Aus einem Zimmer der Mietwohnung vonKatja Rauchenstein am Hallwilersee im Aargau bricht das Plaudern während des Tags kaum je ab. Es handelt sich dabei nicht um eine Kaffeerunde. Sieben Wellensittiche haben sich da viel mitzuteilen. Sie schwatzen, turteln, fliegen, knabbern.
Die Kleinpapageien haben das grosse Los gezogen, denn sie bewohnen ein eigenes Zimmer. «Ich habe alle aus verschiedenen Tierheimen aufgenommen», sagt Katja Rauchenstein. Es handle sich hauptsächlich um Abgabetiere, zwei stammen aus einer aus dem Ruder gelaufenen Zucht. Das Männchen Jossupeit trippelt auf dem Brett oberhalb des Fensters zur blau-weissen Sittichdame Fina. Die 30-jährige Wellensittichliebhaberin lächelt und verrät: «Sie sind ein Paar.» Alle Wellensittiche der Wildtierbiologin haben Namen. «Jedes Individuum innerhalb einer Art hat einen bestimmten Charakter», erklärt sie. Das werde auch in der Biologie so gesehen und führe bis zur Epigenetik. «Man untersucht, wie diese Individualität entsteht.» Umweltfaktoren, Erfahrungen, Stress und die Lebensweise prägen das Individuum und führen damit zu Charaktereigenschaften. Es sei eine Vereinfachung, wenn nur auf die Bedürfnisse einer Art fokussiert werde.

Jetzt flitzen zwei Wellensittiche von ihrem Platz oberhalb des Fensters auf eine längliche Flugvoliere, deren Türen immer offenstehen. Wenig später folgen die anderen. Katja Rauchenstein kommentiert. «In einer Gruppe hat es vorsichtige Wellensittiche und andere, die sofort Neues ausprobieren.» Der Vorteil der Gruppenhaltung sei, dass Vögel mit zurückhaltendemCharakter von den Mutigeren mitgezogen werden.Tatsächlich geht es nicht lange, und der ganze Pulk trippelt oberhalb des Flugkäfigs. Dort finden sie Leckereien. «Auf dem Morgenspaziergang mit meinem Hund Finley sammle ich Gräser. Sie sind eine wertvolleErgänzung des Speiseplans», stellt Katja Rauchenstein klar, während die Kleinvögel Samen aus den Rispen klauben. Die Art ernährt sich natürlicherweise von Grassamen. Haben Wellensittiche die Möglichkeit, bevorzugen sie frische, noch in Milchreife stehende Samen. «Das Herausnesteln der Samen hält die Vögel beschäftigt», fügt Katja Rauchenstein an.
Besser vier als zwei
Der Flugkäfig dient den Wellensittichen lediglich als Futterstelle. Sie flitzen hinein und hinaus, wie sie wollen. Drinnen finden sie trockene Gras- und Hirsesamen, Gurke, Fenchel und Rüebli, ausserhalb stillen sie ihren Bewegungsdrang und finden Spezielles wie Gräser, Vogelmiere oder Kriechendes Schönpolster (Golliwoog). Kletterbäume, von der Decke baumelnder Kork, frische Laubäste von Haselsträuchern, in Holzrohre gestecktes Heu, Bastmatten und Sandschalen bieten den gewirbigen Australiern alles, was sie brauchen: Plätze zum Nagen, Ruhen, Klettern, freien Flugraum und Bereiche für den Rückzug. «Ich nutze das Zimmer auch als Aufenthalts- und Leseraum», sagt die begeisterte Wellensittichhalterin.

