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Was zwei Fotografen in 40 Jahren bei Orang-Utans und Schlangen im Regenwald erlebten

Gemeinsam mit seiner Frau Sandra Hanke hält Dieter Schonlau die versteckten Schätze der Regenwälder fotografisch fest. Begleitet von Moskitos und gebadet in Schweiss, erleben die beiden zahlreiche schöne, aber auch gefährliche Momente. In ihren Bildern halten sie den Zauber der Regenwälder fest und machen auf die Zerstörung der einzigartigen Lebensräume aufmerksam.

Seit über 40 Jahren bereisen Sie die Regenwälder der Erde. Was fasziniert Sie bis heute am meisten an diesen Lebensräumen?

Was uns bis heute am meisten fasziniert, ist die unendliche Vielfalt des Lebens, die sich in den Tropenwäldern oft schon auf einem einzigen Blatt entfaltet. Täglich entdecken wir Neues, oft im Bewusstsein, dass wir es vielleicht nie wiedersehen werden. Auf unseren Streifzügen durch den Dschungel finden meine Frau und ich inneren Frieden und erleben das Leben in seiner schönsten, vielfältigsten Form. Den Tag, an dem Sandra und ich zum ersten Mal den Regenwald betraten, werden wir nie vergessen.

Was ist Ihnen von Ihrer allerersten Expedition besonders in Erinnerung geblieben?

Die ersten Schritte führten uns in den Regenwald von Sumatra. Die Luft war warm und feucht; ein Geruch von Fäulnis mischte sich mit Moosduft und dem lieblich-süssen Duft blühender Blumen. Überall raschelte, summte, zirpte und rief es. Unzählige Stimmen erfüllten den Wald — Affen, Frösche, Vögel und Insekten schienen ein unsichtbares Konzert zu geben. Doch so sehr wir auch suchten, sahen wir kaum ein Tier. Und genau das war der Zauber, der uns gepackt hat: Das Verborgene und Unbekannte des Regenwaldes wollte entdeckt werden.

Die Ureinwohner Borneos haben Ihnen ihre Welt nähergebracht. Was haben Sie von ihnen gelernt, das in keinem Reiseführer steht?

Von den Ureinwohnern lernten wir, Tiere im Grün des Waldes zu finden – in einem Grün, das alle Konturen verwischt. Wir lernten, auf alles zu achten und sogar auf die Stille zu hören. Wir erfuhren, wie man einen Sichtschutz baut, den nicht jedes potenzielle Fotomodell sofort durchschaut. Für Sandra und mich war es jedes Mal ein grosses Privileg, mit Ureinwohnern durch die Regenwälder zu streifen. Ohne ihre Hilfe wären etliche Fotos nie entstanden, denn die Motive hätten wir nie aufspüren können. Das unglaubliche Wissen der Indigenen und ihre tiefe Verbundenheit mit der Natur haben uns immer wieder beeindruckt. Am dankbarsten sind wir jedoch für die Gastfreundschaft, die uns in den weglosen Dschungeln dieser Erde entgegengebracht wurde.

Diese Bambusotter besitzt Röhrengiftzähne, die sie einklappen kann. (Bild: Dieter Schonlau)

Sie haben mehr als 4000 Nächte im Dschungel verbracht. Welche Nacht werden Sie nie vergessen – und warum?

Von den vielen unvergesslichen Nächten im Dschungel erzähle ich gerne von einer seltenen Begegnung im nächtlichen Regenwald von Borneo. Ich war gerade dabei, zwei sich paarende Stabinsekten zu fotografieren, als mir zunächst nicht auffiel, dass eine Schlange in mein Hosenbein gekrochen war und sich langsam an meinem Bein heraufschlängelte. Die Hose war mir während der Nachtwanderung aus dem Stiefel gerutscht, und Sandra sah im letzten Moment, wie das Ende der Schlange in mein Hosenbein verschwand. Wir erschraken beide, denn niemand wusste, ob es sich um eine Giftschlange handelte. Vorsichtig öffnete ich meine Hose und liess sie langsam herunter. Aufatmen: Es war eine Grüne Peitschennatter. Sie besitzt zwar Giftzähne, doch ihr Gift ist für den Menschen relativ harmlos. Der dünne, langgezogene Körper umschlang meinen Oberschenkel, ihre Augen schauten zu mir hoch. Wir bewegten uns nicht, schalteten das Licht aus und warteten ab. Ein paar Augenblicke später bemerkte ich, wie sich ihre Körperspannung löste und sie sich über meine heruntergelassene Hose davonschlängelte.

