Wann immer sich zwei Lebensformen gegenseitig positiv beeinflussen, spricht man von einer Symbiose. So profitieren Insekten vom Nektarangebot einer Blüte, die wiederum von ihren kleinen Besuchern bestäubt wird. Solche Beispiele finden sich in der Natur zahlreich und werden bereits in der Schule gelehrt. Dabei scheinen Symbiosen dem oft zitierten Grundsatz vom «Überleben des Stärkeren» zu widersprechen. Dieser ist ohnehin irreführend: In der Evolution geht es nicht um physische Stärke, sondern um Angepasstheit. Wer unter den jeweiligen Bedingungen besser zurechtkommt, hat bessere Chancen, zu überleben und sich fortzupflanzen. Im Englischen spricht man von «survival of the fittest». Und dazu kann auch gehören, sich mit anderen zusammenzutun und zu kooperieren.
Eine der folgenreichsten Symbiosen der Erdgeschichte entstand vor etwa 1,5 bis 2 Milliarden Jahren. Pflanzen und Tiere waren noch lange Zukunftsmusik; das Leben spielte sich praktisch vollständig auf mikroskopischer Ebene ab. In dieser Zeit nahm eine Wirtszelle ein Bakterium auf, das – statt verdaut zu werden – zu einem Bestandteil der Zelle wurde. Aus solchen Bakterien gingen im Laufe der Evolution die Mitochondrien hervor, die «Kraftwerke» vieler Zellen. Solche engen Beziehungen, bei denen ein Organismus im Inneren eines anderen lebt, nennt man Endosymbiose.

Das Taxi zum Ameisenhaufen
An Feldrändern, im Wald, werden oft Samen von Ameisen herumgetragen. Mit der Lupe kann man erkennen, dass diese Samen meist ein winziges, oft gelblich weisses Anhängsel haben. Der Duft dieses Elaiosoms (wörtlich «Ölkörperchen») lockt die Ameisen an, die das Anhängsel entweder auf der Stelle oder auf dem Transport zum Nest fressen. Irgendwo auf dem Weg bleibt der Samen dann liegen. In diesem Fall sind es also die Ameisen, welche die Samen ausbreiten, was als Myrmekochorie bezeichnet wird. Die Ameise profitiert dabei vom leckeren Anhängsel, während die Pflanze ein tierisches Taxi nutzt. Zu den bekannten Pflanzenarten, die durch Myrmekochorie verbreitet werden, zählen der Rot-Klee (Trifolium pratense), Flockenblumen (Gattung Centaurea), Seggengras-Arten (Gattung Carex), Buschwindröschen (Anemone nemorosa) und verschiedene Veilchen (Gattung Viola).
Durch Abhängigkeit zum Erfolg
Heute sind die meisten Organismen der Erde auf die eine oder andere Weise in enge Beziehungen mit anderen Lebewesen eingebunden. So ist ein Grossteil der Blütenpflanzen für die Bestäubung auf Tiere angewiesen und die grosse Mehrheit der Landpflanzen lebt in Symbiose mit Wurzelpilzen – einer Verbindung, die als Mykorrhiza bezeichnet wird.
Der Pilz bildet ein Geflecht aus mikroskopisch dünnen Fäden, das sich weit über den eigentlichen Wurzelraum hinaus im Boden ausbreitet. Dadurch erschliesst er Wasser und Nährstoffe, an welche die Pflanze mit ihren Wurzeln allein nur schwer herankäme. Besonders wichtig ist dabei Phosphor – aber auch Stickstoff und verschiedene Spurenelemente können über den Pilz zur Pflanze gelangen. Im Gegenzug versorgt die Pflanze ihren Pilzpartner mit Zucker und anderen kohlenstoffreichen Stoffen, die sie bei der Photosynthese produziert.
Doch Mykorrhizen leisten noch mehr. Sie können die Widerstandskraft von Pflanzen gegen Trockenheit und manche Krankheitserreger erhöhen und die Struktur des Bodens beeinflussen. Was über der Erde wie eine einzelne Pflanze aussieht, ist deshalb oft Teil einer verborgenen Lebensgemeinschaft. Unter unseren Füssen verbinden sich Wurzeln und Pilzfäden zu einem biologischen Netzwerk, das für viele Ökosysteme von zentraler Bedeutung ist.

