Gottesanbeterinnen sind einzigartig unter den Insekten. Sie können ihren Kopf um 180 Grad drehen, bis zu 20 Meter weit sehen und haben nur ein Ohr, das sich nicht am Kopf, sondern unter dem Bauch befindet. Fixieren sie die Betrachterin mit ihren grossen Facettenaugen, wirken sie wie von einem anderen Stern. Nicht von dieser Welt scheinen auch manche Gespenstschrecken. Stabschrecken etwa, die aussehen wie Äste, Stäbe oder Blätter.
Diese Tiere hat der Insektenforscher Christian Schweizer mit dem Unternehmen Expovivo 30 Jahre lang einem breiten Publikum nähergebracht. Seine Ausstellung zog von Einkaufszentrum zu Einkaufszentrum. Damit finanziere er die teure Infrastruktur für die Zucht, wie Schweizer vor einem Jahr in einem Interview mit der «TierWelt» erklärte. Damals ging es um das nackte Überleben der Insekten, als im Zuge der geschlossenen Shoppingcenter während der Pandemie Schweizers Einnahmen weggebrochen waren.
Die Ausstellung aufzulösen oder eine Nachfolge zu finden, waren die Optionen. Schweizer fand jemanden, der seine Idee, den Menschen die Faszination und die Bedeutung exotischer Insekten zu zeigen, fortsetzen wollte: Beat Mumenthaler. Der Fotograf, ehemaliger Biologielehrer und damaliger Geschäftsleiter des Tropenhauses Wolhusen, interessiert sich seit seiner Kindheit für Reptilien, Amphibien und Insekten. «Mich fasziniert alles, was kreucht und fleucht.»
Funktion im Ökosystem zeigen
Aus Leidenschaft habe er sich für Schweizers Insekten engagiert. Mumenthaler gründete den Verein Insectorum, rief ein Crowdfunding ins Leben – und als das nötige Geld aufgetrieben war, zogen Gottesanbeterinnen, Gespenst-, Stab- und Heuschrecken sowie weitere Wirbellose nach Wolhusen. Der Berner Oberländer wollte die Tiere aber nicht einfach ausstellen, sondern Kreisläufe schaffen und ihre bedeutende Funktion im Ökosystem aufzeigen.
«Wirbellose sind das Fundament unseres Daseins», sagt Mumenthaler. Sie spielten eine wichtige Rolle als Bestäuber, für fruchtbare Böden und in den Futterkreisläufen. Sterbe eine Art aus, sei dies fatal für andere Tiere, die sich von ihr ernähren. Pro aussterbende Pflanze verschwänden durchschnittlich zehn Insektenarten. «Insekten sind ein Indikator für eine intakte Natur», sagt der frühere Biologielehrer.
Dies alles habe er in Wolhusen zeigen wollen. Aufgrund unterschiedlicher Ansichten zu Strategie und Personalpolitik verliess Mumenthaler die Institution. Da die neue Strategie keinen Platz mehr für Wirbellose vorsah, mussten die Insekten weiterziehen. Schweizers Lebenswerk kämpfte innert Jahresfrist ein zweites Mal ums Überleben – und wurde abermals gerettet. Anfang Oktober zogen die Insekten nach Kerzers im Kanton Freiburg und fanden im Papiliorama ein neues Daheim.

Der Tierpark hatte bereits früher Gliederfüsser, «opferte» die Ausstellung aber vor einigen Jahren im Zuge eines Umbaus, wie sein Direktor Caspar Bijleveld erklärt. «Wir hatten aber immer den Wunsch, wieder Gliederfüsser zu zeigen.» Im Kopf hatte er ein paar Arten mit dem Ziel, ihr Schicksal – viele Insekten, Spinnentiere oder Tausendfüsser sind bedroht – und ihren Schutz aufzuzeigen.
Zwischenlösung gefunden
Als Mumenthaler sich bei Bijleveld meldete, stiess er grundsätzlich auf offene Türen. Doch der Zeitpunkt schien nicht günstig. Der Bau der ersten Etappe des Millionenvorhabens «Projekt 2030+» mit dem tropischen Baumwipfelpfad «Canopea», einer Restauranterweiterung mit Konferenz- und Seminarräumen sowie einer Amphibien- und Arthropodenausstellung hat erst begonnen, wobei Letzteres erst zum Schluss gebaut werden soll.
Bijleveld hofft, in zwei Jahren alle der fast 40 Insekten- und Spinnenarten aus Mumenthalers Sammlung dem Publikum präsentieren zu können. Denn der Direktor griff trotz aktuellem Platzmangel zu. Die Wendung zum Guten für die Gliederfüsser hat auch damit zu tun, dass Mumenthaler seine gesamte Infrastruktur hätten entsorgen müssen. Material wieder zu verwerten, ist aber eine Maxime Bijlevelds. «Ich habe deshalb mit dem Team über die Übernahme diskutiert und alle fanden es eine gute Idee.»

