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Die Alpensegler im Turm der Bieler Stadtkirche

Hoch über den Dächern von Biel ziehen Alpensegler ihre Jungen gross. Doch Klimawandel und Parasiten verändern das Leben der aussergewöhnlichen Flugkünstler. Eine Biologin der Vogelwarte untersucht, wie die Zukunft der eleganten Segler aussehen könnte.

Giulia Masoero ist vorsichtig und schaut erst einmal auf die Uhr, bevor sie die Stufen in den Turm der Bieler Stadtkirche in Angriff nimmt. Nicht, dass ein Aufstieg besonders gefährlich wäre, doch wenn das Timing schlecht ist, kann die grosse Glocke einiges an Kopfschmerzen verursachen. Den Bewohnern des Dachstocks macht das laute Gebimmel jedoch nichts aus. Jedes Jahr kehren rund 100 Alpensegler aus ihren Überwinterungsgebieten jenseits der Sahara nach Biel zurück, um im Glockenturm ihre Küken aufzuziehen. Masoero, Biologin an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, behält sie dabei im Auge.

«Segler sind in vielerlei Hinsicht aussergewöhnliche Vögel», erzählt Giulia Masoero. So verbringen sie praktisch ihr ganzes Leben in der Luft, ausserhalb der Brutsaison sogar, ohne zum Schlafen zu landen. Wie sie dies bewerkstelligen, ist bis heute unbekannt. Manche Theorien gehen davon aus, dass die Vögel jeweils nur mit einer Gehirnhälfte schlafen, andere vermuten, dass die Tiere mehrfach am Tag für kurze Zeit schlafen (Mikroschlaf). Letzteres wird durch Beobachtungen gestützt, wonach die Segler in grosse Höhen aufsteigen und dann ohne weitere Flügelschläge für eine Weile gleiten. Diese Gelegenheit könnten sie jeweils für ein kurzes Nickerchen nutzen.

in der Luft. Nur zum Brüten landen sie.
Alpensegler verbringen ihr ganzes Leben in der Luft. Nur zum Brüten landen sie.

Kolonien mit Tradition

Während der Brutsaison schlafen die ausgewachsenen Tiere jedoch auch in den Nestern. Natürliche Kolonien nutzen beim Nisten Spalten und geschützte Nischen in Felswänden. Bereits seit der Antike nehmen Alpensegler jedoch auch mit hohen Gebäuden vorlieb, was sie zu Kulturfolgern macht. Die Nester befinden sich dann meist in Hohlräumen in Dachstöcken sowie hinter Holzverkleidungen oder in Nistkästen.

Auf dem Dachboden der Bieler Stadtkirche muss sich Giulia Masoero ordentlich anstrengen, um alle Nester sichten zu können. Die engen Winkel der dunklen Räume erfordern manche Verrenkung. Masoero kontrolliert die auf einem Plan eingezeichneten Nester. Auf ihn ist Verlass. «Die Alpensegler verwenden die alten Nester aus dem Vorjahr wieder», erklärt die Biologin. «Sie richten sie lediglich wieder her, indem sie Federn und anderes Material, das sie in der Luft finden, in den Dachstock tragen und in die Nester einbauen.» So kann man in den Nestern nicht nur Daunen und Federn erkennen, sondern auch Plastikfolie, Papierschnipsel und Fäden, welche die Tiere im Flug gesammelt haben und mit Speichel zu einem schalenförmigen Nest zusammenkleben. «Wir hatten leider auch schon Fälle, in denen sich Fremdkörper wie Gummibänder um die Beine der Küken gewickelt und zum Absterben der Füsse geführt haben», bedauert Masoero.

Obwohl Alpensegler praktisch unerreichbar im Glockenturm nisten, ist der Mensch die grösste Gefahr für die brütenden Vögel. So geschieht es immer wieder, dass Kolonien bei Renovierungsarbeiten zerstört werden. «Natürliche Feinde haben Alpensegler zumindest in Biel nicht», erzählt Giulia Masoero. Lediglich Wanderfalken können den Tieren hier im Flug gefährlich werden. An anderen Standorten seien sowohl die Küken als auch die adulten Tiere jedoch nicht vor Fressfeinden gefeit. «In einem Jahr hat ein Steinmarderpärchen die ganze Kolonie in Solothurn getötet», so Masoero. Wie das möglich ist, zeigt sich, als die Biologin ein Nest entdeckt, auf dem eines der Elterntiere sitzt. Der Vogel lässt sich problemlos greifen und von Masoero in einen beleuchteten Nebenraum bringen, wo sie ihn näher untersuchen kann.