Pilz sucht Baum
Erfahrene Pilzsammler wissen, unter welchen Bäumen sie welche Speisepilze finden können. Dies kommt nicht von ungefähr: Das, was wir als «Pilz» einsammeln, ist lediglich der Fruchtkörper eines viel grösseren Organismus, der als Pilzgeflecht im Boden in enger Verbindung mit den Wurzeln bestimmter Pflanzen lebt. Praktischerweise verraten die deutschen Namen der Pilze meist auch gleich, wo man sie suchen muss: Birkenpilze (Leccinum scabrum) wachsen unter Birken, Fichtenreizker (Lactarius deterrimus) unter Fichten. Goldröhrlinge (Suillus grevillei) findet man nur unter Lärchen, Butterpilze (Suillus luteus) unter Kiefern. Die beliebten Steinpilze (Boletus edulis) und Pfifferlinge (Cantharellus cibarius) sind da generalistischer: Je nach Typ wachsen sie unter Eichen, Fichten, Buchen und anderen Bäumen. Die enge Beziehung zwischen Pflanzen und Pilzen zeigt: Es lohnt sich, beim Pilzesuchen nicht nur auf den Boden zu schauen.
Enge Verbundenheit
Manche Symbiosen sind so eng miteinander verwoben, dass wir die Beteiligten kaum noch als getrennte Partner wahrnehmen. Flechten etwa erscheinen uns als eigenständige Lebewesen. Tatsächlich sind sie komplexe Lebensgemeinschaften, an denen mindestens ein Pilz und ein photosynthetisch aktiver Partner – eine Grünalge oder ein Cyanobakterium – beteiligt sind. Die photosynthetischen Partner stellen kohlenstoffreiche Verbindungen bereit, während der Pilz unter anderem Struktur bietet und zur Regulation des Wasserhaushalts beiträgt.
Auch der Mensch ist kein völlig autonomes Einzelwesen. Auf und in unserem Körper leben riesige Gemeinschaften von Mikroorganismen – vor allem Bakterien, aber auch Pilze, Viren und andere Mikroben. Besonders dicht besiedelt ist der Darm. Diese Mitbewohner sind keine zufälligen Passagiere. Viele von ihnen helfen dabei, Bestandteile der Nahrung zu verwerten, produzieren Stoffwechselprodukte und stehen in vielfältigem Austausch mit unserem Immunsystem. Der Mensch ist deshalb nicht bloss ein Organismus, der gelegentlich mit anderen Lebewesen in Kontakt kommt. Er ist selbst Lebensraum.

Feldmäuse als Gärtner
Magerwiesen erscheinen wegen des geringen Nährstoffgehalts meist hellgrün. Doch manchmal sieht man in den noch nicht abgemähten Wiesen Flecken mit dunkelgrünen Gräsern. Schaut man genau hin, so findet man dort Löcher von Feldmäusen (Microtus arvalis). Diese Nagetiere deponieren ihre Exkremente direkt neben den Baueingängen – und düngen somit die Pflanzen. An solchen Stellen gedeiht das Wiesen-Knäuelgras (Dactylis glomerata) nebst 18 weiteren Pflanzenarten besonders üppig. Sehr zur Freude der Feldmaus, denn das Knäuelgras gehört zu ihren Hauptnahrungspflanzen. So legt sich der Nager unbewusst einen kleinen Vorgarten direkt beim Bau an.
Gemeinschaft ohne Romantik
Dabei wäre es zu einfach, Symbiosen als harmonische Bündnisse zu romantisieren, in denen sich Organismen gegenseitig «helfen». Das Zusammenleben ist kein Freundschaftsvertrag. Manche Beziehungen nutzen beiden Seiten, andere vor allem einem Partner. Ein Mikroorganismus, der unter bestimmten Bedingungen unauffällig oder nützlich ist, kann unter anderen Umständen Probleme verursachen. Symbiose ist kein moralisches Gütesiegel. Sie beschreibt vielmehr die erstaunliche Tatsache, dass Leben häufig in enger Gemeinschaft mit anderem Leben stattfindet.
Wer mit offenem Blick durch die Natur geht, kann viele solcher Gemeinschaften und Interaktionen mit blossem Auge beobachten (siehe Boxen). Ein Baum ist dann nicht mehr «nur ein Baum», sondern ein Tummelplatz vielfältiger Begegnungen. Doch auch hier ist die Sache komplex. Denn eine Beziehung findet nie im luftleeren Raum statt. Ob sie nützlich oder schädlich ist, kann von den Umweltbedingungen abhängen. Ein Partner liefert vielleicht einen wertvollen Nährstoff – doch nur, solange dieser in der Umgebung knapp ist. Wird er plötzlich reichlich verfügbar, kann derselbe Partner vom unverzichtbaren Helfer zum kostspieligen Mitbewohner werden. Was sich für einen Organismus «lohnt», hängt von der jeweiligen Situation ab.
So kann ein Pilz für eine Pflanze in einem nährstoffarmen Boden ein wertvoller Partner sein. Sind bestimmte Nährstoffe dagegen reichlich vorhanden, kann sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis verschieben: Die Pflanze liefert weiterhin Kohlenstoff, erhält dafür aber möglicherweise weniger Gegenleistung. Die Beziehung muss nicht plötzlich in offenen Parasitismus kippen, bei dem ein Partner den anderen ausnutzt. Doch ihre Bilanz verändert sich.

