so der 42-Jährige.

Saatgutgewinnung erfordert nicht nur viel Handarbeit, sondern auch Geduld und Fachwissen. Die ersten Gefahren lauern bereits beim Anbau auf dem Feld: «In diesem Stadium gilt es, ungewollte Kreuzungen durch Wind oder Insekten zu vermeiden und die Sortenreinheit nicht zu gefährden», fährt Tulipan Zollinger fort. Hinzu kommt: Wetter, Krankheiten oder auch eine ungenügende Befruchtung können eine ganze Ernte zunichte machen. «Wir müssen eine Sorte in jedem Stadium kennen, Blüte, Bestäubung und Samenreife genaustens überwachen und im entscheidenden Moment intervenieren» sagt der Pflanzen-Profi, während er an einer grau-braun verfärbten Blütendolde eines Fenchels schüttelt und die herunterrieselnden Samen mit der Hand auffängt.

Ein Blick nach unten zeigt: Dieser Fenchel würde auf dem Teller keine gute Figur machen – der Erntezeitpunkt, um ihn zu essen, ist längst vorbei. Die Knolle ist komplett verholzt, die Pflanze über einen Meter in die Höhe geschossen. Das, wovon sich der Koch abwendet, ist für den Saatgutproduzenten das Objekt der Begierde: hochgestängelte Salate, überreife Tomaten, vertrocknete Blütenstände und braune Schoten versprechen reiche Ernte. Doch auch hier lauern Gefahren: Pilzkrankheiten, Insekten oder Viren können die Samen befallen. «Weil wir als biozertifiziertes Unternehmen gar keine chemisch-synthetischen Substanzen verwenden dürfen, versuchen wir, solche Risiken mit der Fruchtfolge und gezielter Sortenselektion zu minimieren», so der Fachmann.

Schnell, einfach, schmackhaft

Obwohl die drei Söhne das gleiche Ansinnen wie ihre Eltern bei der Firmengründung vor 42 Jahren verfolgen, spüren sie den Wandel der Zeit. «Während früher viele mit einem grossen Garten aufgewachsen sind, unterhält heute nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung einen eigenen Garten», so ihre Feststellung. Dennoch ist das Gärtnern immer noch «en vogue», wenn auch in abgewandelter Form: Besonders populär sind Balkone, Hochbeete und schnell wachsende, ertragsreiche Kulturen wie Tomaten und Naschgemüse. Bei aufwändigeren Sorten wie Kohl und Lauch hingegen geht die Nachfrage eher zurück.

Seit nunmehr einigen Jahren sind auch Setzlinge beim Walliser Saatgutproduzenten erhältlich, womit die Zollingers auf einen Kundenwunsch reagiert haben. «Vielen ist das Heranziehen auf dem Fenstersims zu aufwändig», mutmasst Tulipan Zollinger. Bis zu fast 500’000 Setzlinge versendet das Unternehmen mittlerweile pro Jahr. Und weil es bei vielen Menschen an Fachwissen fehlt, um aus dem Samen eine üppig spriessende Pflanze heranzuziehen, versuchen die drei Saatgutprofis, auch diese Lücke zu schliessen: Mit Newsletter, Blog, Anleitungsvideos für Hobbygärtner, an Events und in den Gärten des Freilichtmuseums Ballenberg. Aber auch auf Social-Media-Kanälen, wo sie in breitem Thurgauerdialekt, wie sie ihn von den Eltern gelernt haben, und lupenreinem Französisch, erklären, was die Dos und Don’ts während der Gartensaison sind.

Tradition und Moderne kreuzen

An Ideen mangelt es den Geschwistern nicht: Seit 2019 haben sie Kosmetika im Angebot, um die Blätter, Blüten und Stängel, die nach der Samenernte übrigbleiben und zuvor kompostiert wurden, weiter zu verwerten. Auch das Wasser, das nach dem Entkernen der Tomaten zurückbleibt und reich an Antioxidantien ist, verarbeiten sie zu einem Gesichtswasser weiter. Für diese Kosmetiklinie haben die Brüder den «Prix Créateurs» erhalten, mit dem der Kanton Wallis besonders innovative Projekte auszeichnet.

Den vielen Neuerungen zum Trotz: Moderne Hybridsorten, die jedes Jahr neu gekauft werden müssen, sollen auf den fruchtbaren Böden der Rhoneebene auch in Zukunft nicht spriessen. An ihrer Mission für mehr Biodiversität unter den Nutzpflanzen und samenfestem Saatgut aus der Region wollen die drei Geschwister weiterhin festhalten: «Hätten wir uns nicht um den Erhalt dieser alten, traditionellen Sorten gekümmert, wären sie heute verschwunden», sind sie überzeugt.

Spezialisierte Betriebe wie Zollinger Bio, die biologisches, samenfestes, regionales Saatgut selbst vermehren, gibt es in der Schweiz nur wenige. Neben dem Walliser Familienunternehmen sind dies Sativa Rheinau (AG) und Artha Samen in Münsingen (BE). Ihr gemeinsamer Nenner: Sie engagieren sich dafür, ein kulturelles Erbe mitsamt Wissen und Traditionen lebendig zu erhalten. Und sie sorgen für optische Akzente in Gärten und besondere Aromen auf dem Teller.