Das war sicher ein Schreckmoment! Welche Begegnung mit einem Tier hat Sie sonst am stärksten beeindruckt?

Ein unvergessliches Erlebnis hatten wir auf unserer ersten Reise nach Sumatra vor 40 Jahren. Wir hatten unser Lager in der Nähe eines Flusses aufgeschlagen. Dort standen wir und putzten uns die Zähne, als wir auf der gegenüberliegenden Flussseite im Wald zum ersten Mal in unserem Leben einen freilebenden Orang-Utan sahen. Aufgeregt, ohne nachzudenken, schwamm ich ans andere Ufer und setzte mich auf eine riesige Wurzel, die über den Fluss ragte. Nur wenige Meter über mir knackten Zweige; ich war total angespannt und bewegte mich keinen Millimeter. Dann geschah das Unglaubliche: Eine Orang-Utan-Mutter mit ihrem Jungen kam aus dem Dickicht heraus und setzte sich neben mich. Damit hatte ich nicht im Entferntesten gerechnet und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Der kleine Orang löste sich von der Mutter, kam zu mir und spielte mit meinen Ketten am Hals. Dann gab die Mutter einen Laut von sich und der neugierige rote Zottel krabbelte sofort zu ihr zurück. Vorsichtig drehte ich meinen Kopf in ihre Richtung und sah, wie sie sich ihr Junges auf den Rücken packte und wieder im Dschungel verschwand. Erst später haben wir realisiert, wie einzigartig dieser Moment war.

Ausgewachsene Orang-Utan-Männchen erkennt man an den dicken Backenwülsten. (Bild: Dieter Schonlau)

Wie gelingt es Ihnen, so scheue Tiere wie Orang-Utans zu fotografieren, ohne sie zu stören?

Wir verbringen Tage – oft auch Wochen – in selbstgebauten Verstecken, klettern auf Bäume oder fahren so lautlos wie möglich mit dem Boot an Flussufern entlang. Trotzdem sehen wir manchmal nichts als einen Hintern, der im Dickicht verschwindet. Eine Mischung aus Erfahrung, Geduld, Respekt vor den Tieren und einer grossen Portion Glück gehört auf jeden Fall dazu. Wichtig ist uns dabei immer, das Tier keinesfalls zu stören oder zu bedrängen. Einmal waren wir frühmorgens im Regenwald von Borneo unterwegs und damit beschäftigt, eine kleine Gruppe gelb leuchtender Pilze am Waldboden zu fotografieren. Wir trauten unseren Augen nicht, als ungefähr fünf Meter über uns auf einer Astgabel ein riesiges, an den dicken Backenwülsten gut erkennbares, ausgewachsenes Orang-Utan-Männchen es sich gemütlich machte und sich allem Anschein nach für unsere Fotosession interessierte. Es lag mit dem Bauch auf der Astgabelung, den riesigen Kopf auf seine gewaltigen Hände gestützt. Allein die Finger hatten die Dicke einer Gemüsegurke. Es schaute uns völlig gelassen an – ein Koloss, um ein Vielfaches stärker als ein kräftiger Mann, direkt über uns im Baum. Einfach unglaublich.

Viele Ihrer Aufnahmen wirken einzigartig. Wie viel Geduld steckt hinter einem einzigen gelungenen Bild?

Meiner Meinung nach gehört das Fotografieren im Regenwald zu den schwierigsten Genres der Naturfotografie überhaupt. Es herrschen ständig unerträgliche Hitze und eine Luftfeuchtigkeit, welche Ausrüstung und Mensch stark zu schaffen machen. Linsen und Sucher beschlagen ständig, sodass vor jeder Aufnahme zunächst gereinigt werden muss. Diese Dauerübung hat mich schon manch «guten Schuss» gekostet. Zudem ist es äusserst schwierig, die Waldbewohner im grünen Wirrwarr des Dschungels überhaupt zu entdecken. Noch schwieriger ist es, sie vor die Kamera zu bekommen. Lebewesen im Urwald führen ein Dasein im Verborgenen. Es können Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre vergehen, bevor der Regenwald einige seiner gut gehüteten Geheimnisse preisgibt.