Katja Rauchenstein pflegt Wellensittiche seit sie zehn Jahre alt ist. Sie blickt kritisch auf ihre ersten Jahre: «Ich hielt zwei Vögel. Im Nachhinein war das nicht ideal.» Sie erlebe es immer wieder, dass Leute mit zwei Wellensittichen enttäuscht von den Vögeln seien, da sie nicht viel unternähmen. Richte sich die Aufmerksamkeit des Männchens ausschliesslich auf das einzelne Weibchen, könne das zudem belastend für das Tier sein. «Ich empfehle mindestens vier Vögel mit ausgeglichenem Geschlechterverhältnis.» Damit Wellensittiche möglichst ihr gesamtes Verhaltensrepertoire ausleben können, sollten sie mit mehreren gleich- und gegengeschlechtlichen Tieren zusammenleben, findet Katja Rauchenstein.
«Bei mehreren Vögeln hat es automatisch unterschiedliche Charaktere wie Ängstliche, Konservative, Soziale und Neugierige. Ein mutiger Sittich zieht die anderen mit, es kommt Leben in die Truppe», ist Katja Rauchenstein überzeugt. Ausserdem können sie sich in grösseren Gruppen ihre Freundschaften und Partner aussuchen. «Denn nicht jeder versteht sich mit jedem gleich gut.» Sie erzählt von einer besonderen Beobachtung: «Ich hielt zwei Männchen, die ein Paar waren. Als eines starb, hat sich der zurückgebliebene Milo keinem Weibchen angeschlossen, sondern bevorzugt weiterhin die Nähe der anderen Männchen. In einer Zwangsbeziehung mit einem Weibchen würde er wohl nicht sehr glücklich sein.»

Die Trockenzeit simulieren
Es kommt vor, dass die Wellensittiche brutlustig werden. «Da ich keine Nistkästen im Zimmer habe, war es jedoch noch nie ein Problem. Ansonsten kann man dann das Frischfutter und die Lichtmenge etwas reduzieren», erklärt die Tierkennerin. Wellensittiche bewohnen Trockensavannen Australiens und brüten nur dann, wenn sich Regen ankündigt, der dieSavanne in eine grüne Landschaft verwandelt.
Das Wellensittichzimmer wird auch mit LED-Lampen beleuchtet, wie sie in der Terraristik gebräuchlich sind und eine dem Tageslicht ähnliche Helle abgeben. Weiter sorgt ein Luftreiniger dafür, dass der Vogelstaub sich in Grenzen hält. Kabel sind mit einem Schutz versehen, damit sie von den Vögeln nicht angenagt werden. Ein erhöht angebrachter Katzenbrunnen versorgt die Sittiche nicht nur mit Wasser, sondern regt sie auch zum Baden an.
«Die Wellensittichhaltung muss von Anfang an gut geplant werden, damit sie langfristig Freude bereitet und artgerecht ist», sagt Katja Rauchenstein. Es sei beispielsweise nicht ideal, die Vögel im Wohnzimmer zu halten, wenn regelmässig die Balkon- oder Gartentüre geöffnet werden soll. «Hier besteht die Gefahr des Entfliegens. Ein eigenes Zimmer mit Gitter vor dem Fenster und der Türe macht das Zusammenleben einfacher.» Während der warmen Jahreszeit lässt Katja Rauchenstein das vergitterte Fenster ihres Wellensittich-Zimmers offen. Frischluft und Sonnenstrahlen tun den Vögeln gut. Sie können so ultraviolettes Lichttanken.

Unter solch guten Bedingungen werden die Vögel alt. Ellie und Fina sind bereits elf. Die Wellensittichfreundin räumt ein: «Die schlechte Grundgesundheit vieler Wellensittiche erachte ich als Negativpunkt. Viele Vögel sterben mit drei bis vier Jahren an Tumoren und Krankheiten.» Als Grund bezeichnet die Biologin die Selektionszucht auf äussere Merkmale wie diePositur oder die Farben. «Es sollte bei der Zucht mehr auf die Gesundheit als auf das Äussere geachtet werden», rät sie. Ihre Plaudertaschen haben derweil genug von den Gräsern und sind auf einen Ast geflogen, wo sie sich aufreihen. Das Zwitschern reisst nicht ab.
Wellensittiche halten
Katja Rauchenstein empfiehlt: Für bis zu acht Vögel sollte eine Zimmervoliere von mindestens vier Quadratmetern vorhanden sein. Wellensittiche sollten zu viert, besser in noch grösseren Gruppen, gehalten werden. Tierheime halten Vögel; darunter sind viele Wellensittiche. Anstatt gezüchtete Tiere zu kaufen, können Vögel aus dem Tierheim aufgenommen werden.