Alarmsystem im Wald
Viele Vogelarten haben einen speziellen Luftalarmruf, der sich von ihrem Gesang und anderen Alarmrufen unterscheidet. Sie warnen sich damit zum Beispiel vor einem im Wald jagenden Sperber. Dieser Ruf, ein lang gestrecktes, hohes, leicht abfallendes «Sieeh», ist bei mehreren Vogelarten sehr ähnlich. Dem Greifvogel selbst fällt es schwer, den hohen Ruf zu orten; gleichzeitig werden nicht nur die Artgenossen des Rufers, sondern auch andere Vogelarten vor der Gefahr gewarnt. So profitieren verschiedene Arten von Vögeln durch einen ähnlichen Warnruf.
Vom Nützling zum Krankheitserreger
Noch deutlicher wird das fliessende Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden bei Mikroorganismen, die auf und in Tieren leben. Ein Bakterium kann an einem bestimmten Ort des Körpers unauffällig oder Teil einer funktionierenden Gemeinschaft sein, an einem anderen Ort jedoch Krankheiten verursachen. Auch die Verfassung des Wirts spielt eine Rolle. Wird das Immunsystem geschwächt oder verändert sich das mikrobielle Gleichgewicht, können Organismen, die zuvor keinen Schaden angerichtet haben, problematisch werden. Ob ein Zusammenleben harmlos, nützlich oder schädlich ist, hängt somit nicht allein von den beteiligten Arten ab, sondern auch vom Kontext. Jeder, der schon einmal Fusspilz oder eine Harnwegsinfektion hatte, kann ein Lied davon singen.
Das macht die Sache komplizierter – aber auch interessanter. Denn Kooperation in der Natur darf nicht mit Freundschaft verwechselt werden. Die Partner verfolgen keine gemeinsame moralische Idee. Jeder Organismus steht unter seinen eigenen biologischen Zwängen. Eine stabile Partnerschaft entsteht dort, wo sich die Interessen der Beteiligten zumindest zeitweise überschneiden.
Vielleicht ist gerade das die spannendste Seite der Symbiose: Sie erzählt nicht von einer Natur, in der alle selbstlos zusammenarbeiten. Sie erzählt von Beziehungen, deren Nutzen vom Kontext abhängt und deren Gleichgewicht sich verändern kann. Nicht Harmonie ist ihr Grundprinzip, sondern ein fortwährendes Zusammenspiel von Abhängigkeit, Austausch, Interessenkonflikt und Wandel.
Wer die Natur so betrachtet, sieht nicht mehr nur einzelne Arten. Er sieht Beziehungen. Und beginnt vielleicht zu verstehen, dass ein Ökosystem nicht allein aus den Lebewesen besteht, die darin vorkommen, sondern ebenso aus den Verbindungen zwischen ihnen.

Wie man sich bettet…
Nicht alle Blüten dienen Insekten als Futterpflanze, werden jedoch trotzdem von ihnen bestäubt. Aufgrund ihrer Form werden sie von den kleinen Tierchen nämlich als Schlaf- oder Ruheplatz verwendet. Besonders Männchen solitärer Wildbienen, die im Gegensatz zu den Weibchen kein Nest besitzen, verbringen die Nacht gerne in Blüten. Aus einem Nachtquartier entsteht so eine ökologische Beziehung: Kriecht ein Insekt in eine Blüte, kommt sein Körper mit den Staubblättern in Berührung und nimmt Pollen auf. Wechselt es später zu einer anderen Blüte, kann es diese weitertragen. Die Pflanze stellt somit nicht zwingend Nahrung zur Verfügung, sondern einen geschützten Ruheplatz – und kann dafür unter Umständen eine Bestäubungsleistung erhalten. Ein Blick in Blüten lohnt sich besonders am frühen Morgen, wenn es noch kühl ist. Vielleicht findet man in der einen oder anderen eine schlafende Wildbiene.

Schmökerecke
Andreas Gigon, Felix Stauffer: «Symbiosen beobachten»
208 Seiten, kartoniert, Haupt Verlag

