Die Luft ist klar und kalt, der Boden und die blattlosen Bäume von einer leichten Frostschicht überzogen. Freudige Erwartung, aber auch Angst und Unsicherheit liegen in der Luft. Zahlreiche Wanderer, jung wie alt, sammeln sich vor einem steinernen Torbogen, neben dem ein rotes Holzschild aus dem gefrorenen Boden ragt.
Die Aufschrift des Schildes verrät: «Springer Mountain, Georgia nach Mount Katahdin, Maine. 3525 Kilometer». Ihre grossen Rucksäcke verraten uns, dass den Abenteuerlustigen eine lange und vermutlich beschwerliche Reise bevorsteht. Sie sind kurz davor, den ersten von fünf Millionen Schritten auf einem der legendärsten Fernwanderwege Nordamerikas zu machen – dem Appalachian Trail.
Durch vierzehn Bundesstaaten
Über 3500 Kilometer folgt der Wanderweg dem Rückgrat der wilden Appalachen entlang der Ostküste der USA. Die Bergkette ist eines der ältesten Gebirge der Welt und wird von dichten, schier endlos wirkenden Wäldern überzogen. Beginnend in Georgia, im tiefen Süden der USA, führt der schmale Trampelpfad durch vierzehn Bundesstaaten, bevor er in Maine, im Norden des Landes, sein Ende findet. Auch wenn kaum ein Berg der Appalachen sich über 1200 Meter erhebt, ist der Wanderweg eine physische Höchstleistung. Um ihn in seiner gesamten Länge zu laufen, braucht es im Durchschnitt vier bis fünf Paar Schuhe. Waldpfade, Geröll, kniehoher Matsch und haarsträubende Kletterpartien stellen das Schuhwerk und den Träger vor echte Herausforderungen. Einen flachen Abschnitt sucht man auf dem Appalachian Trail vergeblich.

Die meisten angehenden Langstreckenwanderer beginnen im März oder April ihre Reise, um vor dem Wintereinbruch Anfang Oktober am Ziel zu sein. Je nach Kondition braucht es vier bis sechs Monate, um die vielen Kilometer an einem Stück zu laufen. Mehr als 3000 ambitionierte Abenteurer aus aller Weltbegeben sich jedes Jahr zum Startpunkt des Weges. Für die meisten ist allerdings nach wenigen Wochen wieder Schluss. Nur ein überschaubares Viertel aller Gestarteten schafft es tatsächlich bis zum Zielpunkt.
Auch als «grüner Tunnel» bezeichnet, verbirgt sich der Trampelpfad meist unter einem Blätterdach und verläuft nur selten oberhalb der Baumgrenze. Eine Ausnahme bilden die «White Mountains» in New Hampshire, die über viele Kilometer herrliche Ausblicke erlauben. Wer Wälder mag, der wird den Appalachian Trail lieben.
Das Leben in der Natur ist simpel. Morgens heisst es aufstehen, frühstücken, Sachen zusammenpacken und loswandern. So weit, bis es dämmert oder die Beine nicht mehr können. Abends beginnt das gleiche Prozedere wie am Morgen, nur in umgekehrter Reihenfolge. Sachen auspacken, Abendessen, schlafen gehen. Dieser Ablauf wiederholt sich tagtäglich, bis auch das wildeste Abenteuer zu einer Routine wird. Übernachtet wird ohne jeglichen Komfort. Entlang des Weges gibt es in regelmässigen Abständen sogenannte Shelter – einfache Konstruktionen aus drei Wänden und einem Dach, die müden Wanderern einen trockenen Platz zum Schlafen bieten. Leider oft von Mäusen und schnarchenden Menschen heimgesucht, wählen die meisten lieber das Zelt als Rückzugsort. Das mobile Zuhause verleiht zudem Unabhängigkeit.

