Nicht genug Blüten für alle

Die Bieneninitiative geht weit über die Honigbiene hinaus. Der Verband Bienen Schweiz will die Bestäubung als Ganzes in die Verfassung schreiben. Dazu sucht er die Zusammenarbeit mit jenen Umweltverbänden, die der Imkerei bisweilen vorwerfen, Wildbienen zu verdrängen.

Der Film «More than Honey» gab 2012 den Startschuss für einen regelrechten Imkerboom. Seither ist die gesellschaftliche Unterstützung für Honigbienen fast ungebrochen. In den letzten Jahren jedoch kamen immer mehr Forschende zum Schluss, dass Honigbienen viel weniger zur Bestäubungsleistung beitragen als zuvor gedacht. Mindestens so wichtig seien Wildbienen, aber auch Schmetterlinge, Fliegen und sogar Käfer. Essenziell sei die Vielfalt der Bestäuber, so der Tenor jüngster Studien. Denn die meisten dieser Insekten sind nur auf wenige Arten von Blüten spezialisiert. Und je mehr unterschiedliche Bestäuber zum Beispiel einen Apfelbaum besuchen, desto höher sind die Chancen auf einen guten Ertrag.

Honigbienen gehören zu den Generalisten unter den Bestäubern. Doch auch sie fliegen nicht jede Blüte an. Schon nur deshalb könnten sie allein keine Bestäubungssicherheit gewährleisten. Ausserdem sind sie im Vergleich zu anderen Bestäubern stärker auf Nektar ausgerichtet und kommen deshalb seltener mit den für die Fortpflanzung relevanten Teilen einer Blüte in Berührung. Beim Raps etwa führen rund 70 Prozent der Blütenbesuche durch Wildbienen zur Bestäubung. Von den Besuchen durch Honigbienen sind hingegen nur zirka 35 Prozent erfolgreich.

Mauerbienen sind schon sehr früh im Jahr unterwegs und deshalb wichtige Bestäuber von Obstbäumen. (Bild: shutterstock / HWall)

Wie wichtig Wildbienen für die Landwirtschaft sind, wird also immer deutlicher. Und das, während fast die Hälfte der in der Schweiz heimischen Arten vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben ist. Angesichts dieser Entwicklung hat es sich sogar der Imkerverband Bienen Schweiz zur Aufgabe gemacht, die Wildbienen zu retten. Damit begegnet er auch den zunehmenden Vorwürfen, Honigbienen würden wilden Bestäubern den rar gewordenen Nektar vor den Fühlern wegschnappen. Verbandspräsident Martin Schwegler will sich an dieser Kritik nicht aufhalten, zumal deren wissenschaftliche Grundlage nach wie vor dünn ist. «Es mangelt allen bestäubenden Insekten an einer reichen Pflanzenwelt», argumentiert er. «Deshalb sollte man keinen Gegensatz der Interessen konstruieren, wo keiner ist.»

Mit der Bieneninitiative nimmt der Imkerverband nun einen Anlauf, den Erhalt der Bestäubungsleistung in die Verfassung zu schreiben. Weder Honigbienen noch die Imkerei sind explizit erwähnt. Stattdessen fordert der Initiativtext generell «die Sicherung der Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen durch Insekten». Ein Versuch, den Graben zwischen Umweltverbänden und Imkerei zuzuschütten? Martin Schwegler dementiert: «Wir haben die Bieneninitiative aus fester Überzeugung und nicht als taktisches Manöver lanciert.» Denn Honig- und Wildbienen befänden sich in ähnlicher Not. «Wenn der Mehrheit der Bevölkerung bewusst wird, dass wir der Natur mehr Raum geben müssen, entsprechend handeln und so für alle Bestäuber mehr und bessere Lebensräume ermöglichen, hat die Initiative ihr Ziel erreicht.»

Schulterschluss für das grosse Ganze

Bewusst wurde der Initiativtext sehr offen formuliert, um möglichst keine wichtigen Akteure zu verschrecken. «Mit der Initiative soll ein lösungsorientiertes, gemeinschaftliches Vorgehen verfolgt werden, bei dem weder Schuldzuweisungen noch Verbote im Fokus stehen», schrieb die Schweizerische Bienenzeitung im März dieses Jahres. Auch Martin Schwegler betont, dass die Bieneninitiative einen konstruktiven Dialog ermöglichen soll. «Man darf wertschätzen, dass die Landwirtschaft schon heute viel für mehr Biodiversität tut», so der höchste Schweizer Imker. Zudem gebe es gerade auch im Siedlungsraum viel Potenzial, etwas Positives für die Insektenwelt zu tun. «Man muss nicht mit dem Finger auf andere zeigen, wir alle können etwas zur Verbesserung der Situation beitragen.»

Auch Schwebefliegenarten tragen ihren Teil zur Bestäubung bei. (Bild: Shutterstock / Gerrit Lammers)

Ähnlich sieht es die Umweltorganisation Pro Natura, welche den Imkerverband bei der Unterschriftensammlung unterstützt. «Imkerlich gehaltene Honigbienen können zwar Wildbienen negativ beeinflussen», räumt die Biodiversitätsverantwortliche Valeria Renna ein. «Die Existenz von Wildbienen ist aber primär wegen des Mangels an vielfältigen, vernetzten und blütenreichen Lebensräumen gefährdet und nicht wegen der Honigbiene.» Insgesamt sei die Honigbiene genauso vom Rückgang geeigneter Lebensräume betroffen wie die Wildbiene, heisst es also auch von Pro Natura. «Ein unzureichendes Blütenangebot ist in weiten Teilen des Mittellandes und der Voralpen, zunehmend auch im Alpenraum, mittlerweile die Regel», so Renna. Doch für wilde Bestäuber fehle nicht nur die Nahrung, sondern auch ausreichende Nistmöglichkeiten sowie eine vernetzte ökologische Infrastruktur.

Auch Imkerinnen und Imker kämpfen nicht nur mit einem raren Blütenangebot, sondern auch gegen invasive Arten wie die Asiatische Hornisse oder Krankheiten wie die Varroamilbe. Und obwohl die Bienen längst auf der gesellschaftlichen Agenda stehen, geht es ihnen nach wie vor schlecht. «Was für die bestäubenden Insekten getan werden muss, hat der Bund schon lange definiert», so Martin Schwegler. «Wir vermissen den Willen zur Umsetzung und wollen mit der Bieneninitiative den Druck erhöhen, damit die genehmigten Massnahmen verwirklicht werden.»

Das fordert die Bieneninitiative

Bund und Kantone sollen die Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen durch Insekten sichern. Der Bund soll zudem die Bestände und Vielfalt einheimischer Bienen und anderer Bestäuber fördern und Anreize für naturnahe Lebensräume schaffen.

Welche konkreten Massnahmen dafür nötig sind, lässt die Initiative offen. Diese müsste die Bundesversammlung nach einer Annahme innerhalb von vier Jahren festlegen. Die Initiative schreibt lediglich vor, dass die Förderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung der Bestäubung angemessen sein muss.

Die Sammelfrist für die Initiative dauert noch bis am 19. November 2027.

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