Im Papiliorama Kerzers erleben Nachttiere ihre Tropennacht mitten am Tag

Im Nachttierhaus des Papiliorama in Kerzers herrscht eine verkehrte Welt. Sobald sich die Dunkelheit über das Seeland legt, geht die künstliche Sonne im Nocturama auf. Dank neuer Beleuchtung wachsen nun sogar Pflanzen.

Es ist 8 Uhr morgens im Nocturama. Der Greifstachler und das Zweifingerfaultier schlafen. Sie sehen aus wie Wollknäuel in Astgabeln in der Höhe im gleissenden Kunstlicht. Die Anlage der Erdferkel scheint leer. Die Tiere dösen in ihrer Höhle. Nicht mehr lange. Um 9.30 Uhr schaltet Lampe um Lampe mit dem künstlichen Tageslicht aus, um 10 Uhr bricht die Tropennacht an. Das volle Leben beginnt!

Riesenborkenratten von den Philippinen wuseln am Boden herum. Der Greifstachler tapst plötzlich dem Ast entlang, als wäre er im südamerikanischen Wald unterwegs. Das Zweizehenfaultier geht die beginnende Nacht gemächlich an, kratzt sich und hangelt sich dann kopfüber im Zeitlupentempo vorwärts. Verkehrt herum ist auch der Tag-Nacht-Rhythmus in diesem Lebensraum.

«Unsere Nacht dauert von 10 Uhr morgens bis um 22 Uhr abends, zwölf Stunden, wie in den Tropen», sagt Caspar Bijleveld. So können die Tierpfleger am Morgen bei Licht die Anlagen in Ordnung bringen. Der Direktor des Papiliorama baute, als er 16 Jahre alt war, ein Modell einer Glaskuppe. Daraus wurde der bekannte Schmetterlingsgarten. Sein Vater realisierte das Projekt in Marin (NE), 1994 kam dort bereits das Nocturama hinzu, ein Lebensraum für nachtaktive Tiere der Tropen. Der Biologe Caspar Bijleveld erinnert sich: «Wir bauten es in enger Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Zoo.» Dort wurde bereits 1978 ein Nachttierhaus eröffnet. Die Bijlevelds verfolgten allerdings ein anderes Konzept, das sich bis heute bewährt hat. Im Nocturama bewegen sich viele nachtaktive Tierarten frei. «Der Mensch soll beschränkt auf den Wegen gehen, um ihn herum sollen sich Tiere tummeln», erklärt Caspar Bijleveld seine Idee. Bis heute gibt es in der Schweiz in keinem anderen Zoo ein Nachttierhaus und bis heute ist das Konzept des Papilioramas weltweit einzigartig. Nachttiere werden sonst hinter Scheiben gezeigt.

1995 geschah das Drama. Das Papiliorama in Marin brannte ab. 2003 erfolgte die Wiedereröffnung in Kerzers (FR). «Das Nocturama bauten wir innerhalb von neun Monaten auf», erinnert sich Caspar Bijleveld. Der Durchmesser sei auch am neuen Ort gleich gross, doch die Kuppe höher, was im Wandbereich mehr Gestaltungsfreiheit zulasse.

Die technischen Möglichkeiten betreffend Beleuchtung waren früher bescheiden. «Mondlicht setzt sich aus reflektierendem Sonnenlicht zusammen, mit dem Unterschied, dass ein grosser Teil des blauen Spektrums entfällt. Wir verwendeten als Nachtbeleuchtung aber Licht mit Blauanteil, weil das die Nacht eher simulierte.» Der Tag wurde mit Licht von Fluoreszenzröhren im Tageslichtspektrum abgedeckt.

Im Nocturama wird die Nacht zum Tag. Dann dösen Faultiere und Greifstachler im Geäst. (Bild: L. Lepperhoff)

Pflanzen wachsen, Konturen zeigen sich

Zwischenzeitlich hat sich in der Beleuchtungstechnik viel verändert. Neue stromsparende LED-Leuchten liefern intensives künstliches Tageslicht, das auch Pflanzenwachstum ermöglicht. «Wir testen im Moment Pflanzenarten der Gattungen Ficus, Schefflera und die Goldfruchtpalme unter den Spezialleuchten. Sie gedeihen gut, so dass wir es bald auch mit grösseren Bäumen versuchen wollen», sagt Caspar Bijleveld. Bisher wurde dieser Lebensraum mit Ästen und Baumstämmen gestaltet.

Beim Nachtlicht stellten sich besondere Herausforderungen. «Wir testeten ein dem Mondlicht treffend nachempfundenes Nachtlicht, mussten aber feststellen, dass es vom menschlichen Auge als Kunst- und nicht als Mondlicht wahrgenommen wurde. Wir versahen dann die Lampen mit Lichtfiltern, wie sie auf Theaterbühnen verwendet werden. So entsteht ein dem Mondlicht ähnlicher Schimmer», sagt der Papiliorama-Direktor. Die Tiefenwirkung in der künstlichen Nacht sei nun treffender, Tiere könnten besser beobachtet werden.

Auch Pflanzen wie dieser Ficus gedeihen nun gut unter dem Kunstlicht im Nocturama in Kerzers. (Bild: L. Lepperhoff)

Zusätzlich hat es in der mit einer Dreifachfolie überzogenen Nocturama-Kuppe ausgewählte Stellen, die während des künstlichen Tages mit ultraviolettem Licht und Wärme bestrahlt werden, damit Tiere, wenn sie es wollen, UV-Strahlen tanken können. «Das ist besonders für Faultiere wichtig», erwähnt Caspar Bijleveld. In der angegliederten Zuchtanlage für die Nachttiere werden Luken geöffnet, durch die das Sonnenlicht bis 10 Uhr morgens einfällt. Dort wurde das neue Beleuchtungskonzept bereits vollständig umgesetzt. Caspar Bijleveld erzählt von seinen Beobachtungen: «Die Tiere nutzen jetzt die gesamte Anlage, was vorher nicht der Fall war. Den Besuchenden eröffnet sich ein natürliches, nächtliches Gelände», fasst Caspar Bijleveld die neue Situation zusammen.

Ein Faultier schläft unter künstlicher Beleuchtung. (Bild: L. Lepperhoff)

Insgesamt sind drei Tierpfleger für den Nachttierbereich zuständig. Für die Greifstachler und Nachtaffen, beides prominente Bewohner der Nachtwelt, führt das Papiliorama das Europäische Erhaltungszuchtprogramm. Gegen 11 Uhr sind Individuen der beiden Arten im Nocturama wie in der Zuchtstation so richtig zur Hochform aufgelaufen, klettern über Äste, holen sich Früchte und Blätter aus entsprechenden Depots, verschwinden wieder im Dunkeln. Erdferkel wühlen in der Erde und trippeln über Sand. Ihre geheimnisvollen Silhouetten zeichnen sich in der künstlichen Mondnacht des Nocturama ab.

Papiliorama

Das Papiliorama in Kerzers (FR) mit eigener Bahnhaltestelle bietet einen Aussenbereich mit einheimischer Flora und Fauna, die Schmetterlingskuppe, das Nocturama sowie den Jungle Trek. Bei letzterem handelt es sich um eine lebensechte Imitation eines Tropenwaldes von Belize. Nebst Naturschutzprojekten und Auswilderungen von Europäischen Sumpfschildkröten in der Schweiz unterstützt das Papiliorama ein 400 Quadratkilometer grosses Naturschutzgebiet im zentralamerikanischen Land Belize.

Täglich von 9 bis 18 Uhr (ab 25.10. bis 17 Uhr) geöffnet

Weiterlesen