Ein Leben in der Natur
Sein gesamtes Hab und Gut trägt man während der Zeit unterwegs mit sich auf dem Rücken. Der Rucksack eines Weitwanderers wird damit zu seinem Heiligtum. Je kleiner und leichter dieser ist, umso grösser dieAnerkennung der anderen. Wogen bepackte Expeditionsrucksäcke früher gut und gerne 30 Kilogramm, kann man das Gewicht heutzutage auf weit unter zehn Kilogramm herunterschrauben. Extraleichte Ausrüstung und das Verzichten auf Luxusgegenstände wie etwa eine dritte Unterhose machen den Rucksack leicht und schonen Knie und Körper. Vom Überfluss, in dem wir zu Hause leben, muss man sich auf dieser Wanderung verabschieden.
Eine Frage, die ein Langstreckenwanderer oft zu hören bekommt, ist die, an was er denn beim Wandern den lieben langen Tag so denke. Man könnte philosophische Ausschweifungen über den Sinn des Lebens erwarten, doch die Antwort ist banaler: Essen. Beim Wandern über weite Distanzen verbrennt der Körper mehr Kalorien, als er zu sich nehmen kann, was zu einem konstanten Hungergefühl führt. Da der Rucksack so leicht wie möglich sein muss, packt der gewichtsbewusste Wanderer getrocknetes, kaloriengeballtes Essen hinein: Nüsse, Erdnussbutter und Schokolade – eine ausgewogene Ernährung sieht anders aus.
Abends wird auf dem Gaskocher eine warme Fertigmahlzeit zubereitet, die den Ansprüchen eines Gourmets sicher nicht gerecht wird, aber für einen kurzen Moment so etwas wie satt macht. Der Weg verläuft im dicht besiedelten Osten der USA oft in der Nähe von Dörfern und Städtchen entlang. Ein Besuch dort ist die Gelegenheit, das Kaloriendefizit auszugleichen und Vitamine zu sich zu nehmen. «All you can eat»-Buffets sind der Traum eines jeden Langstreckenwanderers. Die Zivilisation bietet zudem die Gelegenheit, den Essensvorrat aufzufüllen, Wäsche zu waschen und ein warmes Bett zu geniessen. Die Ortschaften entlang des Weges sind auf die Wanderer eingestellt und heissen die ungeduschten Horden willkommen.

Um den ganzen Weg zu laufen braucht es vier bis fünf Paar Schuhe.
Es mag romantisch klingen, tagein und tagaus durch die Natur zu wandern. Sieht man ab von den Entbehrungen und der physischen und mentalen Anstrengung, ist so ein Unternehmen ein einmaliges Naturerlebnis. Das lange Unterwegssein hat jedoch auch Kehrseiten. Durch fehlende Wechselkleider und mangelnde Möglichkeiten zur Körperhygiene lassen sich Weitwanderer ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch schwer von einem Obdachlosen unterscheiden. Shampoo, Rasierer und Schminke existieren in dieserParallelwelt nicht. Frauen wie Männer kehren zu ihrer ursprünglichsten Form zurück. Das Markenzeichen des männlichen Wanderers ist sein Bart. Je länger erunterwegs ist, umso grösser wird das unzähmbare Biest und sein Stolz darauf. Es hat etwas von Freiheit, losgelöst von gesellschaftlichen Erwartungen stinkend durch die Wälder zu streifen.
Amerikanische Fernwanderwege
Für die, die noch nicht genug vom Wandern haben, finden sich in den USA neben dem Appalachian Trail zwei weitere lange Fernwanderwege. Wer es schafft, alle drei zu bezwingen, erhält die Auszeichnung «Triple Crown of Hiking». Insgesamt 525 Menschen haben diese Leistung geschafft. Appalachian Trail Länge: 3500 Kilometer. Wo: Von Georgia nach Maine entlang des Appalachen-Gebirges parallel zur Ostküste der USA. Anzahl Fernwanderer pro Jahr: Zwischen 3000 und 4000. Natur: Hauptsächlich Wald. Alpine Landschaften in New Hampshire. Wetter: Moderate Temperaturen, je nach Jahr mit heissen Sommern. Stellenweise viel Regen. Früh und spät im Jahr Schnee möglich. Besonderes: Wegen seiner vielen steilen Anstiege gilt der Appalachian Trail als der körperlich anstrengendste der drei Fernwanderwege. Pacific Crest TrailLänge: 4265 Kilometer. Wo: Von der mexikanischen Grenze in Kalifornien bis zur kanadischen Grenze in Washington, parallel zur Westküste der USA. Anzahl Fernwanderer pro Jahr: Etwa 3500. Natur: Wüste, Berge, Wälder. Wetter: Extreme Hitze in der Wüste bis hin zu eisigen Temperaturen und viel Schnee in den Bergen. Besonderes: In der Wüste weite Strecken ohne Wasser, Eisaxt und Steigeisen im hochalpinen Raum – der Pacific Crest Trail stelltbesondere Ansprüche an die Ausrüstung. Continental Divide Trail Länge: 5000 Kilometer. Wo: Von der mexikanischen Grenze in New Mexiko bis zur kanadischen Grenze in Montana, entlang der kontinentalen Wasserscheide. Anzahl Fernwanderer pro Jahr: Etwa 300. Natur: Wüste, Hochgebirge, Prärie. Wetter: Heisse und trockene Gebiete im Süden und Kälte und Schnee in den Bergen. Extremes Wetter wie Gewitter, Regen und starke Winde sind häufig. Besonderes: Der Weg ist nicht durchgehend markiert und folgt stellenweise keiner eindeutigen Route. Wanderer müssen sich mit Karte und Kompass orientieren können. Es ist der logistisch anspruchsvollste und einsamste Weg.
Helfende Engel
Es kommt vor, dass der Wanderer gedankenversunken in schönster Natur den Weg dahin schreitet und unvermittelt vor einer deplatziert wirkenden Kühlbox zum Stehen kommt. Gefüllt mit kalten Getränken, Obst und belegten Brötchen, sind diese magischen Boxen eine wahre Gaumenfreude. Was in Europa kaum bekannt ist, ist in Nordamerika gang und gäbe. Die sogenannten «Trail Angels» – Engel des Weges – sind altruistische Menschen, die den Wanderern ohne Erwartung einer Gegenleistung Hilfe anbieten.
Eine Übernachtung im Gästezimmer, eine Möglichkeit zum Kleiderwaschen oder das Spendieren von Essen sind nur einige der vielen Angebote. Es geht so weit, dass amerikanische Familien ihren spärlichen Jahresurlaub dazu verwenden, an den Appalachian Trail zu fahren, um dort für eine Woche ihr Camp aufzuschlagen und die Vorbeikommenden mit Essen zu versorgen. Es entstehen regelrechte Fangemeinschaften.

