Günstig, aber zu welchem Preis? Diese Frage stellt sich ein interdisziplinäres Forschungsprojekt namens «TRUE-COST-CH». Das erklärte Ziel: Die versteckten Kosten für das Schweizer Nahrungsmittelsystem sichtbar machen und Handlungsoptionen für die Gesellschaft und Politik erarbeiten. Im Interview gibt der Wissenschaftler Jean-Pierre Ghobril Einblick in die Arbeit des Forschungsteams und weist auf mögliche Lösungsvorschläge hin.
Herr Ghobril, sind Lebensmittel zu günstig geworden?
Wenn der Wohlstand steigt, sinkt der Anteil, der für Grundbedürfnisse ausgegeben wird. In diesem Sinn ist billiges Essen zunächst eine Errungenschaft. «Zu günstig» sind Lebensmittel aber dann, wenn der Preis nicht alle Kosten abbildet, die durch unsere Ernährung entstehen. Ein Acker, der durch intensive Landwirtschaft biologisch tot ist, verursacht externe Kosten wie der Verlust von Fruchtbarkeit und Biodiversität.
Welche Kosten werden dabei besonders unterschätzt?
Überraschenderweise machen die Gesundheitskosten den grössten Posten der versteckten Kosten aus. Eine Ernährung mit zu wenig Vollkorn, Obst und Gemüse und zu viel Salz und verarbeitetem Fleisch verursacht erhebliche Folgekosten. Besonders einkommensschwache Bevölkerungsgruppen können sich den Folgen ungesunder, meist billiger hochverarbeiteter Lebensmittel schlechter entziehen.
Bei welchen Lebensmitteln ist die Differenz zwischen Ladenpreis und tatsächlichen Kosten besonders gross?
Fleisch und Fleischprodukte schneiden sowohl bei der Gesundheits- als auch bei der Umweltbilanz schlecht ab: etwa wegen der Landnutzung des Wasserverbrauchs, der Methanemissionen und den gesundheitlichen Folgen.
Was macht Fleisch ökologisch so problematisch?
Früher funktionierte die Landwirtschaft stärker als Kreislauf: Tiere verwerteten Reste des Ackerbaus, ihre Gülle diente als Dünger. Mit steigender Fleischnachfrage, Mineraldünger und modernen Haltungsmethoden wurde dieser Kreislauf zunehmend aufgebrochen. Futtermittel zum Beispiel benötigen eigene Ackerflächen und Wasser. 70 Prozent des weltweiten Sojaanbaus sind für Futtermittel bestimmt. Dazu kommen die Methanemissionen von Wiederkäuern und die Gesundheitskosten des Verzehrs. Zubereitung, Salz und Fettgehalt von Fleisch und Wurstwaren beeinflussen diese massgeblich.
Wie gross sind die versteckten Kosten aller Lebensmittel zusammen?
Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen betragen die versteckten Kosten von Lebensmitteln weltweit etwa 11’600 Milliarden Dollar jährlich. 2020 entsprachen das rund 10 Prozent des weltweiten Bruttoinlandproduktes. Über 70 Prozent davon sind versteckte Gesundheitskosten.

Wie sieht es in der Schweiz aus?
Für die Schweiz beträgt die Summe der versteckten Kosten etwa 2,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Davon fallen 2,8 Milliarden auf Umweltkosten und fast 19 Milliarden auf Gesundheitskosten. Mit Abschluss unseres Projektes 2027 werden wir eigene, aktuelle und detaillierte Zahlen veröffentlichen können.
Zeichnet sich eine grössere Veränderung ab?
Nein, die Grössenordnung bleibt mehrheitlich gleich.
Welche sind die wichtigsten Hebel, um diese enormen Kosten zu reduzieren?
Langfristig ist der wichtigste Weg zu einem kostenneutraleren Ernährungssystem eine Änderung der Konsumgewohnheiten. Dies bedeutet aber nicht, dass die gesamte Verantwortung auf den Konsumenten fällt. Wir erkennen lediglich an, dass es der Wirtschaft erheblich leichter fällt, auf Bedürfnisse zu reagieren, als selbst Massstäbe zu schaffen. Es liegt daher an der Gesellschaft, über die Politik Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Vollkostenrechnung nicht nur gesellschaftliche, sondern auch wirtschaftliche Vorteile verspricht.
Welche Massnahmen wären aus Ihrer Sicht realisierbar?
Jede politische Massnahme muss gesellschaftlich akzeptiert sein. Aus technischer Sicht könnte aber zum Beispiel eine Anpassung der Mehrwertsteuer je nach Produktgruppe über den Barcode und die elektronische Kasse versteckte Kosten berücksichtigen. Nach einem politischen Entscheid wäre diese Massnahme schnell umsetzbar, weil die Infrastruktur dafür schon existiert. Es gibt bereits unterschiedliche Mehrwertsteuersätze für Lebensmittel und Alkohol. Einzelne Interessengruppen sind aber gegen eine Vollkostenrechnung.
Wird bei einer konsequenten Umsetzung einer True-Cost-Wirtschaft alles teurer – oder könnten faire Produkte auch günstiger werden?
Produkte können durchaus billiger werden, etwa durch eine verringerte oder sogar negative Mehrwertsteuer auf vorteilhafte Produkte. Die Antwort ist aber nicht ganz so einfach. Erstens entstehen die zusätzlichen Kosten nicht neu. Sie existieren bereits heute, werden aber nicht unbedingt an der Supermarktkasse bezahlt. Die Gesellschaft trägt Kosten für Umweltschäden oder soziale Folgen, der Einzelne etwa durch eine Verschlechterung der Lebensqualität infolge nichtübertragbarer Krankheiten. Zweitens entstehen nicht alle Kosten dort, wo ein Lebensmittel produziert wird. Insbesondere im Gesundheitsbereich entstehen sie erst nach dem Konsum und lassen sich deshalb nicht einfach über den Produktpreis verteilen.
Wer sollte die Kosten also letztlich bezahlen?
Wo Kosten innerhalb der Wertschöpfungskette entstehen, sollten sie dort berücksichtigt und weitergegeben werden. Bei Kosten und Nutzen, die erst nach dem Konsum entstehen, braucht es dagegen einen gesellschaftlich festgelegten Verteilungsschlüssel.