Die Häute zwischen den Zehen des Flugfrosches wirken wie kleine Fallschirme. (Bild: Dieter Schonlau)

Das klingt auch für den Fotografierenden sehr anstrengend. Welche körperlichen und mentalen Herausforderungen bringt das Leben im Regenwald mit sich?

Ein Marsch durch den Regenwald mit nahezu 100 Prozent Luftfeuchtigkeit ist gewiss nicht immer vergnüglich. Schlammige, von Wurzeln verstellte Pfade, mit Stacheln oder Widerhaken besetzte Würger und Schlinger und eine Heerschar tierischer, sehr aufdringlicher Plagegeister machen es nicht wirklich angenehm. Uns war oft so heiss, dass wir das Gefühl hatten, innerlich zu kochen. Ununterbrochen rann der Schweiss aus allen Poren. Wir waren oft restlos erschöpft. Die Dschungelmärsche führten uns an unsere körperlichen Grenzen. Diesen Deal mussten wir mit dem Regenwald eingehen; dafür hob er den Schleier und wir bekamen Einblicke in Zaubergärten, die unsere Kindheitsträume weit übertrafen.

Wie haben sich diese Zaubergärten – der Regenwald – seit Ihren ersten Reisen verändert?

Seit unserer ersten Reise vor 40 Jahren ist ein halbes Menschenleben vergangen – eine lange Zeit, die gemessen am Alter der Urwälder jedoch nur ein kurzer Augenblick war. Umso erschreckender ist es, dass wir in dieser Zeit miterleben mussten, wie Jahr für Jahr riesige Regenwaldgebiete unwiederbringlich verschwanden. In Borneo und Sumatra durchstreiften wir damals Regenwälder, die Millionen Jahre alt waren und voller Leben steckten. Wenige Jahre später blickten wir auf endlose Palmölplantagen – der Wald und seine Bewohner waren der Brandrodung zum Opfer gefallen und mit ihnen oft auch ein Stück unserer eigenen Hoffnung.

Der Plumplori gehört zu den wenigen giftigen Säugetieren. (Bild: Dieter Schonlau)

Welche Folgen wird die Abholzung der Regenwälder für uns alle haben?

Der Regenwald, die grüne Klimaanlage unseres Planeten, erfüllt uns nicht nur mit Staunen und beschert uns einzigartige Erlebnisse. Er besitzt auch die Fähigkeit, enorme Mengen Kohlendioxid aufzunehmen und in Kohlenstoffverbindungen in seinen Pflanzen für einige Zeit zu speichern. Zudem setzen die Regenwälder Wasserdampf frei und schützen so, mit diesen «schwebenden Flüssen», die Erdoberfläche vor weiterer Erwärmung. Der Regenwald ist somit ein lebenswichtiges Organ der Erde, und wir entfernen es – ein nicht wieder gut zu machender Eingriff mit verheerenden Auswirkungen. Die ohnehin schon dramatische Erderwärmung wird zusätzlich beschleunigt. Menschen werden ihre Heimat verlassen müssen, weil ganze Landstriche unbewohnbar werden, das Land überschwemmt wird und die landwirtschaftliche Nutzbarkeit schwindet, weil es schlichtweg zu heiss wird. Dann sprechen wir nicht mehr von Millionen Flüchtlingen; in Zukunft könnten Milliarden auf der Flucht sein: Milliarden
Klimaflüchtlinge.

Gibt es Anlass zur Hoffnung für die Regenwälder – und wenn ja, worauf stützt sich dieser Optimismus?

Tja, ohne Hoffnung würden wir unsere «REGEN-Waldarbeiten» nicht in dieser Form fortsetzen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist, dass wir in den letzten Jahren auf unseren Reisen nach Sumatra und Borneo vermehrt mit jungen Menschen gesprochen haben, die sich leidenschaftlich für den Schutz des Regenwaldes einsetzen. Ihre Generation möchte anders handeln als bisher, anders als die Generationen davor. Diese jungen Menschen sehen den Regenwald als Heimat und als kostbares Erbe, das es zu bewahren gilt. Diese Gespräche schenken uns ein wenig Zuversicht!

Auge in Auge mit dem Vertreter einer unbekannten Wanzenart. (Bild: Dieter Schonlau)
Schönheit zeigt sich oft im Detail – wie bei dieser Fangschrecke. (Bild: Dieter Schonlau)

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