Steckbrief
Wissenschaftliche Bezeichnung: Carduelis carduelis
Unterarten: Nach dem Buch «Europäische Vögel» von Thomas Wendt: C. c. britannica (Grossbritannien, Nordwestfrankreich und Westniederlande), C. c. carduelis (Südskandinavien bis Zentralfrankreich und Italien und von Ost- bis Zentralrussland), C. c. parva (Südwesteuropa, Nordwestafrika, Madeira, Balearen und Kanaren), C. c. tschussii (Korsika, Sardinien und Sizilien), C. c. balcanica (Balkan, Griechenland, Kreta und Nordwesttürkei), C. c. niediecki (Mittlerer Osten), C. c. brevirostris (Osttürkei, Südkaukaukasus und Nordiran), C. c. colchica (Nordkaukasus und Krim), C. c. volgensis (Südukraine, südliches europäisches Russland und Nordwestkasachstan), C. c. frigoris früher C. c. major (Südwest- und Südzentralsibirien), C. c. parapanisi (Westturkmenistan und Ostiran bis Nordwestchina), C. c. subulata (Nordostkasachstan, Südzentralsibirien und Westmongolei), C. c. caniceps (Westpakistan bis Nordwesthimalaya, Südwesttibet und Zentralnepal), C. c. ultima (Südiran)
Herkunft: Europa, Nordafrika bis nach Sibirien
Grösse: 12 bis 13 cm (Nominatform)
Wildfarbe: rote Gesichtsmaske, gelb-schwarze Kopfbefiederung, schwarze und gelbe Schwingen (gelbe Flügelbinden) mit weissen Spitzen an den Schwungfedern, Rücken und Teile des Brustgefieders braun
Mutationen: viele Formen wie weiss, achat, aminet, isabell
Geschlechtsunterschiede: Beim Männchen erstreckt sich das Rot der Gesichtsmaske über den Augen bis hinter die Augen. Beim Weibchen ist sie weniger umfangreich, das heisst sie reicht nur bis etwa zur Hälfe der Augen.
Ringgrösse: 2,5 mm
Lebenserwartung: in der Natur gemäss Ringfunden bis 13 Jahre möglich, unter Menschenobhut mehr
Platzansprüche: Voliere von mindestens 2 x 1,50 x 2 Meter
Ausstattung: Äste, Sträucher, Grasbewuchs
Stimme: Der Name Stieglitz kommt nicht von ungefähr, denn der Ruf klingt wie «stiglitt», dudidelet». Der Gesang wird recht hastig vorgetragen.
Haltung: paarweise während der Zucht, sonst auch schwarmweise möglich, beispielsweise im Herbst und Winter. In Freivolieren, da Kälteabsenkung im Winter nötig. Haltebewilligung erforderlich. Sie wird meist durch das kantonale Jagdinspektorat ausgestellt, da es sich um eine einheimische Vogelart handelt.
Herkunft und Geschichte
Das «stiglitt» fällt zuerst auf. Dann fliegt ein Pulk Vögel aus einem Feldstreifen davon. Graue Vögel, so scheint es. Wer sich weder dem Gesang noch den Vögeln achtet, nimmt die Schönheit der Stieglitze gar nicht wahr. Wer aber geduldig verharrt und wartet, bis sie wieder zurück kommen, entdeckt im Sonnenlicht die prächtigen Gefiederfarben. Fünf Hauptfarben wie braun, weiss, schwarz, rot und gelb sind bestimmend am Gefieder des Stieglitzes. Die andere Bezeichnung, die Distelfink lautet, leuchtet auch ein, denn meist fliegen die kleinen Farbwunder von Disteln auf. Mit ihren langen Schnäbeln ziehen sie Distelsamen heraus. Der Stiegitz ernährt sich von halbreifen und reifen Samen, die er im Feld findet. Darum kann sie oft vom Boden auffliegend beobachtet werden, beispielsweise auch im Herbst im Berner Oberland auf dem Hundsrück in Richtung Rellerli. Dort fliegen an einem sonnigen Oktobernachmittag sicher 40 bis 50 Vögel vom Boden auf. Ein Farbenreigen! Die Art profitiert in den letzten Jahrzehnten von den neu entstandenen Ausgleichsflächen in der Landwirtschaft. Auf Brachen gedeihen oft Disteln und Gräser, die Samen produzieren, von welchen sich Stieglitze ernähren. Oft gedeihen da Karden, die von den Stieglitzen regelmässig aufgesucht werden. Aufgrund des farbigen Gefieders wird der Stieglitz seit hunderten von Jahren gehalten. Es handelte sich um eine Vogelart, die bereits im Mittelalter gefangen und gekäfigt wurde. Besonders in mediterranen Ländern ist die Stieglitz-Haltung sehr verbreitet. Dort werden Stieglitze mit Kanarienvögeln gekreuzt, weil aus den Nachzuchten gute Sänger entstehen.

