Sein dichtes, langes Fell ist nicht nur das Markenzeichen des Marderhundes, sondern auch der Grund, weshalb er gerade Mitteleuropa erobert. Ursprünglich in Ostasien zuhause, wurden zwischen 1928 und 1957 mehr als 9000 Tiere in verschiedenen Regionen der ehemaligen Sowjetunion gezielt ausgesetzt. Manche entwischten auch aus Pelzfarmen. Mit den europäischen Bedingungen kamen die Marderhunde so gut zurecht, dass sie sich rasch Richtung Westen ausbreiteten.
In Deutschland und Frankreich gilt die Tierart längst als etabliert. Spätestens seit der Jahrtausendwende wandern von dort aus immer mehr Marderhunde in die Schweiz ein. Wie viele es mittlerweile schon sind, ist schwierig zu beziffern. Denn als nachtaktive Waldbewohner leben die nahen Verwandten des Fuchses ein heimliches Leben. Fortpflanzungsnachweise gibt es noch keine.
Trotzdem ist der Marderhund den Behörden ein Dorn im Auge. Einerseits ist er anfällig für den Fuchsbandwurm und könnte dazu führen, dass sich der Parasit schneller verbreitet. Andererseits stellt er als mittelgrosses Raubtier neben Fuchs, Dachs, Marder und Iltis eine zusätzliche potenzielle Bedrohung für bodenbrütende Vögel, Amphibien und Reptilien dar. Viele dieser Arten stehen durch Lebensraumverlust, fehlende Vernetzung, Verschmutzung der Lebensräume und den Klimawandel bereits enorm unter Druck, erklärt Sarah Hummel vom nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Fauna.
Invasiv oder nicht?
Studien zeigten, dass sich Marderhunde nicht nur von Jagdbeute, sondern zu einem grossen Teil auch von Aas, Abfällen und Pflanzen ernähren können. Diese Flexibilität in ihrem Nahrungsspektrum macht den tatsächlichen Einfluss auf die heimische Fauna schwer einschätzbar. Dennoch dürfte der Marderhund auf der Liste der invasiven gebietsfremden Arten der Schweiz bleiben, schätzt Hummel. «Er könnte dort nur gestrichen werden, wenn sich sein schädlicher Einfluss auf heimische Tierarten und seine Rolle als Vektor für Parasiten und Krankheiten längerfristig nicht bewahrheiten würde.» Dies sei aber im Hinblick auf Daten aus Nachbarländern nicht zu erwarten. Denn dort werden Marderhunde nach wie vor ganzjährig und intensiv bejagt. Um die Ausbreitung zu bremsen, müsste die Jagdstrecke jedoch sehr hoch sein, gibt Sarah Hummel zu bedenken. Und diese Abschussquoten würden in der Regel bei weitem nicht erreicht. «Allenfalls könnte eine starke Bejagung in der frühen Besiedlungsphase die Ausbreitungsgeschwindigkeit etwas drosseln», meint die Wissenschaftlerin. «Eine Besiedlung der Schweiz durch den Marderhund ist dadurch jedoch nicht zu verhindern.»
Auch als Schutz für die heimische Fauna tauge die Bejagung immer nur als kurzfristige oder begleitende Massnahme. « Langfristig lassen sich bedrohte Arten viel effizienter durch den Schutz und die Aufwertung ihrer Lebensräume sichern und stärken.»
Marderhund und Waschbär im Vergleich

Waschbär
Stammbaum: Familie der Kleinbären
Herkunft: Nord- und Mittelamerika
Lebensweise: Ist sehr anpassungsfähig, nachtaktiv, dringt in Gebäude ein, kann Abfalleimer öffnen und stiehlt gerne Obst
Ernährung: Allesfresser mit Vorliebe für Insekten, Würmer, Amphibien, Eier, kleine Wirbeltiere, Früchte und andere pflanzliche Nahrung

Marderhund
Stammbaum: Familie der Echten Füchse
Herkunft: Ostasien
Lebensweise: Lebt im Wald, ist nachtaktiv und meidet in der Regel die Begegnung mit Menschen
Ernährung: Allesfresser mit Vorliebe für Amphibien, Insekten, Kleinsäuger, Eier bodenbrütender Vögel, Aas, Abfälle, Mais, Früchte und Beeren