Es gibt Weitwanderwege, auf denen man mehr Einsamkeit findet als auf dem Appalachian Trail. Das Sozialleben und die Gemeinschaft spielen auf dem Weg eine wichtige Rolle. Wenn 3000 Menschen zum gleichen Zeitpunkt die gleiche Wanderung beginnen, kann es sich anfangs so anfühlen, als ob man sich nicht in der amerikanischen Wildnis befindet, sondern in ein Schullager zurückversetzt wurde. Da viele Wanderer ihr Abenteuer wegen falscher Erwartungen oder aus anderen Gründen wieder abbrechen, wird es ruhiger, je weiter nach Norden man läuft.
Da die Chance sehr hoch ist, unterwegs mit mehreren Sarahs, Johns und Megans Bekanntschaft zumachen, ist es zu einer Tradition geworden, auf dem Appalachian Trail einen neuen Namen zu erhalten. Dieser wird sich nicht selbst verliehen, sondern von Mitwanderern bestimmt und kann durch die Herkunft, eine lustige Aktion oder Charaktermerkmale bestimmt sein. Es ergeben sich kuriose Szenen, wenn sich Wanderer mit «Nasser Hund», «Pyromane» oder «Schweizer Käse» vorstellen.

Eine andere Tradition der Wanderkultur ist das feierliche Verspeisen von knapp zwei Litern Eiscreme, sobald die Hälfte des Weges geschafft ist. Auch der Nacktwandertag zur Sommersonnenwende, an dem man sich mit nichts als seinem Rucksack bekleidet, hat seinen Platz auf dem Appalachian Trail. Natürlich sollte dieser inoffizielle Feiertag nur auf einsamenStrecken gefeiert werden, um anderen Wegbenützern den Schreck fürs Leben zu ersparen. Solche Traditionen gehören zum Leben auf dem Trail dazu und sorgen für Abwechslung im Wanderalltag.
Der Appalachian Trail bietet die Möglichkeit, die Ostküste der USA auf eine andere Art des Reisens zu entdecken. Zahlreiche Abenteuer, Begegnungen mit Bären und das Schlafen unter dem Sternenhimmel sind auf dem kultigen Fernwanderweg garantiert.