Eignung als Heimtier
Stieglitze sind nicht geeignet zur dauerhaften Innenhaltung. Wer diese Art hält, muss Aussenvolieren zur Verfügung haben. Die Absenkung der Temperatur im Winter ist für die Gesundheit und Zuchtkondition der Stieglitze wichtig.
Erwerb
Stieglitze können bei spezialisierten Züchterinnen und Züchtern von einheimischen Arten erworben werden. Sie sind Mitglieder von Ziervögel Schweiz und der Exotis.
Ernährung und Pflege
Ausserhalb der Zuchtzeit ernähren sich Stieglitze oder Distelfinken von Sämereien. Der Fachhandel hält eine besondere Samenmischung für sie bereit. Sie mögen auch Beeren aller Art. In der Natur streifen sie im Herbst durch Hecken auf der Suche nach Beeren. Zur Aufzucht der Jungen nehmen Stieglitze gerne Insekten und Larven. Aufgetaute Buffalos und Pinkymaden sind geeignet für sie. Sie haben auch eine Vorliebe für Blattläuse während der Jungenaufzucht. Da sich Stieglitze als Finkenartige zu einem grossen Teil von Samen ernähren, nehmen sie Gritsteine zur Verdauung auf. Sie zerkleinern die Samen im Muskelmagen mechanisch. Kalk, Kohle und Mineralien sind wichtige Gaben. Stieglitze baden sehr gerne. Darum ist ein Teich in ihrer Voliere ideal. Badeschalen können als Ersatz dienen.

Zucht
Piero De Gennaro aus Bellinzona (TI) ist ein Meister der Stieglitzzucht. Was in Kalabrien begann, hat er seit vielen Jahren im Tessin perfektioniert. «Das alles Entscheidende in der Zucht der Stieglitze ist die steigende Lichtdauer und die Temperatur», sagt er. Ende Februar werden die Tage wieder bedeutend länger, und im Tessin wird es auch etwas wärmer. Der Züchter beleuchtet seinen Zuchtraum zusätzlich mit Fluoreszenzröhren, lässt sie aber so lange brennen, wie das Licht draussen auch vorhanden ist. «Ich richte mich ganz nach dem natürlichen Rhythmus», sagt er. Aussen an der Voliere befestigt er kleine Käfige mit Nisthilfen aus Plastik. In das Gitter darüber flicht er zahlreiche künstliche Tannenzweige. Das bietet den Stieglitzen Schutz.