Heimische Seglerarten

Alpensegler (Tachymarptis melba)Der Alpensegler ist der grösste Segler Europas und beeindruckt mit einer Flügelspannweite von bis zu 60 Zentimetern. Sein auffälliges Erscheinungsbild mit weisser Unterseite und brauner Oberseite macht ihn gut erkennbar. Ursprünglich brütete er an Felswänden in den Alpen und lokal im Jura. Mittlerweile brüten 80 Prozent der Schweizer Population an Gebäuden in über70 Ortschaften. Die grösste Kolonie befindet sich mit etwa 250 Paaren in Bern. Wie alle Segler ernährt sich der Alpensegler ausschliesslich von Fluginsekten und verbringt selbst Schlafphasen gleitend in grosser Höhe. Trotz erfolgreicher Schutzbemühungen gilt der Alpensegler nach wie vor als nahezu bedroht (near threatened). Fahlsegler (Apus pallidus) Der Fahlsegler ähnelt dem Mauersegler stark, wirkt jedoch insgesamt heller und bräunlicher. Besonders im Mittelmeerraum ist er verbreitet, wo er oft ganzjährig anzutreffen ist. In der Schweiz findet man einige wenige Brutpaare in Locarno (TI) an der Kirche S. Antonio. Der Flug des Fahlseglers ist elegant und ausdauernd, und auch er ernährt sich von kleinen Insekten, die er im Flug erbeutet. Charakteristisch sind seine etwas weicheren Rufe und die Vorliebe für warme Küstenstädte und Felslandschaften. Aufgrund dessen, dass in der Schweiz nur eine kleine Population bekannt ist, gelten Fahlsegler hierzulande als verletzlich (vulnerable). Mauersegler (Apus apus) Der Mauersegler ist ein meisterhafter Flieger und verbringt fast sein ganzes Leben in der Luft. Mit seinen sichelförmigen Flügeln und dem dunklen Gefieder jagt er Insekten im rasanten Flug und kann dabei Geschwindigkeiten von über 100 Kilometer pro Stunde erreichen. In Mitteleuropa trifft man ihn vor allem von Mai bis August an, häufig in Städten und Dörfern, wo er unter Dächern und in Mauerspalten brütet. Sein schriller Ruf gehörtfür viele zum typischen Klang des Sommers. Auffallend sind die rasend schnellen Flugspiele junger Vögel. In der Schweiz gilt die Art als nahezu bedroht (near threatened). In städtischen Gebieten verschwinden viele Kolonien im Zuge von Renovationen und Neubauten.

Daten liefern Hinweise

Hier vermisst und wiegt Giulia Masoero mit geübten Griffen den Alpensegler. Zwischen den einzelnen Schritten setzt sie den Vogel auf ihre Hose. «Hier kann er sich kurz festkrallen, ohne dass meine Haut in Mitleidenschaft gezogen wird», schmunzelt die Italienerin. Sie arbeitet bereits seit sechs Jahren mit Alpenseglern in der Schweiz. Ihr Interesse gilt insbesondere dem Einfluss von Temperaturveränderungen auf die Tiere.

«Die Schweiz gehört zu den nördlichsten Verbreitungsgebieten des Alpenseglers. Im Zuge des Klimawandels ist jedoch davon auszugehen, dass er sich in Zukunft weiter nach Norden ausbreiten wird», berichtet Masoero. Trotz seines Namens handelt es sich beim Alpensegler keinesfalls um eine explizit alpine Vogelart. Sie kommt praktisch im gesamten Mittelmeerraum vor, auf der Arabischen Halbinsel sowie auf der südlichen Seite des Himalayas bis nach Bhutan. Auch in weiten Teilen Afrikas ist der Alpensegler verbreitet, wobei er nicht nur den Winter südlich der Sahara verbringt, sondern dort in vielen Regionen das ganze Jahr hindurch anzutreffen ist.

Entsprechend dem Verbreitungsgebiet ist der Alpensegler eine wärmeliebende Art. Zu diesem Schluss kommt auch Giulia Masoero. Nebst den eigenen gesammelten Daten kann sie auf Informationen aus der Kolonie seit 1999 zugreifen. Gesammelt wurde sie von Masoeros Vorgesetztem, Pierre Bize, der ebenfalls an der Schweizerischen Vogelwarte arbeitet. Erste Resultate ihrer Studie zeigen, dass die ausgewachsenen Vögel im Laufe der Jahre schwerer wurden und sich die Brutzeit von ursprünglich 60 auf rund 50 Tage in heissen, trockenen Sommern verkürzte. Dabei könnten sich Alpenseglerküken mit dem Wachstum durchaus Zeit lassen. Da sie im Gegensatz zu offen brütenden Arten keinen Fressfeinden ausgesetzt sind, lassen sie sich fast viermal länger von den Eltern durchfüttern, bevor sie sich selbstständig auf Nahrungssuche begeben. Doch offenbar verkürzen warme Sommer den Aufwand der Eltern. «Die Küken werden in Hitzejahren schneller flügge», berichtet Masoero.