Also suchte das Team nach einem Platz für die Gottesanbeterinnen und Co. und wurde im Nocturama fündig. Einige Arten bleiben im Hintergrund. Aber im Gang der Zuchtstation stehen aktuell 20 Terrarien: Spinnen, Käfer, Tausendfüsser, tropische Heuschrecken, Gottesanbeterinnen und relativ viele Phasmiden, also Gespenst- und Stabschrecken, sind zu sehen. Sie tragen schillernde Namen wie Blütenmantis, Kleine Teufelsblume, Malaiische Riesengespenstschrecke, Wandelnder Ast oder Sichelschrecke.
Beeindruckend lang und schwer
Manche Terrarien teilen sich verschiedene Arten. Die pflanzenfressenden Schrecken könne man gut miteinander vergesellschaften, erklärt Mumenthaler. In einem Terrarium habe es Platz für 100 bis 150 Tiere. «Stabschrecken produzieren sehr viele Junge, ein bis zwei Eier täglich.» Das gibt eine stattliche Anzahl Nachwuchs im gut einjährigen Leben eines Weibchens.
Eine sehr grosse Stabschrecke ist der Wandelnde Ast (Phasma gigas), auch Riesenstabschrecke genannt. Die einfarbig apfelgrünen oder manchmal hell- respektive dunkelbraunen Weibchen werden 28 Zentimeter lang, die grünen Männchen kommen auf 17 Zentimeter. Ihre Heimat ist die malaiische Halbinsel, wo sie meist an den Mittel- und Hinterbeinen in den Zweigen ihrer Nahrungspflanzen – sie fressen Beeren und Blätter – hängen. Dabei strecken sie oft die Vorderbeine nach vorne und sehen dann aus wie ein langer Zweig.
Zu den schwersten Insekten überhaupt gehört die Malaiische Riesengespenstschrecke (Heteropteryxdilata). Die beeindruckenden Weibchen kommen auf eine Länge von 14 bis 17 Zentimeter und ein Gewicht von 30 bis 65 Gramm. Sie sind meist grün gefärbt, teilweise auch gelb oder rotbraun. Zierlicher, schmaler und deshalb leichter sind die einfarbig braunen Männchen, die maximal 13 Zentimeter gross sind. Die am ganzen Körper bedornten Schrecken sind auf der malaiischen Halbinsel, auf Sumatra und Borneo sowie in Thailand heimisch, wo sie sich von Brombeeren und anderen Rosengewächsen ernähren.

Mantiden, wie Gottesanbeterinnen auch genannt werden, werden je nach Art – weltweit gibt es geschätzt über 2400 – sechs Monate bis eineinhalb Jahre alt. Weibchen produzieren in ihrem Leben drei bis zehn «Ootheken». Diese schaumigen Kokons enthalten 20 bis 100 Jungtiere und haben die Aufgabe, die Eier bis zum Schlupf zu schützen.
Kannibalismus nicht ausgeschlossen
Die Weibchen sind überdies bekannt für Kannibalismus. Gottesanbeterinnen fressen nicht nur lebende Insekten, weshalb man sie nicht mit anderen Arten im selben Terrarium halten sollte, sondern auch mal die Männchen der eigenen Art – entweder, weil sie Hunger haben oder weil das Männchen schwach ist. «Aber bei genug Fütterung kann man fünf bis zehn Individuen in einem Terrarium halten», sagt Mumenthaler.
Als vergleichsweise friedlich gilt die Blütenmantis (Pseudocreobotra wahlbergi), auch wenn sich die Tiere gerne gegenseitig drohen. Die in feuchten Gebieten des östlichen und südlichen Afrikas beheimatete Fangschrecke hat auf ihrem Rücken auffällige dunkle Kringel, während die Farbpalette des Körpers von hellem Gelb über Grün bis zu Orange und Rosa reicht. Sie leben auf Büschen und Blumen, vor allem Blüten, wo sie sich kleine Heimchen, Spinnen und am liebsten Fruchtfliegen schnappen. Die Weibchen sind vier bis fünf Zentimeter lang und damit – wie bei Gottesanbeterinnen üblich – grösser als die Männchen; im Fall dieser Art ist es ein Zentimeter.
Sechs Zentimetern sind die Weibchen der Kleinen Teufelsblume (Blepharopsis mendica), die ebenfalls als weniger aggressiv gilt denn andere Arten. Die grünen oder braunen Fangschrecken mit den weissen Streifen am Rücken kommen von den Kanarischen Inseln über Nordafrika bis nach Vorder- und Südwestasien in trockenen und warmen Gebieten vor. Sie mögen sonnige Stellen auf dornigen Sträuchern und fressen ausschliesslich lebende Fluginsekten wie Frucht-, Gold und Schmeissfliegen.

