Kaum jemand ist an diesem frühsommerlichen Montag auf dem Jurahöhenweg vom Weis-senstein bis nach Frinvillier unterwegs. Die Sicht reicht weit bis in die noch verschneiten Alpen. Nach Stierenberg führt der Weg in den französissprachigen Berner Jura an einer verlassenen Alphütte vorbei. Rundum Weiden, teilweise von Juramauern umgeben. Da hüpft plötzlich etwas Längliches, Braunes durch das Gras. Ein Hermelin!
Das wendige Tier bleibt immer wieder kurz stehen, hebt das Köpfchen, schaut um sich und springt in Wellenbewegungenweiter. Wie ein Delfin, der aus den Fluten schiesst. Jetzt kommt es sogar näher – und verschwindet unvermittelt in einem Steinhaufen. Auch langes Warten wird nicht mit einer zweiten Sichtung des kleinen Räubers belohnt. Die Wiese liegt ruhig da, Insekten summen, ein Hausrotschwanz ruft, der Wind säuselt leise. Ansonsten nichts. Keine Chance, das kleine Tier wieder zu sehen.
Den Überblick behalten
War es nun wirklich ein Hermelin, oder vielleicht doch eher ein Mauswiesel, einnoch kleinerer Marderartiger? Der Direktor des Naturmuseums Solothurn, Dr. Thomas Briner, vermutet aufgrund der Beschreibung, dass es sich um ein Hermelin gehandelt hat. Er erklärt den Unterschied: «Das Hermelin ist grösser als das Mauswiesel und sein Fell scheint rötlicher. Der Schwanz ist länger und hat am Ende schwarzeHaare, wie ein Pinsel. Der Schwanz des Mauswiesels ist im Gegensatz dazu braun und kurz.» Es komme häufiger vor, dass ein Hermelin auf einer Wiese herumspringe als ein Mauswiesel. Die Höhenverbreitung beider Arten sei hingegen sehr ähnlich. «Für ihre Bauten nutzen sie oft natürliche Hohlräume wie Baumwurzeln, Felsspalten oder dichte Steinhaufen.» Bei Gedanken an Raubtiere der Schweiz schleichen Fuchs, Luchs und Wolf durch den Kopf. Dass es noch kleine Räuber unter Tage gibt, geht oft vergessen. Hermeline gehören dazu. «Sie jagen hauptsächlich Schermäuse», sagt der Zoologe Thomas Briner. Dabei kommt ihnen ihr dynamischer, schlanker Körper zugute. Sie schlüpfen mühelos durch die knapp unter der Erdoberfläche liegenden Gänge und verfolgen ihre Beute. Hermeline gehören somit zu den Nahrungsspezialisten. In einem Jahr mit mageren Schermausbeständen knickt auch die Populations-grösse der Hermeline ein.
Die Juraweide, wo das possierliche Tier herumhetzte, ist der ideale Lebensraum für Hermeline. Steinhaufen und -mauern schaffen Struktur und Versteckplätze, um die Weiden mit unterschiedlich hohen Grasstubben ziehen sich dichte Hecken. Ist das Hermelin unterwegs, richtet es sich, um den Überblick im Grasmeer zu behalten, immer wieder auf. Dabei stellt es sich auf dieHinterbeine und äugt sekundenschnellherum. Ob es nach Nahrung oder nach Feinden Ausschau hält? Thomas Briner gibt zu bedenken: «Hermeline werden durchaus zu Beute von Raubvögeln, Kolkraben oder Eulen.»

Anpassung an schneelose Winter
Das Hermelin ist neugierig. Es steckt sein Köpfchen in jeden Winkel, in jede Öffnung. Schliesslich könnten sich da Mäuse verbergen. Aufgrund der aus energetischer Sicht nicht vorteilhaften Körperform, muss das Hermelin alle drei bis vier Stunden fressen. Es wechselt deshalb laufend zwischenAktivitätsperioden und Schlafpausen.
Es ist stets allein unterwegs, lebt aber in Lokalpopulationen, die untereinander im Austausch sind. Die Wiese im Jura, wo sich das Hermelin tummelte, ist nur ein kleiner Ausschnitt seines Territoriums. Es kann sich bei Hermelinmännchen im Sommer auf200 Hektaren erstrecken. Beide Geschlechter markieren Reviergrenzen mit Anal-drüsensekret. Eine Prise dieses Dufts reicht meist, damit sich Eindringlinge zurück-ziehen.
In der kalten Jahreszeit schrumpft das Aktionsgebiet. Ursprünglich hat sich das Fell aller Hermeline im Winter weiss verfärbt. Eine ideale Tarnung im Schneefeld. Doch in ihren Lebensräumen fällt heute kaum noch Schnee. Thomas Briner sagt: «Hermeline passen sich an. Teilweise färben sie sich nicht mehr um und bleiben braun.»
Fortpflanzung mit Keimruhe
Die Fortpflanzung bei Hermelinen ist kompliziert. Mitarbeitende des Naturmuseums Solothurn haben für eine AusstellungDetails dazu in Zusammenarbeit mitSpezialisten weiterer Naturhistorischer Museen zusammengetragen. Es ist nicht einfach für Hermelin-Männchen, Weibchen zur Fortpflanzung zu finden. Sie sind nur einmal im Frühsommer fortpflanzungs-bereit. Es lässt sich nicht vorhersehen, wo Weibchen leben. Ihre Territorien sindzudem oft weit voneinander entfernt.Findet ein fortpflanzungsfähiges Männchen aber ein Weibchen mit Jungtieren im Nest, begattet es gleich alle weiblichenTiere, also auch die Jungen.
Nach der Begattung wird die Entwicklung des befruchteten Eis unterbrochen. Es nistet sich erst im darauffolgenden Frühling in der Gebärmutter ein und entwickelt sich. So ist sichergestellt, dass dank der Keim-ruhe alle Jungen in der milden Jahreszeit geboren werden. Wildtier Schweiz gibt das Höchstalter in der Natur mit bis zu zwei Jahren an, unter Menschenobhut werden Hermeline bis acht Jahre alt.
Hermeline sind selten geworden in der Schweiz, weil strukturreiche Lebensräume fehlen. Darum sind sie geschützt. Welch ein Glück, eines durch eine Wiese tanzen zu sehen!
Unterschied Hermelin und Mauswiesel
Hermelin (Mustela erminea): Kopf-Rumpflänge 17 bis 32 cm, Schwanzspitze schwarz, 85 bis 350 g. Mauswiesel (Mustela nivalis): Kopf-Rumpflänge 11 bis 25 cm, Schwanz einfarbig, 30 bis 120 g.