Segler am Boden, was tun?

Wenn man einen Segler am Boden findet, so handelt es sich dabei immer um einen Notfall. Ein am Boden liegender Mauer- oder Alpensegler sollte daher immer in einer mit Luftlöchern versehenen Kartonschachtel gesichert werden. Auf keinen Fall Futter oder Wasser einflössen! Die Schweizerische Vogelwarte Sempach (Tel. 041 462 97 00) gibt Auskunft über lokale Pflegestellen, die sich dem Vogel annehmen oder telefonisch über das weitere Vorgehen beraten. Auf keinen Fall sollte man den Segler in die Luft werfen, auf einen Ast setzen, füttern oder liegen lassen.

Wie heiss ist zu heiss?

Profitieren Alpensegler also vom Klimawandel? Bei dieser Frage schüttelt die 37-Jährige entschieden den Kopf. «Das wäre zu kurz gedacht», gibt sie zu bedenken. «Wir wissen aus zahlreichen Beispielen, dass schnelles Wachstum verschiedene Nachteile haben kann. Soleben schnell wachsende Tiere oft kürzer und haben einen geringeren Fortpflanzungserfolg.» Dass Küken in trockenen, warmen Jahren schneller wachsen, liegt primär am Nahrungsangebot. Bei schönem Wetter fliegen mehr Insekten als bei regnerischem. Das sieht Giulia Masoero auch im direkten Vergleich. Der Alpensegler, den sich die Biologin aus einem der Nester gegriffen hat, wiegt gerade einmal 80 Gramm. «Das ist eher die untere Gewichtsgrenze der Art. Aber es hat in den letzten beiden Wochen praktisch ununterbrochen geregnet und war kalt – kein Wunder, dass die Tiere gerade etwas mager sind.» Sobald es wieder trockener und wärmer wird, werden die Segler ihr Gewicht wieder auf etwa 100 bis 120 Gramm steigern. Küken sind zum Zeitpunkt des Koloniebesuchs in Biel Mitte Mai noch keine geschlüpft. Das wird sich aber bis im Juni ändern. Dann haben die Elterntiere alle Flügel voll zu tun, um die hungrigen Mäuler mit Insekten zu stopfen.

Tödliche Trockenheit

Die Nahrung von Alpenseglern und verwandten Arten wie dem Mauersegler besteht aus sogenanntem «Luftplankton». Dieses besteht aus hoch im Luftraum fliegenden oder dorthin vom Wind verdrifteten Insekten wie Fliegen, Blattläusen, Käfern und Schmetterlingen. Während die Flugaktivität der Insekten mit der Aussentemperatur steigt, reagieren auch die Küken auf die zunehmende Wärme. So kann es in den Dächern, in denen die Kolonien brüten, schnell über 40 Grad heiss werde. «Bereits ab 27 Grad fangen Alpenseglerküken an zu hecheln, um ihre Körpertemperatur zu regulieren», erzählt Giulia Masoero. «Dadurch verlieren sie Wasser und drohen auszutrocknen.» Alpensegler gehören zu jenen Tieren, die nur selten aktiv trinken, sondern Feuchtigkeit praktisch ausschliesslich über die Nahrung aufnehmen. So tragen die Elternvögel auch kein Wasser zu den Nestern, sondern versorgen die Küken über die Beuteinsekten mit Feuchtigkeit.

«Dass dies nicht immer ausreicht, zeigt sich aktuell in Südeuropa. Hier berichten Kolleginnen und Kollegen davon, dass Nestlinge aus den Nestern springen, weil es in den Kolonien schlicht zu heiss wird», so Masoero. Ausserhalb des Nests haben die unselbstständigen Jungvögel keine Überlebenschance. Mit der Zunahme von Hitzewellen auch in der Schweiz blickt Masoero gespannt auf den kommenden Sommer. Sie wird den Alpenseglernachwuchs in Biel und Solothurn regelmässig besuchen und verschiedene Daten aufnehmen, welche Rückschlüsse darauf geben könnten, wie die Tiere auf Hitzestress reagieren.

