ABO

Was genau ist regenerative Landwirtschaft?

Eine wirkungsorientierte und klimaschonende Lebensmittelproduktion im Einklang mit der Natur, dies strebt der Verein für regenerative Land- und Ernährungswirtschaft an. Präsident Daniel Bärtschi verrät, wie Landwirte, Firmen und Privatpersonen diese Vision umsetzen.

Herr Bärtschi, Sie waren massgeblich an der Gründung des Vereins für regenerative Land- und Ernährungswirtschaft beteiligt. Was veranlasste Sie zu diesem Schritt?

Ich war acht Jahre lang Geschäftsführer von Bio Suisse. In dieser Zeit habe ich festgestellt, dass sich die Landwirtschaftsbetriebe zwar verbessern möchten, die Richtlinien aber oft nicht an die Realität angepasst sind, da sie zu starr sind. Der Fokus sollte mehr wirkungsorientiert sein und nicht bloss Betriebe in Schwarz und Weiss einteilen. Die Massnahmen müssen mehr auf den individuellen Betrieb und die jeweiligen vorhandenen Gegebenheiten angepasst sein und statt exklusiv sollte integrativ gearbeitet werden. Die regenerative Landwirtschaft hat ihren Ursprung in den USA, ist aber mittlerweile zu einer weltweiten Bewegung angewachsen. Ein gesunder Boden ist dazu die wichtigste Voraussetzung. Aber keines der bestehenden Schweizer Label unternimmt diesbezüglich bereits konkrete Massnahmen. Dies wollte ich ändern. Ich begab mich mit den oben genannten Absichten auf die Suche nach Verbündeten. Bei unserer Gründungsveranstaltung Ende 2019 fanden immerhin 40 Leute zusammen. Vom Bergbauern über den Gemüsebauern bis zum Landwirt mit Schweinezucht.

Was versteht man unter dem Begriff «regenerativ»?

Das ist eine gute Frage, denn viele Leute haben wohl schon davon gehört, wissen aber nicht genau, was mit regenerativ gemeint ist. Darunter versteht man Massnahmen, die helfen, einen ursprünglichen und guten Zustand wieder herzustellen. Folgende Prinzipien sind in der regenerativen Landwirtschaft zentral: Eine geringe Bodenstörung durch eine reduzierte Bodenbearbeitung und minimierten Hilfsstoffeinsatz; eine ständige Bodenbedeckung durch Zwischenfrüchte, Untersaaten oder Pflanzenrückstände; noch lebende Wurzeln sollen im Boden belassen werden, um das Bodenleben zu ernähren; eine hohe Diversität in der Fruchtfolge und durch Förderung der Biodiversität und schliesslich auch die Integration von Tieren, möglichst in Freilandhaltung.

Was genau ist regenerative Landwirtschaft?
Bisher sind dem Verein 120 landwirtschaftliche Betriebe angeschlossen.

Wie viele Betriebe sind heute Teil des Vereins?

Momentan sind wir noch überschaubar. 120 landwirtschaftliche Betriebe und zehn Firmen haben sich uns angeschlossen. Und auch 30 bis 40 Privatpersonen sind bei uns dabei, da sie die Idee gut finden.

«Wir arbeiten nicht mit einem Kontroll-, sondern mit einem Zielsystem.»

Welche Leitlinien gelten für Firmen?

Die Firmen sollen natürlich unsere Idee unterstützen. Wichtig ist auch, dass sie wie die landwirtschaftlichen Betriebe jährlich eine Klimabilanz erstellen. Zudem soll die regenerative Ausrichtung im Leitbild verankert sein und transparent darüber kommuniziert werden. Die Mitgliedschaft in unserem Verein darf nicht nur für Werbezwecke angestrebt werden. Der Müesliproduzent bio-familia ist aktuell das bekannteste Unternehmen in unserem Verein.

Kann sich jeder landwirtschaftliche Betrieb Ihrem Verein anschliessen und was muss er anpassen, um regenerativ zu wirtschaften?

Bei uns kann grundsätzlich jeder dabei sein – vom Landwirt bis zur Konsumentin. Wer zusätzlich Markennutzer ist, stellt ein Leitbild mit klaren Zielen auf, mit einer klaren Vision, wo er in zehn Jahren sein möchte. Eine zukunftsorientierte Gestaltung ist uns wichtig. Eine weitere Anforderung ist auch die Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen, die wir organisieren oder vermitteln, und einmal pro Jahr besucht eine Fachperson im Sinne eines Coachings den Betrieb. Wir arbeiten nicht mit einem Kontrollsystem, sondern mit einem Zielsystem. Um festzustellen, ob Fortschritte gemacht werden, verwenden wir Klima- und Humusbilanzrechner. Die Landwirte sollen angeregt werden, sich die Fragen zu stellen: Wo wollen wir hin und wofür stehen wir?

Ein grosser Fokus liegt auf der Bodenpflege, welche Leitlinie sind Ihnen in der Tierhaltung und -zucht wichtig?

Punkto Tierhaltung stehen wir in der Schweiz sehr gut da. Natürlich lohnt es sich immer, noch genauer hinzuschauen und zu überlegen, wie das Tierwohl weiter verbessert werden könnte. Dazu wollen wir den Tierwohlindex anwenden, der sich in Deutschland und Österreich bereits etabliert hat. Das ist eine Checkliste zu jeder einzelnen Tierkategorie auf dem Betrieb. Es ist ein Hilfsmittel, um bewusst hinzuschauen und zu evaluieren, wie es den Tieren auf dem Betrieb geht.

Was genau ist regenerative Landwirtschaft?
Es existiert sogar eine Marke mit dem Namen Agricultura regeneratio.

Was kann ein Verbraucher tun, um eine regenerative Land- und Ernährungswirtschaft zu fördern?

Man kann bei den Betrieben einkaufen, die uns angeschlossen sind. Die meisten bieten ihre Produkte in Direktvermarktung an, einige sogar bei Grosshändlern. Auf der Website agricultura-regeneratio.ch findet sich eine Karte mit allen Mitgliederbetrieben.

Sie haben die Marke «Agricultura regeneratio» lanciert. Ein weiteres Label im Labeldschungel?

Ich muss klarstellen, dass es sich bei «Agricultura regeneratio» nicht um ein Label, sondern eine Marke handelt. Eine Marke mit einer eigenständigen Identität und einem Markenversprechen. Es ist nicht wie ein Label ein Hilfsmittel, um zu sehen, welche Richtlinien angewendet werden. Die Marke steht für das Versprechen einer regenerativen Landwirtschaft als Ganzes.

Ist Ihr Verein stark am Wachsen?

Momentan wachsen wir noch eher langsam, denn ein wirtschaftlicher Anreiz besteht noch nicht für die Mitgliedschaft bei uns. Zudem verfügen wir nicht über ein besonders grosses Marketingbudget. Denn wir finanzieren uns grösstenteils über die Mitgliederbeiträge. Das ist aber auch ein Vorteil, da wir dadurch völlig unabhängig sind.

Hier geht es zur Webseite

Zur Person

Daniel Bärtschi hat erst die Ausbildung zum Landwirt absolviert und danach ein Agronomiestudium. Nach verschiedenen Stationen etwa als Geschäftsführer von Bio Suisse oder Direktor des Naturama ist er heute Leiter des Bereichs Landwirtschaft und Lebensmittel des international tätigen Beratungsunternehmens Quantis. Bärtschi gründete den Verein für regenerative Landwirtschaft und steht ihm als Präsident vor.

Weiterlesen