Traditionelle Sorten im Garten sind vielfach robust gegen Krankheiten, weisen einen einzigartigen Geschmack auf und sorgen für Abwechslung im Beet. (Bild: Michelle Preiswerk)

Hybriden im Regal, Vielfalt im Garten

Auf dem globalen Saatgutmarkt hingegen geht die Entwicklung in eine andere Richtung: Weltweit kontrollieren vier grosse Agrarkonzerne den Grossteil des kommerziellen Saatguts. Diese Monopolisierung von Saatgut durch wenige Grosskonzerne gefährde die weltweite Ernährungssicherheit, die bäuerliche Unabhängigkeit und die biologische Vielfalt, monieren Nichtregierungsorganisationen wie Helvetas. Ein weiteres Problem sind Patente auf Saatgut, welche die Produktion verteuern. Dadurch wollen Unternehmen ihre Investitionen in Forschung und Züchtung – etwa in die Entwicklung krankheitsresistenter oder besonders ertragreicher Pflanzen – schützen und über exklusive Nutzungsrechte refinanzieren. Tulipan Zollinger hält das für eine verfehlte Entwicklung: «Saatgut sollte frei sein, damit es jeder selbst vermehren und weitergeben kann», postuliert er. «Es ist eine Art Lebensversicherung für die Menschheit.» Die freie Zugänglichkeit zu Saatgut ist auch eines der Hauptanliegen von Pro Specie Rara. Laut der Stiftung sind in den letzten 100 Jahren 75 bis 80 Prozent der Kulturpflanzen, welche die Menschheit über Jahrtausende entwickelt hat, unwiderruflich verloren gegangen.

Umso wichtiger sind Gärten – als letzte Bastion gegen Artenverlust und Monotonie. Ob mit orange-geflammten Cherry-Tomaten, lila Buschbohnen oder gelben Randen: Alte Sorten machen im Garten nicht nur Sinn, weil sie vielfach robuster gegen Krankheiten sind und einen einzigartigen Geschmack aufweisen, sondern auch, weil sie für viel Abwechslung im Beet sorgen. Im Gegensatz zu Hybriden wachsen sie weder gleichzeitig noch gleichförmig und ermöglichen so eine gestaffelte, bunte Ernte über mehrere Wochen hinweg.

Damit dieser Plan aufgeht, hat Tulipan Zollinger noch einige Tipps auf Lager. Regel Nummer eins laute: Gute Erde verwenden. «Davon hängt es ab, ob ein Samen keimt.» Diesen Prozess kann das Giessen gefährden: «Zu viel Wasser verhindert, dass sich die Wurzeln stark ausbilden.» Ein weiterer Fehler sei es, dass zu viel auf einmal angepflanzt werde: «Lieber mit fünf statt mit 15 Sorten starten, diese aber gut pflegen», so seine Empfehlung. Der Vater zweier Kinder ist auch vom Gärtnern als Familienprojekt begeistert: «Es macht Spass, bringt einen zusammen und sorgt für unvergessliche Momente.»

F1-Hybriden versus

samenfestes Saatgut

Wenn Züchter zwei genetisch sehr unterschiedliche, jeweils reinerbige Inzuchtlinien gezielt miteinander kreuzen, entsteht ein F1-Hybride. Das «F1» steht für die erste Tochtergeneration. Sie profitiert vom sogenannten Heterosiseffekt: Die Pflanzen sind wüchsiger, ertragreicher und einheitlicher als ihre Eltern, was Grösse, Reifezeitpunkt und Form anbelangt. Das macht Hybridsorten für den Erwerbsanbau attraktiv. Der Nachteil: Diese Eigenschaften gelten nur für eine Generation. Wer Samen von F1-Pflanzen aussät, erhält uneinheitliche, oft enttäuschende Nachkommen. Weil Hybridsaatgut nicht nachbaufähig ist, muss es jährlich neu gekauft werden.

Bei samenfestem Saatgut sind die Sortenmerkmale hingegen vererbbar. Wer eigenes Saatgut gewinnt, erhält also Pflanzen mit denselben Eigenschaften. Im Gegensatz zu F1-Hybriden lassen sich samenfeste Sorten an den Standort anpassen und über Generationen weiterentwickeln. Diese entstehen nicht im Labor, sondern durch jahrelange Auslese im Garten und auf dem Feld. Bei vielen samenfesten Sorten handelt es sich um alte, regionale Kulturpflanzen, die oft robuster, vielfältiger im Geschmack und genetisch breiter aufgestellt sind als einheitliche Hybriden. Weil sie reich an Pollen und Nektar sind, sind sie für Bienen und andere Bestäuber eine wichtige Nahrungsquelle.

Samenfeste Sorten können über die gewonnenen Samen selbst nachgebaut werden und sind genetisch stabil. (Bild: Shutterstock)

Weiterlesen