Segler fördern

Mauersegler und Alpensegler sind ruhige Nachbarn. Bis zu den letzten Tagen vor dem Ausfliegen sind sie leise und ver-ursachen keine Verschmutzungen. DieEltern schlucken die Ausscheidungen der Jungen oder tragen die Exkremente im Kehlsack fort. Sowohl Alpensegler als auch Mauersegler sind sehr ortstreu: Sie kehren jedes Jahr an ihren alten Brutplatz zurück und die Nester werden über viele Jahre hinweg genutzt. Die wirksamste Hilfe für die Segler besteht daher aus dem Erhalt der bestehenden Nistplätze. Beobachtet man, dass ein Baugerüst an einem Gebäude mit Seglern aufgestellt wird, sollte man auf die Tiere aufmerksam machen und die Naturschutzbehörde informieren. Bauarbeiten dürfen nicht während der Brutsaison von Seglern stattfinden. Vor der Rückkehr der Vögel aus dem Süden können jedoch gegebenenfalls Ersatznistkästen als Ausweichmöglichkeit angeboten werden. Neue, moderne Gebäude bieten oft keine geeigneten Nischen für Segler. Nisthilfen können den Vögeln einer lokalen Kolonie somit die Möglichkeit bieten, auch Neubauten zu nutzen. Neuansiedlungen von Seglern gelingen dort am besten, wo bereits entsprechende Tiere in der Um-gebung nisten. Die Vogelwarte bietet inihrem Online-Shop fertige Mauerseglernistkästen an. Für Bastler gibt es entsprechende Bauanleitungen unter anderem bei BirdLife. Der Erfolg einer Neubesiedlung ist erhöht, wenn man in den neuen Kasten eine Nestmulde legt und eine Mauersegler-Silhouette (einen sogenannten Zeigevogel) an der Fassade anbringt.

Parasiten auf dem Vormarsch

Bis die Küken schlüpfen, konzentriert sich Giulia Masoero auf die Eier in den Nestern und die ausgewachsenen Tiere. Männchen und Weibchen lassen sich mit blossem Auge nicht unterscheiden. «Sie sind gleich gross und gleich gefärbt», erklärt Masoero. Sobald die Jungtiere voll befiedert sind, kurz vor dem Ausfliegen, nimmt die Wissenschaftlerin mit ihren Kolleginnen eine Federprobe und verpasst ihnen einen Ring am Fuss. «Anhand der Federn können wir mithilfe molekularer Methoden einerseits bestimmen, welches Geschlecht die Tiere haben, andererseits erhalten wir Informationen zur Nahrungszusammensetzung und Giftstoffen im Körper.» Anhand des Rings weiss Masoero daher auch, wen sie gerade in der Hand hält. Nach dem Vermessen pustet die Biologin noch sanft in das Gefieder auf dem Bauch des Vogels. Sie hält nach Parasiten – den Lausfliegen – Ausschau. «Seit einigen Jahren kommt es in den Kolonien zu unerwartet hohen Verlusten an Jungvögeln, obwohl die Brutbedingungen sehr gut waren», berichtet Masoero. Die Vogelwarte Sempach wandte sich daraufhin an das Institut für Fisch- und Wildtiergesundheit (FIWI) der Universität Bern. Dort wurde festgestellt, dass die verstorbenen Nestlinge aussergewöhnlich viele Trypanosomen in Gewebe und Blut aufwiesen.

Trypanosomen sind einzellige Parasiten, die sich frei im Blutkreislauf des Wirts bewegen und unterschiedliche Symptome hervorrufen können. Die bei den Alpenseglern gefundene Trypanosomen-Art führt offenbar zu Blutungen unter der Haut und zu einem verkümmerten Wachstum der Primärfedern. Für Menschen sind diese Trypanosomen jedoch harmlos.Masoero und ihre Kolleginnen müssen also keine Angst vor einer Ansteckung haben.

Lästige Krabbler

Als Überträger der Parasiten stehen die Lausfliegen im Verdacht. «Lausfliegen legen im Herbst die bereits verpuppten Larven in die Nester der Alpensegler, wo sie überwintern. Sobald die Seglerküken geschlüpft sind, brechen die Puppen auf und die ausgewachsenen Lausfliegen gehen auf die Jungvögel über», berichtet Giulia Masoero. In extremen Fällen würde sie bis zu 80 Lausfliegen auf einem einzigen Tier finden.

Die Blutsauger schwächen die Küken nicht nur direkt, sondern könnten seit Kurzem auch die neu entdeckte Art von Trypanosomen übertragen und somit zur Sterblichkeit der Küken beitragen. «Ob und wie das die Population in der Schweiz gefährdet und ob die Lausfliegen – und damit auch die Blutparasiten – von wärmeren Temperaturen profitieren, muss sich noch zeigen», so Masoero.