In einer Raufe, ebenfalls ausserhalb der Voliere, bietet er Sisalfasern, teilweise durchsetzt mit Watte. Das Männchen trägt Nistmaterial heran, doch das Weibchen verbaut es. «Das dauert etwa eineinhalb Tage lang, dann ist das Nest fertig», weiss De Gennaro aus langjähriger Erfahrung. Das Weibchen legt fünf bis sechs weisslich-blaue Eier mit dunkleren Flecken am stumpfen Pol. Die Ernährung ist ein wichtiger Faktor, damit die Stieglitze in Brutstimmung gelangen und schliesslich auch die Jungen gut aufziehen. «Ich reiche gefrostete Insekten schon vor dem Nestbau», erklärt der Stieglitzzüchter. Vögel brüten in der Natur, wenn sie ihrem Nachwuchs am meisten Nahrung bietet. In der Haltung simuliert das der Züchter mit einer reichlicheren Gabe an verschiedenartigem Futter, so eben auch von gefrosteten Insekten. In der vegetationsreichen Zeit ab März reicht De Gennaro auch Wildkräuter in Plastikflaschen, die ausserhalb der Volierengitter befestigt sind. Dank den Flaschen mit Wasser bleiben sie länger grün. Durch das Gitter klauben die Stieglitze die Samen. Auch in der Natur ziehen sie Junge beispielsweise mit Löwenzahnsamen auf. Gekeimte Körner sind in dieser Zeit ein wichtiges stimulierendes Futter. Das ganze Jahr über reicht Piero De Gennaro ein Grundfutter für Stieglitze, Kohle, Grit und ein Aufzuchtfutter. Er verwendet ausschliesslich natürliche Futterstoffe. Im Winter bietet Piero De Gennaro seinen Stieglitzen stets ein besonderes Vergnügen. Er reicht ihnen ganze Feuerdornbeeren-Äste. Diese Pflanze hat den Vorteil, dass die Blätter auch im Winter grün bleiben. Sie werden erst im Frühjahr abgestossen. Die erbsengrossen, roten Früchte versorgen die Vögel nicht nur mit Vitaminen, sondern die Äste bringen die Volierenvögel mit der Natur in direkten Kontakt. Als würden sie in endlosen russischen Wäldern umherziehen, hüpfen die farbigen Vögel auf die dornigen Äste und picken Beeren ab. Meist hämmern sie die orangen bis roten Beeren auf und verspeisen Teile davon. Solch natürliche Ernährungsweise hält einen Schwarm Stieglitze während Stunden beschäftigt, regt die Sinne der Vögel an und hilft mit, dass ihr Gefieder einwandfrei aussieht. Der lange, pinzettenartige Schnabel der Stieglitze verrät, dass sie Samen aus Hülsen klauben oder eben zur Aufzuchtzeit auch Insekten wie Blattläuse damit aufnehmen. Der Anteil an tierischer Nahrung bei den Stieglitzen ist aber gering, so dass es nicht notwendig ist, unter Menschenobhut lebende Insekten zu bieten. Nach einer Brutzeit von rund 14 Tagen schlüpfen die Jungen. «Ich achte darauf, dass alle gleichzeitig schlüpfen», sagt der Züchter, der zu diesem Zweck Eier nach dem Legen mit Kunsteiern ersetzt. Sobald das Gelege vollständig ist, tauscht er sie wieder mit den richtigen aus. Dadurch erreicht er Chancengleichheit aller Jungen; eine Technik, wie sie oft auch von Kanarienvogelzüchtern angewendet wird. Die Jungen werden von beiden Elternteilen fleissig gefüttert, so dass sie nach etwa 15 Tagen das Nest verlassen und nach weiteren sieben Tagen schon selbständig sind. Jungen fehlt die rote Gesichtsmaske.

Lustig
Wenn Stieglitze in der Natur aus einem Baum rufen und sich im Gegenlicht aufhalten erscheinen sie unscheinbar gräulich. Die bunten Farben entfalten sich erst, wenn sie auf Augenhöhe und von der Sonne beschienen sind. In der Voliere hat die Vogelpflegerin oder der Vogelpfleger den Genuss der Farben stets vor Augen.
Namensgebung
Der Distelfink wurde 1758 durch den schwedischen Botaniker und Begründer der Nomenklatur Carl von Linné als Fringilla carduelis erstmals wissenschaftlich beschrieben. Die heute gültige Gattungsbezeichnung Carduelis wurde 1760 durch den französischen Zoologen Mathurin Jacques Brisson eingeführt.
Besonderheit
Der in der Vogelhaltung beliebte und verbreitete Sibirische oder Russische Stieglitz der früheren Unerart major wird oft einfach als Major bezeichnet. Er ist etwa 15 cm lang im Gegensatz zum europäischen Stieglitz, der lediglich 12 cm misst. Die russische Form zeichnet sich auch durch einen langen Schnabel und durch ein ausgedehntes und reines Weiss am Bürzel aus.