Bis die Küken und damit auch die Lausfliegen schlüpfen, haben die adulten Alpensegler im Mai noch etwas Zeit. Giulia Masoero setzt den untersuchten Vogel vorsichtig wieder in sein Nest. Geduldig bleibt er sitzen. «Innerhalb der Kolonie können die Vögel nicht fliegen. Sie flattern durch die Öffnung am Dach und krabbeln dann zu ihren Nestern», erklärt die Biologin und wirft einen Blick zurück auf den brütenden Alpensegler.

Aus dem Nest unter dem Vogel ragt das Stoffetikett einer bekannten Sportmarke. Der Segler blinzelt kurz im Schein der Stirnlampe, bevor sich die Biologin auf den Abstieg macht und den Glockenturm bis zum nächsten Besuch der Kolonie verlässt. Als sie die schwere Holztür am Fusse der Treppe hinter sich schliesst, fliegen hoch über Masoeros Kopf rund hundert Alpensegler auf der Suche nach Futter und Nistmaterial über die Bieler Altstadt. Zusammen mit den Mauerseglern sind ihr Ruf und der Anblick ihres schnellen, wendigen Flugs ein fester Bestandteil des Sommergefühls in vielen Schweizer Städten. Ein Sommer, der immer heisser wird und auch für so jahreszeitentypische Tiere ungeahnte Folgen haben kann.

Die Cousins

Schwalben und Segler sehen auf den ersten Blick ähnlich aus – beide sind schnelle, elegante Flugkünstler – aber sie gehören biologisch zu zwei verschiedenen Familien und unterscheiden sich deutlich. Bei der Ähnlichkeit handelt es sich um sogenannte konvergente Evolution, bei der die Anpassung an eine bestimmte Lebensweise mehrfach unabhängig voneinander entstanden ist. Mehlschwalbe (Delichon urbicum) Die Mehlschwalbe erkennt man leicht an ihrem glänzend schwarzen Rücken, der weissen Unterseite und dem auffälligen weissen Bürzel. Sie baut ihre halbkugeligen Lehmnester meist unter Dachvorsprüngen von Häusern. Als geselliger Vogel brütet sie oft in kleinen Kolonien. Im Sommer belebt ihr lebhafter Flug über Wiesen und Dörfer den Himmel, während sie unermüdlich nach Fluginsekten jagt. Obwohl sie in der Schweiz ein häufiger Brutvogel ist, gilt sie als nahezu bedroht (near threatened). Die Mehlschwalbe profitiert von Kunstnestern, Neststützen und lehmigen Bodenstellen, wo sie Nistmaterial findet. Zudem braucht sie naturnaheLebensräume, wo Insekten auch bei schlechtem Wetter verfügbar sind. Uferschwalbe (Riparia riparia) Die Uferschwalbe ist die kleinste europäische Schwalbe und besitzt ein schlichtes braun-weisses Gefieder. Sie lebt bevorzugt an Flussufern, Kiesgruben und Steilhängen, wo sie lange Brutröhren in sandige Wände gräbt. Anders als viele andere Schwalben brütet sie fast immer in grossen Kolonien. Ihr schneller, wendiger Flug dient der Jagd nach kleinen Insekten über Wasserflächen und Wiesen. In der Schweiz brütet die Uferschwalbe lediglich auf der Alpennordseite zwischen 300 und 700 Metern. Ihr Bestand hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen, so dass die Uferschwalbe in der Schweiz mittlerweile als stark gefährdet (endangered) eingestuft wird. Von Flussrenaturierungen hat die Uferschwalbe bislang noch kaum profitiert. Gelegentlich werdenDürreperioden in den Überwinterungsgebieten in der Sahelzone für den Rückgang der Population mit verantwortlich gemacht. Rauchschwalbe (Hirundo rustica) Die Rauchschwalbe gilt als klassische «Stallschwalbe» und ist an ihrem tief gegabelten Schwanz gut zu erkennen. Ihre Oberseite schimmert dunkelblau, Kehle und Stirn leuchten rostrot. Sie brütet häufig in Scheunen und offenen Gebäuden in ländlichen Gebieten. Mit ihrem eleganten Flug und ihrem fröhlichen Zwitschern ist sie seit Jahrhunderten ein Symbol für Frühling und Glück. IhrBestand hat jedoch seit Ende der 90er Jahre deutlich abgenommen. Grund dafür ist die sinkende Anzahl Bauernbetriebe mitoffenen Ställen, sowie ein geringeres Nahrungsangebot rund um die Brutplätze. Die Art gilt daher in der Schweiz als nahezu bedroht (near threatened).

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